Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Mai 2010

Unvorstellbares

Wenn eine ‚Bandbreite erheblichen Schaden nimmt‘ – wie darf ich mir das vorstellen? Ist am Ende nicht nur der Kotflügel eingedrückt, hat sich gar der ganze Motorblock verschoben? Ebenso gut könnte ich die ‚ökonomische Struktur des Landes ihrer wertvollsten Blüten berauben‘; so dass die ‚Konjunktur Federn lassen muss‘. Abstrakta sind stets unanschaulich, da hilft es nicht, sie mit geborgtem Bildlametta zur Dinglichkeit aufzuputzen:

Der Chef der CDU-Faktion im hessischen Landtag, Christean Wagner, zeigte sich … ebenfalls besorgt: „Mit dem Fortgang von Roland Koch und zuvor schon von Friedrich Merz hat die personelle Bandbreite der CDU erheblichen Schaden genommen.“

Zeitnahme

Mein Leben lang habe ich nur Uhren ohne Sekundenzeiger besessen. Was soll der Quatsch? Zu keinem Termin dieser Welt muss ich auf die Sekunde genau eintreffen. Moderne ‚Chronometer‘ aber zeigen mir nicht nur die Sekunden an, sondern zum Beispiel sogar den Termin des Sonnenaufgangs in Nairobi oder den Börsenbeginn in New York.

Auch eine ‚Zwiebel‘ besitze ich, eine Taschenuhr aus grauer Familienvergangenheit. Die versteckt ihre profane Funktion hinter einem dicken gravierten Deckel aus Nickel oder Zinn. Ein Klapp, und das ängstliche Schielen hört auf, eine Zeitnahme war damals dann gar nicht mehr ohne Umstände und langes Gefummel in der Westentasche möglich. Diese Uhr kennt ebenfalls keine Sekunden, dafür aber die Mondphasen für glückliche Hochzeitstermine, für die Aussaat usw. Wenn ich dieses mechanische Wunderwerk aufziehe, läuft sie immer noch, mit einem lauten Ticktack, das mich an das Wesentliche der Zeit erinnert: Dass unsere Zeit nämlich unaufhörlich abläuft, wie in einer Sanduhr auch.

Früher wurden Uhren mit einem Haufen von Ornamenten und Symbolik befrachtet, bis ihre mechanische Funktion hinter dem Spielwerk verschwand. In einem Schloss betrachtete ich vor einigen Jahren eine Uhr aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, die in einem echten Totenkopf versteckt war. Der hohle Schädel umfasste das Räderwerk, das Zifferblatt erschien im Halbdunkel zwischen den beinernen Kiefern. Was aber schreiben wir wohl schon bald auf unsere Grabsteine: „Benjamin Broker, gest. 11. 11. 2011, 12:45:34 Uhr MEZ“? Ich meine, wo bleiben da Pietät und Zehntelsekunden?

Wir berauben uns in unserem Wahn der Zeit, überhaupt noch Zeit zu haben …

Dank den Homosexuellen:

Wo die Weltliteratur stünde, gäbe es keine Schwulen oder Lesben in ihren Reihen, ist ziemlich klar: Sie wäre wesentlich ärmer. Eine erstaunliche Anzahl von Schriftstellern und Schriftstellerinnen war mehr oder minder bekennend ‚andersherum‘. Man soll aber die Kausalität nicht verdrehen: Nicht das Schwulsein fördert literarische Kompetenzen, wohl aber fördert eine exzentrische Position, die ein Mensch auf Grund seiner sexuellen Präferenzen im Leben einnimmt oder einnehmen muss, den ‚literarischen Blick‘, die andere Sicht auf die Dinge. Hier aus dem Kopf eine kleine Liste von Autoren, die heute weithin unbestritten als homosexuell gelten (Fragliche mit Fragezeichen):

