Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Juli 2010

Nichts gegen ‚die Medien‘ …

Fakt aber bleibt, mit Hilfe dienstfertiger Medien wurde getrickst und gelogen, bis sich publizistisch die Balken bogen:

„So sollen auf der Loveparade 2007 in Essen 1,2 Millionen Menschen gewesen sein, in Dortmund sogar 1,6 Millionen. Aber nach einem „streng vertraulichen“ Dokument … hätten die wirklichen Zahlen „keinen Bezug zur offiziellen Besucherzahl für mediale Zwecke“. Für die „öffentliche Besucherzahl“ habe man einfach die Zahl der erwarteten Besucher verdreifacht, während man die wirklichen Zahlen geheim hielt.“

Der sogenannte Qualitätsjournalismus entwickelt eben genau jene Qualitäten, die er dafür hält. Und beim Kopfsprung des Lokaljournalisten in die gerühmte ‚Recherchetiefe‘ ist hinterher noch nicht einmal der Mors bedeckt …

Die Provinz des Menschen

Bekanntlich hat die Entdeckung, dass die Sonne nicht um die Erde kreist, zu einer ‚Provinzialisierung des Menschen‘ geführt. Seither sind wir faktisch nur noch ein kleiner Pups am Rande der Galaxis, ein Dorfbahnhof, der sicherlich nicht unter einer besonderen Vorsehung stehen dürfte. Auch nicht unter der eines persönlichen Gottes, der mit Argusaugen Tag und Nacht über unser Treiben wacht, um alles in sein ‚großes Buch‘ zu kritzeln. Die Musik spielt seither gewissermaßen woanders, dem Schicksal sind wir egal: Wir sind also für uns selbst verantwortlich … und auch alle Konzepte eines durch Gott ‚auserwählten Volkes‘ sind seither obsolet. Ganz egal, ob solch ein Quatsch nun in der Bibel steht, in ‚Mein Kampf‘ oder im Koran.

Bei einigen Zeitgenossen hat sich die Entdeckung des Herrn Kopernikus immer noch nicht herumgesprochen. Sie leben weiterhin fröhlich in ‚vorkopernikanischen Zeiten‘ und sind über das 16. Jahrhundert geistig nie hinausgekommen. Ein Beispiel für diesen Sachverhalt ist jene Häme, die sich aus fundamentalistischer Ecke nach dem Unglück von Duisburg über eine angeblich allzu laszive und sexgeile Techno-Szene ergoß:

Dort nämlich faselt eine Bande religiöser Neandertaler, fern jeder Humanität, von einem „vernichtende(n) Schlag gegen eine satanische Alkohol- und Sexorgie“, „eine triebgesteuerte, notgeile und zugedröhnte Horde Asozialer h(ätte) den Zorn des Herrn heraufbeschworen.“

Da fragt sich der gebildete Leser doch, weshalb dieses radikalisierte Christentum immer noch mit Menschlichkeit und Humanität in Verbindung gebracht wird, wo doch die Anhänger dieses jesusamputierten Glaubens so rachegeil, sündenbesoffen und denkbefreit daherschwatzen. Theopathen habe ich diese Figuren in der ‚Sargnagelschmiede‘ getauft.

Also noch einmal – und nur für euch: Gott, so es ihn gibt, hat sicherlich anderes zu tun, als sich um eine randständige irdische Provinz am Abstellgleis der Milchstraße zu kümmern – oder schlimmer noch: um eine graue Stadt wie Duisburg. Über euch wacht also keineswegs persönlich das Auge Gottes. Der beste Beweis: Wäre es nämlich so, dann hätte euch Figuren längst der Blitz beim Sch…n getroffen …

