Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Dezember 2009

Schöner schwätzen

Zum Jahreswechsel, wenn der festliche Lärm und der Geist des Alkohols auch im Denkstübchen mental ansonsten unauffälliger Zeitgenossen die eingeschlafene Muse vom Lotterbett lockt, möchte jeder gern ein wenig ‚Esprit‘ zeigen – wo er’s sonst schon nicht darf oder kann. Eine gekonnte Bösartigkeit, natürlich messerscharf und blank geschliffen, sorgt mit Sicherheit für die gebührende Bewunderung bei jeder Alt- oder Neuerkorenen, und sie rettet auch den Ruf, ein überaus heller Kopf zu sein. Hier einige Beispiele zur gefälligen Auswahl oder selbstgefälligen Variation fürs mitternächtliche Parlando:

Das Weib ist noch nicht einmal flach (Friedrich Nietzsche).
Nur für separate Herrenrunden in der Rauchpause zu empfehlen

Individualität ist eine Einbildung. Die tägliche Erfahrung zeigt, daß unser Herrgott die Menschen dutzendweise erschaffen hat (Johann Nestroy).
Womit man sich selbst prompt als Ausnahme zu jener Regel positioniert hat

Meinungsforschung ist der hartnäckige Versuch, andere Menschen glauben zu machen, was man selbst nicht glaubt (Thaddäus Troll).
Wenn’s mal wieder um die Zukunftsaussichten der Tigerenten oder der Sozis geht

Er war ein Pantoffel und stank am Ofen, / sie nannten ihn einen Philosophen (Christian Morgenstern).
Falls jemand mit Foucault oder Derrida herumzunerven beginnt

Es ist nichts so absurd, daß Gläubige es nicht glaubten. Oder Beamte täten (Arno Schmidt).
Vielzweckwaffe, einsetzbar von Al Qaida über Bürokratieabbau bis Zen-Buddhismus

Je kleiner die Leute, desto größer der Klamauk (Kurt Tucholsky).
Wenn Sarkozy, Lafontaine oder Berlusconi zum Thema werden

Die Menschen taugen nichts, bis auf ein paar (Hermann Löns).
Dabei freundschaftlich dem jeweiligen Gesprächspartner den Arm um die Schulter legen, schon hat man einen Freund fürs Leben

Schriftsteller, die ihrem Weltbild sprachlich nicht gewachsen sind, nennt man in Deutschland Seher (Gottfried Benn).
Wenn Sloterdijk oder Schirrmacher aufs Tapet kommen

Die Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält (Karl Kraus).
Wenn sich eine pädagogisch engagierte Gesprächspartnerin analytisch an der Person vergreifen sollte. Debatte garantiert …

Lundiismus

Wie schön, auch einmal ein Wort zu kennen, das bei Google noch nicht gelistet ist! Dieser Beitrag wird also der erste sein (gefunden habe ich es in Walther Kiaulehns Erinnerungen an Ernst Rowohlt: „Mein Freund der Verleger“). Gemeint ist jene publizististische Mode, seit dem Fin de Siècle alle großen Wochenmagazine an einem Montag erscheinen zu lassen, um so für die ganze Woche die Themen zu setzen. Diese Montags-Welle nahm ihren Ausgang von Paris, daher der Name.

Die „Welt am Montag“ ist vermutlich das bekannteste Berliner Blatt, das so verfuhr, aber auch ‚Der Spiegel‘ und ‚Focus‘ folgen heute noch dieser Tradition. Zu Beginn boten diese Montagsmagazine weit mehr als die üblichen Polit-Berichte und Börsenkurse, es entstand – abseits vom Tagesjournalismus – eine ganz neue Mischung aus Theaterkritik, Gesellschaftsreportagen, Literaturberichten usw., und ein ganz neuer journalistischer Stil wurde geboren, der vielspaltig Meinung und Bericht ganz ungeniert verquickte. Nahezu alle großen Journalisten von schriftstellerischem Rang hat dieser Lundiismus bekannt gemacht: Polgar, Kerr, Sieburg, Mühsam, Roth usw.