Aristoteles
Wystan Hugh Auden
James Baldwin
Herman Bang
Roland Barthes
Johannes R. Becher
Brendan Behan
Paul Bowles
Clemens Brentano
Rétif de la Bretonne
Arnolt Bronnen
William S. Burroughs
Samuel Butler
Truman Capote
Bruce Chatwin
John Cheever
Jean Cocteau
Joseph Eichendorff
Hanns Heinz Ewers
Hubert Fichte
Michel Foucault
Friedrich der Große [?]
Garcia Lorca
Jean Genet
Stefan George
Nicolai Gogol
Julien Green
August Wilhelm Iffland
Hans Henny Jahnn
Heinrich von Kleist [?]
Leonardo da Vinci
Golo Mann
Klaus Mann
Thomas Mann
W. Somerset Maugham
Karl May [?]
Herman Melville
George Meredith
Michelangelo
Molière
Pier Paolo Pasolini
Roger Peyrefitte
August Graf von Platen
Plato
Marcel Proust
Fritz Joachim Raddatz
Gregor von Rezzori
Arthur Rimbaud
Sappho
Sokrates
Gertrude Stein
Lytton Giles Strachey
Mutsuo Takahashi
Paul Verlaine
Gore Vidal
Oscar Wilde
Thornton Wilder
Johann Joachim Winckelmann
Ludwig Wittgenstein

Die Liste ist sicherlich unvollständig, jede homophobe Literaturrezeption würde jedoch mit Sicherheit große Lücken in unser kulturelles Selbstverständnis reißen. Eine weitaus vollständigere Liste findet sich übrigens hier …

Wo bleibt das Positive?

Diese Frage stellte mir ganz ernsthaft ein Leser in seiner E-Mail. Beschäftigen wir uns also mit der Frage, wie erfolgreicher Journalismus heutzutage aussehen könnte, wenn das Mittelmaß ihm nicht allüberall im Wege stünde. Da Beispiele deutlicher zeichnen als lange abstrakte Texte, greifen ich schlicht einen der erfolgreichsten Zeitungsschreiber der Neuzeit heraus: H. L. Mencken galt zu seiner Zeit als Leuchte Amerikas. Neben Charlie Chaplin und Rudolph Valentino zählten ihn Umfragen zu den drei bedeutendsten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in den USA. Der erste „Starjournalist“ konnte mit jeder Kolumne eine beliebige Zeitung auf ungeahnte Auflagenhöhen treiben. Sein Nachlass im Mencken-Archiv von Baltimore zählt zu den Kronjuwelen der amerikanischen Geistesgeschichte. Wie aber klang das, was in seinen Kolumnen stand:

„[Die Amerikaner]“, schrieb er, „[seien die] ängstlichste, bornierteste, schäbigste Meute von Domestiken und Muschkoten, die sich je unter einer Fahne in der Christenheit seit dem Mittelalter zusammengerottet hat.“ Auch der glorifizierte amerikanische Pioniergeist sei ein blanker Mythos: „In Wirklichkeit sind die meisten Immigranten vor und nach der Revolution Gedümpelte und Behinderte gewesen, halb verhungerte Iren, Deutsche, die mit der Restauration nicht fertig wurden, Italiener, die wie Unkraut auf verdorrtem Boden wuchsen, knochige, hirnlose Skandinavier, inkompetente Juden, die nicht einmal die Bauern in Rußland, Polen oder Rumänien übers Ohr hauen konnten“.

Ganz klar, hier schmeichelt niemand seiner Leserschaft und deren Überzeugungen. Im Gegenteil – Mencken tritt systematisch alles in den Dreck, was seinem Publikum heilig ist – er trampelt auf den Stars and Stripes herum. Aber er hat zugleich auch gute Argumente für seine Publikumsbeschimpfung – und er verfügt als Sprachgewaltiger zugleich über so viel ehrverletzende Adjektive, dass unserem Wolf Schneider wohl umgehend übel würde. Ein weiteres Beispiel blühender Meinungsfreude:

„[Politiker] verfolgen im Leben nur ein einziges Ziel: so wenig ehrliche Arbeit zu leisten wie möglich, und dafür möglichst viel Gewinn zu machen, sei es in Form von Geld, Macht oder bloßem Ruhm. Da der typische Politiker nicht nur ein Schurke, sondern auch ein Esel ist, legt er sehr großen Wert auf jene kindische Form von Bekanntheit und Speichelleckerei, der vernünftige Menschen aus dem Weg zu gehen trachten“.

