Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Februar 2010 (Seite 1 von 2)

Ein gelungener Chiasmus

Banken, die mit Staatsgeld vor dem Bankrott bewahrt wurden, spekulieren nun auf den Bankrott von Staaten.“

Der Politiker, der in der Opposition gegen die Regierung krakeelte, opponiert als Regierung dann gegen die Krakeeler. Kreuzstellungen wirken immer intelligent und witzig … mit anderen Worten: Diese rhetorische Figur bringt die Zuhörer auf unsere Seite.

Metaphorischer Dilettantismus

Auf dem weiten Feld der Kultur blühen die schönsten Giftblüten. Zum Beispiel hier:

FDP-Generalsekretär Lindner sagte: „Wieder einmal vergiftet die SPD die politische Kultur.“

Wie bitte? Wieder einmal? Wir darf ich mir das vorstellen? Handelt es sich hier vielleicht um einen Fall von politisch motiviertem Leichenmord? Wurde die schöne Verblichene von sozialdemokratischen Grabschändern exhumiert, wurden ihr erneut die bläulich starren Lippen von ungehobelten Proletenhänden aufgehebelt, um ihr dann eine gut dosierte Kelle ‚Kulturtod‘ einzuflößen, randvoll mit Informationen über Westerwelles todbringende Nebenjobs? Ist die Kultur gar eine Katze, die bekanntlich über sieben Leben verfügen soll?

Oder ist es ganz einfach so, dass die Kultur immer wieder von der Bahre der Totgesagten aufersteht, ganz egal, was sprachdumpfe Generäle über ihr Ableben verkünden? Hier eine Klippschulweisheit für unsere Funktionäre: Politische Kultur ist immer dann am lebendigsten, wenn ihr euch nach Leibeskräften auf die Fresse haut.

Die Grammatik der Schizophrenie

Das Hexeneinmaleins ist längst die Grundrechenart der feinen Gesellschaft geworden: Die oben liegen in ethischer Hinsicht in der untersten Schublade, und die einstmals so geschätzte Geschäftsmoral hat sich in selbstgefällig geblähte Spekulationsblasen verwandelt, wo nur der richtige Zeitpunkt beim Ein- oder Ausstieg über Gut und Böse entscheidet, nicht länger das gute Betriebsergebnis oder die Zukunftsperspektive eines Unternehmens – alles natürlich streng im rechtlichen Rahmen.

So wirr und misanthrop jedenfalls fühlte ich mich, als ich gestern in der ARD – ziemlich fassungslos – das große Feature über den Untergang des Karstadt-Quelle-Konzerns verfolgte. Ein Konzern, den sich offenbar einige Finanzmanager systematisch ‚zu eigen‘ gemacht hatten, um der fetten Beute überall ihre Blutegel zu setzen – dies jedenfalls war die argumentativ bestens unterfütterte Tendenz des Reports (Leider ist die Sendung bisher in der ARD-Mediathek nicht online verfügbar, vielleicht bin ich aber auch nur zu blöd, sie zu finden. Eine Besprechung der Sendung findet sich hier.).

Bemerkenswert war die Chuzpe, mit der ein zweifellos Hauptverantwortlicher wie Thomas Middelhoff sich als ein ‚Marschall Vorwärts‘ versuchte. Überlegen lächelnd stellte er sich auch den unangenehmen Fragen der Reporter, wobei er sprachlich in schönstem Ökonomurks seinen Crash-Kurs nachträglich rechtfertigte, obwohl er in meinen Ohren nur große Wolken von Sprachstaub und Marketing-Sprech aufwirbelte. Eine kleine, unauffällige Redefigur, die der Herr Middelhoff einleitend nicht nur einmal gebrauchte, stieß mir auf:

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Der Dichter sagt Servus

Alles klar – ich verstehe: Wer noch einmal ‚Plagiat‘ zu diesem adoleszenten Wunderwerk europäischer Höchstliteratur sagt, der hat sich aus dem Raum der Literatur so zu schleichen, wie ein indezenter Gast, der im Nobelrestaurant ‚Zum Wahren und Guten‘ einen Furz gelassen hat:

„Wer nur bis Namen und Handlungsorte kommt, dem wird die Gabe fehlen, sich überwältigen zu lassen selbst von diesem Buch, dessen Berückungsmacht ganz unvergleichlich ist in seiner Einheitlichkeit von Sprache und Lebensgefühl, die keine Lücke lässt, in seiner Geschlossenheit persönlicher Struktur, die etwas Fremdes zu dulden sich gar nicht in der Lage sieht. Sphären ohne Raum und Atem Hand aufs Herz, mir scheint, die Behauptung, in diesem Buch sei irgend etwas unverarbeitet liegengeblieben, quellenmäßig übernommen, entlehnt oder gestohlen, entspringt einem Mangel an Gaben. Es wäre genauso richtig und genauso sinnlos zu sagen, das Auge habe das Protoplasma bestohlen oder die Träne die Elemente, weil sie Chlornatrium enthält. Jeder Ursprung ist schließlich materieller Art, aber was Rainald Goetz, Jim Jarmusch oder den Text „Strobo“ des Bloggers Airen angeht, so kommen sie in diesem Buch schlecht weg: wo immer in ihm das Thematische sich nähert, wird es aufgelöst in den konstruktiven Affekt, das Authentische des Vorbilds in die Ordnung eines reflexiv Notwendigen, wo immer man die Seiten aufschlägt, tragen sie den Schein einer Schönheit, die ohne Makel, und die Gesetzmäßigkeit einer Szene, die die volle und krasse Echtheit ist.

