Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: März 2010 (Seite 1 von 2)

Freischwebende Intellektuelle

Der Ausdruck stammt nicht von mir, ihn prägte der leider bis heute unterschätzte Soziologe Karl Mannheim, in dessen Werken zum Beispiel auch über das ‚konservative Denken‘ manches Erhellende finden ist. Mannheim befasste sich mit den Auswirkungen sozialer Veränderungen auf die Weltwissensstruktur der davon betroffenen Bevölkerungsgruppen. Unter anderem fasste er auch das ‚akademische Proletariat‘ ins Auge, eine Bevölkerungsgruppe, die dann, wenn sie von den Fleischtöpfen und aus ihrem angestammten Reservat, der Bürokratie, vertrieben wird, wirkungsmächtige Ideologien in die Welt setzen kann.

Da wären zum einen die jungen Romantiker, die – anders als bspw. der Geheime Rat Goethe – in der Restauration und nach den Karlsbader Beschlüssen kein gemachtes Nest mehr vorfanden. Einerseits deshalb, weil die erschöpften Staaten nach den Napoleonischen Kriegen sich rigorose Sparprogramme auferlegten, andererseits, weil ein tiefes Misstrauen gegen alles ‚Akademikertum‘ die verschreckten konservativen Staatenlenker beseelte. Die Intelligenz war per se verdächtig, so, wie es heute noch bei allen Anwälten des Bestehenden der Fall ist.

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Missgeburten

Um in der Politik, aber auch im Rattenrennen des ‚modernen Qualitätsjournalismus‘, mithalten zu können, ist nach übereinstimmender Ansicht aller Experten vor allem eine Basisqualifikation absolut unerlässlich: das Beherrschen der deutschen Sprache in Wort und Schrift. Dies ist bekanntlich ein Anspruch, den auch unsere Verleger wie eine Monstranz vor sich hertragen. Werfen wir zur Überprüfung des Sachverhalts einen Blick auf die Realität:

Für die sich im Negativtrend befindliche schwarz-gelbe Koalition im Bund setzt Peter Altmaier, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, schon zu Ostern auf die verfrühte Niederkunft des Heiligen Geistes, der laut christlicher Lehre erst zu Pfingsten vom Himmel auf die Menschheit niederkommt. … „Ich hoffe auch, dass wir ein bisschen vom heiligen Geist besucht werden, auch wenn das erst an Pfingsten traditionell angesetzt ist.“ … Und im Übrigen: Die SPD, die in der Opposition ist, würde sich ,von‘ schreiben, wenn sie in der Nähe der Zahlen wäre, die die CDU jetzt immer noch hat.“ …

Zunächst einmal stoßen wir auf diese prall gestopfte Partizipialwurst: “ … die sich im Negativtrend befindliche schwarz-gelbe Koalition im Bund …„. Der Herr Altmaier, wahlweise auch der beteiligte Journalist, verwechselt hier den Befund einer stimmungsvollen ‚Befindlichkeit‘ mit dem logisch erforderlichen Partizip Präsens, die Koalition hätte demnach eine ’sich befindende‘ zu sein. Aber Wurst oder Trend – wo doch der Heilige Geist bereits hochschwanger ist, die politischen Wehen immer nrw-mäßiger zwicken und der religiöse Zeitgeist deshalb einer vorzeitigen ‚Niederkunft‘ entgegensieht! Denn eine Frühgeburt soll’s bitte schön werden, ein Säugling, der vom ersten Lebenstag an schon imstande sein soll, Visite zu machen. Allerdings soll dieser Besuch nur ‚ein bisschen‚ stattfinden, was ungefähr so sinnvoll ist, wie nur ‚ein bisschen‘ mit der Sprache rumzuhuren, ‚ein bisschen‘ schwanger zu sein oder ‚ein bisschen‘ sich in die Politik zu begeben. Warum – um es mit der Kritik nicht zu übertreiben – die SPD sich jetzt ‚von‘ schreiben sollte, das weiß wohl nur jemand, den der Heilige Geist derart funzelig erleuchtete, dass er überall schon dreifaltige Osterhasen an der Krippe betend zu sehen wähnt.

