Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Oktober 2009 (Seite 2 von 2)

Deutsch können sie auch nicht!

Von wem werden wir bloß regiert? „Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch.“ Um diesen Absatz will die künftige Koalition aus Union und Freien Demokraten unser Grundgesetz ergänzen. Im Artikel 22, der feststellt, dass Berlin die Hauptstadt ist und die Bundesflagge schwarz-rot-gold.

Die Sprache der Politik ist krank … pardon: Die Sprache der Politik ist Krank.

Sagt ein großer Stilist:

Ich habe schon manches Stilproblem zuerst durch den Kopf, und dann durch Kopf und Adler entschieden.“
Karl Kraus, Fackel 309 – 310, S. 39

Die Presse in eigener Sache

Von Hofberichterstattung hätte ich natürlich auch schreiben können: Es geht um den Freiburger Presseball, veranstaltet von der ‚Badischen Zeitung‘, wo das redaktionell zuständige Baby Schimmerlos dann – noch leicht verkatert – die verbale Aufbereitung unternimmt. Natürlich waren wieder mal alle Gäste ‚erwartungsfroh‘, auch ‚festlich gestimmt‘ und natürlich immer ‚gut gelaunt‘, das versteht sich in diesem Genre bekanntlich von selbst.

Weshalb aber diese Selbstbeweihräucherung – in textlicher Hinsicht – irgendwann regelhaft komisch zu duften beginnt, das soll mir mal jemand erklären. Es muss wohl an der Textsorte liegen, die hier Verwendung findet: De alcoholicis nihil nisi bene. Los geht’s mit einer kleinen Perlenlese:

Nach dem anstrengenden Wahljahr … nutzten zahlreiche Abgeordnete … zusammen mit Stadträten die Gelegenheit, interfraktionell zum Foxtrott zu schreiten.

Ach ja, dieser ‚rassige‘ Foxtrot oder Foxtrott, der schüttelt das Wahljahr aus jedem Frack. ‚Geschritten‘ aber wird auf jedem Ball, ‚trotten‘ oder gar ‚tanzen‘ ist nicht erlaubt … weshalb auch diese Damen der Regel folgen:

„Entschlossen zur Damenwahl schritten die „Boa-Ladies“ … Wo sie gingen und standen, ließen sie kleine Federn von ihren Boas zurück – als ob ein kunterbunter Vogel im Schweinsgalopp durchs Konzerthaus gestürmt wäre“.

Ein ‚Vogel‘ oder gar veritable ‚Damen‘ im ‚Schweinsgalopp‘ – also hören Sie mal, wollen Sie mir etwa meine sprachliche Galanterie ruinieren! Doch damit nicht genug – die Verbindungen zwischen Presse und regionaler Wirtschaft gilt es natürlich auch in extenso zu würdigen:

„Da konnten [die Schüler des Jazzorchesters] mal sehen, was so ein Ball alles zu bieten hat: einen Beautysalon der Parfümerie Kern, Hairstyling mit Stilissimo und jede Menge flanierender Menschen“.

Tscha – wenn das schon alles ist! So sprachperlt unser real existierender Journalismus vor sich hin, wie der Champagner in den Gläsern der ‚festlich gestimmten Gäste‘. Ich erteile hiermit ausdrücklich eine Leseempfehlung, aus Gründen unfreiwilliger Hochkomik …

Wildes Assoziieren

Warum nur musste ich bei diesem Text gleich an die Verhandlungen unserer Tigerenten-Koalition und an Angie und Guido im wilden Fahrwasser der Politik mit all den bedrohlich dahertreibenden Lobby-Interessen und dem zähen Ideologieschlamm denken? Das Gehirn spinnt sich eben aus dünnsten Fäden ein Netz:

„Allied to the bottom of the river rather than the surface by reason of the slime and ooze with which is was covered, and its sodden state, this boat and the two figures in it obviously were doing something that they often did, and were seeking what they often sought.“
Charles Dickens: Our Mutual Friend

Diese Arbeit ist nicht jene Arbeit

Ein Wort bedeutet keineswegs das, was im aktuellen Lexikon steht. Sondern immer nur genau das, was ein Hirn zu einem gegebenen Zeitpunkt mit diesem Wort verbindet. So verläuft eben Information – sie haust nicht in den Wörtern, sie steckt in den Köpfen.