Der Montag war deshalb für die Leserschaft so interessant, weil er die ‚Events‘ des vergangenen Wochenendes zeitnah aufbereiten konnte: Uraufführungen, Debütantinnenbälle, Ausstellungs-eröffnungen. Auch Forscher, Ärzte, Ökonomen etc. hatten an diesen Tagen die Muße, sich mit ihren bahnbrechenden Erkenntnissen aufs journalistische Parkett zu begeben. Allen Schreibern blieb der lange, ruhige Sonntag, um ihre Riemen zu verfassen, am Abend begann dann die Rotation zu laufen. Zu seiner Zeit war der Lundiismus eine höchst sinnreiche Einrichtung …

Nagelprobe

Gerade die ‚eingerosteten Metaphern‘ sind tückisch. So hat die bei Politikern beliebte Nagelprobe ihren Ursprung in altdeutschen Saufsitten: Ein Trinkgefäß galt nur dann als befriedigend gelehrt, wenn das ausgetrunkene Glas beim Umdrehen nicht mehr Restflüssigkeit herausrinnen ließ, als auf einem daruntergehaltenen Daumennagel Platz fand.

Wenn unser oberster Gewerkschaftsführer jetzt verkündet: „2010 wird zur Nagelprobe für den Sozialstaat“, dann geht er also davon aus, dass der Becher mit den Sozialmilliarden bereits nahezu restlos ausgesoffen sei – von wem auch immer – und dass die anstehenden Verteilungskämpfe sich allenfalls noch um ein paar tröpfelnde Restmilliönchen drehen könnten.

Da ich kaum glaube, dass der Herr Sommer diese illustrativ zwingende Bildwirkung beabsichtigt hat, können wir zu seiner Rechtfertigung einzig und allein den folgenden Schluss ziehen: Das Wortbild von der Nagelprobe ist im allgemeinen Sprachgebrauch bereits derart ausgeschlürft und von jeder Anschaulichkeit entleert, dass eine Nagelprobe ‚aufs Leben im Wort‘ auf jedem Babydaumennagel Platz fände. Dafür spricht auch die weitere Auslassung des Herrn, die mit der Sache in keiner anschaulich gearteten Bildwirkung mehr steht: „[2010] wird die Nagelprobe, ob dieser Sozialstaat trägt“. Um im Bild zu bleiben: Ein blauer Daumennagel wäre wohl die mindeste Folge, vor allem dann, wenn dieser schlimme Finger den gesamten Sozialstaat tragen soll.

Kurzum: Das Reden politischer Funktionäre ist abschaulich – und nicht anschaulich. Vielleicht liegt hier das Geheimnis ihrer mangelnden Wirkung …

Angekommen:

Knapp daneben ist auch vorbei

Natürlich finde ich es gut, wenn mal ein Blogger im ‚Spiegel‘ auf die kulturkonservative Panik-Attacke des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher antworten darf. Nur hätte ich mir von Sascha Lobo mehr versprochen als Diskrepanzen in der Argumentation und unzutreffende historische Beispiele, garniert mit windschiefen Wortbildern.

Schirrmacher hatte bekanntlich die immerfort wachsende Informationsmüllhalde des Internet dafür verantwortlich gemacht, dass sich die Menschen verändern, und er hatte die Folgen dann – unter anderem – am eigenen Beispiel festgemacht. Er käme einfach ’nicht mehr mit‘, zwischen Mensch und Maschine sei ein ‚darwinistischer Wettlauf‘ entstanden. Er würde von der allgegenwärtigen Informationsüberflutung ‚aufgefressen‘.