Wobei anzumerken ist, dass Mencken diesen Typus aus nächster Nähe kannte. Sein Bekanntenkreis umfasste alle führenden Figuren aus Politik, Kultur und Wirtschaft, die Granden beugten sich demütig vor seiner Sprache. Über seine Kollegen machte sich Mencken allerdings wenig Illusionen, und wenn er gerade in Schwung war, haute er auch mal beide zusammen in die Pfanne:

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Jeremias Jörges

Seit einiger Zeit läuft in der ‚Süddeutschen Zeitung‘ eine Serie zur Zukunft des Journalismus. Zuletzt stellte in diesem Rahmen der starke Mann des ‚Stern‘, Hans-Ulrich Jörges, seine Sicht der Dinge klar. Nur leider nicht mir. Vieles finde ich sogar überaus fragwürdig. Mit dem üblichen großen Glaubensbekenntnis der medialen Orthodoxie beginnt erwartungsgemäß dieser Text:

„Journalismus bleibt unersetzlich – gerade in Zeiten der Leserreporter.“

Ein durch nichts begründetes Apriori steht also am Anfang des Textes – denn an die ‚Unersetzlichkeit‘ des Journalismus glauben selbst die Verleger, betrachten wir bloß ihr faktisches Handeln, nur noch an hohen Festtagen. Auf den Redaktionsetagen regiert längst ein anderer Geist, der alles durch ‚billig und viel‘ ersetzbar glaubt. Jörges‘ Mantra ist schlicht ein Glaubensbekenntnis, vielleicht auch eine These, wobei zu hoffen ist, dass er uns im folgenden Text einige Argumente für seine Zuversicht liefern wird. Auch die „Zeiten des Leserreporters“, in die Jörges uns hier zurückversetzt, diese ‚Golden Days of Dreams and Roses‘, die waren doch eher eine Schnapsidee der Vereinigten Verlegerschaft, als diese von immer noch billigerem Content träumte, wozu ein printmedial aufgeguseltes Bild-Zeitungs-Publikum mit seinen Handy-Kameras druckbare Resultate für ‚fast umsonst‘ in die Redaktionsstuben liefern sollte. Von Leserreportern als publizistischer Idee ist heute nirgends mehr die Rede, der Praktikant – vormals ‚Volontär‘ – hat ihre Aufgaben längst mit übernommen.

Die folgende (durchaus zutreffende) Lagebeschreibung verpackt Jörges unerfindlicherweise in rhetorische Fragen, dort, wo er die Gründe für die schwindende Macht des Journalismus aufzählt. Wovor sollte der Journalist also Angst haben:

„Vor der Werbewirtschaft, die Anzeigen abzieht und anders – auch anderswo – nach Aufmerksamkeit fischt? Vor Verlegern, die beim Grenzgang zwischen Modernisieren und Zerstören die Balance, Maß und Ziel verlieren? Vor Heuschrecken, die sich renditehungrig in Medien verflogen haben, dort alles kahl fressen – und dann verhungern? Vor dem Internet schließlich, das alles an Information zu bieten scheint, was der Mensch zum Denken braucht – und das kostenlos, rund um die Uhr und teils in Echtzeit, live? Ist Journalismus also ein verlorener, ein aussterbender Beruf – hoffnungslos überholt wie der Kohlenschaufler auf der Elektrolok?“

Fasste ein Feld-Wald-und Wiesen-Journalist die Gründe für seine Angst vor der Zukunft mal zusammen, so würde er all diese Fragen mit ‚Ja!‘ beantworten. Wie eine gelenkige Katze beißt sich Jörges Text im Folgenden selbst in den Schwanz: Durch eine vorangestellte Captatio benevolentiae – ja, alles ist ja wirklich so schlimm wie beschrieben, „aber trotzdem“ – tröstet er uns dann erneut mit dem großen Glaubenssatz vom Anfang des Textes:

Ja, natürlich ist unsere Gewerbe unter Druck. So stark wie noch nie zuvor. Zu Resignation oder Kapitulation aber gibt es keinen Anlass. Denn Journalismus ist und bleibt unersetzlich – auch wenn sich sein Kosmos in Organisation und Technik revolutionär verändert, auch verändern muss.

