Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Dezember 2010

Hindenburg lebt!

Nach der Krise ist vor der Entscheidungsschlacht … dabei müssen selbst sicher geglaubte Bastionen hart verteidigt werden. …  Die Selbstermutigung gilt als Erwiderung jener Kampfansage, die der Chef von Volkswagen in diesem Jahr ausgesprochen hat. … Die Grundlagen für die Wachablösung werden aber schon im nun beginnenden Jahr gelegt. „Der Volkswagen-Konzern greift an„, so Martin Winterkorn. … Nach dem Jahr der Krisenbewältigung wird 2011 das Jahr der Angreifer. … Das nötige Geld für den Angriff haben viele von ihnen in der Kasse … Fakt ist: Die Manager sind im nächsten Jahr wieder angriffslustig. … Siemens gegen General Electric (GE) gilt als ein Klassiker im Kampf der Titanen. Doch der radikale Umbau beider Konzerne diesseits und jenseits des Atlantiks schafft eine neue Gefechtslage. … Noch steht ABB im Schatten des Zweikampfs von Siemens und GE. … Sicher geglaubte Bastionen müssen hart verteidigt werden. … Der Südkoreaner Samsung sitzt Nokia im Nacken. … Erfolgreiche Angreifer zeichnet aber aus, dass sie sich veränderte Verhaltenweisen von Kunden zunutze machen …
(ohne Kommentar)

Der Reinheitsgebieter

Verkehrsminister Peter Ramsauer, der in der Regierung sonst eher selten dumm auffällt, um mich hier mal eines Euphemismus zu bedienen, der will also jetzt den ‚Laptop‘ durch den ‚Klapprechner‘ ersetzen. Ich frage mich, was dann aber aus der schönen, multilingual angelegten Vokabel ‚Schlepptop‘ würde?

Understatement

Gloria von Thurn und Taxis zieht Bilanz. Bisher fiel mir die Frau vor allem dadurch auf, dass sie die Aids-Problematik in Afrika auf kulturelle Eigentümlichkeiten der Urbevölkerung zurückführte, dass nämlich der Neger halt so gern ’schnackseln‘ würde. Befragt nach ihren Vermögensverhältnissen, antwortet die größte Waldbesitzerin Deutschlands jetzt von ihrer Spitzenposition auf der Forbes-Liste herab:

„Wir haben Land- und Forstwirtschaft, ein paar Immobilien und ein wenig Kapitalvermögen.“

Tscha – dies ‚ein wenig‘ bleibt natürlich auch beim Tiefstapeln ein relativer Begriff. So etwas nenne ich wiederum echtes Understatement!

Schrumpfmetaphorik

Sprachlich ist Hochkomik garantiert, wenn moralisierende Neoliberalinskijs ihre Verbalmacheten blankziehen, um gegen einen angeblich ausufernden Sozialstaat zu Felde zu ziehen. So auch diesmal in der ‚Welt‘, wo Andrea Seibel als stellvertretende Chefredakteurin und dazu als Flintenweib des Manchesterkapitalismus sich geradezu kabarettreif exponiert. Titel der Veranstaltung: „Am Sozialstaat muss endlich gerüttelt werden.“

Charakteristisch für derartige Machwerke ist zunächst der Tabubrecher-Gestus, der schon in dieser Headline zum Ausdruck kommt – so als würde nicht schon seit des seligen Schröder Zeiten nahezu in Permanenz am Sozialstaat gerüttelt und herumgestutzt. Im Text wird diese verquere Doppeloptik dann noch offensichtlicher. Einerseits wird das angebliche Tabu in extenso ausgebreitet:

„Die Grenzen des Sozialstaats sind kein Thema. Ist also jedes politische Reden über die Grenzen des Sozialstaates, seine eingebauten Widersprüche und seine offensichtlichen Fehler in Deutschland zum Scheitern verurteilt? Jedenfalls ist es extrem schwierig.“

Man darf darüber also nicht reden, sagt uns Kassandra. Auf der anderen Seite aber beklagt die Dame dann einen unaufhörlichen Diskurs, der in Deutschland über diese ach so tabuisierten Grenzen des Sozialstaats geführt werde – sie gibt also gleich mal zu, dass hier dieser publizistische Popanz ihres Sozialstaatstabus in der Realität nicht existiert:

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christkind, sondern stellt man fest, dass das Jahr eines der Sozialstaatsdebatte war.

