Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: September 2009 (Seite 2 von 2)

Unschreiben für Anfänger

Ihr schießt da plötzlich was durch den Kopf, was glücklicherweise nicht aus Blei ist, sondern sich bloß in einen Blogbeitrag verwandelte:

.. noch einmal “memory” (siehe unten), jetzt aber von der anderen Seite, mehr so “.. bloß nicht!”:

Ungebeten drängt sich ihr da inmitten der Strandlust von anderer Seite ein unbekannter Gast auf, der die schönste Erinnerung ‚in’n Tüddel‘ bringt:

„Plötzlich beim Lesen stand dieser Satz letzten Samstag in der sonnenflirrenden Luft am vollgepackten Strand des Liepnitzsees und verhedderte sich mit seiner tiefen Melancholie so unpassend in den Sommertag, dass er vorgelesen werden musste“.

Das folgende Binnenzitat schenken wir uns einfach mal, alldieweil die Autorin ihre Philippika lauthals den erstaunten Badegästen dort entgegendonnert. Sie wird diese schon ‚voll gepackt‘ haben! Wir aber widmen uns – dieser Text kennt kein Verweilen – stattdessen dem Genre der Buchreisen, dieser preiswerten Tourismus-Alternative für den kleinen Geldbeutel:

Sebald, der in diesem Buch durch Großbritannien reist, referiert hier den englischen Autor Thomas Browne, der dadurch genau das ja gerade nicht wird, was er herbei ruft: vergessen.

Ja, auch für mich sind’s unvergessliche Sätze, vor allem das ‚referiert‘, auch wenn’s mich danach eher zum Underberg als zum Biere drängte:

Ziemlich dark und seltsam, aber irgendwie dann doch auch schön – und das Wetter spinnt vielleicht, aber Schnee, nein. Soweit geht das Elend dann doch nicht. Also raus. Let’s have a beer.

Was hat sie gesagt? Wo gibt es Schnee?

Wer war das denn noch?

Zeitlebens galt der Engländer aus Surrey als Inbegriff eines ‚Country Gentleman‘. Obwohl selbst Mitglied der Oberschicht, ironisierte er seine Klasse in zumeist dickleibigen Werken, worin oft genug das Künstlertum und die wahre Liebe über die schnöde viktorianische Bürgermoral siegten – und über die Gier, die diesen Stand regierte: „Sie glauben an Gott und an die Zinsen„. Unser Jurist engagierte sich in vielen Vereinen, unter anderem präsidierte er jenem, der den „den Einsatz von Flugzeugen als Waffe verbieten“ wollte. Im ersten Weltkrieg riskierte er als Sanitäter an der Front Kopf und Kragen.

Sein Freund Joseph Conrad, mit dem er ausgedehnte Südseereisen unternahm, nannte ihn einen „humanitären Moralisten„.  Schauspiele, Essays, Romane, Novellen und Gedichte säumten seinen Weg – er war auch Präsident des PEN-Club, erhielt den Ritterschlag und den ‚Order of Merit‘ – ach ja, und den Nobelpreis für Literatur gab es auch. Heute sind seine Bücher zumeist in Antiquariaten oder in Kartons auf dem Dachboden zu finden, häufig in Bertelsmann-Ausgaben … was eigentlich schade ist, denn für kommenden grauen Novemberabende gibt es kaum eine besinnlichere Lektüre.

Informationshäppchen

Nein, ich werde hier das hochbedeutsame ‚Internet-Manifest‘ nicht nochmals verlinken. Der Text ist trotzdem ein Schulbeispiel dafür, wie man mit überholten Anschauungen eben keine Welt aus den Angeln heben kann. Auch nicht online. Am Beispiel des Informationsbegriffs will ich versuchen, das zu erklären. Bei den Berlinern heißt es:

„Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen.“

So eben ist es nicht: Informationen sind nichts, was außerhalb eines menschlichen Kopfes wie ‚Dingliches‘ umherfliegt – also bspw. wie ‚Kokosnüsse‘, ‚Regenschauer‘ oder ‚Tastaturen‘. Auf diese Weise existieren Informationen nicht. Auch in den großen ‚Informations- und Datenspeichern‘ finden sich vor allem Buchstaben und Zahlen, die sinngebende Instanz kommt erst als Leser oder Programmierer hinzu. Dort außerhalb von uns gibt es nur Ereignisse, Geschehnisse, ‚Perturbationen‚, ‚Reize‘, von mir aus auch ‚Fakten‘ – aber eben keine Informationen: Ein Blitz schlägt in eine Platane ein, ein Tsunami rollt auf die Küste Javas zu, äthiopische Panzer rollen über die somalische Grenze, einer Frau in Detmold fällt die Blumenvase aus der Hand usw.

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Liebe Muslime!

Um euch mal den Unterschied zwischen aufgeklärten und unaufgeklärten (resp. kreationistischen) Gesellschaften klar zu machen, zitiere ich an dieser Stelle einen unserer deutschen Chefaufklärer, den Georg Christoph Lichtenberg. Der sagte zu einer Zeit, im fernen 18. Jahrhundert, als auch bei uns die ‚Ehelichkeit‘ der Geburt noch eines der höchsten Güter war: „Es ist eine schöne Ehre, die die Frauen haben, die einen halben Zoll vom Arsch abliegt.

Und genau so denkt ihr eben auch, wenn ihr eure Töchter gegen deren Willen vor euch Männern ‚beschützt‘, nur um den Popanz eurer Familienehre zu wahren. Auch ihr vermutet Sitte und Anstand zwischen den Beinen eurer Frauen. Ich finde das einfach nur drollig  – oder auch unaufgeklärt …

Old Boys – Mixed Answers

Der größte Vizekanzlerkandidat aller Zeiten, Frank-Walter Steinmeier, hat der Carta einen Vorabdruck zu den Positionen zukünftiger SPD-Medienpolitik gegeben. Der aber nach Lage der Dinge wohl nur dann ansatzweise umgesetzt werden könnte, wenn’s erneut zu einer großen Koalition käme. Klar wird mir bei der Lektüre eins – unsere Parteien sind durch die Bank noch gar nicht Anno Internet angekommen. Unverdrossen reduzieren Sie alle Medienvorgänge auf ‚Massenmedien‘ und auf ‚Opinion Leader‘, unbeirrt gibt es nur eine wahrhaft demokratische Beziehung, diejenige zwischen ‚Politik‘ und ‚Massenmedien‘. Steinmeier schreibt:

„Um so mehr sollten Politik und Medien gemeinsam diesen öffentlichen Diskurs pflegen. Mit Abstand und Kritik, aber eben auch mit Respekt für einander. Öffentliche Meinung und veröffentlichte Meinung sind nicht zu trennen und Öffentlichkeit, das haben wir spätestens von Jürgen Habermas gelernt, ist eine zentrale Kategorie der aufklärerischen Tradition, die aber eben auch einem tief greifenden Strukturwandel unterworfen ist. Die Massenmedien haben die Rolle eines elektronischen Lagerfeuers übernommen. Im Idealfall sammeln, bündeln und bewerten sie, was eine Gesellschaft bewegt und bewegen müsste, und tun das in der Weise, dass in einer Gesellschaft Meinungsvielfalt und -zugang gewährleistet sind.“

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Fakten vs. Erzählung

Auch große Sprachmeister liegen gelegentlich neben der Spur mit ihrem Gespür. So steht bei Helmut Heißenbüttel eine Goethe-Parodie am Anfang seiner Erzählung von ‚D’Alemberts Ende‘: „Eduard – so nennen wir einen Rundfunkredakteur im besten Mannesalter – Eduard hatte im D-Zug München-Hamburg …„. Das ist natürlich bis zur Namensgleichheit hin eine Parodie auf diesen berühmten Beginn der ‚Wahlverwandtschaften‘:

„Eduard – so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter – Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stämme zu bringen“.

