Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Juni 2010

Mit Verlaub …

Hier ein weiteres schönes Beispiel aus der wildwuchernden und nicht abreißenden Reihe gedankenamputierter Metaphorik, im Volksmund auch ‚PR-Sprache‘ oder ‚Gesülze‘ genannt:

„Gerade „Stuttgart 21″ ist ein emotionales Feuerwerk.“

Mit Verlaub, bei allem Gründerstolz und aller Selbstgewissheit zum Trotz, Herr Architekt: Ein Feuerwerk tief unter dem Stuttgarter Pflaster? Sieht das da denn jemand?

‚Wording‘?

Der Leiter des FAZ-Hauptstadtbüros, Günter Bannas, hat sich über die ‚mangelnde Akzeptanz‘ im Volk für politische Reformvorhaben höchst elitäre Gedanken gemacht. Er schiebt die Schuld auf ein unpassendes ‚Wording‘ der geplanten Einschnitte. Wobei das ‚Wording‘ jenen Irrglauben politischer Marketing-Fachleute bezeichnet, die unverdrossen der festen Überzeugung sind, man müsse nur ein perfekt ‚designtes‘ Vokabular verwenden, um jede Schweinerei im Volk durchsetzen zu können. Alles Scheitern oder Gelingen in der Politik wäre demnach eine Frage des einheitlichen Wortgebrauchs. Der grundlegende Fehler Angela Merkels sei es beispielsweise, dass sie unvernünftigerweise von einem ‚Sparpaket‘ spreche, statt vernünftigerweise von einem ‚Zukunftspaket‘, wie es der brave Herr Kauder tut:

„Selbst im sogenannten „Wording“, also der Verbalisierung politischer Ziele, werden Differenzen deutlich, wenn es nicht abgestimmt ist. So bezeichnete unlängst der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Kauder in einem Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ die Verabredungen der Regierungskoalition ausdrücklich als „Zukunftspaket“ – offenbar um dem Ganzen überwölbende Hoffnung zu geben. Frau Merkel benutzte im Gespräch mit dieser Zeitung den Begriff „Sparpaket“. Äußerungen in der Bundesregierung gibt es, Frau Merkel tue sich mit ihrer zur Rationalität neigenden Rhetorik schwer, für die in Aussicht genommenen Projekte zu werben und Sympathien zu wecken. In der Gesundheitspolitik habe die Koalition den Streit um Begriffe schon verloren – weil und solange die CSU, ganz im Widerspruch zur Bundeskanzlerin, diffamierend von einer „Kopfpauschale“ spreche.

Es wäre demnach das Geklingel der Worthülsen, das die Verhältnisse zum Tanzen bringen kann, ein recht platziertes Wort, und die ungerechtesten Vorhaben würden wahr. Dies ist eine idealistische, ja geradezu klippschülermäßige Sicht der Dinge, weil sie den Aspekt der menschlichen Erfahrung völlig außer acht lässt. So weiß bei einer rosarot und positiv dahergesülzten ‚Reform der Unternehmensstruktur‘ heute sogar der dümmste Arbeitnehmer – und zwar aus eigener, bitterer Erfahrung -, dass er schon bald massiven Arbeitsplatzabbau und Lohnverschlechterung am eigenen Leib verspüren wird.

Man könnte geradezu eine Gegenthese formulieren: Durch das überhandnehmende ‚Wording‘ werden die Ziele, die kommuniziert werden sollen, dem ‚Volk‘ immer verdächtiger und fadenscheiniger. Aus Erfahrung haben die Menschen gelernt, dass aus wohlklingenden Wörtern selten etwas folgt, was ihnen auch wohl tut. Diese Wörter sind für sie längst ins Lager der Lüge gewechselt. Deshalb ist ein Wort wie ‚Reform‘ heute verbraucht wie ein ausgelutschtes Kaugummi. Die ‚Frames‘, die Muster im Gehirn der Menschen, sind inzwischen so gepolt, dass der hageldichte Verbal-Dreck eines weichgespülten Himbeertoni-Gewäsches nur noch Aversion erzeugt und die Alarmglocken schrillen lässt. Dieser einst so probate Sprachgebrauch ist längst ‚durchschaut‘.

Man könnte es auch so ausdrücken: Durch die faktischen Resultate des gesellschaftlichen Handelns hat sich das verschleiernde politische Phrasen-Gebimmel, fachgerecht ‚Wording‘ genannt, selbst all seiner Wirkungsmöglichkeiten beraubt. Dank der Macht gegenteiliger und realer Erfahrungen: Je schöner es klang, desto hässlicher waren regelhaft die Folgen … und genau deshalb wirken die verführerischsten Schalmeienklänge der Rattenfängerzunft nicht mehr. Das Volk pfeift sich längst einen eigenen Reim darauf.

