Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: November 2009 (Seite 1 von 2)

Apropos …

Wer der Moderne oder der Incrowd angehören will, beweist die Zugehörigkeit unter anderem durch einen korrekten und hippen Sprachgebrauch. Daher immer daran denken: ‚Reklame‘ oder ‚Werbung‘ heißt heute Partnerangebot

Metaphern-König der Woche:

Die Finanzkrise schlägt mit platzender Immobilienblase in Dubai zu.“ Solch unübertroffene Sprachgewalt und überbordende Bildlichkeit setzt dem Fass doch einfach die Krone auf …

Verwandlung durch Wandel

Mein Freund Udo kam Anfang der 80er Jahre aus Poona zurück, braun gebrannt und mit einem seligen Grinsen auf dem Gesicht. Am auffälligsten war die rote Kleidung, die er trug, die plötzlich allen in der WG rosafarbene Unterwäsche einbrockte, dann, wenn eine seiner Unaussprechlichen in die gemeinsame Wäsche geriet. Stellten wir ihn deswegen zur Rede, mussten wir ihn auf seinen Wunsch hin Swami Bodi Prenh nennen (oder so ähnlich). Er sei nämlich ‚erweckt‘ worden, sagte er, und hätte sich in einen neuen Menschen verwandelt. Tatsächlich – der Junge lachte viel mehr als früher, er war anscheinend immer gut drauf, das ewige Grübeln war verflogen, und auch ich in meiner Neugier begleitete ihn gelegentlich in das Center in der Roonstraße, wo er seine zweite Heimat gefunden hatte, um herauszufinden, was mit seinem Gehirn wieso geschehen sei.

Dort im Center gab es dann Tee und vegetarisches Essen, es wurde heftig meditiert, im Fernsehen liefen ständig irgendwelche ‚Lectures‘ des bärtigen Wunderrabbis, alle lachten wie die Honigkuchenpferde und abends jobbten viele in der Bhagwan-Disco. Probleme gab es einfach nicht, ‚Das ist doch dein Ding!‘ lautete die rituelle Antwort auf alles Negative, begleitet von einem ‚Finde es selbst heraus!‘. Wer Fragen stellte, geriet unweigerlich in eine gefährliche selbstreflexive Zone: „Hast du dir schon mal überlegt, warum du mich das jetzt fragst?“. Auf alle Fragen gab es Fragen …

Für mich unverbesserlichen Heiden bestand die angenehmste Erfahrung in dem Frauenüberschuss unter diesen Mala-Behängten. Verbunden mit einem strikten Verbot, irgendwelche festen Beziehungen einzugehen, außer spirituell zum großen Bhagwan natürlich. Lauter ehemalige Psychologinnen, Lehrerinnen und Sozialwesen suchten dort regelmäßig nach Triebabfuhr, ohne mir auch nur einmal ‚Ich liebe dich‘ ins Ohr zu säuseln. Für einige Monate verwirklichte sich für mich der alte Sponti-Spruch: „Wer zweimal mit derselben pennt …“ – oft genug in einer einzigen Nacht, schließlich hatten alle Schlafräume sechs Betten. Was war ich damals noch fit!

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Die missverstandene Typographie

Die Schrift ist nicht der Text, sondern nur die Verpackung. Tara also. Erst der enthaltene Gedanke bringt den Nettogewinn, fehlt er, fehlt die ‚Ware‘, wie in einer leeren Verpackung. Manche Stylisten im Dienste der Corporate Design vergessen das gern …

Keinen Kopf machen

Die Sprache ist eine große Verräterin. Aus den Bildern, die sie verwendet, schält sich der Charakter immer klar heraus. Ein Beispiel: Ein junges Pärchen wird auf der Straße interviewt – ob sie denn jetzt auf Flugreisen verzichten würden, wegen der Klimaveränderung? Er, ein Kahlkopf mit messerscharfen Kuranyi-Koteletten und Flammen-Tattoos auf den Unterarmen, sie, ein schnuckelig-schmuckmäßig völlig überladenes Grinsepferdchen aus dem gesellschaftlichen Rennstall der Grenzdebilen, jener Typus, der von bösartigen Naturen auch ‚Disco-Schnepfe‘ getauft wird. Er als Mann fühlt sich primär angesprochen, schiebt seine Begleiterin zurück, und verkündet selbstgewiss ins Mikrofon: „Da mach ich mir keinen Kopf drum“. Und so ist es ja auch …

