Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: April 2010 (Seite 2 von 2)

Unfälle im Ökonomischen

Das Sprichwort von dem Schuster, der immer die schlechtesten Schuhe trägt, trifft auf den Wirtschaftsjournalismus in besonderem Maße zu. Hier ein kleiner Strauß spontan gepflückter Stilblüten:

Der Flachländer von der FTD: In den USA … sind die Konsumentenpreise auf dieser Ebene … mit einer annualisierten Rate von 0,2 Prozent gesunken Also das muss schon eine wahrhaft schlammige Weltgegend sein, dieses Ökonomistan, wo man sogar auf den Ebenen flacherdings noch ins Sinken gerät …

Der träumende Deichgraf vom Handelsblatt: Wichtig wäre es, die Reaktionskraft der Kapitalmärkte nicht durch eine Liquiditätsschwemme einzuschläfern. Dieses Liquide überschwemmt also weithin die Finanzlandschaft – und bis zum Hals im Kapital stehend und darob erfrischt schläft der Markt prompt ein, wie ein alter Saufaus ins Ruhekissen seiner Reaktionskraft gekuschelt. Oder was …?

Der Türmer vom Manager Magazin: Das Frühjahrsgutachten wartet mit guten Aussichten für den Arbeitsmarkt auf. Schau her, du Arbeitsmarkt: Klettere endlich auf meine frühjahrsgutachtlichen Zinnen, dann genießt du wunderbare Aussichten. Das jedenfalls verspricht dir vom Leuchtturm der Wissenschaft herab dein alter Kellner und Aufwärter …

Der Hobby-Eisenbahner von der Wirtschaftswoche: Die Mehrwertsteuersenkung … setzt falsche Signale und verzögert die Marktbereinigung.“ Jawollja – die Signale einfach mal anders stellen, beste Frau Steuersenkung, damit die Züge marktbereinigend aufeinanderkrachen können …

So malt uns die vereinigte Wirtschaftspresse täglich ein Bild von der Wirtschaft, das kein Vernünftiger mehr zu einem schlüssigen Bild zu formen vermag. Es könnte auch am Thema oder an ausgelatschten Metaphern liegen …

Wann kapieren sie’s?

Aber Bloggen wurde irgendwie noch nie inhaltlich begriffen, immer nur formal oder wirtschaftlich, und das ist der große Fehler, den alle machen. … Die Überschrift über dem [FAZ]-Dossier fordert, Bloggen solle vor allem bedeuten, Informationen im Internet einzuordnen und zu bewerten. Ich erinnere mich an Zeiten, da wurde Bloggern vorgeworfen, quasiparasitär nur von Informationen aus zweiter Hand zu leben. Wie man’s macht, macht man’s verkehrt. Ich für meinen Teil habe mich ja nie groß mit Einordnen aufgehalten, ich schreib ja lieber selbst. Wer weiß, was daran nun wieder nicht recht sein soll. Als ob man einen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen hat und die Erfüllung verweigert.

Auf den Punkt gebracht. Danke, Andrea …

Arbeit, Arbeit, Arbeit!

Das ganze Leben ist eben ein Arbeitshaus – und die Bibel hat doch recht: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn es köstlich war, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen.“ Und wenn nicht die ewig waltende Arbeit wäre, dann scheint uns selbst das dollste Erlebnis nichts mehr wert. Was für eine Gesellschaft aus ‚Workaholics‘:

Wir Schulhelfer leisten auch Beziehungsarbeit.

„Das ist für mich eine Art Trauerarbeit“, sagt er.

Beziehungsbausteine erfolgreicher Führungsarbeit

Mittlerweile bildet der Verein einen wichtigen Pfeiler der Erziehungsarbeit in Fellbach.

Frisch gibt die Berichte über die Gefühlsarbeit möglichst neutral wieder.

Ausbildung Abenteuer- und Erlebnisarbeit

Liebesarbeit – Das Paar im Wandel

Klipperdiklapp, Papperlapapp …

Aufmachen ohne Aufmacher

Früher wurde im Journalismus ein Thema „groß aufgemacht“. Später dann, als im Zeitalter der Alphajournalisten die Bühnenmetaphorik, der Beifall und die Zahl der ‚Vorhänge‘ an Bedeutung gewann, wurde ein Thema „groß aufgezogen“. Nach einer Woche setzte die Regie das Stück meist wieder ab …

Heute ist es umgekehrt: Ein Thema ist zunächst ganz klein, so wie es dem natürlichen Wachstumsgesetz entspricht. Fefes Blog beispielsweise, wo so viele Netzthemen schon auf die Welt und damit in die Öffentlichkeit gelangten, oder wo sie als Adoptivkinder in den deutschen Sprachraum migrierten, das mag als Beispiel für neue Gesetzmäßigkeiten dienen. Vom Tröt-Tröt der Aufmacherei sehen wir im mikromedialen Raum kaum noch eine Spur, von Gestaltung oder koberndem Anreißertum finden wir nicht einen Hauch. Im Netz sucht niemand den Superstar, in ihm sitzt nirgends die großjournalistische Spinne, sondern allenfalls ein paar Spinner, die noch immer altjournalistisch unter feuchten Träumen leiden. Quel affront!

