Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: September 2009 (Seite 1 von 2)

Befreite Akzente?

Jawoll, Freiheit für die politischen Gefangenen! – Kaum ist die Wahl vorbei, schlägt die große Stunde aller vorstellungsbefreiten Dampfbabbler: „Gerade weil unser Land enorme wirtschaftliche Probleme bewältigen muss, kann nun eine politisch auf Marktwirtschaft fixierte Bundesregierung befreite Akzente für mehr Wettbewerb setzen„, erklärt Manfred Parteina, Hauptgeschäfts-führer des ZAW.“

*Den naheliegenden Kalauer mit ‚Parteina‘ und ‚Parteinahme‘ verkneife ich mir jetzt mal … *

Dialektik für Anfänger

Ein – so erschien es jedenfalls mir – nicht sonderlich komplex gestrickter Spitzenkandidat der brandenburgischen FDP mit dem schönen Namen Hans Lanfermann, der durfte gestern auch kurz vor die Kameras treten, um Staatstragendes zu verkünden. Wörtlich sagte er:

„Wir brauchen Wirtschaftswachstum, damit wir uns den Sozialstaat überhaupt noch leisten können“.

Die Dialektik bestünde nun darin, solche Aussagen erst einmal ‚auf den Kopf zu stellen‘, also auf die Negation einer Aussage zu verfallen. Denn im Umfeld einer massiven Wirtschaftskrise, wo überhaupt nicht ausgemacht ist, wann und wie wir wieder zu Wirtschaftswachstum kommen, kann die Lanfermannsche These nur stimmen, wenn Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen, wenn also DAX und Beschäftigung Arm in Arm durchs grüne Gras einer blühenden Konjunktur schreiten. Es ist eine blitzblanke Wachstums-Ideologie, verknüpft mit dem ‚Prinzip Hoffnung‘. Die ‚Spiegelung‘ der Aussage ist in solchen Fällen sinnvoll: Die schlichte und realistische Negation der Aussage lautet, unter Umkehrung des ‚Bedingungen‘ stellenden Konditionalsatzes dort oben:

„In einer Krise, bei schrumpfender Wirtschaftsleistung, können wir uns den Sozialstaat nicht mehr leisten“.

Das allerdings dann wäre der geoffenbarte Liberalismus – der stets geleugnete Herzenswunsch, den Sozialstaat zu schleifen, ein „Jeder für sich und Gott gegen alle„. Und wer das überlebt, ist ‚Leistungsträger‘. Dieser Wunsch ist in Lanfermanns Aussage ‚implizit‘ und logisch komplett enthalten, so ‚tickt‘ der Mann nun mal. Bleibt für uns das bekannte Lenin’sche ‚Was tun?‘, die ‚Synthese‘, die ‚Position‘ und ‚Negation‘ gleichermaßen durchbricht und Handlungsmöglichkeiten freisetzt:

„Wenn wir den Sozialstaat auch in der Krise erhalten wollen, dann dürfen wir ihn nicht länger mit der Hoffnung auf Wirtschaftswachstum finanzieren.“

Mit anderen Worten: Wir müssen dann wohl nolens volens andere Quellen zur Finanzierung heranziehen. Süsst woll – schon guckt der Herr Lanfermann böse, sollte er dies lesen …

Klassisches Doppel

Weil’s ja mein Geschreibsel ist, weil ich allen FDP-Hassern auch mal eine kleine Freude machen möchte, weil morgen Wahltag ist, deshalb habe ich diese Persiflage hier nochmals eingestellt, obwohl sie auch bei mir drüben in der Sargnagelschmiede zu finden ist:

Moritz von Schwind, wikimedia, gemeinfrei

Moritz von Schwind, wikimedia, gemeinfrei

„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst, Vater, du den Guido nicht?
Den Guido dort mit Kron und Schweif? –
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –

„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Schwarzgelbe Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Boni liegen am Strand,
Mein Programm birgt güldnen Tand.“

Mein Vater, mein Vater, hörest du nicht,
Was Guido mir dort an Rendite verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In Zeitungsblättern säuselt der Wind. –

Mein Vater, mein Vater, siehst du nicht dort
Guidos Spekulanten am düsteren Ort? –
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
Sie machen die grünen Weiden so grau. –

„Ich liebe dich, mich reizt dein kleines Gehalt;
Und willst du nicht zahlen, so brauch ich Gewalt.“
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Guido hat bei mir ein Investment getan! –

Dem Vater grausets, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Aufschwung mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Land war tot.“

Bild: Moritz von Schwind, wikimedia, gemeinfrei

Bürgerliche Mehrheit?