Während es in längst vergangenen, dunklen Zeiten als Lebensziel galt, den eigenen tumben Simplicius durch selbst geschaffene Gedanken in einen ‚guten Kopf‘ zu verwandeln, da ist heute dieser aufs Hirn gerichtete Anspruch in jener Szene längst erloschen. Einen Kopf will man sich gar nicht mehr machen, zwei Beine zum Abzappeln und intakte Fortpflanzungsorgane genügen völlig. Wollten solche Figuren sich ‚einen Kopf machen‘, dann würde es vermutlich weh tun, schon wegen der eingerosteten Denkapparatur dort oben, die auf solche Anstrengungen gar nicht ausgelegt ist. Am Ende ginge beim ‚Kopfmachen‘ noch etwas kaputt …

English for Hipsters

Nein, nein – ich will mich hier nicht über den Herrn Westerwave äußern, das machen andere besser. Es geht schlicht um ein kleines Ratespiel für Blogerfahrene. Wem entfleuchten diese Perlen auswärtigen Sprachgebrauchs?

„Nice shoes might save us a bit, but actually it is out for a longer time now, because acutally we look the same for five years now, and in a way that it isn’t even retro.“

„So on a recent evening in the delicious restaurant in Barbican me and my friends aka three skinny trousered hipsters were looking out into the London night getting excited about our fundamental problem.“

Yep, but skinny ain’t meat and rubbish ain’t bloggish. Even in ‚delicious restaurants‘ full of fundamental problems about looking the same for almost five years now … wer meint, er wüsste die urheberschaftliche Lösung zu dieser Form bemerkenswert fremdsprachlicher Banalitätspflege und stylisch bemühter Lebensentwurfsgestaltung, darf dann hier klicken.

Beerdigung der Öffentlichkeit

Ich habe mir einfach mal die Mühe gemacht, in meiner Dissertation alle Zitate und Annotationen kapitelweise durchzuzählen. Es sind mehr als 400. Ginge es nach den neuentwickelten Rechtspositionen deutscher Verleger, dann hätte ich damals schon mehr als 400 Mal gegen ihr ominöses ‚Leistungsschutzrecht‘ verstoßen, das sie sich jetzt für den weihnachtlichen Gabentisch von der Politik wünschen. Jedenfalls klingt ganz so der ‚Leistungsschutzexperte‘ Mathias Schwarz auf den Zeitschriftentagen (noch so’n Beispiel übrigens für die grassierende Expertenepidemie, die längst vom ‚Aasgeier-‚ bis zum ‚Zystologieexperten‘ reicht):

„Zur Bedrohung werden Rip-Offs für die bestehende Presse insbesondere dann, wenn nur kurze, aber mit hohem professionellen Aufwand erstellte Textausschnitte übernommen werden, für die nach deutschem Recht kein Urheberrechtsschutz besteht.“

Bei den ‚Rip-Offs‘ – einem neuentwickelten Kampfbegriff, der ein angeblich kriminelles Tun aus durchsichtigen Gründen ratzfatz ins Wortbild packt – handelt es sich schlicht um unsere guten alten ‚Zitate‘. Deren Gebrauch ist im deutschen Zitatrecht längst völlig zureichend geregelt. Dazu zählt zum Beispiel auch jenes Zitat ein paar Zeilen weiter oben, wo ich den Herrn Schwarz ‚im O-Ton‘ mit einem Satz zu Wort kommen ließ, um seine mentale Verfasstheit zu illustrieren.