Jeder Popel dichtet

Literatur ist nicht immer ‚Hochliteratur‘, und sie existiert auch nicht zwangsläufig nur in Büchern. Selbst noch die grenzdebilen Hackfressen rechtsextremistischer Organisationen erdichten sich eine Welt, die nach Gesetzen von Marvel-Helden-Comics in kackbraunem Gewand funktioniert. Mit einem Conan, also einem rachedürstenden, allmächtigen Wundertäter (oder Führer) immer vorneweg, der die Welt mit seiner treuen Gefolgschaft zu retten hat. Im Kern aller rechten Mythen ersetzt eine revolutionäre Philosophie der Tat das Denken – bloßes Losschlagen, und alles wird gut: ‚Aufräumen‘ wird man mit dem verhassten System, ‚Rausschmeißen‘, was einem nicht passt, öffentlichen Widersprüchen endlich ‚das Maul stopfen‘, ‚Niederreißen‘ all das, was dem Machtrausch des braunen Gesocks im Wege steht. Das allein wären dann schon jene ’nationalen Taten‘, deren poetische Kraft wiederum geeignet ist, einem entfesselten Germanentum im Bierqualm obskurer Gasthäuser die braungestreiften Höschen zu feuchten.

Wir haben hier also die literarisch verpackte Philosophie des Wirtshausschlägers vor uns, blanke Destruktion, die sich an Blut und Trümmern ergötzt. Die Frauen hätten – nebenbei bemerkt – in dieser Welt eher die Aufgabe, dem erschöpften Krieger nach der Schlacht die Beulen und die erhitzte Visage zu kühlen. Ein Endzeit-Szenario, wie wir es aus trivialen SF-Romanen oder auch aus Computerspielen kennen, eine schlicht erdichtete oder hormonell zusammenphantasierte Welt für den muskulösen Kämpfer mit der Knarre in der Hand … eine Welt, die an utopischer Kraft gewinnt, je häufiger man sich an ihr delektiert und sich als ‚Kameradschaft‘ in seinem Wollen kollektiv zutrinkt. Die reale Machtlosigkeit des Pöbels erträumt sich eine ‚verkehrte Welt‘. Letzteres wiederum ein uraltes Motiv der Weltliteratur …

Vor der Wirklichkeit versagt der national-fiktionale Plot natürlich: Allein die Frage, wie man dieses ‚Ausländer raus!‘ denn durchführen wolle, dann, wenn diese Ausländer längst in der dritten Generation mit deutschem Pass als gute Deutsche in diesem Toitschland leben – die fordert all diese Haudegen intellektuell dermaßen, dass wir die Synapsen britzeln hören. In der Tat läuft die einzig mögliche Antwort solch strunzblinder Aktionisten – die allerdings dann nicht öffentlich werden darf – natürlich logisch zwangsläufig wieder auf Armageddon, auf KZ und Vergasen hinaus. Es sind Tat-Besoffene und Barbaren der Jetztzeit, die sich um Kopf und Kragen delirieren.

Trotzdem ist auch deren Welt natürlich eine ‚Dichtung‘, die solange kohärent erscheint, wie man in ihr gefangen ist: Wir haben es beim Rechtsextremismus mit der kollektiven Rezeption einer völkischen Literaturgattung zu tun, mit einem Mythos, geboren u.a. aus Landserheftchen und Heldenromantik. Wissenschaftlich, also beim ‚proof of the cake‘,  haben all diese erdichteten Rachephantasien bisher keine Kapazität jenseits der Maulwurfperspektive hervorgebracht, nichts, was in irgendeiner Form intellektuell satiskationsfähig wäre. Und ästhetisch kommt auch nur ein Frank Rennicke dabei heraus, der zwar den Ton des Bierzelts zu treffen weiß, aber keine Töne. In Hinsicht auf Wissenschaft und Ästhetik war der Rechtsextremismus schon immer impotent.

Die geforderte ’sozialromantische Tat‘ muss sich, weil wirklichkeitsflüchtig, dann ersatzweise fiktional in poetischen Szenen und Drehbüchern ausleben, die aber visionär niemals weiter reichen als bis zum ‚Endkampf‘ und vielleicht einer erträumten Siegesfeier danach, mit Wein, Weib und Gesang. In praktischer Vorwegnahme dieses Paradieses erfreut man sich gelegentlich schon mal an einem höchstselbst zusammengeprügelten Ausländer, einem Punker oder sonstigem Penner …

Kurzum – Rechtsextremismus ist vor allem eins: schlechte Literatur!