„I had a dream!“

Dies ist eine moderne Fabel: Am Anfang hatte ein frisch gekürter amerikanischer Verleger nächtens einen feuchten Traum. Er feuerte am nächsten Tag ungefähr sechs Siebtel seiner Mitarbeiter – und malte sich als erstes ein dickes Plus auf die Einnahmeseite. Aber irgendetwas aber musste er ja jetzt verkaufen, sonst würde das nichts werden am Jahresende mit den dicken Boni:

„Die Kurzform des Konzepts, mit dem AOL nach Abspaltung von Time Warner selbst an der Börse reüssieren w[ollte]: Eine Software filtert aus dem Internet die gerade aktuellen Schlüssel- und Reizwörter heraus, ein Heer von freien Schreibern liefert Texte dazu, die wiederum nach dem Erfolg bei Klicks und Werbung honoriert werden. … Wer auf einer bestimmten Seite werben will, kann einen passenden Promotion-Text selbst einfügen oder passgenau dazubestellen; gegen Bezahlung natürlich.“

Dann lief auf dem legendären texanischen South-by-Southwest-Festival die nächste Folge dieser modernen SEO-Seifenoper – es war sozusagen die Nagelprobe, ob sich mit zusammengegoogeltem Bot-Wissen und PR-Lyrik am Ende sogar publikumswirksamer Journalismus statt bloßem Klickidiklick-Patchwork erzeugen ließe. Fazit: Der Schuss ging gewaltig in den Ofen, die intellektuelle Ware erwies sich als leicht verderblich, der Geist verweigerte sich mal wieder den neoliberalen Weltgesetzen – und mit allen verfügbaren Fingern zeigt unser Verleger jetzt auf andere, auf ’seine Leute‘ nämlich:

„Tim Armstrong, Chef des als Medienunternehmen neu strukturierten Internet-Riesen AOL, zeigt sich bestürzt („horrified“) über die Leistungen seines Teams: Er f[indet] die Berichterstattung … chaotisch und unausgegoren.“

So chaotisch und unausgegoren wie Google höchstselbst vermutlich, wo die meisten Suchanfragen noch immer das Thema ‚Porno‘ und Artverwandtes betreffen. Bei Valleywag machen sie sich nur noch lustig über diesen Armstrong, der nie auf dem Mond gelandet ist, obwohl er doch offenkundig auf dem Mond lebt, inmitten von Bergen aus Excel-Sheets, die ihm mittels der tollsten CEO-Erfolgsformeln allesamt sagen, dass alles gaaanz wunnebar hätte laufen müssen sollen.

Der gesunde Menschenverstand, also nicht derjenige unserer ökonomistischen Mondkälber, der lacht sich derweil schlapp und sagt prustend jedem Erstklässler: „Ohne gute Schreiber kein guter Text, ohne guten Text keine treuen Leser, ohne treue Leser keine willigen Anzeigenkunden.“ Anders ausgedrückt: Das Geschäft kommt im Journalismus immer erst ganz zum Schluss, und ein Journalist läuft auch nicht der ‚Awareness‘ hinterher, er schafft sie, und das zu nahezu jedem beliebigen Thema durch die Art seines Schreibens – fragt sich, wann wohl der Herr Armstrong erstmals auch zu diesem Schluss kommen wird:

„Naive editors? Who „thought it was ready to go live“ and just have such low standards for their expectations for content that it took this magnificent CEO to swoop in and „catch that issue“? How about the fact that paying less-than-professional „writers“ a pittance to turn in thousands of „stories“ is just a stupid attempt at compiling content which defies editorial oversight? Crowdsourcing on the cheap makes not a curated, well-organized content-site …“

Merke: Nur weil du CEO geworden bist, und deinen Hayek und Friedman herbeten kannst, heißt das noch lange nicht, dass du auch Ahnung hast …

Soziale Raubtiere

Woran erkennen wir diese Wesen eigentlich sprachlich? Nehmen wir das folgende informative Beispiel, verfasst – vermute ich jetzt mal – von einem jüngeren und heutzutage sicherlich nicht sonderlich atypischen Mitglied privater Krankenversicherungen, der altersbedingt noch nicht in die immer lauter klappernde Mühle der steigenden Beiträge im privaten Bereich geraten ist. Diese Mühle nimmt ihre Arbeit bekanntlich erst dann auf, wenn ‚in den besten Jahren‘ die chronischen Zipperlein immer massierter auftreten:

„Ich kann immerhin bei der PKV noch selber bestimmen, was ich haben will und was nicht und muss nicht mit meiner Zwangsabgabe jeden Hartzie und Rentner, der jede Woche bei quersitzendem Furz, aus Langeweile und den Genuß, ein kostenloses „Bunte“-Abo zu nutzen, im Arztzimmer hockt.“

Zunächst einmal kann diese Nase, die sich selbst mit dem Pseudo ‚Besserverdiener‘ unübersehbar sozial charakterisiert, noch „selbst bestimmen“, ob sie überhaupt Solidarität praktizieren will. Bei solchen Leuten ist zehn zu eins zu wetten, dass sie eben das dann nicht wollen. Das Hippie-Ideal des selbstbestimmten Lebens wurde hier, am neoliberalen Ufer der Gesellschaft, längst ins Ökonomische gewendet und es wird mit dem Portemonnaie begründet.