Es gibt für mich kaum eine dümmere sprachliche Phrase, als das Gerede der Union und der FDP von einer ‚bürgerlichen Mehrheit‘, die es im Wahlkampf zu erringen gelte. Denn in der Bundesrepublik Deutschland gibt es ausschließlich Bürgerliche, das aktive und passive Wahlrecht nebst der Staatsangehörigkeit konstituiert den deutschen Bürger. Und auch vom Lebensstil her stehen wir bundesweit und gesamtgesellschaftlich vor einer nicht immer appetitlichen Melange aus Kleinbürgern, mittlerem Bürgertum und einer Haute Bourgeoisie, die immer zumwinkeliger wird, je weiter wir nach oben schauen. Außerhalb des ‚Bürgertums‘ wäre allenfalls eine kleine Schicht von ‚abgestürzten Bürgern‘ zu verorten, die Hartz IV-Empfänger. Die sich aber nichts sehnlicher wünschen als die Rückkehr ins Bürgertum. Diese Bundesrepublik ist also durch und durch bürgerlich – von ganz rechts bis ganz links. Selbst die NPD mimt mit treudeutschem Augenaufschlag den national empörten Bürger.

Der dreiste Versuch von Liberalen und Unionisten, sich unter diesen Umständen ganz allein das Etikett einer ‚bürgerlichen Mehrheit‘ anzuheften, ist daher soziologischer und wissenschaftlicher Unsinn. Moderner ausgedrückt: Es ist Bullshit. Nirgends gibt es mehr Proletarier, die „nichts zu verlieren hätten als ihre Ketten“ (Marx). Auch der deutsche ‚Arbeiter‘, wenn ihm nicht der Ackermann und seine Spekulatiusse den Aufstieg versemmeln, der besitzt bisher irgendwann ein Einfamilienhaus, ein Sparguthaben und Mallorca-Sauferfahrung – er ist damit längst zu einem Kleinbürger mutiert, zu einem Petit-Bourgeois, der einiges mehr als nur Ketten zu verlieren hat.

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Zitate zur Zeit

Aber siehst du, eine Bank oder Gesellschaft kann das nicht, weil diese Kreaturen ja keine Luft atmen und sich nicht von Fleisch nähren. Sie atmen Profite, und sie nähren sich von Geldinteressen. Wenn sie das nicht bekommen, sterben sie, wie du stirbst ohne Luft und Fleisch. Es ist eine traurige Sache, aber es ist so. Es ist einfach so. (…) Eine Bank ist nicht wie ein Mensch. Oder einer, der fünfzigtausend Acker besitzt, ist auch nicht wie ein Mensch. Das ist das Ungeheuer (…) Die Bank ist ganz etwas anderes als Menschen. Jeder Mensch in der Bank hasst das, was die Bank tut, und doch tut die Bank es. Die Bank ist mehr, als Menschen sind, das sage ich dir. Sie ist ein Ungeheuer. Menschen haben sie gemacht, aber sie können sie nicht kontrollieren.“
John Steinbeck: Früchte des Zorns, 37 ff

Buchstabenmystik

Der Gedanke, nicht erst in den Text etwas ‚hineinzugeheimnissen’, sondern schon in die Zeichen, in die einzelnen verwendeten Buchstaben, aus denen er besteht, der mutet uns fremd an. Das jüdische Volk allerdings gilt auch deshalb als ‚Volk der Schrift’, weil es die Buchstaben auf diese Art gewissermaßen heiligt. Gleich drei Bücher der Kabbala, der jüdischen Mystik, beziehen sich auf die geheime Bedeutung der Buchstaben des hebräischen Alphabets.