Max Weber hat doch recht

Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung bedeutet (…) nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran: daß man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, daß es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, daß man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet die Entzauberung der Welt. (…) Dann allerdings könnte für die ‚letzten Menschen‘ dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz, dieses Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“ (Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus)

Tscha – weit haben wir’s gebracht! Wenn diese typischen Figuren unserer durch und durch rationalisierten Moderne dann – dumpfschmerzlich ihren existenziellen Mangel empfindend – sich an einer erneuten ‚Verzauberung der Welt‘ versuchen, dann reicht ihre kulturelle Potenz, historisch gesehen, entweder nur zu einem mythosbesoffenen Nationalsozialismus im wagalaweienden Wagnerkostüm oder zu einem schlechterdings tierisch-egoistischen Mammonismus, der sich aus Mangel an Geist über seine erbärmliche Existenzweise gleich gar keine Gedanken mehr zu machen pflegt …

Wortlügen

Auch einzelne Wörter können uns dauerhaft und tiefgreifend desinformieren. Zu ihnen zähle ich bspw. die geläufige Journalistenstanze von der „Machtergreifung“ Hitlers. Das Wort setzt ein Bild in Szene, dass nämlich damals ein Mann oder eine Partei aktiv nach der Macht ‚gegriffen‘ hätte. Historisch gesehen ist das höherer Blödsinn, eine Worthülse, die vor allem dazu dient, den Blick von den wirklichen Vorgängen abzulenken. Denn in Wahrheit wurden die Nazis von ganz anderen Gruppen ‚installiert‘, es handelt sich um eine ‚Machtübergabe‘ gesellschaftlicher Eliten an einen politischen Desperado, der als Handpupppe eben jener Eliten dienen sollte. Dass dieser Plan gewaltig in die Hose ging, ist wiederum eine andere Geschichte.

Die NSDAP war zum Jahreswechsel 1932/33 jedenfalls gar nicht handlungsfähig oder zu einer ‚Machtergreifung‘ in der Lage. Sie war im ‚inneren Kameradenkrieg‘ versunken, zutiefst gespalten in einen ’sozialistischen‘ Parteiflügel unter den Gebrüdern Strasser und in eine ‚realpolitische‘ Fraktion unter Hitler, Goebbels und Göring. Im November 1932 war sie bei den Wahlen überdies krachend eingebrochen (- 4,3 %), die Parteifinanzen waren mehr als nicht mehr vorhanden, die Bräunlinge waren bei allen Banken bis über beide Ohren verschuldet.

Vorbereitet wurde die Kanzlerschaft Hitlers folglich auch gar nicht in der NSDAP, die Parteispitzen verzweifelten damals an jeder realen Machtperspektive – von einem beherzten ‚Zugreifen‘ also keine Spur. Hitlers Kanzlerschaft wurde in Geheimgesprächen – ganz ohne Hitler – zwischen Hugenberg, von Papen und Hindenburg verabredet, unter Einbezug der Reichswehrspitzen. Hitler sollte als populistischer Kanzler einer bürgerlich-konservativen Regierung ‚entzaubert‘ und ‚eingebunden‘ werden. Seine Kanzlerschaft war daher nichts, was die Nazis aktiv erreicht hätten. Ihnen war vielmehr die Rolle zugedacht, populäre Pappnasen, Trickfiguren und Handlanger abgewirtschafteter gesellschaftlicher Eliten zu werden – im Klartext sollten sie bloß die nützlichen Idioten von industrieller Bourgeoisie, Großgrundbesitz und Militär sein. Fakt ist: Hitler wurde ins Amt ‚gehievt‘, weshalb „Machtübergabe“ jenes Wort wäre, das dem wirklichen Sachverhalt am nächsten kommt. Geplant war im Kern sogar eine „Ohnmachtsübergabe“, wobei der braune Kanzler sich vor dem Parlament müde hampeln und im Falle eines Falles vom Reichspräsidenten gefeuert werden sollte. So ähnlich sieht es übrigens die seriöse Geschichtsschreibung durch die Bank.