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Die Leere des Fortschritts

Nach dem SPD-Parteitag sind sich alle ganz sicher: Die Beschlüsse, die dort getroffen wurden, seien „rückwärtsgewandt“ – allem voran die geplante Wiedereinführung der Vermögenssteuer. Das sagt – klar! – der Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, das findet natürlich auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, und die einschlägigen Medien plappern dies brav nach. Die gleiche Kritik kommt aber auch von links oder von aufgeklärter Seite: F!XMBR argumentiert so – und auch der Wolfgang Michal bei Carta.

Ich will mich an dieser Stelle gar nicht auf den Streit um ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ einlassen, sondern nur auf die Semantik: Da nämlich der Teufel ein Logiker ist, sollte jemand, der andere als ‚rückwärtsgewandt‘ abstraft, schon wissen, wo denn ‚vorne‘ wäre, wo also das ‚Vorwärtsgewandte‘ haust. Er hat sich ja auf diese ebenso tückische wie richtungweisende Kompass-Metaphorik eingelassen, aus der sich solche Fragen logisch zwingend ergeben. An diesem Punkt wird es dann brabbelig und nebulös – denn keine Vermögenssteuer zu erheben, wäre demnach bspw. ‚fortschrittlich‘. Richtig gehört!

Aber woher wissen die das, wie begründen die das? Gar nicht, lautet die schlichte Antwort. Unseren Parteien, Verbandshäuptlingen, Öchsperten und Zukunftsdeutern ist ein echter Fortschrittsbegriff längst abhanden gekommen. Keine Partei weiß mehr, wohin die Reise im Gesellschaftswagen uns führt. Vor allem aber ‚Wozu?‘. Von einem dreistufigen ‚fortschrittlichen‘ Steuersystem jedenfalls werden sich nur Verblendete einen ‚Ausbau der Demokratie‘ in Deutschland erhoffen, um mal ein mögliches Zukunftsziel zu nennen. Von einer niedrigen Umsatzsteuer für das Übernachtungsgewerbe soll jetzt die ‚wirtschaftliche Erholung‘ folgen, so jedenfalls verkündet es das ‚Wachstumsbeschleunigungs-Gesetz‘ im schönsten faktenenthobenen Liberallala-Stil. Lauter Ziele, an welche die Handelnden wohl selbst nicht glauben.

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Die Zeitung zur Zeit

Wenn Deutschlands Verleger ’neue Ideen‘ umsetzen, dann kommt hinten meist ein ‚Business Punk‚ oder eine ‚Gala for Men‚ dabei heraus, weil sie nicht publizistisch, sondern von der Anzeigenakquise her denken. Gratis und völlig kostenfrei stelle ich hier mal eine ganz andere Geschäftsidee zur Diskussion, die meines Erachtens zwingend Erfolg hätte: Eine neue Tageszeitung – nennt sie ‚Die Republik‘ oder wie auch immer – die sich gegen den überbordenden INSM-Mainstream stellt, aber aus einer konsequent bürgerlichen Perspektive heraus. Kein DGB-Programmblatt also, kein altlinkes Refugium.

Nehmt die Gutachten der Wirtschaftsweisen zu Hilfe; entlarvt das Unternehmensberater-Blabla, indem ihr es sprachlich und ökonomisch analysiert; schaut, was aus angeblich so ‚innovativen Geschäftsideen‘ nach zwei Jahren wurde; führt Interviews mit Enzensberger oder Heiner Geissler; betrachtet das Rösler’sche Kopfprämien-Gesundheitssystem, in dem ihr vor Ort in die Schweiz reist, wo es ja gerade mit Karacho gegen die Wand rast; kauft euch dafür die besten Schreiber ein – und genießt den unausweichlichen Erfolg, den ein solches Projekt hätte. Der letzte Satz jedes Artikels müsste, um eine redaktionelle Linie in das Projekt zu bringen, gedanklich zwingend lauten: „Im übrigen bin ich der Meinung, dass Tigerentenhausen zerstört werden sollte„.