Jeder Buchstabe besitzt demnach mehrere sinnbildliche Bedeutungen, die sich wiederum auf Bibelverse beziehen können. Zunächst ist jedem Buchstaben ein Grundbegriff religiöser Erkenntnis zugeordnet. Ferner entspricht er auf der ersten, der offensichtlichen Ebene (‚gematria’), einem Zahlenwert. Denn das Hebräische hat keine separaten Zahlwörter ‚erfunden’. Auf den tieferen, mystischen Ebenen schließlich helfen die Buchstaben, die Struktur der Erscheinungswelt zu deuten. Ein mystischer Text lässt sich dann über die Symbolik der Buchstaben als eine Art Weltauslegung lesen, der Text gewinnt gewissermaßen die Qualität einer symbolischen Séance oder eines Tarot-Spiels.

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Rechthaberisch bin ich ja nicht.

Wohl aber ziemlich rechtschreiberisch – dort immerhin auf Platz 10.

Ach ja, die gute alte Zeit

Führe ich mir journalistische Klagelieder in Zeiten der Medienwende zu Gemüte, dann muss ich über jenes nostalgische Übermaß lächeln, mit dem eine mickrige Gegenwart an einer vorgeblich strahlenden Vergangenheit gemessen wird. Eine ‚Heldenzeit‘ des Journalismus wird historisch festlich illuminiert, ein Damals, wo es noch echte Verleger gegeben habe, wirkliche Charakterköpfe mit unbeugsamem Willen und verkümmertem Geschäftssinn, die für einen guten Artikel bereitwillig ihre größten Anzeigenkunden in die Wüste jagten; dazu heldenmütige Schreiber in jeder Redaktion, die den Gewaltigen auf die Füße traten, bis sie bereuten oder sich endlich Schuhe mit Stahlkappen zulegten; und eine interessierte Leserschaft, die zum Frühstück auf blendend recherchierte und gut formulierte Geschichten pochte.

Ach Kinder, was war das schön! Anderen stößt dies realitätsferne Gebarme der Journalistenzunft ebenso sauer auf wie mir:

„Hartnäckig hält sich das Lamento über die Verflachung des Journalismus. Leidenschaftslos, glattgebügelt und austauschbar kämen sie daher, die Beiträge des real existierenden Medienschaffens, beklagen Praktikerinnen und Theoretiker immer wieder wortreich.“

Insbesondere der darbende Lokaljournalismus wird von vielen als rückwärtsgewandte Utopie inszeniert. Bei allen Verdiensten des Kollegen Jakubetz, wo er sein Paradepferd zäumt, dieses Passauer Käsblatt dort, bildet auch bei ihm ‚der Verfall des Lokaljournalismus‘ eine helle Folie, vor der er – wiederum zu Recht – das aktuelle Geschehen als dunkles Schattenspiel inszeniert. Die Folie aber ist falsch, nicht der beschriebene Ist-Zustand:

„Statt also sich die Schlaglöcher der Umgehungsstraße genau anzusehen, statt die Menschen zu Wort kommen zu lassen, statt also kurz gesagt: das alltägliche wahre Leben abzubilden, liest, hört und sieht man in den Lokalmedien häufig ebenso Langweiliges wie Irrelevantes: Haushaltspläne werden in epischer Breite seziert (ganz so, als ob irgendein Normalbürger der Unterschied zwischen einem Vermögens- und einem Verwaltungshaushalt interessieren könte), Bürgermeister, Landräte und Abgeordnete dürfen sich nahezu ungehindert ausbreiten und dazwischen immer und immer wieder dröger Termin- und Verlautbarungsjournalismus. Viele Lokalteile schaffen es einfach nicht, irgendetwas halbwegs Sinn- und Gemeinschaftsstiftendes zu produzieren. Stattdessen sind viele nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Partikularinteressen, was sich schnell in einer absurden Spirale nach oben schaukelt: Wenn der Fußballverein 80 Zeilen oder 2 Minuten bekommen hat, muss man das aber auch den Landfrauen zubilligen.“

Genau so ist es. Inhaltlich ist diese Zustandsbeschreibung völlig richtig. Das Problem ist nur: Wann hätte es denn – abgesehen von mehr Redakteuren und höherer Bezahlung – in deutschen Lokalredaktionen jemals die vermissten journalistischen Qualitäten gegeben? Je mehr ich mich einlese, desto zweifelhafter wird mir all diese Nostalgie. Der Journalismus ist in der Krise zu seinem eigenen Mythos geworden. Denn im Grunde war es immer ein Scheiß-Beruf – vor allem in der Provinz.

