Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Januar 2010 (Seite 1 von 2)

Berufsbild Opposition

Was für uns während der Weimarer Republik Tucholsky oder Kisch waren, dass war zu jener Zeit für die Amerikaner H. L. Mencken, der Publizist des Jazz-Zeitalters. Ein Mann, dem nicht nur die erste linguistische Bestandsaufnahme der ‚amerikanischen Sprache‘ gelang, sondern der auch als Texter wie als Herausgeber die öffentliche Meinung der Vereinigten Staaten tiefgreifend prägte. In seinen Tagebüchern gibt er – angewidert von der ‚Kapitulation‘ der amerikanischen Presse vor Roosevelt’s New Deal und der Kriegszensur – eine Definition der journalistischen Aufgabe, die bis heute Gültigkeit haben könnte, nur leider nicht hat. Eine Zeitung habe den Regierenden, egal von welcher Partei, vor allem Paroli zu bieten und dem ‚common sense‘ Gehör zu verschaffen:

„Die Funktion einer Zeitung besteht in einer Demokratie darin, den herrschenden Quacksalbern eine Art Daueropposition zu bieten. Sobald sie versucht, deren Gejohle noch zu übertreffen, büßt sie ihren Charakter ein und macht sich lächerlich. … In Raucherabteilen und Friseurläden hört man vernünftigere Ansichten als in den Leitartikeln einer angeblich abgeklärten, intelligenten und integren Zeitung. Das dürfte sich als schlechte Taktik erweisen.“ (H. L. Mencken, Werke 2, S. 215)

Womit wir umstandslos beim heutigen journalistischen Jubelpersertum und bei einer historischen Ursache der derzeitigen ‚Medienkrise‘ angelangt wären …

Jenseits des dpa-Stils

Mal angenommen, eine große deutsche Zeitung gäbe einem berühmten südamerikanischen Schriftsteller den Auftrag, ihr einen Text über die deutsche Politik zu verfassen. Der Gast, in dessen Heimat die Unterhaltung des Lesers im Vordergrund steht, beginnt sein Elaborat ungefähr so:

„An der Spitze der deutschen Politik steht eine Frau in eng geknöpften Kostümjäckchen von gewagter Farbe, die sich beim Laufen ständig bemühen muss, nicht auf ihre Mundwinkel zu treten. Ihrem Stellvertreter fehlen eigentlich nur Kreissäge und Bambusstöckchen, um als Fred-Astaire-Parodie durchzugehen …“

Als die deutsche Redaktion daraufhin Redigierbedarf anmeldet, reist der Gast empört zurück in sein Heimatland, dorthin, wo man offene und unterhaltsame Worte noch zu schätzen weiß …

Schreiben und Drogen

Zunächst einmal muss niemand saufen oder kiffen, um gut schreiben zu können. Es ist schlicht ein Pop-Mythos, dass Drogen ‚kreativ‘ machen: Niemand ist durch den Suff zu einem guten Schreiber geworden. Erstaunlich viele Alkoholiker aber flüchten sich irgendwann in die Schriftstellerei. Die Kehrseite ist also richtig.

Verantwortlich für das Märchen vom Zusammenhang guter Texte mit dem exzessiven Boozen sind vor allem eine Reihe amerikanischer Großschriftsteller wie Ernest Hemingway, Sinclair Lewis, Dylan Thomas, John Cheever, F. Scott Fitzgerald, William Faulkner usw. Sie alle soffen wie schwarze Löcher, sie tranken sich aber nicht um Sinn und Verstand. In ihrem Fall entstanden großartige Texte trotz eines massiven Drogenproblems.

Was aber regelhaft folgt, sind bestimmte fiktionale Landschaften, die der Wirkung der Droge entsprechen: Erscheint mir eine Romanwelt als entfremdet, als ausbeuterisch selbst auf der Freundschaftsebene, voller Einsamkeit und bevölkert mit ausschließlich gescheiterten Ehen und verkrachten Biographien, dann vermute ich mit Recht, dass hier wohl ein Alkoholiker am Werk gewesen sein muss. Die eigenen Erfahrungen als Drogenabhängiger werden mir als ‚Weltzustand‘ aufgetischt.

Etwas anderes ist es mit den ‚Märchenwelten‘. Hier sind zumeist die ‚bewusstseinserweiternden Drogen‘ am Werk. Die Affinität der deutschen Romantiker zum Schlafmohn ist ein offenes Geheimnis. Die Folge war eine mittelalterliche Welt voller Zauber, Elfen, Posthörner und edler Ritter. Kurzum: Kiff und Mohn – ick hör‘ euch trappsen! Immer wenn mir ein wild im Vergangenen schwelgender Fantasy-Roman in die Hand fällt, dann denke ich mir über den Autor oder die Autorin mein Teil.

