Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Oktober 2009 (Seite 1 von 2)

Lokus statt lokal

Im niedersächsischen Wietze will die Hähnchenschlachterei Rothkötter aus dem Emsland einen neuen Betrieb eröffnen, der täglich 100.000 Hähnchen schlachten soll, um den wachsenden Bedarf an Chicken McNuggets und anderem Fingerfood im Land zu stillen. Im heimischen Emsland sind die Auflagen inzwischen so hoch, dass keine neuen Mastbetriebe mehr genehmigt werden. Um genügend Rohstoff zu liefern, sollen mindestens 100 Landwirte im Umkreis von 100 km um Wietze herum einen Maststall für jeweils knapp 40.000 Küken errichten – auf eigene Kosten, versteht sich. Von einem Informationsabend im Gasthof Mehding im schönen Dorfmark, einem Flecken in der Nordheide, berichtet die ‚Walsroder Zeitung‘ am 28. Oktober 2009 durchweg begeistert, in einem Artikel, der leider nur teilweise im Internet zu finden ist.

Der ungenannte Lokaljournalist berichtet ‚vom Hörensagen‘ von einer Veranstaltung, an der er selbst gar nicht teilgenommen hat – anders ist der folgende Satz nicht zu deuten: „Rund 100 Landwirte sind gekommen, sehr viele junge darunter, wie Kreislandwirt Heiner Beermann später berichtet„. Ob der Berichterstatter für diesen Termin selbst keine Zeit hatte, so dass ihm ’später berichtet‘ werden musste, oder ob die Presse nicht zugelassen wurde, erfährt der Leser nicht.

Natürlich gibt es gegen die Hähnchenmast aus verschiedenen, durchaus einsichtigen Gründen massive Kritik. Sehr viel differenzierter berichtet zum Beispiel das Isenhagener Kreisblatt:

„Besonders beliebt sind Hähnchenmastställe als Nachbarn nicht. Henning Pieper von der Landwirtschaftskammer rechnet mit Widerstand gegen die Neubauten. „Ich bin nicht blauäugig. Das ist mein täglich Brot, mich mit Bürgerinitiativen auseinander zu setzen.“ Auch im Landwirtschaftsministerium geht man davon aus, dass es Proteste geben wird, setzt aber auf das Argument, durch die Ställe würden Arbeitsplätze geschaffen. Die jedoch werden bei den Mastbetrieben wohl eher spärlich entstehen. Kein Wunder, denn bei einem Reingewinn von gerade mal 8 Cent pro Hähnchen für den Mäster, der in der Branche kolportiert wird, darf eine Mastanlage nicht viel Arbeit machen.“

Tscha, das macht dann gerade mal 3.200 Euro Gewinn je Hähnchengeneration, wovon noch 500.000 Euro Kredit für die Mastanlage zu bedienen wären. Die meisten Bankberater zeigen bei solchen Gewinnaussichten dem Bauern die Tür. Von solchen Perspektiven erfährt der Leser aber in der Walsroder Zeitung nichts. Auch die Grünen im Kreisverband Celle fassen alle Argumente gegen das Projekt übersichtlich zusammen, auch diejenigen Probleme, die sie mit den landwirtschaftsfrommen Jubelpersern von der ‚Celler Zeitung‘ (CZ) haben – unter anderem so:

„Die Zahl neugeschaffener Arbeitsplätze für Wietze spielt in der Argumentation der Befürworter eine wichtige Rolle. Leider werden diese Zahlen auch zur Stimmungsmache in der Öffentlichkeit benutzt. Im ersten Pressebericht der CZ und in den Informationen des Bürgermeisters gegenüber dem VA war von 1.000 neuen Arbeitsplätzen die Rede. Inzwischen ist man bei Zahlen von 250 bis 500 angekommen. Trotz dieser inzwischen erfolgten Korrektur taucht die Zahl 1.000 Arbeitsplätze immer noch in der Berichterstattung der CZ auf.Welche nachteiligen Beeinträchtigungen sich aus der Konzentration der Massentierhaltung in einer Region für die Umwelt ergeben können, ist für eine breite Öffentlichkeit am Beispiel Emsland ohne größere Schwierigkeiten nachvollziehbar. Diese ökologischen Probleme sind also bekannt: Industrielle Tierhaltung auf Kosten der Gesundheit von Wasser, Luft und Boden. Emissionen durch Lärm, Feinstaub, Gase und Gerüche.“