Natürlich wäre andererseits die wahre Geschichte bestimmten gesellschaftlichen Gruppen bis heute denkbar unangenehm. Nur so erklärt sich aus meiner Sicht die fortdauernde Karriere des allzu bequemen Wörtchens „Machtergreifung“ – bis tief in die aktuelle Presselandschaft hinein:

„Denn die Machtergreifung Hitlers war der Anfang der Katastrophe …“ (Tagesspiegel)
„Die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30.Januar 1933 war für die Juden ein Schicksalsschlag …“ (Fürther Nachrichten)
„Nach der Machtergreifung der Nazis wurde er aus seiner Dresdner Bank gedrängt …“ (Die Welt)
„Einen ersten Eindruck dessen, was nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten folgen sollte, mussten die jüdischen Geschäftsleute bereits am 1. April 1933 erfahren … (Märkische Allgemeine)
„Wir erleben wie an der eigenen Haut, welche konkreten Konsequenzen die Machtergreifung Hitlers in ganz anderen Ländern hatte …“ (MDR)
„Nach der „Machtergreifung“ kam er im NS-Terrorapparat unter …“ (FAZ)

Die genannten Beispiele stehen für buchstäblich tausende weitere in der Tagespresse. Bewusstere Redakteure setzen immerhin den Begriff in Anführungsstriche oder sie sprechen ohne nähere Begründung von der „sogenannten Machtergreifung“. Die einzig historisch wahre Formulierung, eine „Machtübergabe an Hitler“, kommt hingegen nirgends vor, weil sie damit Hitler vom ‚Subjekt‘ in ein ‚Objekt‘ verwandeln würden, grammatisch gesehen in ein Akkusativobjekt. So verzerrt ein einziges verlogenes Wort, das Reden in kurrenten Stanzen, permanent die Wahrnehmung der Menschen, insbesondere derjenigen, die nie ein dickleibigeres Geschichtswerk in die Hand nehmen dürften.

Ach Gott, ach Gott!

Er nun wieder:

„Ich kann mir gut vorstellen, dass ich Teil des politischen Diskurses bleibe.“

Warum treiben es Politiker nicht unter einem ‚Diskurs‘? Kann Roland Koch kein Deutsch? In etwa so:

„Ich bleibe der Unvermeidliche und gebe weiterhin zu allen Themen meinen Senf dazu.“

Über Wissenschaftsjournalismus

Im besten Fall begnügen sich die Journalist/innen und Redakteur/innen damit, minimal umgeschriebene Presseerklärungen von Universitäten oder Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Die Originalstudie(n), über die dort berichtet wird, lesen sie selten bis nie, und sie sprechen im Normalfall weder persönlich mit den Wissenschaftler/innen, über deren Ergebnisse sie berichten, noch fragen sie bei unabhängigen Expert/innen nach. Im schlimmsten Fall versuchen sie, eigenständig Vereinfachungen vorzunehmen (was schnell zu Verzerrungen und inhaltlichen Fehlern führt), Hintergrundinformationen hinzuzufügen (die häufig falsch oder irrelevant sind), oder sie sprechen mit zufällig ausgewählten Forscher/innen, die von der Materie keine Ahnung haben (was dazu führen kann, dass unstrittige Ergebnisse als umstritten präsentiert werden). Und im allerschlimmsten Fall schreiben sie einfach eine Pressemeldung ab, die ihrerseits nicht etwa auf einer wissenschaftlichen Studie beruht, sondern auf einem Artikel in der Boulevardpresse.

So viel für heute zur Auffassung der Wissenschaft vom Wissenschaftsjournalismus. Schon seltsam, dass wir darüber nichts in den Zeitungen lesen …

Es traf mal nicht den Falschen!

Auch wenn die Begründung für den Büchner-Preis wieder einem mühseligst hochgestemmten Feuilleton-Geschwurbel gleicht, wo der Leser solchen Drecks gleich weiß, dass der Schreiber dieses Instant-Elaborats den Besprochenen nie selbst gelesen, dafür aber tief in den Kasten mit den altbewährten Allzweck-Lego-Steinen gegriffen hat:

Jirgl habe in seinem Romanwerk „von epischer Fülle und sinnlicher Anschaulichkeit ein eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet“.