Ein Hauch von Klassenkampf durchweht im Folgenden die Zeilen: Eingebildete Kranke seien diese „Rentner“ und „die Hartzies“, die stets doch nur unter imaginierten Beschwerden leiden, obwohl jede seriöse Statistik unserem Denkdussel zeigen könnte, dass soziales Ausgegrenztsein ernsthaft krank macht und dass im Alter die Morbidität ansteigt. Ein Skandal, so unser Intellektualzwerg weiter, sei es angesichts von „quersitzenden Fürzen“ beim Pöbel schon, wenn diese Figuren sich überhaupt noch zum Arzt trauen, bloß um dort die „Bunte“ kostenlos schnorrend zu lesen. Und das gelte ausnahmslos für „jeden Hartzie“ und „jeden Rentner“ in „jeder Woche“. Differenzbildung wurde diesem Mann wahrlich nicht in die Wiege gelegt – und seither ist mental auch nichts hinzugekommen.

Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder kann ich diese Figur für vollkommen verblödet halten und von aller Vernunft unbeleckt. Was aber unwahrscheinlich ist, sofern er wirklich ein Besserverdiener ist. Was bekanntlich nicht vor der ungewollten Mitgliedschaft in den eher ‚bildungsfernen Schichten‘ schützt. Auch das Herabsehen auf ‚grüne Blättchen‘ wie die „Bunte“ spricht für einen gewissen Elitarismus, der sich nicht auf Synapsen, sondern auf den Kontostand und Statussymbolik gründet. Oder aber, der Mann redet konsequent wider sein besseres Wissen – wiewohl konform mit seinen Interessen. Das dürfte die wahrscheinlichere Variante sein. Was mir aber an all diesen westerwallenden Zynikern und Realitätsverleugnern mit den eiskalten Herzen am meisten aufstößt, ist ihr bemühter Versuch, mit untauglichen sprachlichen Mitteln selbst bei einem Thema noch witzig zu sein, das überhaupt nicht witzig ist. Mich ekelt’s nur noch vor ihnen …

Obskur, aber gut

Viele einstmals stark gelesene Bücher sind heutzutage schwer zu greifen. Noch nicht einmal das ZVAB listet Exemplare zum Kauf. Was tun? Wer zeitgeschichtliche Texte ganz ohne philologischen Anspruch zur bloßen Lektüre sucht, insbesondere die ‚Reißer‘ des 19. Jahrhunderts, der wird auf der Homepage dieses Mathematikers vielleicht fündig – von Sir John Retcliffe und Hugo Bettauer über Ida Boy-Ed und Karl Spindler bis hin zu Möllhausen und Hackländer. Eine obskure, aber gute Adresse für Texte ohne Einband.

Gesundheitsprämie

Bekanntlich gefällt unseren Liberalen das Wörtchen ‚Kopfpauschale‘ nicht so gut. Zu nahe liegt es semantisch in der unerwünschten Nachbarschaft von ‚Kopfgeld‘ oder gar im renditesüchtigen Beritt abschlussorientierter ‚Kopfjäger‘ privater Krankenversicherungen. Also schufen die Mitglieder unserer schwarzgelben Drückerkolonne den Euphemismus der ‚Gesundheitsprämie‘. Mit wahrhaft durchschlagendem Erfolg:

„Ergebnisse 11 – 14 von 14 für Gesundheitsprämie. (0,11 Sekunden)“

So viel für heute zum Thema ‚Wirksamkeit von PR-Maßnahmen‘ …

John Henry Days

Ein radikal aufklärerisches Buch über jenen Journalismus, von dessen Zustand wir so rein gar nichts in der Zeitung lesen, ist von Colson Whitehead. Es heißt ‚John Henry Days‘ und gibt aus intimer Kenntnis heraus ein Charakterbild jener Schnittchen-Geschwader, die das Feld des Event-Journalismus beherrschen.

