Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Februar 2010 (Seite 2 von 2)

Öchsperten – ein altes Problem

Wenn daher die Wilden meinen, die Affen reden nicht, um nicht arbeiten zu dürfen, so irren sie sich: denn bei uns reden sie eben deswegen.
(Jean Paul: Bittschrift der deutschen Satiriker. II, 1, 607)

Föjetong und Festlichkeit

Ach, kaum war endlich mal Ruhe eingekehrt – da verspüre ich notorischer Miesmacher an diesem Text doch schon wieder einen Hauch jener ominösen Krise: „Von Medienkrise war … anlässlich Hubert Burdas 70. Geburtstag … nichts zu spüren.“ Prompt kam nämlich dort ein berufsjugendlicher Hansdampf „als Überraschungsredner“ ans Pult gestürmt, ein anderer „machte eine ausgezeichnete Figur“. Dann gab’s noch „eine Video mit Geburtstagsgrüßen“ – Bastian Sic! ließ herzlichst grüßen. „Unterschiedliche Gratulanten“ kamen und gingen, und nicht immer bloß dieselben, wie’s ja bei dieser „festlichen Gelegenheit“ auch nicht zu erwarten war. Eine leibhaftige „Schlager-Legende“ griff tief ins Büffet und ins Klavier, was aber keinesfalls das einzige und „erste Highlight“ blieb. Auch ein Roboter „trieb sein Unwesen“. Gut gelaunte Gäste hatten sich derweil „mit Frack und Zylinder“ beworfen – oder so ähnlich – kurzum: klipperdiklapp, plapperlapapp, tandaradei. Das muss wohl ein wahres Festival der Stenze und Stanzen gewesen sein … von Medienkrise aber keine Spur.

Was ich immer sage:

Das, was einstmals Journalismus hieß, ist heute nur noch ein mediales Grundrauschen. Irgendwann hört man es nicht mehr:

„Die Zeitungsredaktionen richten sich nach dem Fernsehen, das Fernsehen hört die Morgensendungen des Rundfunks, der Rundfunk orientiert sich an den Zeitungen. Dieser Leerlauf produziert das mediale Geräusch der Epoche – alles unisono. Die gleichen Themen, der gleiche Ton.“

Aber von ‚Gewichtung des Informationsflusses‘ schwätzen, statt von rettungsloser Selbstbezüglichkeit. Eine geschlossene Gesellschaft, fern der Gesellschaft, aber dafür am Katzentisch der Macht …

Bücherlisten

Weil ich hier wieder mal über eine Liste jener Bücher stolperte, die angeblich jedermann gelesen haben sollte, setze ich einfach mal – streng prosaisch – meine eigene Liste dagegen (die Reihenfolge sagt nichts über den Rang aus, wer ein Drittel davon kennt, nähert sich in meinen Augen der Satisfaktionsfähigkeit):