Als Hintergrundfolie zu seiner Tirade dient die wohlgeordnete Welt des ‚Qualitätsjournalismus‘, wo nichts älter wurde, als die jeweils aktuelle Ausgabe einer Zeitung: Informationen kamen und gingen – ach, Kinners, wie war dat schön! Heute aber würde alles aufbewahrt – was die Hirne (zumindest seines) komplett überfordere. Hierbei beruft sich Schirrmacher u.a. auf den Philosophen Daniel Dennett, der den Menschen als ein evolutionär höchst defizitäres Wesen fasst, dessen Funktionen allesamt bloß instrumentell und intentional ausgerichtet seien, was ihn bei überbordender Information entscheidungsunfähig mache. Gut, so etwas kann man mal schreiben, will man ein wenig Endzeitstimmung verbreiten oder Katastrophenszenarios in Höllenfarben ausmalen.

Sascha Lobo durfte jetzt im ‚Spiegel‘ auf dieses apokalyptische Zukunftsbild antworten, wo er es als Ikarus der Blogosphäre unternimmt, auf gleicher geistesgeschichtlicher Flughöhe das düstere Mordor-Panorama Schirmachers aufzuhellen. Zunächst stellt er die Jeremiade des FAZ-Herausgebers in eine zeitlos lange Reihe der Klagen alter Männer über eine verdorbene, nachwachsende Jugend – und landet unversehens mit Plato, Sokrates und auch uns Lesern im alten Ägypten. Der attische Straßenphilosoph hätte als Kulturkonservativer und als Geistesverwandter Schirrmachers ebenfalls einen Medienwandel, nämlich den ‚modernen‘ Buchstabenglauben und die ‚aufkommende‘ Schriftkultur beklagt:

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Umzugspause

Ein Hinweis in eigener Sache: Wegen meines Umzugs wird es hier bis zum 19. oder 20. Dezember etwas stiller werden. Bis dahin empfehle ich euch einfach mal die Zynaesthesie, als eines unter den vielen guten Wigwams da draußen auf der großen Blog-Prärie …

Themenverlegenheit?

Die gibt’s gar nicht – überall ist Wunderland, überall ist Leben. Vorausgesetzt, dort im Oberstübchen sind genügend geistige Reserven vorhanden, um ein Thema auch von allen Seiten zu beleuchten. Hier ein einfaches Rezept für den Selbstversuch, es stammt von Georg Christoph Lichtenberg:

„Man kann sicher bei verschlossnen Augen in das erste beste Buch den Finger auf die Zeile legen, und sagen, hierüber ließe sich ein Buch schreiben. Wenn man die Augen auftut, so wird man sich selten betrogen finden.“

Umkehrschluss:

Da die Anzeigen den Qualitätsjournalismus querfinanzieren müssen, bieten Anzeigenblätter auch den meisten Qualitätsjournalismus.

Unternehmenskommunikation

Wir alle wissen oder ahnen, dass mit der so genannten ‚Unternehmenskommunikation‘ vieles im Argen liegt. So wechselte meine Bank, aus welchen Gründen auch immer, ihren zuständigen Kundenbetreuer. Ich möge mich jetzt an Herrn XYZ wenden. Prompt erhalte ich für einen Vorgang, für den ich absolut nichts kann, von dieser Bank einen Brief, der mich in die Rolle des Schuldigen versetzt: Im befehlsgewohnten Kasernenhofton werde ich fast schon angeschnauzt, umgehend meine Kontaktdaten ‚entsprechend‘ zu ändern. Oder ein Unternehmen, nur weil ich in grauer Vorzeit dort mal etwas Hipperes online kaufte, sieht mich prompt als windeltragendes Subjekt, dem es mit einer aufgesetzten Jugendsprache zu Leibe rückt. Andere Informationsmaterialien wurden anscheinend gleich auf der Marketing-Etage erstellt, denn man nudelte sie mit Buzz-Words und Bullshit-Bingo so übermäßig, dass die Hälfte der avisierten Kundschaft nur noch ‚Bahnhof‘ verstehen dürfte … oder, oder, oder.