Von all dem aber erscheint beim Kollegen von der Walsroder Zeitung wiederum nichts. Im Gegenteil, im Emsland sei die Hähnchenmast „auf große Zustimmung“ gestoßen, heißt es. Zur Kritik an den Hähnchen-KZs fällt ihm Folgendes ein: „Der Widerstand gegen solche Projekte kommt oft aus Unkenntnis, gepaart mit unbegründeter Angst„. Mir scheint da doch eher, der Berichterstatter selbst hat sich in bewusster Unkenntnis gehalten, schön an den warmen Schreibtisch in der Redaktion gekuschelt, die angeblichen bäuerlichen Interessen im Auge – kein Reporter, sondern ein Rapporter.

Apropos – eine Frage an unsere journalistischen Sachwalter ‚landwirtschaftlicher Interessen‘: Wer trägt eigentlich im Falle einer Vogelgrippe die Kosten? Etwa der arme Bauer, der doch schon 500.000 Euro für seinen neuen Maststall aufnehmen musste? Und in welchem Umkreis würde dann gekeult? – Anders gewendet, kann man es natürlich auch so ausdrücken:

Es wird dem Printfeudalismus ergehen wie dem echten Feudalismus, ein paar Paläste werden stehen bleiben und gegen Geld zu besichtigen sein, aber die Kaschemmen wird man wegreissen, weil es weder finanzierbar sein wird, noch gefragt.“


Denkfutter

Keine Kultur kann auf die Dauer eine soziale Ordnung verkraften, in der drittklassige Geschäftsleute erstrangige Männer aus den Führungsrollen verdrängen.“
Henry Louis Mencken (1880 – 1956) über die neue schwarzgelbe Koalition

Das journalistische Manifest

An der Textsorte Manifest, am aggressiven Zuspitzen von Sachverhalten zur Thesenform also, habe ich mich noch nie versucht. Zeit wird’s:

1. Der Journalismus soll – seinem Selbstverständnis zufolge – die Mächtigen dank der aufklärerischen Kraft der Öffentlichkeit kontrollieren und die ‚Wahrheit‘ hinter den Potemkin’schen Kulissen aufdecken. Historisch war das schon höchst selten der Fall. Heute weniger, denn je.

2. Der Journalismus soll die Partizipation der Menschen am demokratischen System bewirken, indem er ihnen Entscheidungshilfen ‚für oder wider‘ an die Hand gibt. Faktisch aber gleicht das Angebot der Medien einem sozialistischen HO-Laden, wo – statt argumentativer Vielfalt – in allen Medien das Immergleiche im Schaufenster steht.

3. Der Journalismus soll mit den Mitteln der Sprache die Leidenschaft und das Engagement der Menschen wecken. Faktisch kommt – mit einigen Ausnahmen – überall eine Rumford’sche Sprachsuppe für Geistesarme auf den Tisch, in der sich allenfalls die Gemeinplätze und Stanzen noch wohlfühlen. Das Publikum aber schiebt den Teller weit von sich.

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Diese Regierung taugt was!

Das Gemoser über Schwarzgelb allerorten – ich kann es schon nicht mehr hören! Tut diese Regierung etwa nichts für ihr Volk? Hat sie nicht einen leibhaftigen Gute-Laune-Bär als Vizekanzler und Außenminister installiert, damit wir immer etwas zu lachen haben – auch wenn harte Zeiten kommen sollten? Ist nicht vieles, von dem, was die neue Regierung sagt und beschließt, am nächsten Tag schon blanker Dadaismus – und damit Teil des lustigsten Literatur-Genres, das in Deutschland je existierte? Was also soll die ewige Miesepeterei? Lachen ist die beste Medizin, wenn der Arzt zu teuer wird.