Wo aber bei Goethe alles im Ungefähren verbleibt – wir erfahren zum Beispiel nicht, welche Stunde an einem beliebigen Aprilnachmittag denn wohl die schönste sei, wo die Handlung überhaupt spielt etc. – da geht es bei Heißenbüttel viel präziser zu. Und es ist wiederum diese Faktizität, die den Text erzählerisch in meinen Augen schon von der Startlinie weg lahmen lässt:

„Eduard – so nennen wir einen Rundfunkredakteur im besten Mannesalter – Eduard hatte im D-Zug München Hamburg (Ankunft Hauptbahnhof 21.19) die schönsten Stunden eines Julinachmittags (25. 7. 1968) zugebracht und betrachtete mit Vergnügen die Gegend zwischen Lüneburg und Harburg“.

Ankunftszeiten, der Ort, das exakte Datum – Heißenbüttel flutet seinen Text geradezu mit journalistischen Tatsachen. Wir erfahren sogar von einem allwissenden Verfasser, dass sein Held ‚mit Vergnügen‘ aus dem Fenster schaut. Zugleich zerbröselt unter dem informationellen Störfeuer all dieser Fakten unsere Teilnahme am Text. Weshalb ist das so?

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Das Reporter-Forum …

hat von mir einen Text über Egon Erwin Kisch erneut eingestellt. In illustrer Gesellschaft. Wen Historisches aus dem weiten Reich des Journalismus interessiert, soll sich hierhin begeben.

Burdas Gagagologie

Oder auch Burdadaismus, Teil 2:

Ja, Finanzen100 ist „Partner“ von „Focus“. Oder genauer: Es ist eine Entwicklung aus dem Hause Burda.

Mäjk dott bielief …

Viel Geld, richtig viel Geld, vermute ich jetzt mal, gab es für diese Glanzleistung eines ‚Mache Punkt Glauben‘ oder ‚Machen Punkt Glaube‘ – oder wie immer ein argloser Leser diese Agenturkreation aus hochgeschäumter Marketing-Sprache sich ins Deutsche übersetzen will. Dieser Punkt (oder das Dot) steht vermutlich für die Modernität. Aber nein, es ist alles noch viel komplizierter:

„Im Zuge der Weiterentwicklung von Sony und unseres Bestrebens, das Beste aus Elektronik, Entertainment und Technologie in das Zuhause unserer Kunden zu integrieren, ist ein allumfassendes und einheitliches Marken-Image wichtiger denn je“, erklärte Sony-Chef Stringer. Demnach sei „believe“ die Kraft der Inspiration, während „make“ für die Umsetzung dieser Inspiration in Produkte und Erlebnisse symbolisiere. Und „dot“ sei „die Verbindung und der Ort, wo beides aufeinander trifft – und Magie entsteht.“ … Sony wirbt künftig weltweit mit dem neuen Claim „make.believe“.

Die Sprache soll hier also mit zwei kleinen Wörterlein für ein erwünschtes Marken-Image sorgen? Ein totgerittenes Dutzend-Verb wie ‚machen‘ soll die Umsetzung der vorangegangenen mentalen Glaubens-Transpiration in Produkte ’symbolisieren‘? Der Punkt, den kein Mensch jemals mitsprechen wird, soll sich zu einem Ort der Begegnung auswachsen? Wo dann – Simsalabim!‘ – weiße oder schwarze Magie entsteht? Ich weiß ja nicht …

Mich persönlich erinnert dieses Branding-Kikeriki zunehmend an die Religionsauffassung kleiner Sekten, oder an ‚Glaube‘, definiert als ein durch nichts begründetes Wissen. Aber ich bin ja nur ein Mensch, ich mag mich irren … und diese drei Punkte stünden dann für den Ort, wo das alles zusammentrifft.

Die Negation …

manche bezeichnen das Prinzip mit einem etwas altertümlichen Ausdruck auch als „Dialektik“:

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