Erfolg hätte ein solches Projekt deshalb, weil es alle Kriterien der Marktgängigkeit erfüllt: Alleinstellung, Publikumsbedarf und genügend Radau-Potenzial (neudeutsch ‚Awareness‘), um zehn publizistische Zirkuszelte mit seinem Weckruf zu füllen. Warum bloß macht es keiner, sind die Verleger alle saturiert …?

Wo ist der Leser?

Die große Printkrise, für deren unschwere Vorhersage ich vor einem Jahr in der Schweizer medienlese noch Prügel ohne Ende bezog, sie ist längst in aller Munde. Man kann kein Medienportal mehr aufschlagen, ohne dass lauthals gebarmt oder wild mit Konzepten zur Überwindung der Misere gewedelt wird. Vor einem Jahr, als die medienlese die Tore schloss, da hingegen klang es aus den Reihen der Printjournalisten noch so:

„Es ist nicht schade. Das Geschäftsmodell hat nicht funktioniert. Dass jetzt die gleichen Leute jetzt allen Ernstes mit Bettelei versuchen, ihren Blog zu erhalten, die gleichen Leute, die voller Hohn über die angeblich anachronistischen Geschäftsmodelle der Zeitungen geschrieben haben, und gar den ganzen Journalismus runterschrieben (Festangestellte!) ist ein netter Witz. Es ist nicht das Internet, es sind die Journalisten, schrieb der Herr Jarchow, die selbst Schuld sind an ihrer Misere. Ressentiments der Zukurzgekommenen.“ (Kommentar No. 67)

Da also war die Welt in Holzhausen noch in Ordnung – die Printjournalisten, das waren die Profis, und die Online-Fuzzies waren die Bönhasen, die an jenen Qualitäten doch gar nicht zu klingeln vermochten. Inzwischen ist längst die Stunde der Unternehmensberater gekommen. Im Branchenblatt ‚Horizont‘ haben fünf von ihnen Ansätze zur Rettung der Verlage verfasst, im Vorfeld einer Tagung der Zeitungsverleger zum Thema ‚Medienwandel‘. Was mir dabei auffällt – die Worte ‚Leser‘ oder ‚Schreiber‘ oder auch ‚Journalist‘ kommen in diesen Texten so gut wie nicht mehr vor. Der Sound klingt vielmehr so:

„Technologiekompetenz ist unerlässlich – man könnte ketzerisch formulieren, dass der Blattmacher des 21. Jahrhunderts ein Software Engineer ist, der es versteht, Content (semi-) automatisch aufzubereiten und diesen sowohl nutzergerecht zu bündeln als auch den User zu inspirieren. Dazu muss man keine Infrastruktur erwerben, sondern sich tendenziell von der vorhandenen Infrastruktur (Druck, Distribution) trennen. (Martin Fabel, Vice President, A.T.Kearney Berlin)

Kurzum, der Leser ist zum ‚User‘ oder ‚Benutzer‘ mutiert und der Schreiber wird künftig wohl durch ’semi-automatische Content-Produzenten‘ ersetzt, wie immer man sich das vorstellen soll. Deutlicher kann wohl niemand zu verstehen geben, dass er von der Geschichte und Funktion des Journalismus nichts versteht. Der Journalismus hat unverändert die Aufgabe, ‚Öffentlichkeit‘ für gesellschaftlich relevante Themen herzustellen, und zwar so, dass der Leser das tut, was wiederum dessen Aufgabe ist: dass er den Text also auch liest oder ‚rezipiert‘. Es fehlt aber gerade an „Blattmachern“, die solches auch tun. Werden die Waren, also die Texte, nicht so verfasst, wie eben geschildert, dann fallen sie in den verdienten Orkus – und die Werbung hat folglich ebenfalls nichts davon. Bei diesen Herren aber gewinnt ein Leser den Eindruck, es ginge beim Journalismus darum, ein möglichst optimales Anzeigenumfeld möglichst billig und auf Recycling-Basis zu generieren:

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