Schließlich gibt es noch die Pop-Literatur: Jeder Pups wird von diesen Schreibern als Stilrevolution und als literaturfähig ausgeschrieen: Ihre oft gnadenlos banale Musik, die sie anpreisen; die ach so wichtigen Leute, die sie trafen; das witzig-sarkastische Bonmot, das jemandem entschlüpft sein soll. Allem ‚Fiktionalen‘ gehen diese Schreiber aus dem Weg, das große Thema lautet Ich-Ich-Ich, als Sensation verbacken wird alles, was diesen Ego-Pumpen zufällig irgendwo über den Weg lief. Schon sehe ich unverbesserlicher Pessimist diese Olympischen Ringe unter den Nasenlöchern des Schreibers …

Die Tegernsee-Legende

Wer des öfteren beim Don Alphonso mitliest, sei’s im Rebellmarkt oder in den Stützen der Gesellschaft, der weiß, dass der Tegernsee mit seinen stolzen Villen ihm als letztes, altkulturelles Reservat wahrer Besitzbürger in Deutschland gilt. Hier ist das Schöne, das Gute und Bewahrenswerte daheim, die echten Werte und ein solide mit Grundstücken und Geldanlagen unterfüttertes Selbstbewusstsein, gegen das eine Talmi-Metropole voller Kultur-Strizzis wie Berlin gar nicht anstinken kann. Der Tegernsee ist für Don Alphonso das bourgeoise Paradies in Deutschland, die Wahlheimat der besseren Gesellschaft.

Da ich gegen allzu deftige Verklärungen und Legendenbildungen gern anstänkere, habe ich mir meine Ausgabe mit Ludwig Thomas Beiträgen zum ‚Miesbacher Anzeiger‚ aus dem Regal geholt (ed. Wilhelm Volckert, München 1989). Dieser ‚Miesbacher Anzeiger‘ führte im Untertitel die Bezeichnung ‚Tagblatt für den Bezirk Miesbach-Tegernsee und dessen Umgebung‘, er war nach dem Ersten Weltkrieg die meist gelesene Zeitung rings um den Tegernsee. Die hier endlich einmal aufgelisteten Beiträge fehlten nicht ohne Grund bisher in jeder Ludwig-Thoma-Ausgabe, weil sie den bajuwarischen Polemiker vom marmornen Sockel stürzen.

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Fünfmal um den Blog

Da sich hier die Links zu den Leserollen der ach so toten Blog-Welt inzwischen stapeln, unternehme ich mal wieder einen kleinen Streifzug zu Nutz und Frommen interessierter Buchstabenkundler:

Ein waches Auge verrät das Exportabel-Blog, mit dem Schwerpunkt auf Alltagskultur, Architektur und Aufmerksamkeitsökonomie, Themen, die in den gewöhnlichen gewohnten Faselblasülz-Feuilletons Holzhausens notorisch etwas zu kurz kommen. Falls sie überhaupt vorhanden sind. Besonders gut gefallen hat mir dieser Artikel über die repräsentativwilligen Stadtväter Braunschweigs, die gern schlossherrlich Kultur zeigen möchten, ohne sie im Mindesten zu haben. Meine Herren: Bildungsbürgerlichkeit ist kein Ponyhof …

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Mythen des Qualitätsjournalismus

Objektive Berichterstattung – das ist das große Ideal aller Journalistenschulen nicht nur in Deutschland. Um diesem Ideal näherzukommen, müssen die Journalisten – wiederum idealerweise – die Regeln des altehrwürdigen Qualitätsjournalismus bimsen. Als da wären:

1. Information und Meinung müssen scharf getrennt sein – jede Meinung des Verfassers wird klar gekennzeichnet und möglichst in einen separaten Text (Leitartikel, Kolumne, Glosse) abgedrängt.

2. Informierende Textsorten sind hingegen wertungsneutral verfasst, sie berichten strikt nur von Fakten und Äußerungen anderer.

