Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Oktober 2010

Liberale Geschichtsklitterung

Da geht es einem Schreiber also um den Aufstieg von eher unangenehmen Figuren wie Geert Wilders oder meinethalben hierzulande auch dem verblichenen Jürgen Möllemann. Was fällt diesem Zeit-Besinnungs-Journalisten Paul Scheffer aber dazu ein: Er hält uns eine Trauerrede auf „das Ende des liberalen Jahrhunderts“. Unter solchen Leuchtturm-Vokabeln tut er’s nicht.

Ja – rekapitulieren wir doch mal: Vor genau 100 Jahren, im Jahr 1910, hatten wir hierzulande den Wilhelminismus. Der Liberalismus war damals eine komische Trachtengruppe, die sich in ihren Freimaurerlogen tummeln durfte, im Parlament waren sie eine verschwindende Minderheit – faktisch regiert haben Adel, Junker und Militärs. Das zog sich hin bis 1918.

Danach hatten wir die Weimarer Republik. Auch hier regierten die Liberalen – wenn man einen Stresemann unbedingt dazu zählen will – nur einige wenige Jahre, zumeist in Nebenrollen. Nach einigen sozialdemokratischen Jahren (meist in Koalition mit dem Zentrums-Klerikalismus), regierten dann wieder die gleichen Gruppen wie im Kaiserreich – nur diesmal ohne Kaiser, ersatzweise dafür mit Reichspräsident. Null Liberalismus also auch hier.

Dann kamen Adoof und seine Nazi-Goldfasanengarde. Wer liberal war, hielt damals entweder die Schnauze und berief sich auf die „innere Emigration“ – oder er wurde als Teil der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung außer Landes oder in die KZs gejagt. Wieder zwölf Jahre, die uns hier am Wolkenkuckucksheim eines „liberalen Jahrhunderts“ fehlen.

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Sprachprobe:

Herr Müller-Dinglbumms zählt zur schwierigen Gruppe der Deutschen mit einem Immobilitäts-Vordergrund. – Hmmm? Der ist dann wohl ein wenig träge, der Mann …

Hinter der Zeit zurück

Woran merken wir, dass ein Journalist noch gar nicht in der Jetztzeit angekommen ist? Nun, vor allem an seiner Sprache. Da heißt es im Oktober 2010 und in Zeiten von E-Mail und Internet im ‚Spiegel‘ (42/2010, S. 27) ohne jede Ironie: „Merkel traute ihren Augen nicht, als sie die ersten Tickermeldungen las„. Ach ja, dieser gute, alte Ticker, um den alles herumstand, sobald er zu rattern begann … Kinners, wat woar dat dunnemoals so scheun!

Ehret die Lücken!

Gute Erzählungen zeichnen sich oft auch durch das aus, was sie konsequent weglassen. Hierdurch entstehen jene Freiräume für den Leser, die er dann mit eigenen Phantasien füllen kann. Als Beispiel sei hier die ‚Mutter aller Horrorgeschichten‘ angeführt, Edgar Allan Poe’s ‚Die Grube und das Pendel‘.

Am Anfang steht eine geheimnisvolle inquisitorische Gerichtsverhandlung, deren Verlauf und Gründe prä-kafkaesk nur angedeutet werden. Der ‚Held‘ fällt dabei in Ohnmacht und findet sich in einem stockdunklem Kerker wieder. Die nächsten Tage geschieht nicht viel, außer dass der gefangene Ich-Erzähler wahlweise einschläft oder aber erneut in Ohnmacht fällt. Alle Wechsel seines Zustands ereignen sich daraufhin in diesen bewusstlosen ‚Lücken‘ der Geschichte:

„Der Boden war feucht und glatt, ich wankte ein paar Schritte vorwärts, stolperte und fiel hin. Meine Erschöpfung zwang mich, liegen zu bleiben, und bald überwältigte mich der Schlaf. Als ich erwachte und einen Arm ausstreckte, fand ich an meiner Seite ein Brot und einen Krug mit Wasser.“

So zieht sich das einige Seiten weit hin: „Ich schlief wie tot“, „meine Lider schlossen sich von Neuem“, „schon schlummerte ich wieder ein“. Immer aber geschieht gerade in diesen ‚Lücken‘ das Entscheidende. Bis dann der Held gefesselt aufwacht, während sich ihm in Zeitlupe bereits das bekannte riesige Pendel nähert. Das große Uhrwerk schneidet ihm sadistisch-symbolisch, gewissermaßen als Sinnbild der unbestreitbar endlichen Tatsache unserer Existenz, Stück für Stück seinen Lebensfaden ab, bis er – List gegen List! – die Schneide beherzt zum Durchtrennen der Fesseln nutzt.

Schon aber nähern sich ihm die glühenden Kerkerwände, die ihn auf den grässlichen Schlund in der Mitte der Zelle zutreiben. Ganz zum Schluss kann er in dessen Tiefe blicken. Der Leser glaube aber nicht, dass er jetzt eine Beschreibung dessen finden würde, was in dieser Tiefe lauert:

„Ich beugte mich über seinen gefährlichen Rand und spähte scharf hinunter. Ein feuriger Schein fiel von der glühenden Decke und beleuchtete seine verborgensten Winkel. Doch sträubte sich mein Geist einen gräßlichen Augenblick lang, das, was ich sah, für möglich zu halten. Endlich drängte sich die Wahrheit meiner Seele mit unwiderstehlicher Gewalt auf – brannte sich mit unerhörten Zügen in meine schaudernde Vorstellung. Wer könnte aussprechen, was ich gesehen? – Jedes andere Schrecknis – nur nicht dies! Mit einem Schrei stürzte ich von dem Brunnenrande fort, verbarg mein Gesicht in meinen Händen – und weinte bitterlich!“

Kurzum: Die ganze Geschichte, die im Jahr 1842 das Genre der ‚gothic novel‘ mit einem fulminanten antikatholischen Pamphlet begründet, die ruht gewissermaßen darauf, dass der Leser kaum etwas zu sehen bekommt. Er bleibt so blind, wie der Held in seiner finsteren Kammer. Der Leser kann gerade dadurch die Leerstellen mit seinen eigenen Phobien füllen. Das macht die unwiderstehliche Gewalt dieser Horrorgeschichte aus.

Kurzum – die ‚dichte Beschreibung‘ ist, will ich unheimliche Wirkungen erzielen, oft völlig fehl am Platz: „Die grünliche Haut des Monsters triefte vor Schleim, Eiter floss ihm aus den Augenwinkeln, während mir sein stinkender Atem die Luft nahm …“ – das wäre dagegen doch blanker Pipifax, ein Comic-Strip in Textform. Gerade das Nichtausmalen malt uns oft erst den Teufel an die Wand …

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