1. Knut Hamsun: Hunger
2. Albert Paris Gütersloh: Sonne und Mond
3. Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen
4. Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre
5. Wilhelm Raabe: Stopfkuchen
6. Gottfried Keller: Der grüne Heinrich
7. Alfred Döblin: Wallenstein
8. Heimito von Doderer: Die Dämonen
9. Jack Kerouac: On the Road
10. Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften
11. Franz Kafka: Das Schloss
12. Hermann Hesse: Narziss und Goldmund
13. Theodor Fontane: Der Stechlin
14. Erich Kästner: Fabian
15. J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe
16. Anton Cechov: Die Steppe
17. Leo Tolstoi: Auferstehung
18. Emile Zola: Der Bauch von Paris
19. Jean Genet: Notre Dame des Fleurs
20. Charles Dickens: Bleakhouse
21: Maxim Gorki: Klim Samgin
22. Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Grey
23. Joris Karl Huysmans: Da unten
24. Sherwood Anderson: Eines Geschichtenerzählers Geschichte
25. Stendhal: Rot und Schwarz
26. Herman Melville: Moby Dick
27. Wassilij Grossman: Leben und Schicksal
28. Jan Graf Potocki: Die Handschrift von Saragossa
27. Miguel Cervantes: Don Quixotte
28. Ernest Hemingway: Inseln im Strom
29. Casanova: Die Geschichte meines Lebens
30. Francois Rabelais: Gargantua und Pantagruel
31. Jean Paul: Siebenkäs
32. Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm
33. Heinrich Albert Oppermann: Hundert Jahre
34. Jeremias Gotthelf: Die Käserei in der Vehfreude
35. Kuno Raeber: Alexius unter der Treppe
36. Upton Sinclair: Der Dschungel
37. Nikolaij Gogol: Die toten Seelen
38. David Foster Wallace: Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich
39. Laurence Sterne: Das Leben des Tristram Shandy
40. Johann Carl Wezel: Hermann und Ulrike
41. Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
42. Johann Gottwerth Müller: Siegfried von Lindenberg
43. Hans Fallada: Wolf unter Wölfen
44. Peter Rühmkorf: Die Jahre, die ihr kennt
45. Ludwig Thoma: Altaich
46. Frank Schulz: Morbus Fonticuli
47. Clemens Brentano: Godwi
48. Heinrich Heine: Lutetia
49: Ilja Ehrenburg: Das bewegte Leben des Lasik Roitschwanz
50. Christian Reuter: Schelmuffskys curiose und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und Land
51. Joseph Conrad: Sieg
52. Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus
53. Luigi Pirandello: Die Aufzeichnungen des Kameramanns Serafino Gubbio
54. Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe
55. F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht
56. Wilhelm Busch: Balduin Bählamm
57: Karl Immermann: Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken
58. Alain René Lesage: Gil Blas
59. Christoph Martin Wieland: Die Abderiten
60. Bertolt Brecht: Der Dreigroschenroman
61. E.T.A. Hoffmann: Klein Zaches genannt Zinnober
62: Erckmann-Chatrian: Ein Soldat von 1813
63: Michel de Montaigne: Essais
64. Pietro Aretino: Hetärengespräche
65. Fjodor Dostojevskij: Die Dämonen
66. Achim von Arnim: Die Kronenwächter
67. Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht
68. Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum
69. Vladimir Nabokov: Durchsichtige Dinge
70. Ödon von Horvath: Jugend ohne Gott
71. Sinclair Lewis: Babbit
72. Edgar Allan Poe: Arthur Gordon Pym
73. Jonathan Franzen: Die Korrekturen
74. Raymond Chandler: Die kleine Schwester
75. Lion Feuchtwanger: Erfolg
76. Heinrich Mann: Der Untertan
77. Joachim Ringelnatz: Als Mariner im Krieg
78. Henry Roth: Ein schwimmender Fels am Ufer des Hudson
79. Ulrich Holbein: Narratorium
80. Arno Schmidt: Leviathan
81. Karl Philipp Moritz: Anton Reiser
82. Samuel Pepys: Die Tagebücher
83. Jonathan Swift: Gullivers Reisen
84. Gustave Flaubert: Salammbo
85. Alvaro Mutis: Die Abenteuer und Irrfahrten des Gaviero Maqroll
86. Daniel Defoe: Moll Flanders
87. Italo Svevo: Zenos Gewissen
88. Iwan Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers
89. Wolf von Niebelschütz: Kinder der Finsternis
90: Voltaire: Geschichte Karls XII.
91. Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel
92. Tom Wolfe: Fegefeuer der Eitelkeiten
93. Ambrose Bierce: Des Teufels Wörterbuch
94. Sebastian Brant: Das Narrenschiff
95. Isaak Babel: Budjonnys Reiterarmee
96. Ludwig Börne: Briefe aus Paris
97. John Steinbeck: Früchte des Zorns
98. John Cowper Powys: Glastonbury Romance
99. Gustav Meyrink: Des deutschen Spießers Wunderhorn
100. Gilbert Shelton: Die Freak Brothers

Na also – ging doch! In einer Dreiviertelstunde hatte ich es in die Tastatur gehämmert, ganz ohne Autorendoppelung. Sehr viel ‚klassischer‘ als die Vorlage, ich weiß. Was lese ich auch ständig solch alten Scheiß! Ergänzungen willkommen.

Muss ich das nun verstehen?

Nö – das muss ich nicht:

„Helene Hegemann zeigt sich darin ganz als Kind einer Kultur, die das Collagedenken des Dadaismus und die postmoderne Intertextualität in die Ära des popmusikalischen Sampling und der Mashup-Ästhetik des Internets überführt hat.“

Eine literarische Transportunternehmerin also …

Ramsauer und die Grammatik

Tscha – wer sich als kühner Toitsch-Sprach-Bewahrer kopfüber in den großen Kampf gegen migrantenmäßig wuchernde Anglizismen stürzt, der sollte doch zumindest mit der Statik der deutschen Sprache ein entspanntes Verhältnis pflegen. Es muss ja nicht gleich erotisch sein. Das aber ist natürlich nur meine unmaßgebliche Meinung:

„Die deutsche Sprache aufzunehmen, halte ich für ein bemerkenswertes Anliegen, mit der man sich auseinander zu setzen hat. Aber genauso wichtig ist es, die deutsche Sprache auch zu praktizieren.“

Feste üben, Herr Ramsauer, immer nur feste üben! Dann wird es selbst in Ihrem Fall mit dem ‚Praktizieren‘ sicherlich auch noch etwas …