Wer so schizophren argumentiert, dessen Thesen muss ich gar nicht mehr demontieren, sie erledigen sich durch ‚friendly fire‘ höchstselbst. Nahezu jeden Satz, den Frau Seibel schreibt, reißt sie durch logische Widersprüchlichkeit zwei Absätze später mit dem Allerwertesten wieder um.

Vollends schräg aber werden die Argumente ihrer Barmer Ersatzreligion dann, wenn die Schreiberin sich auf das schlüpfrige Terrain der bildhaften Sprache begibt:

„Wer immer den Sozialstaat kritisiert, gilt sofort als ein kalter Manchesterfisch, der den Sozialstaat dem Erdboden gleichmachen will. Wenn er schrumpft und nicht wächst, schrillen sofort alle Alarmglocken.“

Ich versuche mal, mir das stilistische Unglück vor Augen zu führen: Dort begibt sich also ein Fisch auf festes Land, wo ihm prompt die Kiemenatmung versagen dürfte, und zwar deshalb, weil er dort den Sozialstaat plattmachen will. Ja, womit täte er das denn bitte? Mit den Flossen? Und diese Untat will er begehen, obwohl der Sozialstaat doch schon regelmäßig zu „schrumpfen und nicht zu wachsen“ pflegt, was die Verfasserin unter Höchstaufwand an alarmistischer Glockenbimmelei doch soeben noch bestritt. So kraus geht’s in der ‚Welt‘ halt zu …

Was aber die ehemalige taz-Redakteurin – lang, lang ist’s her! – uns eigentlich sagen wollte, wäre in meinen Worten dann ungefähr Folgendes:

„Die bisherigen Kürzungen im Sozialetat reichen vorne und hinten nicht aus. Da müssen wir jetzt mit der Kettensäge ran – und die überfälligen radikalen Amputationen werden dann alle Schmarotzer treffen, die irgendwie von Sozialtransfers leben, ob nun Rentner, Kranke, Behinderte, Arme oder Alleinerziehende. Und mein Steuerberater sagt das auch!“

Allen meine Lesern wünsche ich frohe Weihnachten in diesen frostigen Tagen!

Freigeist

Bezeichnend für die deutsche Herdenmentalität ist es, dass hierzulande der schöne Begriff ‚Freigeist‘ stets als Schimpfwort galt. Wo soll es auch hinführen, wenn jeder frei wäre, das zu denken, was er will? Dann doch lieber den Nonkonformisten in den Stall verfrachten, damit er dort leitsatzgetreu nach den Noten der Corporate-Behaviour-Kirche das zu blöken lernt, was alle blöken.

Die gedachte Realität

Martin Lindner (FDP), der Mann mit dem Burschenschaftsschmiss in den ewig verächtlich herabgezogenen Mundwinkeln, lamentierte gestern bei Maybrit Illner über die zahlreichen neuen Bürgerproteste, die das Land von Stuttgart bis Gorleben immer flächendeckender erfassen. Sinngemäß sagte er, dass es sich bei diesen demonstrierenden Figuren vor allem um Wohlstandsbürger reiferen Alters handele, die sich für 500.000 Euro ein Anwesen in Stuttgarter Bahnhofsnähe als Altersruhesitz gekauft hätten und die es aus purem Egoismus nicht hinnehmen wollten, dass zehn Jahre lang Baulärm ihren Pensionsschlaf und dazu auch noch den Grundstückswert erschüttere. Und wegen diesen Leuten kämen alle Vernunft und aller Fortschritt zum Stillstand.

Ist das, was dieser Herrenreiter des Monetarismus daherparlierte, also falsch? Nun, nach Ansicht der vernünfigen Mehrheit im Lande sicherlich. Lindner wurde wegen seiner steilen Thesen zum Demonstrationsgeschehen ja auch von der Runde gebührend ausgelacht.

