Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: März 2010 (Seite 2 von 2)

Schräge Bilder

Da möchte ich doch mal zusehen, wenn auf einem Schiff jemand den Anker ‚wirft‘: Ein wahrer Herkules müsste das sein. Oder auch nur, wie ein Schiff vom Hafen aus in See ’sticht‘ – wie die Ente beim Gründeln vermutlich … Aber gut: Abgedroschene und windschiefe Metaphern, ohne dass sie zuvor von konkreter Phantasie und unwillkürlicher Vorstellungskraft auf ihre Plausibilität und Anschaulichkeit geprüft worden wären, die sind nun mal das untrügliche Kennzeichen einer dumpf dahergeklapperten Journalistensprache. Wie die echte Seemannssprache wirklich klingt, lässt sich übrigens bei Joseph Conrad lernen …

Piratenpartei wirft Anker in Thüringen.

Daniel Kolb wirft Anker in Westerfilde.

Die aktuelle allgirls-Ausstellung „Küchengirl wirft den Anker” der Berliner Künstlerin Christine Kriegerowski besteht aus zwei Teilen: einem zentral im Raum arrangierten, metaphorisch aufgeladenen Hindernis aus dem Springreitsport und grafisch reduzierten Darstellungen von verweigernden Pferden.

Heide Keller wirft Anker in Berlin und spielt mit Jochen Busse Theater.

Programmiermaschine wirft Anker im Norden.

Fliegende Anker allüberall, wo Papier billig bedruckt wird. Und so beackern tagein tagaus diese Content-Traktoristen bildungs- und bildlos ihre Geschäftsfelder …

Hoffnungslos romantisch

Jahrzehntelang fuhr mein Alter zur See. Seit er von zu Hause ausgebüxt war wegen der ’schweren Hand‘ seines Vaters. Auf festem Boden gründete er nach dem Krieg ein Unternehmen, dem Schiffsbau aber blieb er treu. Von nun an sorgte er mit Gips, Styropor und Steinwolle für Brand- und Schallschutz auf den Helgen großer Werften in Norddeutschland.

Wann immer er als Teilnehmer einer Probefahrt Kurs aufs offene Meer nahm, lebte er auf. Der leere Blick schwand, mit dem er ‚an normalen Tagen‘ auslaufenden Schiffen auf der weiten Wesermündung nachsah. Und so oft es ging, stieg ich nach der Schule zu ihm in den Wagen. Die riesigen Docks lernte ich kennen, die rostbraunen Rümpfe der Stahlkolosse auf ihrem schmiergeseiftem Balkenwerk, die kathedrale Weite der Maschinenräume, bevor die gigantischen Dieselaggregate jeden Winkel füllten. Ich stand inmitten bunter Fahnen bei Stapelläufen und nahm auch teil an jenen wilden Fahrten rings um Helgoland herum, wo auf der Brücke alle wahre Indianertänze aufführten, wenn das schäumende Schiff inmitten all der Gischt, die bugwärts über das Schanzkleid und durch die Speigatten toste, plötzlich dem Befehl ‚Volle Kraft zurück‘ gehorchen musste. Dann, wenn aus den frischen Nähten plötzlich ein grausiges Ächzen und Krachen ertönte, während die mächtigen Schrauben der stählernen Masse ihren Willen aufzwangen.

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