Kapiert – ‚Echtheit‘ ist hinfort das Abgeschriebene. Auch Grammatik ist im hymnischen Bereich bloß für die Armen im Geiste. Davon und deshalb schleiche ich mich jetzt davon. Was treibt bloß all diese älteren Herren in die Disco-Szene? Und schreibt dieser Durs Grünbein eigentlich für Ullstein? – Nö, es ist Suhrkamp …

Nachtrag: Immerhin – er hat auch mich verarscht …

Schwundstufe

Über den Journalismus in den Zeiten seines fortschreitenden Verfalls:

Ich habe viel über Journalismus gelernt in dieser Woche – und wenig, was ich wissen wollte.

Apropos – bei meinem Eingangssatz handelt es sich um ein leicht verfremdetes ‚Plagiat‘. Wer die Quelle herausfindet, darf sie behalten …

via: Bildblog – man beachte beim Wortvogel auch die Kommentare zur zeitlichen Koinzidenz von journalistischen Vorwürfen und verlegerischen Veröffentlichungsterminen …

Außer Rand und Band

Am Titel hätte man es bereits merken können: Ein Buch, das ‚Axolotl Roadkill‚ heißt, das vom Titelklang her also eher an eine überfahrene Kröte in den Gassen von Tijuana erinnert, und von der Semantik her an zusammengekleisterte Undinge wie bspw. ‚Tattoo Smorrebrod‘ oder ‚Plättbrett Sadistics‘, ein solches Buch also kann einfach nicht gut sein. Ohne den Band aufzuschlagen, weiß dies jeder halbwegs begabte Leser. Nicht so unser Föjetong.

Ein längst gut abgehangener Maxim Biller versucht sich da an dem Beweis, dass er im Gegensatz zu anderen Zeitgenossen ‚jung geblieben‘ sei ( … jetzt ist wieder ein Roman da, vor dem sich jeder, der über dreißig ist, hüten sollte …). Ach, hätte er’s doch getan! Ihm wächst das Grautier doch schon aus beiden Ohren heraus, der Mann ist immerhin Jahrgang 1960 und damit weit über das hier geschilderte Instant-Discofick- und zugedröhnte Ponyhof-Alter der Verfasserin hinaus. Dieser ‚Kritiker‘ versteigt sich ohne jeden Anflug von Ironie hin zu blankem Schwachsinn: Das Deutsch der Verfasserin sei so „suggestiv wie Sowjet-Propaganda„, was uns nur zeigt, dass Biller wohl nie eine Zeile solch schnarchlangweiliger Politbüro-Propaganda gelesen hat, und es sei „so verführerisch individuell, dass ab morgen bestimmt hundert andere deutsche Schriftsteller … den Hegemann-Sound nachmachen werden„. Aha- individuell ist folglich, wenn es alle nachmachen können. Ja, geht’s denn noch?!

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Horizontal und vertikal

Es war Kurt Tucholsky, der Texte mit Hilfe dieses Maßstabs unterschied. Unter dem Titel „Horizontaler und vertikaler Journalismus“ erschien am 13. Januar 1925 ein Text von ihm in der ‚Weltbühne‘ (GA VII, 26ff), der zwei grundlegende Textsorten im Journalismus skizzierte. Beide gibt es bis heute – hier zunächst die Beschreibung des ‚horizontalen Schreibers‘, der sich dadurch auszeichnet, dass er zwanghaft alles mit dem Gewohnten vergleicht:

„Wir haben den horizontalen Journalismus, der den reisenden Berichterstatter in seiner Klassenebene lokal verändert. Herr Schulz wird nach Rom, Herr Young nach Berlin versetzt. Was geschieht – ? Sie vergleichen die Fahrweise der elektrischen Bahnen, die Preise, die Bauart der Häuser, die Läden in der Fremde mit den Einrichtungen des Vaterlandes, immer aufgrund ihrer gewohnten Anschauungen; und berichten so in die staunende Heimat … Der horizontale Journalismus läßt viel sehen, aber nicht das Interessante.“