Postbaudrillardisch?

Inhaltlich ist gegen diesen Artikel wenig einzuwenden: Die alte Journalismus ließ sich jahrelang von der Politik vereinnahmen, von mir aus ließ er sich auch durch Baudrillardsche ‚Simulacren‘ verzaubern, die er uns dann via Massenmedium als Realität vorgaukelte. Diese selbstgewählte Blendung wurde als ‚embedded journalism‘ euphemisiert oder in ‚Hintergrundgesprächen‘ in Form einer ‚Buddy-Publizistik‘ gefällig zelebriert. Letztlich aber zeigt alles dies doch nur, wie tief der Mainstriemel-Journalismus in den letzten 20 Jahren zu einer Karikatur seiner selbst herabgesunken ist.

Jetzt also gibt es ‚wikileaks‘ – und der alte Journalismus steht vor den rauchenden Trümmern seiner gepflegten Mythen. Ursprungslegende und getippte Praxis stehen inzwischen in maximaler Distanz zueinander: “ … Das macht die Veröffentlichung des Videos auf Wikileaks zur Schande für die Mainstreammedien: Entweder sie hatten das Video nicht – weil ihnen die Whistleblower nicht mehr trauen -, oder sie hatten es und veröffentlichten es nicht. Beides ist eine journalistische Bankrotterklärung. …

Faktisch heißt dies aber auch, dass wir es hier gar nicht mit einem ‚Post-Poststrukturalismus‘ zu tun haben, nichts also ist es mit dem „postbaudrillardisch“ in der Überschrift, denn die Geschichte ist gar nicht über die französischen Witzbolde zu neuen, noch fortschrittlicheren Ufern hinweggestiefelt. Um auf Baudrillards berühmtestes Zitat einzugehen: Der Krieg fand immer schon statt – nur nicht in diesen satt und saturiert vor sich hinrülpsenden Massenmedien. Wer sich als Schreiber mit einem solchen ‚Simulacrum‘ oder Lügengebilde begnügte, der war immer selber schuld, weiterhin nicht ganz frisch in der Birne – und er hatte zudem seinen Beruf verfehlt.

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Das Emporjubeln

Wie groß muss die Distanz zur Spitze eigentlich sein, damit der journalistische Superlativ seine Wirksamkeit endlich mal verliert? Ich dachte bisher, die Bronzemedaille wäre der Messlatte Schluss:

„Hamburg gehört zu den wohlhabendsten Regionen. Nach einer Erhebung liegt Hamburg … deutschlandweit auf Platz acht.

Wolf Schneider erklärt das Web

Sprachprodukte, die besonders schwach, langweilig oder schlecht sind, in die Welt hinaus zu lassen – das gab es früher nicht.“

Vielleicht erinnert Wolf Schneider sich wirklich nicht mehr an den Verlautbarungsstil und das hochgestemmte Feuilleton-Geschwurbel in dieser ‚guten alten Zeit‘. Der Hang zur Verklärung scheint im Alter nahezu unausweichlich. Dann aber sagte er auch noch das:

„Es gibt Texte, die könnten genauso gut bei Luther, bei Goethe oder der „Bild“-Zeitung stehen – und das sind dann gute Texte.“

Ach ja – „Bumm-Bumm-Becker“ … Kinners, wat waren das Zeiten!

Die Medialkonservativen

Interessant sind für mich vor allem jene Blogs, die mich zum Widerspruch reizen. Je haarsträubender, desto besser. Im Rahmen der blogger.de-Community zählt dazu der Verfasser von ‚Klartext‘, der sich als Ex-Readers-Digest-Redakteur höchstselbst und dankenswerterweise in das Getümmel der Blogosphäre gestürzt hat. Dieser Markus Reiter veröffentlichte zuletzt unter dem Titel ‚Dumm 3.0‘ ein voluminöses Buch, in dem er die ‚Social Media‘ als veritable Kulturbedrohung inszeniert. Ich will mich hier gar nicht auf diesen Text kaprizieren, sondern auf seine Blog-Artikel, also auf seine ganz persönlichen Beiträge zum ‚Dumm 3.0‘.

Zunächst einmal ist der Herr Reiter in höchst antiquierten Vorstellungen befangen, darin, dass es überhaupt eine Trennung zwischen ‚Nachricht‘ und ‚Meinung‘ gäbe beispielsweise:

„Viele Blogger scheinen ja zu glauben, Journalisten machen im Prinzip das selbe wie sie – herumsitzen und vor sich hinmeinen. Wenn sie ihren Job ernst nehmen, sollten Journalisten aber vor allem recherchieren und Fakten prüfen. Qualitätsnachrichten heranschaffen also, auf deren Grundlage sich dann der Einzelne seine Meinung bilden kann.“

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