Tief in der Provinz von West Virginia wird feierlich eines gewissen John Henry gedacht, eines schwarzen Tunnelbauers, der einst gegen die erste Dampfmaschine einen legendären Zweikampf beim Tunnelvortrieb gewann. Um dann an den Folgen zu sterben. Wir erfahren nicht nur etwas von der ‚Liste‘, auf der zu stehen so wichtig ist, will ein mästungswilliger Journalist in die erste Reihe am Buffet vordringen. Auch die Pressetanten des Tourismus-Marketings kommen vor, die Machart der Artikel im ‚People-Journalismus‘ wird stilistisch bis ins letzte Detail seziert, die tiefe Verachtung des eben so dünkelhaften wie versoffenen Gesellschaftsjournalisten für jeden Lokalreporter erhält die verdiente Abfuhr … kurzum: Es ist eine ‚Journalistenschule‘ der etwas anderen Art.

Whitehead weiß, wovon er redet, er ist schließlich selbst ein gestandener Schreiber für ‚Village Voice‘ und ‚New York Times‘. Und natürlich soll dieser Hinweis eine Leseempfehlung meinerseits sein. Als Appetitanreger hier eine kleine Stilprobe über die real existierende Schwundstufe des modernen Quantitätsjournalismus, von mir höchstselbst in die Tastatur getippselt:

„… Sie drehen sich um und erblicken Tiny und Frenchie, zwei Söldnerkameraden in ihrem heimlichen Krieg gegen die Schreib- und Lesekundigen Amerikas. Sie treffen sich an den Zeitungskiosken, reiben sich in den Autorenverzeichnissen von Hochglanzmagazinen, begegnen sich aber vorwiegend so wie jetzt, am Vorabend des Krieges, hungrig, in der Nase die Witterung von Freikarten und Gratisgaben … Die Sache, um die es geht: das amerikanische Urrecht auf freie Meinungsäußerung – die Freiheit, ohne Furcht vor Zensur die Leute so gründlich zu verführen, zu verwirren und auf andere Weise abzulenken, dass sie unverdrossen dem Pop huldigen. Ihre Ideale: die heilige Unantastbarkeit der Quittung, zwei Dollar pro Wort, Reisekosten. … “ (S. 66 f).

Anders ausgedrückt – dem derzeitigen Journalismus fehlt es an ‚Selbstaufklärung‘. Wer macht’s?

Negative Utopien, die keine sind

Das, was der Herr Professor Volker Lilienthal dort in eine imaginierte Zukunft hinein projiziert, klingt für mich eher wie ein Beschreibung des Ist-Zustandes unseres real existierenden Journalismus. Eine positive Utopie, wie sie in Festreden auf Verlegertagungen gelegentlich vorkommen mag, die beschreibt er also als faktisch existent, seine negative Utopie aber ist längst schon eine Zustandsbeschreibung des ‚real life‘ im Journalismus:

„Lassen wir uns für einen Moment auf den Gedanken ein, es gäbe keinen Journalismus mehr. … Das Radio bestünde aus nichts mehr als endlosen Musikteppichen, hin und wieder unterbrochen von Titelansagen, Verkehrsberichten oder Plaudereien, die unterhaltsam sein sollen, aber bestimmt nicht journalistisch sind. Verlässliche Nachrichten zur vollen Stunde? Vorbei und vergessen. Das Fernsehen füllte seine Sendestrecken rund um die Uhr mit Fiction und Shows – Drama hoch drei also und das beständige Allotria des Amüsements.“

Ich könnte natürlich auch sagen: Er malt uns die Gegenwart als Teufel an die Wand …

Nebelbomben werfen

Auf Kritik antwortet ein normaler Mensch, indem er die Argumente der Kritiker widerlegt und entkräftet. Nicht so Guido Westerwelle. Statt zu sagen, weshalb die persönliche Auswahl einer Außenminister-Entourage aus Event-Managern und selbsternannten Asienberatern den Südamerika-Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland mehr nützen soll, als eine vom diplomatischen Korps vielleicht seriöser und effektiver zusammengesetzte Delegation, da wittert er stattdessen eine politische Verschwörung und betreibt auf dem NRW-Parteitag der FDP das gute alte ‚Rally around the flag‘: Der Führer der verschworenen Clique brüllt dann lauthals ‚Zu mir, Überfall!‘ – und alle Getreuen scharen sich fest um den Maximo Leader. Zu besichtigen war dies eben dort …

Eine linke Mehrheit wolle also an die Macht, so Westerwelle, dies bildet den fixen Kern seiner Verschwörungstheorie. Ja, Herrgott! Erstens müssen von der FDP aus gesehen alle anderen Parteien derzeit wohl ‚links‘ erscheinen, zweitens ist es in demokratischer Hinsicht völlig legitim, dass in einem Wahlkampf andere demokratische Parteien selbst ‚Großwezir anstelle des Großwezirs‘ werden wollen. Bekanntlich ist das der Sinn aller Politik in einer Demokratie: Friedlichen Wechsel auf Wunsch des Wählers herbeizuführen – oder auch nicht.