Der horizontale Journalist bleibt also immer derselbe Stenz, der er schon in Wanne-Eickel war: seinem Milieu verhaftet, unfähig, Atmosphäre einzufangen, die Lebensumstände, das Fühlen und Denken der Menschen zu begreifen. Altkluge Weisheiten sind die Folge, die immer auf einem Vergleich fundieren, gepackt in den adjektivreichen Sound des Feuilletons und der Reiseprospekte: „Das umherschweifende Leben in der endlosen Wüste hat aus den Beduinen harte und erbarmungslose Krieger geformt, auch die tagelangen, schneidenden Sandstürme und die unbarmherzige Glut der Sonne, die das Verlangen nach europäischem Komfort für den Reisenden zu einer Fata Morgana machen„. Ja – woher will der denn das wissen? Hat er lange im Schatten der Dünen gelebt, oder ist er doch nur ein Europäer auf Stippvisite? Es könnte ja auch die Religion sein, die dazu führte, die Sitten, die Habgier, der umgebende Despotismus – was weiß ich? Nichts, nichts, nichts weiß ich, sobald ich in ein fremdes Land komme. Ich bin nur ein weißes Blatt Papier.

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Hehlersprache

Merke – erst wenn’s gedruckt ist, ist es justiziabel. Vorher ist es nur wahr:

„Diese Infos kann ich Ihnen leider nicht in Form einer Broschüre geben, da wir keinen Tax advice abgeben (die Info stimmt trotzdem; wir erstellen mehrere solche pro Jahr und das System funktioniert gut).“

Liberalismus wie Sozialismus

Im Kern unterscheiden sich die beiden politischen Theorien weniger, als dies die Kontrahenten wohl meinen: In beiden Fällen erleben wir den Versuch von Systembestandteilen, sich als Beobachter über ihr System zu stellen, in dem sie doch intellektuell befangen sind, sie versuchen also im imaginierten God-Like-Modus, die Wirklichkeit an abstrakte Ziele eines einzigen Systembestandteils anzupassen.

Die Maschine kann sich aber nicht außerhalb ihrer selbst stellen, selbst eine intelligente Waschmaschine könnte über nichts anderes als das Waschen ’nachdenken‘, auch nicht die Waschtrommel als ein Teil von ihr, selbst die Ökonomie hat aufgrund ihrer fundamentalen Selbstreferentialität nichts anderes als Ökonomisches im Kopf. In der Folge solcher Geistesverwirrung setzen sich dann der Markt oder die Gesellschaft absolut. In der Kybernetik spricht man vom Problem des Beobachters zweiter Ordnung, man kann nur adäquat über die eigene Situation reflektieren, wenn man sich der systemischen Begrenztheit seiner Perspektive und seiner Lösungsansätze, wie auch seiner Position ‚im System‘, ständig bewusst ist.

Der ‚materiell-moralische‘ Sinn derartiger Selbstüberhebung von Individuen ist in beiden Fällen wiederum gleich, es ist der Impetus des Privilegs: In der DDR hieß dieser Sinn Wandlitz, in der Bundesrepublik Crédit Suisse.

Die Ölprinzen

Zum Thema der Intelligenzwerdung gibt es neuerdings besonders ‚einsichtige Einsichten‘, die dazu noch den Vorteil haben, dass sie auf (natur)wissenschaftlicher Grundlage stehen. Ich will bei meinen Quellen nicht ins Detail gehen, wen es interessiert, der möge unter Suchbegriffen wie Gerhard Roth, Humberto Maturana, Kognitionswissenschaft, Konstruktivismus oder Metaphernforschung näheres nachschlagen.

Das Bild, das sich inzwischen zeigt, bietet eine Erklärung dafür, weshalb so viele junge Menschen bei formal hoher Qualifikation trotzdem dumm und unflexibel bleiben. In meinem privaten Sprachgebrauch spreche ich bei diesem Typus von ‚den Ölprinzen‘, was nicht heißen soll, dass nicht die eine oder andere Prinzessin darunter ist.

Zur Sache – und in gebotener Verkürzung: Der Mensch wird erst durch Reduktion seiner anfänglichen Gehirnkomplexität ‚intelligent‘, weniger wird hier gewissermaßen mehr. Zum Zeitpunkt seiner Geburt ist er ein komplett vernetztes System: Jede Gehirnzelle steht mit nahezu jeder anderen in Kontakt. Die große Lehrmeisterin, die Erfahrung, räumt dann ab den ersten Lebensmonaten in diesem Überfluss gewaltig auf: Erhalten bei der nun einsetzenden großen Reduktion bleiben jene ‚Cluster‘, die auch gebraucht wurden. Je mehr und je unterschiedlichere Erfahrungen ein Mensch schon früh macht, desto feiner strukturiert bleibt folglich auch sein Gehirn. Die restlichen Verbindungen sterben ab oder treten in den Hintergrund. Daher kommt es darauf an, schon dem Säugling und Kleinkind möglichst viele Anregungen und Kontakte mit der Erfahrungswelt zu bieten, damit es überhaupt die Chance hat, intelligent zu werden. Intelligenz ist also nicht angeboren.

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