Schon kommen überall diese Moralisten aus ihren Löchern gekrochen, diejenigen, die es vor vier Wochen versäumten, SPD zu wählen – ‚Entsolidarisierung‘ wispert es von ihrer Seite, geraunt wird von ’sozialer Kälte‘ und ‚Umverteilung‘. – Ja, Herrgott nochmal, Moral zu haben, das ist billig, das ist die leichteste Übung von der Welt! Zur Moral führt eine breite, vorgewärmte und eingeseifte Konsens-Rutschbahn mitten hinein ins bürgerliche Leben. Auf Moral kann sich jeder Trottel einlassen, ohne deshalb in Gefahr zu geraten, aus der Bahn zu fliegen. Wie viel schwerer aber ist die Unmoral: Meterhohe Hecken aus stacheligen Skrupeln gilt es zu überspringen, den Alpdruck des besseren Ich abzuwerfen. Durch das Nadelöhr des Zynismus passt alles, aber in Ewigkeit kein Kamel. Dagegen ist der Weg in den Himmel mit Sprichwörtern und Gemeinplätzen stolperfrei gepflastert, und an jedem Kirchentor wartet eine bequeme Ruhebank fürs gute Gewissen. Kurzum: Mehr Menschlichkeit, das muss jetzt auch und vor allem für unseren Umgang mit schwarzgelben Amoralisten und den hart arbeitenden Leistungsträgern des Egoismus gelten!

Freibier, das allerdings wäre etwas, was die Koalition nachträglich in den Koalitionsvertrag hineinschreiben sollte. Erstens käme das – so hört man – den Interessen unseres neuen Wirtschaftsministers entgegen. Und zweitens sind Besoffene zwar schon von Barhockern gefallen, aber noch nie von einer Barrikade. Mit zwei Promille knüpft auch niemand mehr einen Henkersknoten.

Unsere hervorragende neue Regierung sollte bei allen ihren Maßnahmen daher immer die gute Laune des Volkes im Blick behalten. Dann klappt das auch mit den Schweinereien wie von selbst …

Welches Deutsche denn?

Gestern geriet ich in eine rbb-Talkshow, die auf Eins Extra recycelt wurde: Es ging wieder mal um das gut abgehangene Thema: ‚Soll die die deutsche Sprache ins Grundgesetz?‘. In dieser Runde saßen unter anderen der Herr Bosbach von der Union, der Herr Ströbele von den Grünen, der Chef des Muslimrates, eine türkische Publizistin – war es Nekla Kelek? – und eine deutsche Schriftstellerin ungarischer Herkunft. Alle taten so, als gäbe es ‚DIE‘ deutsche Sprache. Dabei bin ich doch schon als Norddeutscher in einer schwäbischen Beiz sprachlich aufgeschmissen. Die deutsche Sprache ist nirgendwo im Singular zu haben, noch nicht einmal im Umkreis der CallCenter-Hochburg Hannover. Die Frage ist also stets, welches Deutsche denn dort im Grundgesetz verankert werden soll: etwa die kalte Verwaltungssprache der Politiker, das informationelle Legoland der Journalisten, das euphemismenreiche Gesülze der PR-Zunft, die hochtrabenden Pretiösen der Dichter, der Straßenjargon der Migrantenkinder, das Missingsch der Küstenbewohner oder das Allemannisch des Schweizer Bergbauern, der uns im Fernsehen nur mit Untertiteln verständlich ist?

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Lehrstück ‚Qualitätsjournalismus‘

Hätte ich in der Ausbildung künftiger Journalisten etwas zu sagen, dann müssten meine Schüler diese unterhaltsame Lehrstunde in angewandtem Qualitätsjournalismus ausgiebig analysieren. Denn fast schon regelhaft ist der deutsche Qualitätsjournalismus nicht dort zu finden, wo er sich selbst zum ‚Qualitätsjournalismus‘ zu adeln pflegt. Immerhin: Schaden soll diese ‚rosarote Brille für die Haut‘ wohl nicht …

Was ist eine Information?