Was Westerwelle rhetorisch zur Zeit betreibt, das ist das probate Mittel all derer, die nichts mehr auf der Pfanne haben, als ihr Feindbild. Blanke Selbstverständlichkeiten werden dann mit dem krakeelenden Gestus eines Volkstribunen herausgetutet, die Hormone des Publikums werden mit Hilfe von Reizvokabeln aufgequirlt. Er sei der letzte Aufrechte, schreit er dann, ein Märtyrer der Wahrheit, der sich einzig und allein noch das zu sagen traue – was doch längst die Spatzen von allen Dächern pfeifen: In NRW steht am 9. Mai, wenn sich die Auguren nicht fundamental irren sollten, eine linkere Mehrheit tatsächlich vor der Tür. Also eine Mehrheit ganz ohne FDP, auch deshalb, weil sich deren Anführer längst vollends unmöglich gemacht hat.

Auf wen Westerwelle mit seinen verbalen Nebelbömbchen hofft? Ich nehme mal an, auf die Armen im Geiste … im Falle der FDP also auf das Fähnlein der letzten Aufrechten …

Life’s a Carousel

Die Sprache mit ihrem starken Magen mag sich vom Wortschatz her verändern. Hie und da wird eine neue sprachliche Pretiose – bspw. ‚Benchmarking‘, ‚Leistungsträger‘ oder ‚Volatilität‘ – dem alten Bluff aufgepfropft, die Tiefenstruktur der Argumentation aber bleibt sich gleich. Oft über Jahrhunderte hinweg. Ein Beispiel:

Am Beginn der Industrialisierung herrschte in England eine beispiellose Armut, der sog. ‚Pauperismus‘, verschärft noch durch Missernten, hohe Kornzölle im Interesse der Gentry und die massenhafte Einwanderung von Iren. Angesichts der Überlastung der traditionellen Armenfürsorge setzte die britische Regierung 1832 eine ‚Königliche Kommission‘ ein, bestückt mit den Sinns und Rürups der damaligen Zeit. Sie sollten die Ursachen dieses Elends ‚erforschen‘.

Diese Kommision kam zu wahrhaft revolutionären Folgerungen, die einer bisher noch immer christlich fundierten ‚Caritas‘ geradewegs ins Gesicht schlugen: Die Arbeiter würden deshalb nicht arbeiten, weil die öffentliche Fürsorge ihnen mehr eintrüge als die real existierenden Hungerlöhne auf Englands Farmen und in der Industrie. Die Handlungsempfehlungen lauteten jetzt nicht etwa, dass die Löhne steigen müssten, nein, die ‚Experten‘ kamen zu dem Schluss, „dass die Unterstützung gesunder Arbeiter mit öffentlichen Geldern die Wurzel allen Übels“ sei. Das englische Parlament beschloss daraufhin im Jahr 1834 das „Poor Law“, um dem faulen Pack Beine zu machen. Die Alternative für einen Armen lautete jetzt, Arbeit auf dem ‚freien Markt‘ für ungenügenden Lohn, oder aber Arbeit für ‚Sachleistungen‘ in einem Armenhaus bei Wasser und Brot – mit anderen Worten: Sie gingen ins Gefängnis, weil aus der Armut ein Verbrechen wurde. Im Kern ging es diesen Experten darum, „das Los des von den steuerzahlenden Bürgern erhaltenen Paupers weniger begehrenswert zu machen als das des ärmsten für sich sorgenden Arbeiters„. Das Lohnabstandsgebot war geboren.

Das „Poor Law“ wirkte dann allerdings anders als gedacht: Es kam zu blutigen Straßenunruhen, die Unterschichten organisierten sich erstmals, und das Gesetz wurde zur Geburtsstunde der Chartisten, einer Bewegung, die mittelfristig mit der Forderung nach einem freien und gleichen Wahlrecht auch die Privilegien der geld- und grundbesitzenden Eliten hinwegfegen sollte.

So gesehen, sind Westerwelle und Consorten heute immerhin schon – oder noch immer – auf dem politischen Bewusstseinsstand von 1832 angelangt. Die sprachlichen Moden wechselten, die Argumente blieben. Ob unsere ‚Liberalen‘ allerdings die absehbaren Folgen im Kopf haben, die in England schon einige Jahre später einsetzten, das glaube ich nicht. Man sieht aber, dass vieles, was heutzutage unter dem Etikett ‚Reform‘ segelt, blanker Traditionalismus ist, liberaler Traditionalismus sozusagen …

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