„Verstörend suggestiv“, „sinnlich anschaulich“ – alles Quark. Ein Text von Jirgl gleicht zunächst mal einem widerhakenbewehrten Drahtverhau, er schlägt unseren Lesegewohnheiten frontal ins Gesicht, sinnlich ist dort rein gar nichts. Reinhard Jirgl spielt auf bewundernswerte Weise mit dem Material und mit der Orthographie der deutschen Sprache, aus den bewussten ‚Fehlern‘ erblüht eine Welt von ungeahnten Nebenbedeutungen. In seiner Art erinnert Jirgl am ehesten noch an Arno Schmidt. Textprobe:

„Und bleib inmitten dahinkwellender, mit immer Mehrmensch sich vollsaugender Menge 1fach stehn, stell Koffer & Reisetasche ab: – 1 geschniegeltes Bürschchen im Trenchcoat rempelt seinen Koffer gegen mich, das Scheißpennergesox verfluchend, – & hastet mit fliegendem Mantel weiter; ich blicke mich um.“ (Abtrünnig, S. 68)

Nutzen der Füllwörter

Wolf Schneider ist einer der größten Eiferer gegen jeden Einsatz von Füllwörtern. Nicht ohne Grund: Kehrte doch mit ihrem Einsatz Verpöntes in den ‚objektiven Qualitätsjournalismus‘ zurück: die Wertung, der Sarkasmus, die Ironie, manchmal gar der Humor. Betrachten wir zunächst den unnötigen Einsatz von Fürwörtern.

Auf geplante Steuerersenkungen musste Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten“ – das wäre ein ganz normaler Schnarchsatz aus jeder provinziellen Redaktionsschmiede in Deutschland. Ein kleines ‚hinweisendes Fürwort‘ aber, eine Deixis, und schon zeigt der Finger auf den notorisch Erfolglosen: „Auf geplante Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten„. Eine sarkastische Note ist dadurch in den Text hineingeraten, nur deshalb, weil der Schreiber plötzlich fürwortgestützt mit dem Finger auf den Übeltäter zeigt, ihn sozusagen persönlich in die Verantwortung nimmt. Mit einem weiteren ‚besitzanzeigenden Fürwort‘ ließe sich ihm die Niederlage noch fester ans Bein binden: „Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig verzichten„.

Noch schlimmer wäre der Einsatz eines weiteren färbenden Füllworts namens ‚auch‘, dass den Vorgang in eine Reihe von vergleichbaren Niederlagen einbände: „Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig auch verzichten“ … die Nachricht über ein Faktum verwandelt sich prompt in den Abschluss einer mitgedachten polemischen Aufzählung. Richtig rund würde dies Verfahren durch ein zusätzliches ’noch‘: „Auf seine geplanten Steuerersenkungen musste dieser Guido Westerwelle im Juni dann endgültig auch noch verzichten„. Jetzt ist der Gipfel erreicht, den Eisbecher krönt die Kirsche, dieses letzte Ereignis in einer ganzen Kette setzt dem Nichtskönner die Eselsmütze aufs Haupt.

Zwar wurde der Satz durch jedes dieser ‚Füllwörter‘ länger, aber er wurde dadurch eben nicht schlechter, allen journalistischen Ratgebern und Stiltröstern zum Trotz. Nur die ganz hartgesottenen FDP-Parteigänger fänden ihn wohl mit jedem Füllwort empörender. Selbst ’schwammigste‘ Worthülsen gewinnen in diesem wert(ungs)steigernden Füllwort-Verfahren ihren Sinn, oft sogar geradezu polemische Durchschlagskraft. Nehmen wir folgendes Faktum: „Angela Merkel regiert die Bundesrepublik Deutschland mit einer schwarzgelben Koalition seit Oktober 2009„. Es genügt hier ein einziges Füllwort, das an die Girlande angehängt wird wie eine Narrenschelle, um die Ironie erblühen zu lassen: „Angela Merkel regiert die Bundesrepublik Deutschland mit einer schwarzgelben Koalition seit Oktober 2009 irgendwie“ …

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