Richtig aber ist diese Ansicht natürlich aus der Sicht eines solchen Ultraliberalen. Denn ein echter FDP-Haudegen kann es sich ja nicht vorstellen, dass gesittete Bürger aus anderen als aus ökonomischen Gründen zum Protest zu bewegen wären. Prompt überlegt er, was um Himmels Willen wohl ihn höchstpersönlich auf die Straße treiben könnte – und schon ‚konstruiert‘ er sich eine Situation herbei, die auch ihn zum Revoluzzer machen würde. Einen beherzten Griff zum Demo-Plakat könnte in Lindners Weltsicht allein der allzeit dräuende Sozialismus rechtfertigen, also ein Werteverfall des Eigentums. Schon hat er die wahren Ursachen des Bürgerprotestes erkannt – denkt er …

So eben arbeiten die ‚Frames‘, die festverdrahteten Überzeugungen unseres Gehirns. Die Realität wird von uns immer passend gedacht – und wer uns seine Wirklichkeit beschreibt, erzählt immer auch von sich.

Im Auge des Beobachters

Von jemandem, der persönlich vor Ort gewesen ist und alles in Augenschein nahm, glauben wir allzu gern, dass er uns auch mit absolut objektiven Beobachtungen verwöhnt. Dabei sollten wir, die wir inzwischen alle durch die harte Schule der Gehirnforscher und der radikalen Konstruktivisten gingen, doch wissen, dass alle Beobachtung bis über beide Ohren subjektiv kontaminiert ist. So auch in diesen Fällen, auf die ich bei der Lektüre von Arno Schmidt stieß (BA, III.3., 154). Im Abstand weniger Tage besuchten in den 1820er Jahren zwei Menschen den alternden Weimarer Dichterfürsten Goethe. Hier zunächst Wilhelm Hauff mit seinen ‚Beobachtungen‘:

„Die Tür ging auf – er kam! Dreimal bückten wir uns tief – und wagten es dann, an ihm hinauf zu blinzeln: ein schöner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle wie die eines Jünglings; die Stirn voll Hoheit, der Mund voll Würde und Anmut. Er war angetan mit einem langen schwarzen Kleid, und auf seiner Brust glänzte ein schöner Stern … mit der feinen Wendung eines Weltmannes lud er uns zum Sitzen ein.“

Kurz darauf traf der Ritter von Lang beim Dichterfürsten ein, auch er kein ganz kleiner Stern am Himmel der Literatur:

„Ein langer, alter, eiskalter, steifer Reichtstagssyndicus trat mir entgegen in einem Schlafrock, winkte mir, wie der steinerne Gast, mich niederzusetzen, blieb tonlos nach allen Seiten, die ich anschlagen wollte … es war mir, als wenn ich mich beim beim Feuerlöschen erkältet hätte.“

Kurzum: Die Vorerwartungen – die ‚Frames‘ – der Besucher prägen das Beobachtete auf jeder Ebene. Hier das junge Haupt der schwäbischen Dichterschule, das sich seinem Vorbild Goethe nähert wie heutzutage ein Teenager dem Justin Bieber, dort der abgebrühte und desillusionierte Spätaufklärer und Zyniker, der sich in jeder Lebenssituation kein X mehr für ein U vormachen lassen will. Dementsprechend konträr fällt die beobachtende Beschreibung dann auch aus. Die Wahrnehmung des alten Sacks gefällt mir übrigens besser als der demutsvolle Jugendschwulst des schwäbischen Pathetikers. Der Witz stellt sich eben erst mit fortschreitendem Alter ein …

Lustiges Präpositionenraten

Es handelt sich hierbei um eine der leichtesten Übungen im Old-School-Journalismus, das quillt ihnen so mühelos aus der Tastatur wie eingeseifter Aal – nach dem Motto: Und fällt mir nicht die rechte ein, dann hau‘ ich eben alle rein (via Jakblog):

Seit Donnerstagabend gab es in ganz Niederbayern zum Teil heftige und ausdauernde Schneefälle, die zu Neuschneemengen bis zu über 30 Zentimeter führten. Für Niederbayern lag am Donnerstagabend, 9. Dezember, vom Deutschen Wetterdienst eine Unwetterwarnung über starkem Schneefall für Teile Niederbayerns vor.