Nehmen wir als Beispiel das Wörtchen ‚Arbeit‘. In meiner Jugend definierte sich kaum ein Mensch über die Arbeit, zumindest nicht unter uns Lehrlingen, Schülern und Studenten. Die Arbeit war ein notwendiges Übel, das uns lebenslang begleiten würde, sie nervte, aber es war nichts, was den Wert eines Menschen unter uns festlegte. Ob jemand Heizungsmonteur, Bauer, Historiker oder Bankkaufmann war, das spielte keine Rolle. Wichtig war, ob jemand ein Freund und guter Kumpel war, oder ein A…loch. So verlief die soziale Skala. Das eigentliche Leben fand nach 18.00 Uhr und am Wochenende statt. Da zeigte sich, aus welchem Holz jemand geschnitzt war. Das Karrieregefasel überließen wir den Eltern …

Heute hingegen umtanzen nicht nur die Parteien das goldene Kalb der regelmäßigen Arbeit, so, als sei sie der eigentliche Lebensinhalt. Auch die Selbstdefinition der arbeitenden Menschen verläuft heute entlang dieser Schiene – alle sind im Sinne unserer Eltern ‚erwachsen‘ geworden. Dabei existiert nicht nur die Grenze oder Fundamentaldifferenz, Arbeit zu haben oder arbeitslos zu sein. Es geht längst viel tranchierter zu: Die Art der Arbeit und der Name des Berufes verleihen den Status, die Bezahlung der Arbeit bestimmt den zwischenmenschlichen Rang. Da darf heute ruhig jemand Makler sein, Schönheitschirurg oder GEZ-Eintreiber, Berufe, bei deren Wortklang es uns früher geschüttelt hätte. Die soziale Regel im Neoliberalismus heißt: Hauptsache Cash – egal womit …!

Nach einem goldenen Schlüssel richtet sich im Kindesalter schon die ‚Karriereplanung‘ – auch so ein Wort, dass es damals nicht gab: Wir lernten etwas, gingen in die Ausbildung oder auf die Uni, lavierten uns durch, und wo wir später mal landen würden – ja, Herrgott, das Leben ist doch bunt! Vielleicht lande ich später mal als Schmuckverkäufer in Goa. Hauptsache, etwas erleben!

Nun aber meldet ein junger Mensch sich als Teenager bei Karriereportalen an, kein unvorteilhaftes Bild darf in die Community gelangen, die Assessment-Center der Unternehmen kommen zu den Proseminaren mit Arbeitsverträgen in den Hörsaal gestürmt, am Ende der Ausbildung verlassen charakterliche Klonschafe, personifizierte Wirtschaftserwartungen die Prägeanstalt. Und wenn jemand glücklich – sagen wir mal – Banker wurde, dann verbringt er anschließend auch die ‚Blue Hour‘ (früher FREIzeit genannt) immer nur unter seinesgleichen. Inzucht, soziales Unwissen und Snobismus prägen folgerichtig eine Generation, deren Lerneffekt in Sachen Lebenstauglichkeit gleich Null ist.

Später dann wundern sie sich, weshalb sie auch auf teuersten Fernreisen nichts wirklich erleben, weshalb jede Lebenserfahrung ihnen zeitlebens fremd bleibt und wieso sie immer öfter in Depression verfallen. Kein Wunder, sie haben das Erleben nie gelernt, sondern immer nur Robotten und Bizziniss. Tscha – und im Alter heißt es dann: „Und das soll jetzt alles gewesen sein?“. Sie können vor Gevatter Hein noch nicht einmal eine Lebensbilanz ziehen, weil sie kein Leben führten, sondern immer nur an Arbeit, Arbeit, Arbeit dachten …

So viel Wandel und auch Macht über uns steckt in dem kleinen Wort ‚Arbeit‘ drin – man sieht es ihm gar nicht an.