So gewunden und redundant möchte ich auch mal argumentieren – nur erheben meine Logik und meine Vernunft zumeist Einwände und hauen mir die Tippfinger blau. Jörges kommt in der Folge auf die vorgeblichen Aufgaben des Journalismus zu sprechen, eine Liste, wie aus dem Lehrbuch:

„Informationen zu erschließen, zu filtern, zu erklären, zu ordnen und zu interpretieren – das geht nicht ohne Redakteure, ohne Rechercheure, ohne Reporter, ohne News Anchor, ohne Kommentatoren.“

Ja, wenn’s doch so wäre! Ich erinnere nur an den Fall der überaus harmlosen Schweinegrippe, wo uns nahezu alle Medien unter Einschluss des ‚Stern‘ und vor den darob erstaunten Augen der Bevölkerung eine mediale Riesensau durchs Dorf trieben, als stünde Gevatter Tod mit seiner Hippe schon vor der Tür. Mit Fug darf ich vermuten, dass hier – statt zu ‚erschließen‘, zu ‚filtern‘, zu ‚ordnen‘ und zu ‚interpretieren‘ – schlicht die PR-Texte interessierter Pharma-Unternehmen von atemlosen und informationsgehetzten Redakteuren als lautere Wahrheit verkündet wurden. Auf solche ‚Informationen‘ können Bevölkerung wie Staat allerdings verzichten – uns ginge es besser! Zumindest wäre mehr Geld in der Kasse. Auf weitere Beispiele eines geradezu desinformierenden ‚Qualitätsjournalismus‘ hat Albrecht Müller hier jüngst hingewiesen.

Jörges beschreibt also einen Zustand, der gar nicht existiert. Der real existierende Journalismus widerspricht seiner Zustandsbeschreibung nahezu Tag für Tag. Er steht in der Regel konträr zu verkündeten Idealen – einige wenige ehrenhafte Gegenbeispiele bestätigen dies nur. Kurzum: Es sind eben nicht nur die Verleger mit ihren Herzen aus Excel-Tabellen, es sind auch die Journalisten selbst, die sich in ihre Lage hineingeschrieben haben. Einen publizistischen Bedarf muss man wecken, nicht vergraulen, sonst fliehen die verbliebenen Leser in Scharen.

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Vom Pessimismus

Als Realistenkrankheit wird der Pessimismus oft zutreffend bezeichnet: Es gibt kein Davonschweben in den blauen Himmel des Idealismus, wo endlich unsere Welt so erscheinen darf, wie sie leider nicht ist. Er macht sich keine Illusionen von den Menschen, die im Kern ganz anders sein sollen, als man sie auf der Straße antrifft. Er macht keine hohlen Versprechungen von ewiger Jugend, von immerwährendem Fortschritt und bleibendem Wohlstand, heute meist ‚Wellness‘, ‚Wachstum‘ und ‚Besitz‘ genannt. Die ‚Facts of Life‘ werden ohne mit der Wimper zu zucken fest ins Auge gefasst – und das Resultat ist erwartbar fürchterlich: Alles ist so, wie es ist.

Mir fällt – von Grimmelshausen bis David Foster Wallace – aus dem Stand kein großer Schriftsteller ein, der im Kern nicht Pessimist gewesen wäre (außer Günter Grass vielleicht). Die resultierenden realistischen Texte klingen meist sehr vernünftig, in ihnen gibt es auch kein hochgestimmtes und -gestemmtes Pathos im Stile Horst Köhlers. Hier der Standpunkt des Ahnherrn aller Pessimisten:

„Ein eigentümlicher Fehler der Deutschen ist, daß sie, was vor ihren Füßen liegt, in den Wolken suchen. … Um die einfachen menschlichen Lebensverhältnisse, … also Recht und Unrecht, Besitz, Staat, Strafrecht u.s.w. zu erklären, werden die überschwänglichsten, abstraktesten, folglich weitesten und inhaltsleersten Begriffe herbeigeholt, und nun aus ihnen bald dieser, bald jener Babelturm in die Wolken gebaut … Dadurch werden die klärsten, einfachsten und uns unmittelbar angehenden Lebensverhältnisse unverständlich gemacht, zum großen Nachteil der jungen Leute, die in solcher Schule gebildet werden, während die Sachen selbst höchst einfach und begreiflich sind … Bei gewissen Worten, wie da sind Recht, Freiheit, das Gute, das Sein (dieser nichtssagende Infinitiv der Kopula) u.a.m. wird dem Deutschen ganz schwindlich, er gerät alsbald in eine Art Delirium und fängt an, sich in nichtssagenden, hochtrabenden Phrasen zu ergehen, indem er die weitesten, folglich hohlsten Begriffe künstlich aneinanderreiht, statt daß er die Realität ins Auge fassen und die Dinge leibhaftig anschauen sollte, aus denen jene Begriffe abstrahiert sind und die folglich ihren alleinigen wahren Inhalt ausmachen.“

Wie hätte ein Arthur Schopenhauer erst unseren heutigen Politikern, diesen Reitern über den Bodensee, die Luft aus den Reifen gelassen! Ihren spekulativen Blasen im grundlosen Himmelblau eines verkommenen und phrasenverwanzten Idealismus, diesem „Europa des Friedens und der Freiheit„, der „Zuversicht in die Zukunft„, dem „Schöpfen aus dem Bewusstsein des Möglichen„, dem „mitfühlenden Liberalismus“ gar, dem „Mut zu langfristigen Konzepten„, die doch selten länger als eine Legislaturperiode währen, der „Verlässlichkeit in den Maßstäben und Werten„, dem „freien Wirken der Märkte„, den „neuen Chancen und Möglichkeiten“ oder jener „starken und verlässlichen Partnerschaft„, von der schon in der eigenen Partei, vollends aber in der Realität, so wenig zu finden ist. Das Problem dieses ebenso dahergeleierten wie verblasenen politischen Idealismus in all seiner pastoralen Selbstüberhöhung besteht darin, dass die Resultate stets im Gegensatz zum Beschworenen und Verkündeten stehen. Aber man fühlt sich erhoben! Es ist blanker Schamanismus. Der politische Idealismus bewirkt zudem eine umgekehrt mephistophelische Situation: Er ist die Kraft, die stets vom Guten tönt, und stets das Schlechte schafft. Dann doch lieber Pessimismus … er ist ehrlicher.

Metaphern lügen nicht

Über die neuere Metaphernforschung, die inzwischen längst auf soliden neurologischen Füßen steht, hatte ich mich hier schon mal ausgelassen. Wie verfestigte Bildwelten, die ‚Frames‘ und Metaphernreservoire des Gehirns, auf eintreffende sprachliche ‚Trigger‘ reagieren, dafür bietet die mediale Griechenland-Diskussion erneut ein schönes Beispiel. Bekanntlich lassen sich – zum Beispiel laut George Lakoff – unsere inneren Metaphernwelten letztlich immer auf zwei grundlegende Sets zurückführen, die sich in der Kindheit ausformten: auf die neurologische Repräsentation eines autoritären Familienmodells und auf das libertäre Familienmodell – dies eben auch im Fall der Griechenland-Krise.

Die Bild-Zeitung – und angeschlosssene Medienerzeugnisse in ihrem Umkreis – triggern sprachlich seit Wochen einzig und allein das autoritäre Modell: Die ‚in Sünde gefallene Tochter‘ – in diesem Falle also Griechenland – dürfe jetzt keinesfalls wieder in die Arme der Familie aufgenommen werden. Drakonische Maßnahmen müssten her, Erbarmen oder Geld seien nicht angebracht, die böse Tochter sei auszustoßen aus dem europäischen Familienbund, soll sie doch in der Gosse krepieren. Die deutsche Mutti und Kanzlerin müsse ‚hart‘ bleiben und die notwendige Strafe vollziehen (was ihr bekanntlich nicht gelang, weil es in Europa außer BILD-Journalisten auch noch ein paar Realisten gibt).