So kann’s kommen:

Mein gutes, altes Wörterblog, das ich im Dienste Holtzbrincks bis 2008 führte, existiert zu meinem Erstaunen immer noch. Dort werkelt jetzt ein Matthias Fuhrmann, der sich den Lesern folgendermaßen vorstellt:

„Als Neologist und Wortvirtuose verschrien, habe ich mir die Kunst der deutschen Sprache über Jahre hinweg angeeignet. An wichtiges Anliegen ist die Schönheit unserer Sprache zu vermitteln und kleine, aber alltägliche Fragen zur Rechtschreibung aus der Welt zu schaffen.“

Ein „An-Eigner“ also mit viel Weder und Noch, fällt mir altem Beckmesser da doch ein: Denn ein „Neologist“ ist weder, wer rosinenpickerisch ausgewählte Fragen der Orthographie unter ewig gleichen Headlines in immergleicher Sprache abnudelt. Noch sollte ich mich einen „Sprachvirtuosen“ nennen, wo ich doch gleich im ersten Text alle Fragen „aus der Welt schaffen“ möchte, um blitzeschwingend Platz für meine Verdikte aus dem bleigrauen Himmel Konrad Dudens herab zu schaffen. Auch existiert zwischen „klein“ und „alltäglich“ kein Gegensatz, der mit einem „aber“ zu akzentuieren wäre. Sei’s drum …

Das „Verschrien“ aber, das könnte hinhauen, wenn’s auch in meinen Augen ruhig ein Buchstabe mehr sein dürfte, neue Rechtschreibung hin oder her. Denn bei der „Kunst der Sprache“ wird jeder Satz ein Beweis. Auch der dümmste …

Unter Fotojournalisten

Wenn der Fotojournalist das Wort ‚Multimedia‘ hört, dann denkt er vor allem an niemals endende Slideshows, um die sich Verleger mit viel Goodwill reißen. Und nachts träumt er von einem iPad mit 30 Zoll Bildschirmdiagonale, um stets genügend Raum für die Kunst zu haben. Dies mein kurzgefasstes Resumée des gestrigen Tages …

Auf dem Lumix-Festival

Zu meiner Überraschung lud mich Professor Rolf Nobel als Mitdiskutanten nach Hannover ein, wohl deshalb, weil ich für die Zeitschrift ‚freelens‘ schon mal über Fotografie im Netz schrieb. Im Rahmen des „Lumix Festivals für jungen Fotojournalismus“ soll ich dort heute über das Thema „Multimedia – ein neues Medium verlangt neue Fotografen“ mit Michael Hauri (2470media), Fabian Mohr (Die Zeit) und Robert Wenkemann (FAZ) Folgerungen aus dem Medienwandel in möglichst bildhafter Sprache in Szene setzen. Hier vorab schon mal das Thesenpapier, das ich mich zur Vorbereitung ‚gestrickt‘ habe, so dass es die Teilnehmer anschließend auch im Netz abrufen können:

Kein Blitz, sondern ein Grundbeben – der ablaufende Medienwandel:

Der Medienwandel schlägt in die existierenden Strukturen nicht so ein, wie der Blitz in einen Baum. Es ist ein Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum hinziehen wird, vielleicht sogar über Generationen. Nachdem Gutenberg im 15. Jahrhundert die Druckerpresse grundlegend verbesserte, hielten nicht am nächsten Tag schon alle Bauern die Bibel in der Hand, um sich künftig selbst über Gottes Wort zu informieren. Trotzdem verlor allmählich eine Kaste – die Priester und Schriftgelehrten – ihr Verfügungsmonopol über die himmlischen Geschäftsangelegenheiten. Hundert Jahre später hatten wir dann die Reformation – die bekanntlich weitgehend aus diesem Medienwandel hin zum gedruckten Laienpriestertum folgte. Ähnlich wie den Klostergelehrten damals ergeht es den Journalisten und Fotojournalisten heute. Kleiner Trost für massenmediale ‚Torwächter‘: Es gibt heute, Jahrhunderte nach Gutenberg, immer noch Katholiken und auch Priester – professionelle ‚Gatekeeper‘ zum medialen Himmelreich. Nur ihre Autorität hat erheblich gelitten. Ihr Monopol ist keines mehr.