‚Krise‘ – gibt es nicht:

Im gehobenen Sprachgebrauch heißt es immer nur ‚Probleme bei der Außendarstellung‘ oder ‚missverständliche Kommunikation‘. Deshalb wird bei dem Treffen, das einige unverantwortliche Journalisten schon eilfertig die ‚FDP-Krisensitzung‘ tauften, stundenlang nur über ein Thema geredet werden, das laut Parteichef thematisch doch gar nicht existiert. Es sei halt eine typische ‚Arbeitssitzung‘, auch wenn dort kein Mensch im strengen Wortsinn arbeiten wird – außer den Kellnern vielleicht. Auch Lady Cornelia Helmchen, die intellektuelle Leuchtturmwärterin des Liberalismus in Deutschland, bestätigt mich in meiner Nullsprech-Diagnose:

„Die stellvertretende FDP-Vorsitzende Cornelia Pieper wies allerdings am Freitag Berichte zurück, es handele sich um eine Krisensitzung.“

Kollektivmonolog

Es war zwar der Günther Anders, der das Wort vom ‚Kollektivmonolog‚ prägte, und dies auch noch in einem anderen Zusammenhang. Als Bezeichnung für das, was ein heutiger Leser erblickt, schaut er auf die Verbalsteppe aus Tagesjournalismus und Politröhricht, wo nur nur hie und da noch ein verirrter Tumbleweed frucht- und ziellos durch die endlosen und dürren Zeilen staubgrauen Gemöhres rollt, taugt das Wort aber auch …

Verleger vs. Verkäufer

Das eine funktioniert nicht ohne das andere – deshalb gab es in Zeitungen früher die Redaktion und die Anzeigenabteilung. Die Verkäufer waren für die Garnitur mehr oder minder interessanter Artikel mit bunten Anzeigen zuständig und für die Abonnentenwerbung, die Redaktion hatte den Auftrag, eine möglichst große Öffentlichkeit durch ihre Geschichten zu erzeugen.

Heute stecken die Zeitungen in einem echten Dilemma: Versuchen sie eine möglichst große Reichweite – auch online – zu erzielen, dann müssen sie die Schotten zur Öffentlichkeit weit öffnen. Sonst bleiben sie allein zu Haus. Versuchen sie aber, ihre (angeblich) kostbaren Inhalte vor unverantwortlichen, weil unbezahlten Zugriffen zu schützen, dann panzern sie ihren Dampfer mit hohen ‚Paid-Content-Verhauen‘, so wie die Reeder es derzeit vor Somalias Küsten tun. Mit dem Effekt, dass kaum jemand – weder ‚Piraten‘ noch zahlende Fahrgäste – zu ihnen an Bord klettert, weil die meiste informationelle Ladung nahezu unverändert ja auch anderswo zu finden ist. Prompt bleibt auch die Werbung aus, die ja auf ‚Masse‘ setzt. Die bestehende Wahl lautet also: Pest oder Cholera, kein Geld durch freie Verfügbarkeit, oder kein Geld durch mangelnden Zulauf.

Wir lagen vor Madagaskar, und hatten die Pest an bord ...

Wir lagen vor Madagaskar, und hatten die Pest an Bord ...

Vorangetrieben wird die Entwicklung noch dadurch, dass auf allen Vorstandsbrücken die Verkäufer mit den Gelfrisuren die Verleger mit den Denkertollen längst verdrängt haben. Dabei verspricht – mittelfristig, und soweit ich das sehe – nur der Weg des Verlegers auf dem Meer der Nachrichten noch Erfolg. Der Weg desjenigen also, der mit einem bestimmten politischen oder sozialen Ziel vor Augen eine Nachrichtenquelle seriös betreibt, um gesellschaftlich bestimmte Ziele zu erreichen, indem er einen klaren Kurs fährt.

Die Wahl stellt sich also so dar: Gleich die Ventile öffnen, um das lecke Schiff mittels Paid Content und aus Angst vor den Piraten sofort auf Grund zu setzen, wie es die Verkäufer wollen. Oder doch zu versuchen, die rettende Küste noch zu erreichen, in der Hoffnung, dass bis dahin ein tragfähiger Schlepper namens ‚Bezahlmodell‘ aus dem Küstennebel auftauchen könnte.

Zur Zeit regieren allerdings weithin die Selbstversenker … ich würde, vor die Wahl gestellt, mich für die ‚Cholera‘ entscheiden, und sei es nur, um Zeit zu gewinnen. Die Mortalität ist bei dieser Krankheit einfach geringer, die Cholera ist besser als die Pest an Bord …

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