Figuren erfinden

Du brauchst keine Handlung, du brauchst Personal“, könnte ich in Anlehnung an einen Song von Stoppok sagen. Gemeint ist, dass ein Text ohne Figuren notwendigerweise lahmt. Ein Text muss ‚menscheln’, soll er nicht als Journalismus, Wissenschaft oder Einschlaflektüre langweilen …

Nehmen wir an, ich wollte im Andenken an einen jüngst verstorbenen Jugendfreund endlich jenen großen Bremerhaven-Roman schreiben, auf den die Welt schon so lange wartet. Würde ich jetzt autobiographisch vorgehen, dann wäre mit unserer Clique herzlich wenig anzufangen gewesen: Zu widersprüchlich, zu verklemmt und – auch das, ja! – zu langweilig waren wir alle im Grunde damals. Ungeformte Wesen mit Dutzendcharakteren aber wecken nur wenig Interesse. Für das Genre des exakt Autobiographischen muss man erst einmal schon berühmt gewesen sein, bevor man sich in Buchstaben für die Ewigkeit bestatten lässt. Umgekehrt wird nur selten ein Schuh daraus.

Also backe ich mir stattdessen Charaktere aus dem vorhandenen Lehm der Erinnerung: Ich forme ‚Mischcharaktere’, nehme diese Eigenschaft von jenem und klaue jene Macke von diesem, so lange bis der Jung-Werther der Hippiezeit wie aus einem Guss erstrahlt. Sogar etwas hinzu erfinden darf ich dabei, schließlich bin ich ja Demi-Gott, die große Literatte, die keinerlei Bedenken kennt …

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An der Oder-Grenze

Die stille, ausschließende Gewalt des Wörtchens ‚oder‘ wird oft unterschätzt. Oettingers Expertenrunde aus Pädagogen, Püschologen und noch so allerlei kam nach dem Amoklauf von Winnenden jetzt zu folgendem Schluss:

Außerdem verfügten Amoktäter „zum Teil über enorme Treffsicherheit durch Einübung mit scharfen Waffen ODER bestimmten Computerspielen“.

Es gibt dort also eine ‚Einübung mit scharfen Waffen‘, die sich gar nicht auf der Festplatte abspielt, sondern ganz konkret mit Smith & Wesson und Luger hantiert. Hierdurch – durch das intensive Training an realen Waffen also – würden die Opferzahlen bei der Tat enorm in die Höhe schnellen. Gemeint sind natürlich die Sportschützen- und Schützenvereine, wo nahezu alle Amokläufer ein Combat-Training absolvieren durften. Die Experten setzen diesen Faktor zu recht an die erste Stelle relevanter Tatfaktoren – und sie stellten durch das ‚oder‘ auch klar, dass die beiden Faktoren nicht unbedingt ‚arm in arms‚ auftreten, denn dieses ‚oder‘ weist grammatisch glasklar auf eine Alternative hin, es ist keine Summierung, wie sie durch ein ‚und‘ signalisiert worden wäre: Das eine allein ist möglich, das andere allein ist möglich, aber auch beides zusammen ist möglich.

Was aber macht die Politik aus der grammatisch ziemlich eindeutigen Empfehlung ihrer selbsteingesetzten Experten: Sie lässt die Hauptverantwortlichen in den Honoratioren-Ballervereinen mal wieder ungeschoren davon kommen: Sie fordert inkonsequenterweise NUR das Verbot von ‚Killerspielen‘, obwohl doch – wenn schon, denn schon! – zu einer wirklich durchgreifenden Vorbeugung BEIDE Faktoren sanktioniert werden müssten. So ist das eben, wenn man wiedergewählt werden möchte … und der nächste Amoklauf ist damit vorprogrammiert. Auch dann, wenn weit und breit kein Killerspiel mehr in Sicht sein sollte.

*Disclaimer*: Ich habe schon ‚Wizardry‘, ‚Ultima‘, ‚Might & Magic‘ und andere ‚Killerspiele‘ gespielt, als ein Oettinger noch gar nicht wusste, wie er einen Computer bedient. Ich bin gewissermaßen das Gegenbeispiel dafür, dass das Monstermetzeln und Orkschlachten eben nicht auf geradem Weg zur Amoktat führt. Nimmt man seine ‚Experten‘ aber ernst, dann sollten die politischen Entscheider zumindest auch deren Empfehlungen ernst nehmen, und keine populistische Rosinenpickerei betreiben …*

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