Das libertäre Modell hingegen richtet sich vergleichsweise eher darauf, einer Gestrauchelten aufzuhelfen, sie mit Hilfe und Liebe zurück auf den Pfad der Tugend zu führen. Schließlich seien wir Europäer eine Familie, die füreinander einstehen und auch Verantwortung tragen müssen usw. Was sei überhaupt eine Familie wert, die sich im Falle eines Falles nicht hilft? Aus der Krise eines Mitglieds könne dann sogar ein lehrreiches Exempel für die Zukunft werden. Von ihm aber, dem eigentlich vernünftigeren ‚Frame‘, ist derzeit so rein gar nichts zu hören, verglichen mit dem Getöse, das die autoritären Charaktere und Zuchtmeister in Deutschlands Redaktionsstuben veranstalten, die es eben nur verstehen, sprachlich mit der Peitsche zu knallen.

Tscha, zeige mir deine Metaphern, und ich sage dir, wes Geistes Kind du bist …

Nachtrag: Jetzt, wo in Brüssel dieser sagenhafte 750-Mrd-Euro-Thesaurus geschaffen wurde, lässt sich allenthalben beobachten, wie das metaphorische Familiensilber der einst verpönten Libertären aus dem Schrank geholt und geputzt wird. Bis hin zu einer ‚europäischen Schicksalsgemeinschaft‘ reicht jetzt der neue großfamiliäre Zusammenhalt, alles nur, um die Angriffe der spekulierenden Bandidos abzuwehren …

kleinschreibung

wenn ein schreibender junger mensch erstmals seine individualität entdeckt, verfällt er oft in die kleinschreibung. diese macke gäbe ihm etwas besonderes und unverwechselbares, meint er selbstgewiss. der anfall legt sich zumeist dann wieder, wenn er bemerkt, dass er mit diesem formalen tinnef prompt jenes publikum verprellt, das doch seine sprossende individualität atemlos genießen sollte. das aber – mangels lesbarkeit – seine werte persönlichkeit daraufhin in großem bogen und ganz und gar unbeeindruckt umschifft.

Schöne Sätze

Die Literatur ist dem Bourgeois eine Tatsache, die ihm die Tiefe seines eigenen Denkens vorspiegelt.“
(Walter Mehring: Ketzerbrevier, Vorrede)

Sie verschlimmbessert sich!

Der von mir nie verheimlichte Tatbestand [aber erst, als alles aufgeflogen war, nüch?], dass eine in der Literatur seit Jahrhunderten nicht unübliche Anzahl von Sätzen [in welchen vorbildhaften Büchern geschah das denn bitte, und wie viel Sätze sind ‚üblich‘?] in meinem Buch woanders schon mal so ähnlich [oder so] stand, wurde zu einer handfesten Möglichkeit, mich 1. nicht ernst zu nehmen, 2. beleidigen zu können und 3. wildeste Spekulationen als nachgewiesene Tatsachen [das ist alles nämlich gar nicht wahr!] auszugeben. Aus »wenigen Sätzen« wurden »zahlreiche Passagen« und schlussendlicherseits 90 Prozent des Buches, die ich aus dem Internet abgeschrieben haben soll [das hat keiner je behauptet, das wäre auch viel zu viel Tipparbeit für eine umtriebige Deern, In Zeiten des Internet steht nur ‚kopiert‘ zur Diskussion]. Viele Journalisten, mit denen ich in dieser Zeit kommuniziert habe [nicht bloß gesprochen, sogar ‚kommuniziert‘], weigerten sich …, die eigentlich wichtigste Tatsache mit einzubeziehen: nämlich dass es sich bei der als Plagiat bezeichneten Menge [man darf hier ja nicht Brutto mit Netto verwechseln] von (nicht abgeschriebenen, sondern modifiziert in einen komplett anderen Kontext gesetzten [jaja, eine Fickifick-Disco hier, die gleiche, aber ‚komplett andere‘ Fickifick-Disco da!]) Stellen um zusammen genommen circa eine einzige von 206 Buchseiten [muss wohl eine Seite im DIN-A0-Format sein] handelt.“

Soso, hmmmhmmm, woher aber kam letztlich dann die profunde Lokalkenntnis unserer Lolita? „Ins Berghain dürfen dank härtester Türpolitik nicht mal Leute, die auch nur AUSSEHEN wie unter 21jährig.“

Letztlich aber sind das alles nur Vaginalien …

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