Das Wesen der journalistischen Nachricht glossierte Kurt Tucholsky im Jahr 1924, als er für die ‚Weltbühne‘ ein Buch von Siegfried Bryk besprach (GA VI, 411 ff). Nehmen wir an, sagt Tucholsky, ein Bankier träume eines Nachts ganz intensiv von einer Goldmine. Mit der Geschichte von diesem Traum ginge er am nächsten Tag auf eine Redaktion – und er würde dort ein paar Scheinchen auf den Tisch des Hauses legen.

Dass er Geld gegeben hat, das sei dann ganz und gar keine journalistische Nachricht, sagt Tucholsky. Auch nicht, dass er das alles nur geträumt habe. Aber die Existenz der Goldmine, das sei eine waschechte journalistische Information … das wird gedruckt.

Wer writed so spät …

Alles meins!

Das semantische Feld der Eigentumsbegriffe ist ein vermintes Gebiet, auf dem schon viele ideologische Schlachten geschlagen wurden. Heute sind vor allem vier Begriffe kurrent, die ich hier so vorstellen will, wie ich sie sehe – ganz ohne jeden wissenschaftlichen Anspruch:

Der Besitz ist ein altes Wort. Am Anfang meint das Wort nichts als die Verfügungsgewalt über eine Sache, über Haus, Pferd, Pflug oder Boden, man ’saß‘ auf dem Seinen und machte etwas daraus, so wie auch die Henne ihre Eier ‚besitzt‘, um die Küken schlüpfen zu lassen. Das Wort Besitz bezieht sich damit auf menschliches Maß, auf die bewegliche Habe oder auf die Lebensspanne. In diesem Sinne bin auch ich ein Besitzbürger: Ich besitze eine große Bibliothek, einen Hund, viele CDs, schöne Möbel, sogar ein Haus usw. Typisch an diesem Begriff ist es, dass sich der Besitz nach meinen Tod in alle Winde verstreuen kann, dafür werden oft genug die lachenden Erben schon sorgen. Der Besitz erhält damit eine persönliche oder familiäre Note, der Besitzer ist eine konkrete Person, der Besitz ist das, was diese Person sich in ihrem Leben erwirbt und genießt. Der Begriff kann aber auch umschwenken, ein Mann ist dann ‚besessen‘, er wurde zum ‚Besitz‘ von Dämonen, Sukkubi, Teufeln. Wegen dieser ursprünglichen Bildlichkeit ist mir das Wörtchen ‚Besitz‘ so sympathisch, auch wenn die Juristen heutzutage mit Unterscheidung zwischen Sachbesitz und Rechtsbesitz das Konkrete des Ursprungs zu verwirren pflegen. Auch kann jemand durchaus im Besitz einer Sache sein, ohne der Eigentümer zu sein – zum Beispiel ein Bankräuber mit einem Sack voll gestohlenen Geldes bleibt solange der Besitzer, bis ihn die Polizei stellt.

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Klaus Kocks – der Mythenmetz

Klaus Kocks ist Meinungsforscher, er tritt also mit einem wissenschaftlichen Anspruch auf. Die Fakten, die er anführt, sollten daher also u.a. ‚verifizierbar‘ und auch ‚relevant‘ für ein Thema sein. In der Frankfurter Rundschau beschäftigt er sich mit dem ‚Aufstieg‘ der Piratenpartei, indem er diese kleine Zwei-Prozentler-Partei zur fundamentalen Bedrohung der bürgerlichen Gesellschaft emporjazzt. Sprachlich ist es recht interessant, was er (sich) dort leistet, wobei ich natürlich verstehen kann, dass auch der eigene Beruf des Meinungsforschers im Kern bedroht ist, wenn die assistierende Industrie der Meinungsmacher zunehmend an Relevanz verliert. Mit anderen Worten: Kocks argumentiert pro domo, was ja völlig legitim ist, sofern er dabei nicht auf höheren Blödsinn verfällt.

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