Der Tilo Timmermann, Textverantwortlicher in der Agentur achtung!, hat also völlig recht, wenn er deutschen Unternehmen die Leviten liest und ihnen den Star zu stechen versucht, denn der Text ist das unterschätzteste Instrument im Werkzeugkasten strategischer Unternehmensführung. Zugleich ist diese Missachtung ein schwerer Fehler in Zeiten des Web 2.0, wo alle in ihren Festreden zwar auf Dialog und ‚Social Media‘ setzen, aber nichts dafür tun. Die meisten Unternehmen haben üblicherweise niemanden, der die Disziplin des verlangten neuen Stils beherrscht. Der Schreibknecht kommt immer noch in den Keller – oder die Agentur liefert diesen ‚Grauwert‘ für ihre bunten Medien:

„Können Unternehmen diesen Dialog aus den alten Positionen heraus führen? Was auch immer sie tun: Sie werden es mit Sprache tun. Neben der Bildsprache und der persönlichen Präsenz von Unternehmensvertretern ist es vor allem Text, der ein Image schafft. Das Problem dabei: Guter Text hat keine Lobby. Eine Diskussion, wie eine gute Unternehmenssprache zum Erfolg beitragen kann, findet kaum statt. Und darüber, wie die Sprache eines Unternehmens zwischen Geschäftsbericht, Mailing und Tweet authentisch und glaubwürdig bleiben kann, auch nicht.“

So weit, so gut, so weit auch kein Widerspruch. Wenn der Herr Timmermann dann aber das Instrumentarium des Old-School-Journalismus als probate Medizin aus der Schublade holt, dann beginne ich an der Kompetenz meines eigenen Berufsstandes zu zweifeln. Denn der Text in einer medialen Welt im Wandel wird sich begreiflicherweise ebenfalls wandeln müssen. Er wird und darf nicht mehr der alte sein! Beim Herrn Timmermann aber klingt es, als wolle er alle Verantwortlichen auf der Stelle auf einen Journalismus-Lehrgang verfrachten, obwohl doch der dort gelehrte Einheitsstil für die meisten der aufgestauten Probleme verantwortlich zeichnet. Im Journalismus wie auch in der Unternehmenskommunikation:

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Lieber Herr Reich-Ranicki!

Sie sagen, der fundamentale Unterschied zwischen der Literatur und dem Journalismus bestünde darin, dass die Literatur immer ‚über sich hinausweise‘. Der Journalismus dagegen dürfe ums Verrecken nichts ‚zwischen die Zeilen schreiben‘; schriftstellerisch gesehen beschränke sich der Tagesschreiber auf die Textoberfläche.

Gegenrede: Großen Journalisten – Börne, Heine, Gutzkow, Kerr, Harden, Polgar, Schubart, Roth, Enzensberger, Tucholsky usw. – denen gelang es immer auch, einen Subtext unter der flachen Textoberfläche des Offensichtlichen und im Dickicht der Metaphern zu verstecken. Wo der kundige Leser dann im Halbdunkel die erwünschte Bedeutung herauslesen kann, nicht aber bspw. der dumpfe Zensor. Ich denke daher, auch der Journalist muss es wieder lernen, wie ein Literat ‚zwischen die Zeilen‘ zu schreiben, jedenfalls dann, wenn er anspruchsvoll oder zum ‚Qualitätsjournalisten‘ werden, oder aber, wenn er großen Vorbildern gleichen will. Der Journalismus muss schlicht wieder intelligenter werden. Ein guter Text weist immer über sich hinaus, das ist in jedem literarischen Genre sein meisterliches Merkmal:

„Literatur besteht darin – hat jemand irgendwann behauptet -, dass man etwas sagt und etwas anderes meint. Besser wäre es: dass man mehr meint, als man ausgedrückt hat. Das ist sehr primitiv, aber ganz falsch ist es nicht. Worauf der doppelte Boden abzielt, das wird üblicherweise anders genannt: Man spricht von der Zeichenhaftigkeit der Literatur. Oder auch: Der literarische Text weist über sich hinaus.“

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