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Über Lohnschreiber

Wenn Journalisten über die Blogger herziehen und sich dabei auf ihre Professionalität berufen, dann wollen sie uns darauf hinweisen, dass sie das Schreiben zum Brotberuf gemacht haben. Während die anderen doch bestenfalls ‚Dilettanten‘ seien, die ja noch nicht einmal Geld für ihre Krakelei bekämen. Fragen wir zum Thema jemanden, der größer ist als ich:

„Dilettanten! Dilettanten! – so werden Die, welche eine Wissenschaft, oder Kunst, aus Liebe zu ihr und Freude an ihr, per il loro diletto, treiben, mit Geringschätzung genannt von Denen, die sich des Gewinnes halber darauf gelegt haben; weil sie nur das Geld delektirt, das damit zu verdienen ist. Diese Geringschätzung beruht auf ihrer niederträchtigen Ueberzeugung, daß Keiner eine Sache ernstlich angreifen werde, wenn ihn nicht Noth, Hunger, oder sonst welche Gier dazu anspornt. Das Publikum ist desselben Geistes und daher derselben Meinung: hieraus entspringt sein durchgängiger Respekt vor den „Leuten vom Fach“ und sein Mißtrauen gegen Dilettanten. In Wahrheit hingegen ist dem Dilettanten die Sache Zweck, dem Manne vom Fach, als solchem, nur Mittel: nur Der aber wird eine Sache mit ganzem Ernste treiben, dem unmittelbar an ihr gelegen ist und der sich aus Liebe zu ihr damit beschäftigt, sie con amore treibt. Von Solchen, und nicht von den Lohndienern, ist stets das Größte ausgegangen.“

Schwer zu widerlegen, diese Argumentation des Herrn Arthur Schopenhauer …

Beruf verfehlt?

Es nennt sich „unabhängiges Medienmagazin für Deutschland“, das, was diese „Berliner Journalisten“ dort herausgeben. Und so aua-aua-mäßig geht’s los:

„Was den USA seine Kriege kosten.“

Wenn die Sprache schreckensbleich erbebt, zeigt sich, dass der Journalismus lebt …

Spuren sprachlicher Verwüstung

Sie gehen einfach nicht mehr dicht genug heran, unsere Katastrophenjournalisten. Prompt regiert in ihren Texten überall das Klischee. Jeder Tropensturm hinterlässt dann eine Spur der Verwüstung, die „Leichenberge türmen sich„, und natürlich liegt der übliche „Verwesungsgestank in der Luft„. Garniert wird das Ganze mit einer Zierpetersilie aus Zitaten Verantwortlicher. Mein Gott, wie anschaulich! So nahe brachte mich ja noch niemand ans Geschehen heran …

Um den Ironiemodus wieder abzuschalten – Vergleichbares habe ich bis in die Wortwahl hinein schon tausendmal gehört, es ist ein verbaler Lego-Kasten. Diese Sprache rüttelt bestimmt keinen Leser aus seiner Bierruhe auf. Die Reportage wird hier zur Sofa-Literatur – vorhersagbar wie eine Merkel-Rede. Als hätten diese Reporter beim Anblick der erstbesten Leiche auf dem Bürgersteig die Straßenseite gewechselt, ein duftendes Taschentüchlein vor die Nase gepresst, um ja nicht Auge in Auge mit dem Tod zu geraten. Wie anders klang dies noch bei Hemingway, nach jenem Wirbelsturm, der im Jahr 1935 fast Key West von der Landkarte geblasen hätte:

„Zwei Frauen, nackt, vom Wasser hoch in die Bäume geschleudert, verschwollen und stinkend, ihre Brüste groß wie Ballons. Fliegen zwischen ihren Beinen. Dann stellst du fest, wo du dich befindest, und erkennst sie als die beiden sehr netten Mädchen, die drei Meilen von der Fähre eine Sandwichbude und eine Tankstelle betrieben haben. Wir haben neunundsechzig Leichen an Stellen gefunden, die für niemanden zugänglich gewesen waren. Indian Key ist vollkommen kahlgefegt, kein einziger Grashalm mehr da, und der hochgelegene Mittelpunkt war mit lebenden Muscheln, Krebsen und toten Muränen übersät, die vom Meer dorthin gespült worden waren. Der ganze Meeresgrund ist da rübergegangen. Ich hätte diesen miesen literarischen Bastard, der seinen Hurrikan braucht, nur zu gern dabeigehabt, um ihn mit der Nase ein bißchen da reinzustoßen“ (Brief an Maxwell Perkins, 7. Sept. 1935).