Tscha – Präpositionen pflastern ihren Weg, und in all dem Hier- und Dann- und Dort-Gesumm steht das werte Publikum verwirrt und dumm im Text herum. In dieser kurzen Meldung ist übrigens nicht nur das sinnfreie Herumtapsen im Meer der Orts-, Zeit-, Richtungs- und Mengenbestimmungen zu bewundern, viele weitere Stilblüten verströmen dort ihren verlockenden Duft. In ‚Normalsprache‘ klänge es übrigens ungefähr so: „Seit dem Donnerstagabend schneit es ausdauernd und heftig in Teilen Niederbayerns. Ganz so, wie es die Unwetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes prophezeit hat. Stellenweise liegt der Neuschnee schon mehr als 30 Zentimeter hoch …“ usw. Aber einen echten Journalisten holt niemand vom Bürokratiehengst seiner Verlautbarungssprache, auch wenn der arme Zossen schon auf allen Beinen lahmt.

Lob an Westerwelle:

Als er in die Regierung eintrat, hat er uns versprochen, „eine geistig-moralische Wende“ einzuleiten. Und das ist ihm in nur einem Jahr vollauf gelungen: Überall protestieren seither die Menschen gegen eine dumpfe neoliberale Basta-Politik und die mit ihr verbündete Abzocker-Mentalität des gelhaarigen vereinigten Bankstertums, womit diese den souveränen Volkswillen seit mehr als 20 Jahren peinigen – und auch seine FDP ist wie einst ein Starfighter auf immerhin schon vier Prozent abgestürzt. Obwohl es da vermutlich noch moralischen Spielraum nach unten gibt …

Fliegende Jubelperserteppiche

Eine Vermögensberatung, wenn sie so aufgestellt ist, wie die Deutsche Vermögensberatung AG, akquiriert die Vertriebserlaubnis für gewisse ‚Finanzprodukte‘ und vertickt diese dann über ’selbständige‘ Verkäufer an mehr oder minder wohlhabende Kunden, die jene Klinkendrücker zugleich als neue Vertreter anzuwerben trachten. Hierfür kassiert die AG von den Produzenten von Lebensversicherungen usw. je Abschluss eine Provision, von welcher aber der erfolgreiche Subunternehmer – in einer Art Franchise-System – nur einen Teil erhält. Meist ist der Verkäufer dabei auch zugleich Kunde in einer Person. Komisch wird’s, wenn solche Organisationen sich in eigenen Publikationen feiern, etwas anderes als Superlative rinnen denen dann gar nicht mehr aus der Tastatur:

“ … Doch damit nicht genug. Was den Vermögensberaterinnen und Vermögensberatern sonst noch so geboten wurde anläßlich des Vermögensberatertages, ist unschlagbar. Dr. Guido Westerwelle referierte zur Notwendigkeit, Leistung zu fördern und zu honorieren. Die “Creme de la Creme” des deutschen Leistungssports – so denn nicht gerade in Vancouver – war bei uns zu Gast, mit dabei natürlich auch unser Freund Michael Schumacher, der über sein Formel1-Comeback berichtete. Besonders stark aber war wieder einmal der Auftritt unseres Firmengründers und seiner Söhne. Bei solchen Chefs braucht man sich als Mitarbeiter wahrlich um die Zukunft des Unternehmens keine Sorgen zu machen.“

Wer jetzt erwartet, in den Kommentaren zu diesem Unternehmenskitsch – auf den mich Feynsinns Blog aufmerksam machte – zumindest einen Hauch von Selbstironie über derart streng duftendes Selbstlob zu finden, der irrt. Die vereinigten Jungverkäufer erweisen sich durch die Bank als erfolgsbesoffene Schleckmichel, denen kein Niveaulimbo zu gewagt erscheint, besonders wenn es um den verbalen Devotionalienhandel dem geliebten ‚Jefe‘ gegenüber geht. Die Karriere verläuft in diesem Metier – so jedenfalls erscheint es mir – gewissermaßen hintenrum. Einige Auszüge, um das gutgläubige Jubelpersertum auf seiner Gehirnschwundstufe zu skizzieren:

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