Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: August 2010

Halböffentlich?

Die ersten Sätze entscheiden, ob ein journalistischer Text für mich überhaupt lesbar ist. Denn hier breitet der Autor seine Prämissen vor mir aus. Ein Tisch aber, der auf wackeligen Füßen steht, bricht zusammen, wenn man sich an ihn setzt. Da mag er noch so lecker gedeckt sein. Und vom Fußboden mag ich nicht essen …

Im aktuellen Spiegel (35/2010) findet sich ein Artikel von Reiner Klingholz, immerhin Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, in dem er sich mit dem leidigen Thema unseres selbsternannten Genetik-Deterministen Thilo Sarrazin befasst. Unter dem Titel „Ausländer her“ macht der Autor, wiewohl in guter Absicht, schon beim Aufbau so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Da der Text (noch) nicht online steht, zitiere ich hier nach der guten alten Dampflok-Methode aus den Seiten 129 – 131 des gedruckten Spiegel.

Nach dem einleitenden und zutreffenden Vorwurf, Thilo Sarrazin habe mit seinem Buch eine rationale Diskussion über Zuwanderung „abgewürgt“, breitet Klingholz seine krude Einschätzung der entstandenen öffentlichen Lage vor uns aus:

„Denn die Diskutanten hat [Sarrazin] in zwei Lager gespalten: in eine fraktionsübergreifende Entrüstungsfraktion, der sich Personen im öffentlichen Raum nur schwer entziehen können; und in den halböffentlichen Foren-und-Blogger-Stammtisch, der Sarrazin mehrheitlich Beifall zollt.“

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Die Welt hat 24 Seiten

Jeder Heidjer in unserem schönen Aller-Leine-Tal liest die ‚Walsroder Zeitung‘, ein höchst informatives Presseprodukt, randvoll mit Meldungen über Schützenkönige, Fahrraddiebstähle oder Bürgersprechstunden in der Region. Vornedrauf pappt dann immer die große Politik.

Was mich erstaunt: Dieses außerordentlich gediegene Presseprodukt hat an jedem Tag der Woche 24 Seiten, die bis in den letzten Winkel gefüllt sind. Außer sonntags, sonntags ist bei uns nichts los. Sommerlöcher aber und nachrichtenarme Zeiten kommen einfach nicht vor.

Mit anderen Worten: Die Ereignishaftigkeit der Welt verhält sich stets so präzise und ökonomisch, dass alles Geschehen genau auf 24 Zeitungsseiten passt. Ich finde das erstaunlich, ganz egal, ob wir die hintergründige Gewalt, die uns diese gewisslich nicht zufällige Quantität alles Geschehens zumisst, nun Gott oder Kairos nennen …

Red Adair 2.0

Unser roter Hahn des ambulanten Bloggewerbes, Sascha Lobo, scharrt unverdrossen und unentwegt im bezahlten Marketing-Mist, ob nicht auch ein Körnchen für ihn zu finden sein möge. Grenzphilosophisch verwöhnt er jetzt die Intellektualfunzeln der Werber-Zunft mit ausgewählten Modernitüden:

„[Events und Social Media] haben zwei zentrale Elemente gemeinsam. Erstens: Sowohl Events als auch in zunehmendem Maße die Kommunikation in sozialen Medien finden in Echtzeit statt. Zweitens: Beides beruht auch auf sozialer Interaktion.

Jaja – was beruht denn bitte nicht auf ’sozialer Interaktion‘? Selbst eine vergleichsweise stille Tätigkeit wie das Briefmarkensammeln kommt ohne sie nicht aus. Und bei diesem ewigen ‚in Echtzeit‘ möchte man doch allmählich mal wissen, was ‚in Falschzeit‘ wäre. Schmieren wir uns also selbst mal ein Schnittchen aus diesem Stoff: Erstens sind sowohl der große Nachthimmel wie auch mein kleiner Hühnerstall in Dunkel gehüllt. Zweitens kreisen die Planeten wie auch mein Reden beide ‚in Echtzeit‘ durch ihre jeweiligen Kanäle. Also sind der große, stille Nachthimmel und mein kleiner, gackernder Hühnerstall „Zwillingspärchen“. Wow! Die Koinzidenz als logische Gesetzmäßigkeit – oder Syllogismenstricken für Anfänger: Hähnchen haben einen roten Schopf, ich habe einen roten Schopf – also sind wir beide Geflügel. Weiter geht’s mit Bimbambum wortbesoffen durchs Brimborium:

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Kartoffeldruck

Wer keine eigene Meinung zur Hochstrecke bringt, der kauft sich eben eine. Zum Beispiel am Kiosk das neue Heft von GQ. Im schönsten kurzatmigen Klempner-Deutsch verrät der Verlag darin seiner wissbegierigen Angestelltenkundschaft – auch ‚High Potentials‘ genannt -, „was Mann sein [sic] heute ausmacht: in der Mode. In der Liebe. Im Lebensstil – in alldem also, was man modernes Leben nennt.“ Jaja, wieder mal sieht sich der Mann reduziert auf Styling und Poppen … das füllt das bienenfleißige Leben der geschniegelten Anzugständer neben vielen Überstunden dann restlos aus.

Die fixe Idee der Heftchenmacher bei ihrem raffinierten Meinungsbildungsplan ist es wohl, dass der Käufer, diese angestellte Service-Kartoffel, ihrem redaktionellen Stichwortgeber alles nachmachen und nachkaufen möge, bloß um hip und lockstoffreich aufs künftige Eigenheim-Weibchen zu wirken: Im Kern geht es um geistige Konfektionsware und mentales Copy & Paste – oder um Kartoffeldruck. Das ist jedenfalls meine Meinung … der ich mir noch eine eigene leisten kann, weil ich mir das Geld für GQ spare.

Womit aber wollen sie ihre Zielgruppe meinungsdefizitärer Testikelträger ködern? Auch das plaudert der Verlag freimütig aus: nicht mehr mit „große(n) Optiken, dafür viel Text, Lifestyle und Meinungsstücke“. Nun mag meine Logik nicht mehr fabrikneu und frisch von der Meinungspresse zur Uniform aufgebügelt sein, aber zwischen dem Verzicht auf ‚große Optiken‘, also auf die nichtssagenden Vierfarb-Doppelseiten, und ‚viel Text‘ scheint mir doch dann ein logisch-handwerklicher Widerspruch zu existieren, wenn es anstelle dessen plötzlich „unzählige Anzeigen-Doppelseiten“ gibt, deren reich bebilderte Buchstabensuppe der gebildete Mensch zumeist doch gar nicht mehr Text nennen mag.

Zu den ‚archetypischen‘ Stories des Heftleins, die ‚das Neue‘ vorbildlich illustrieren sollen, zählt die Redaktion die Titelgeschichte „100 Ideen, die das Leben spannender machen“. Für mich müffelt gerade das Beispiel doch streng nach dem Opa Markwort vom dahindarbenden ‚Focus‘ und seinen „hundert besten Badeseen“. Aber das ist schließlich nur meine Meinung – und ich neige mich natürlich vor der überlegenen Kompetenz der Blattmacher und stelle meine Bedenken hiermit ausdrücklich bis zum nächsten Re-Design zurück. Denn das, worüber der moderne Mann sich künftig eine Meinung bilden soll, das trifft sich bei GQ doch in nahezu idealer Weise mit den Interessen der werten Werbekunden: „Die „GQ“ ist nun unterteilt in die Rubriken „Gentlemen“, „Business“, „Home“, „Mobil“, „Coach“, „Style“, „Care“ und „Agenda“. Und darum geht’s ja schließlich im modernen Qualitätsjournalismus … oder etwa nicht?

Doofe sterben wohl nicht aus

Und auch die automatischen Übersetzungsprogramme machen auf mich bis auf weiteres nicht den Eindruck einer erwünschten ‚Muttersprachlichkeit‘ – wobei ich generell Zweifel hege, ob das überhaupt jemals der Fall sein kann. Schließlich sind Sprachen Individuen, die sich in Wortschatz und Grammatik erheblich voneinander unterscheiden:

„Wir sind erfreut ihnen mitteilen zu konnen, das die gewinnliste INTERNATIONALE LOTTO/BONO LOTTO PROGRAMM am 13TH JULY 2010 erschienen ist, vorbei Co-organisiert World Tourism Organization/Spanish Ministerio de Tourismo. Dir offizielle liste der gewinner erschien am 16TH JULY.2010 Ihr e-mail wurde auf dem los mit dir nummer: … und mit der seriennummer: … registried. Die glucksnummer: … haben in der zweitens kategorie gewonnen. … Dir gewinn ist bei einer sicherheitsfirma hinterlegt und in ihren namen versichert. um keine komplikationen bei der abwicklung der zahlung zu verursachen bitten wir sie diese offizielle mitteilung, diskret zu behandelnes ist ein teil unseres sicherheitsprotokolls und garantiet ihnen einen reibunglosen Ablauf.“

Ja, und ich garantiet diesens, des ich selbstens in Endstuphe altzheimend auf solke glucksnummer antwortens sein niemalens wolle wegen zuville lachglucksend müssent …

Vorrevolutionäre Situationen

Zu den drei hellsichtigen Denkern, die wesentliche Entwicklungstendenzen der Moderne prophetisch erkannten, gehört neben Karl Marx und Max Weber auch Alexis de Tocqueville. In seinem Buch ‚Der alte Staat und die Revolution‘ findet sich die folgende Passage:

„Die Menschen sind nicht mehr durch Kasten, Klassen, Korporationen und Geschlechter miteinander verbunden und sind daher nur zu geneigt, sich bloß mit ihren besonderen Interessen zu beschäftigen, immer nur an sich selbst zu denken und sich in einen Indidualismus zurückzuziehen, in dem jede öffentliche Tugend erstickt wird. …

Da in einer derartigen Gesellschaft nichts feststeht, fühlt sich jeder, teils durch die Furcht herunterzukommen, teils durch den Drang, sich emporzubringen, in beständiger Aufregung, und weil das Geld, welches zugleich das Hauptmerkmal geworden ist, das die Menschen klassifiziert und in ihrem Rangunterschied bedingt, hier eine außerordentliche Beweglichkeit erlangt hat, indem es unaufhörlich aus einer Hand in die andere geht, die Lage der Individuen verändert, die Familien erhebt oder erniedrigt, so gibt es hier fast niemanden, der nicht genötigt wäre, verzweifelte und fortwährende Anstrengungen zu machen, um es sich zu sichern oder zu erwerben. Die Begierde, um jeden Preis reich zu werden,  die Neigung, Geschäfte zu machen, die Gewinnsucht, das Streben nach Wohlleben und sinnlichen Genüssen sind daher hier die üblichsten Leidenschaften. … Diese schwächenden Leidenschaften kommen [dem Bestehenden] zu Hilfe, sie lenken die Leidenschaft der Menschen von den öffentlichen Angelegenheiten ab, beschäftigen sie fern von denselben und lassen sie bei dem bloßen Gedanken an Revolutionen erzittern.“

Was uns hier so ‚heutig‘ in den Ohren klingt, das ist keinesfalls die Beschreibung einer modernen Gesellschaft, wie sie aus der französischen Revolution erst erwachsen sollte. Alexis de Tocqueville beschreibt hier das ‚Ancien Régime‘, eine ‚alte Gesellschaft‘ also, die ihrem Untergang entgegentaumelt. Es ist ein Bericht über ‚vorrevolutionäre Zustände‘, aus denen heraus die Revolution folgerichtig entspringen wird. Die Guillotine begann erst dann zu klappern, als die Menschen dieser allgemeinen Geldsucht überdrüssig wurden und gründlich mit der Selbstsucht eines grassierenden Individualismus und Egoismus aufräumten.

Bei allen Mustern, die demnach das Scharnier zwischen damaligen und die heutigen Gesellschaften zu bilden scheinen, bleibt für mich die Frage, worin denn der heutige ‚Despotismus‘ besteht, der unsere Öffentlichkeit knechtet, die Gewinnsucht antreibt und die Gesellschaft zusehends zersetzt? Und ob wir am Ende erneut in ‚vorrevolutionären Zeiten‘ leben, wo die Eliten zunehmend von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nichts mehr wissen wollen? Liest man gewisse Pamphlete der Jungen Liberalen, dann liegt der Gedanke nicht allzu fern …

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