Ein solche Beschreibung geht unter die Haut, gerade wegen der furchtbaren Details. Das eben ist der Unterschied zwischen denen, die nah genug herantreten können, und jenen, die mit ihren verzärtelten Gemütern Katastrophen nur aus der Vogelperspektive ertragen, um beim Schreiben dann zu den beruhigenden Dauerlutschern aus Sprachstanzen zu greifen, statt zur Kotztüte. Noch einmal Hemingway:

„Jetzt sagen sie, keine der Leichen soll an Ort und Stelle verbrannt oder begraben werden, sie sollen alle in Arlington begraben werden; das würde bedeuten, etwas zu transportieren, was so verwest und aufgedunsen ist, daß es platzt, wenn man es hochhebt; verfault, eitrig, verwest, ekelhaft, völlig unmöglich einzubalsamieren – man müsste sie sechs, acht Meilen zum Boot transportieren, dann auf dem Boot noch einmal zehn bis zwanzig, ehe sie in Kisten kommen; und das Ganze stinkt buchstäblich zum Kotzen – unterwegs nach Arlington!“

Für Hemingway sind die Opfer des Hurrikans infolge des Verwesungsprozesses bereits völlig entmenschlicht, als ‚etwas‘ oder ‚es‘ kann er die stinkenden Gebilde nur noch bezeichnen, alles Erbarmen verliert er angesichts der desolaten Lage. Das ist die wahre Rationalität der Katastrophe, solche dichten Beschreibungen gehen unter die Haut! Für den Ökonomen und FDP’ler in uns hält er dann auch noch ein Argument bereit dafür, weshalb diese verrotteten Stücke Fleisch unbedingt über Land verfrachtet werden müssen. Ein Argument, das folgerichtig keinesfalls auf Pietät beruht, sondern auf blankem Geschäftssinn:

„Die meisten Proteste gegen das Verbrennen oder Begraben kamen von den Leichenbestattern aus Miami, die 100 Dollar pro Toten bekommen.“

Solche Reportagen aus Katastrophengebieten würde ich mir wieder mal wünschen, meine Damen und Herren von der schreibenden Zunft!

Beelzebub kündigt

Liebe Christen, Satanisten und Zyniker,

von heute an müsst ihr allein für die himmlische Gerechtigkeit sorgen. Ich bin schlicht amtsmüde, weil der Arbeitsalltag in meinem Job mit meiner Aufgabenstellung immer weniger zu tun hatte. Zwar durfte ich weiterhin den einen oder anderen Bischof mit pharisäerhaft gefalteten Pfötchen gen Hölle spedieren, auch mal einem verblichenen Bandido mit glühenden Zangen die Tattoos vom Leibe reißen, oder einem wortbrüchigen Provinzpolitiker die eigenen Statements den Hals hinabschieben, bis ihm die dampfenden Lügenexkremente aus dem After liefen, an die wirklich dicken Fische aber ließ man mich nicht mehr heran.

Bekanntlich bin ich als Herrscher des dunklen Reiches nur der zweite Mann im Staate Ecclesia. Das setzte meiner Wirksamkeit zunehmend Grenzen. Himmel und Hölle harmonierten nicht mehr. Wollte ich mir sonntags mal etwas besonders Gutes gönnen, einen Bankster, der Tausenden von Familien die Existenz geraubt hatte, oder einen Derivate-Spekulanten, der um seines eigenen Vorteils willen ganze Staaten auf Generationen hinaus am Hungertuch nagen ließ, dann ertönte mir aus Richtung Himmelspforta immer öfter ein herrisches „Systemrelevant!“ entgegen. Bei allem Respekt vor dem Alten dort oben, so konnte es nicht weitergehen!

Gefürchtet muss ich sein, sonst ist mein Reich weder von dieser noch von jener Welt. Um nur kleine Schurken unter glühender Asche in Ewigkeit barmen zu lassen, dazu bin ich mir zu schade, dazu nehme ich meine Aufgabe auch viel zu ernst. Wenn ein Ackermann im Himmel mit gespreizten V-Fingern Cancan tanzen darf, während ich gerade einen popligen Amokläufer oder ein anderes Würstchen auf dem Rost wenden muss, dann steigt mir die bittere Galle hoch. Hinzu kommt jene um sich greifende und wahrhaft ehrverletzende Moral, wonach plötzlich alle sieben Todsünden „marktgerecht“ und „ökonomisch rational“ genannt werden müssen. Was nützt es mir da, wenn ich die Journalisten, also die Posaunen dieser Leute, grillen darf, die Stichwortgeber und wirklich dicken Hunde aber zu unantastbaren Heiligen erklärt werden, denen nur die Seligsprechung zum ewigen Leben noch fehlt.

Kurzum: Mein Job bringt mir keinen Spaß mehr. Ich lege mit dem heutigen Tage das Amt nieder und werde Investmentbanker.

Euer Horst Belial

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