Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: November 2009 (Seite 2 von 2)

Wozu ‚Belesenheit‘?

Immerhin – vielleicht hätte sich mit ein wenig mehr historischem Wissen die Finanzkrise sogar vermeiden lassen. Zumindest aber könnte man mit Hilfe einer gewissen ‚Belesenheit‘ die Märchenonkels aus der Ökonomenzunft ein wenig zauseln, die unentwegt davon faseln, dass die große Blase „unvorhersagbar“ gewesen sei, „einzigartig“ und „nie dagewesen“, dass also niemand wissen konnte, dass eine Wechselreiterei mit Derivaten, Credit Default Swaps und anderem Giftzeugs zwangsläufig in die Katastrophe führen muss. Wer sich auf Geschichte und Geschichten versteht, der entlarvt solche Koryphäen leicht als blinde Orakel, und ihre „Analysen“ als Märlein und ökonomisches Münchhausentum. Im Gegenteil: Es gibt nichts Neues unter der Sonne, es ist immer wieder die gleiche Geschichte. Um das zu erkennen, muss man aber ‚belesen‘ sein.

Nehmen wir die erste Weltfinanzkrise – sie ereignete sich im Jahr 1857. Näheres findet sich hier und hier. Kurz gefasst, fokussieren all diese Beiträge darauf, dass ein Schurke namens Edward Ludlow von der Ohio Life Insurance Company den ganzen Kladderadatsch durch übermäßige Eisenbahnspekulation ausgelöst habe. Man sieht – auch damals verstand sich der Journalismus schon trefflich auf die ‚Personalisierung‘: Wo es ein Unglück gibt, muss immer auch eine ‚Hexe‘ her.

Der Kern des Ganzen war anders, sehr viel unpersönlicher und ’systemischer‘: Die Welt – insbesondere Russland – hatte sich damals von amerikanischen Getreideimporten abhängig gemacht, die Farmer in den USA prosperierten, die Banken liehen ihnen bereitwillig Geld für Maschinen und Landankäufe – und dann war plötzlich dieser Krimkrieg vorbei und Russland fuhr zudem selbst Rekordernten ein. Der amerikanische Hochpreis-Getreidemarkt brach mangels europäischer Nachfrage zusammen, die Kredite der amerikanischen Banken an die Farmer wurden – nach heutigem Vokabular – zu ‚Subprimes‘, viele Banken faillierten, und von den USA ausgehend raste die Krise als Dominoeffekt um die Welt.

Gehen wir etwas näher an das Geschehen heran: ins schöne Hamburg. Dort expandierten die Kaufleute – die Slomans, die Godeffroys, die Mercks und Amsincks – nicht mit Hilfe von Aktienausgaben, sie liehen sich gegenseitig bereitwillig Geld, indem sie wechselseitig ihre Wechsel vertrauensvoll akzeptierten. Es war eine Sache der ‚Familienehre‘ und des ‚guten Namens‘, die dazu führte, dass dieses System reibungslos funktionierte. Mit diesen Papieren konnten ein Kaufmann in guten Zeiten jederzeit zur Bank gehen, die nahm für sich den Diskontsatz von einigen Prozent von der Wechselsumme, und zahlte den Rest an denjenigen aus, der den Wechsel präsentierte.

Weiterlesen

Übersetzungshilfe

Heute geht es um Begriffe auf der FDP-Homepage, die ohne eine solche Übersetzungshilfe von bloß Deutschsprachigen am Ende falsch verstanden werden könnten:

Freiheit: Die Lizenz, ungestört Geschäfte zu machen, ohne von lästigen Gesetzen, Verbraucherschutzbestimmungen oder Datenschutz-regelungen daran gehindert zu werden.

Leistungsträger: Menschen, die vormittags Golf spielen, um ihre Leistungskraft zu erhalten, weil ihnen dank Kapitaleinkünften eine regelmäßige, produktive Arbeit verwehrt ist. Sie müssen sich stattdessen mit muße- und verdauungsförderlichen Vorstandsposten begnügen. Arme Säue, sozusagen …

Pflegequalität: Füttern, Waschen, Ruhigstellen.

Bürgergeld: Populistischer Trickbegriff zur Senkung von Hartz IV und Sozialhilfe.

Privat: Haupteigenschaft einer himmlischen Welt, die allen Nichtzahlern, Nichtberechtigten und sonstigen Minderleistern endlich konsequent den Zutritt verwehrt. Der Gegensatz lautet ‚öffentlich‘, womit ein düsteres Reich ‚Mordor‘ beschrieben ist, in dem die Teufel der ‚Bürokratie‘ allen Leistungsträgern (s.o.) das Fell bei lebendigem Leib über die Ohren ziehen. Die Schmerzensschreie sind bis tief hinein in den Bereich der Qualitätsmedien zu hören.

Weiterlesen

Denkfutter

Botho Strauß über die in Devotion ersterbende Interviewtechnik der zahnlosen Pressezunft – auch als Lenor-Verfahren oder Johannes-B.-Kerner-Stil bekannt: „Sie fragen ihr Fräglein.“ In vier Worten ist alles gesagt, besser geht’s kaum.

(Wohnen – Dämmern – Lügen, 38)

Verbohrte Welt

Eigene Klischees sind es, die vielen Journalisten beim Blick auf die Blogosphäre die Einsicht verwehren. Am Beispiel der Frau Eva Schweitzer will ich versuchen, die Vorurteilsstruktur teilweise herauszuarbeiten, die solchen unzutreffenden Ansichten zugrundeliegt. Ich beschränke mich dabei strikt auf die von ihr kommentierten Kommentare, die sie – vermutlich in humoriger Absicht – in ihrem taz-Blog zum Besten gab. Los geht’s:

„Da wollte ich schon Philipp vom Haken lassen, und jetzt schreiben mir seine Freunde dauernd emails.“

Wat’n Skanda-al! Lauter böse E-Mails kriegt sie jetzt! Und der Philipp hat schuld! Wichtiger aber ist das Bild, das uns dieser Satz vermittelt: Sie ist die Anglerin am großen Datenstrom, der Philipp aber, diese arme Socke von Bloggerbarsch, der ist jener kleine Fisch, den sie jetzt doch nicht mehr ins Wasser zurückwerfen will, obwohl er den Maßen des Deutschen Sportfischerverbandes keineswegs genügt. Wir stellen sprachlich zunächst den Befund einer realitätsverweigernden Macht-Metaphorik: Frau Schweitzer glaubt, sie hätte die Situation – die Angel also – fest in der Hand, obwohl doch ‚der Schwarm‘ der Blogosphäre  längst aufgeflogen ist und den Kopf der holden Anglerin jetzt von allen Seiten umsurrt. Welch ein bildverrannter Irrtum! Wenn schon eine Fisch-Metapher, dann doch lieber eine zutreffende: Die gute Frau hat ihren großen Zeh als Köder ins Wasser getaucht, und die bösen Fische haben – haps! – die ganze Anglerin angeknabbert. Was an jedem Satz zu spüren ist. Weiter im Text:

Weiterlesen

Neuere Beiträge

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