3. Es gibt eine neutrale Sprache für die Berichterstattung.

4. Ein Faktum gilt nur dann als bestätigt, wenn es von mindestens zwei Quellen bestätigt wird. Usw.

Mit nahezu allen Erkenntnissen der Hirnforschung (Kognitionswissenschaft) stehen diese bemoosten Ansichten im Widerspruch. Der Reihe nach:

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Den Sprachpuristen

Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern aus was für Elementen er bestehe, der geistlose hat gut rein sprechen da er nichts zu sagen hat.“
(Johann Wolfgang von Goethe, MA 11.2, 226)

Die Weltwoche

Verändern sich Zeitungen eigentlich im Laufe der Jahre? Manchmal beschleichen mich schon Zweifel, zum Beispiel, wenn ich das folgende Zitat von Klaus Mann aus dem Jahr 1934 betrachte – und den heutigen Zustand der ‚Weltwoche‘ samt ihrer „Biologie der Fremdenangst“ betrachte, die unter Roger Köppel jedem bekloppten Islamisten-Riecher und Deutschen-Hasser gleich die Gene und die Natur als Hilfstruppen zur Seite stellt:

„(I)ch möchte diese „Weltwoche“ lieber nicht mehr sehen. … Diese geheuchelte Objektivität, die nach dem Muster des deutschen Propagandaministeriums einfach alle Begriffe umdreht, die Reaktion verteidigt, indem sie sie „das Neue“ nennt … – diese Biedermannsmiene vertrage ich einfach nicht mehr, sie macht mich krank, dann lese ich lieber den „Angriff“, er macht weniger Mätzchen.“
(Klaus Mann: Briefe. Berlin 1988, S. 152 f)

Medienhass

Klar, das ‚Anzeigenvolumen breche weg‚, das ‚Nutzungsverhalten habe sich dramatisch verändert‚ und die ‚Zielgruppen seien volatiler geworden‚. So oder ähnlich tönt es uns aus allen Studien und Gazetten entgegen, dort, wo sie ihre eigene mediale Situation gut strukturalistisch zu reflektieren versuchen. ‚Mehr Qualitätsjournalismus‚ lauten die empfohlenen Gegenmaßnahmen, ‚mehr Syndication‚, also mehr vom Selben in immer mehr Blättern, um so die Kosten zu senken. ‚Paid-Content-Wälle‚ müssten her … wir alle kennen längst die tief ausgefahrenen Spuren in der großen Mediendebatte. Intelligente Ausnahmen sind dabei selten. Ein entscheidender Faktor kommt überall zu kurz: Der werte Leser.

Zeitungen und andere Altmedien werden längst nicht mehr primär für den Leser geschrieben: Die Interessen der Wirtschaft und die geforderten werblichen Punktlandungen aus den Marketing-Abteilungen, die PR-Absichten einer zuliefernden quasi-journalistischen Materialbeschaffungsindustrie … dies alles zählt sehr viel mehr als ausgerechnet das Interesse jener dummen Ferkel am Trog, die das resultierende mediale Mastfutter tagtäglich dann ausschlabbern sollen, damit die Anzeigenabteilung wiederum behaupten kann, das frische und freche Medium würde von den relevanten Zielgruppen auch gelesen.

Das Resultat eines allzu lange betriebenen Kollektiv-Verfahrens war absehbar, aber kaum jemand redet darüber: Es existiert inzwischen eine großer Medienhass in der Gesellschaft, der demjenigen auf ‚die Parteien‘ gleichkommt. Vice versa ist dies verbunden mit jener Verachtung der Leserschaft in allzu vielen Redaktionen, die sich auch stilistisch zunehmend schluderhaft äußert – oder eben gar nicht mehr auszudrücken vermag. Das Publikum würde die herabgefallenen Brocken disparater Weltbilder vom Tisch der Verleger schon fressen.

Genau das eben tut es nicht (mehr).

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Wolf Schneider nun wieder!

Wolf Schneider, der Alterspräsident für journalistische Philologie in Deutschland, hat sich der Blogger-Szene zugewandt. Er unterteilt die Blogger forsch und fern der Empirie in drei hemdsärmelige Kategorien: in die ‚Nützlichen‘ (er erwähnt die Dissidenten in China und die Frau Huffington), in die ‚Abscheulichen‘ (hier nennt er keine Namen) und in die ‚Einsamen‘. Zur Erläuterung der letzten Kategorie dann zitiert er lang und schlapp den Felix Schwenzel, dem man – neben konsequenter Kleinschreibung – zwar dies und das vorwerfen könnte, aber ‚Einsamkeit‘ ist für ein Blog, das beim Leserzuspruch und bei der Kommentardichte überall ‚weit oben‘ landet, nun wirklich keine stimmige Kategorie. Schon deshalb, weil sie mit der empirischen Realität und dem Rezipientenverhalten in keinerlei Zusammenhang zu bringen ist. Ganz abgesehen von ixens eigener Darstellung des Sachverhalts.

Und wenn hier schon durch Wolf Schneider selbst dem sonst so verpönten subjektiven Meinen Tür und Tor geöffnet wird, dann möchte ich darauf hinweisen, dass auf mich der deutsche Sprachpapst in seinem Lehnstuhl dort einen höchst vereinsamten Eindruck machte. Aber das mag natürlich täuschen …

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