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Pervers!

Natürlich zählt das Wörtchen ‚pervers‘ zum Wortschatz der vereinigten Spießer, Philister und Pharisäer. „Pervers!“ schreit der süddeutsche Biertischpolitiker, wenn er etwas von ‚gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften‘ hört. „Pervers!“ findet der FDP-wählende Apotheker oder Anwalt jeden Gedanken daran, die sonst so gefeierten Gesetze der Deregulierung und des Wettbewerbs auch in seiner Branche einzuführen. Und „pervers!“ finden alle Internetausdrucker diejenigen, die nicht für Netzsperren im Internet sind – und die damit bekanntlich der Kinderpornographie Tür und Tor öffnen wollen. So weit, so blöd, so gut: Das Wörtchen ‚pervers‘ scheint auf den ersten Blick für vernünftige Zwecke verbraucht.

Das aber ist ein Irrtum. Stellt man solche Wörter, die ihr gesellschaftliches Verfallsdatum längst erreicht haben, in einen neuen Kontext, dann funkeln sie plötzlich wieder:

Da setzen also irregeleitete Jünglinge ihre Hoffnung auf Anabolika und Steroide, statt auf Intelligenz. ‚Männlich‘ möchten sie sein, mächtige Muskeln sollen ihnen wachsen statt des verlorenen Selbstbewusstseins, und der Brustkorb möchte bitte wie ein Tönnchen schwellen. Schon bald bekommen sie die Kehrseite ihrer Pillensucht zu spüren – dort unten schwillt plötzlich nichts mehr, die Aktivität ihrer Spermien gleicht der Arbeitslust von Silvana Koch-Mehrin, die Männlichkeit unter dem Waschbrettbauch hängt nächtens wie eine frische Nudel in den Seilen, auch die dümmste abgeschleppte Disco-Tusse zeigt sich darob zu recht enttäuscht, weshalb ihr der düpierte Muskelberg mit Gewalt das Maul stopfen möchte … und dann wachsen ihm plötzlich auch noch schlaffe Männertitten dort, wo sich Brustmuskeln verführerisch räkeln sollten. Prompt verzichten unsere Eiweiß-Junkies nicht etwa auf ihre geliebten Anabolika, nein, sie rennen zum Schönheitschirurgen und lassen sich ihre Hupen liften. Männertitten-OPs haben rasant zugenommen, vor allem bei jungen ‚Adonüssen‘

In ihrer gnadenlosen Dummheit und aus Angst um ihre Männlichkeit verschaffen sich zahllose junge Männer ein männlicheres Aussehen mit Mitteln, die wiederum alle funktionale Männlichkeit in blanke Impotenz verwandeln. So etwas nenne ich pervers, weil es den Sinn der Veranstaltung wirklich ‚verkehrt‘ oder ‚pervertiert‘!

Der Leser sieht – sobald sich der Kontext wandelt und der Sinn ins Wort zurückkehrt, dann funkeln auch die ausgelutschtesten Kaugummis des deutschen Wortschatzes wieder. Selbst geschmacklose Pfui-Wörter wie ’national‘, ‚kompetent‘ oder ’synergetisch‘ würden wieder kräftig zubeißen, wenn man sie nur auf die richtige Weide führen würde, fort von den zahllosen Missbräuchlern …

Ausgeschrieben

Zur Zeit habe ich wenig Zeit, auch fürs Bloggen. Der Jahresbericht eines Großkunden soll binnen einer Woche fertig gestellt sein – und bei solchen Text-Anacondas geht mir nach einigen Stunden das Denkvermögen komplett aus, wobei dieses Vermögen fürs Schreiben bekanntlich eine Vorbedingung ist. Nach vier oder fünf Doppelseiten am Tag sitze ich dann da mit einem Gefühl im Kopf, als wäre der plötzlich mit Watte gefüllt, das Gehirn fühlt sich kleiner an wie eine Haselnuss, mir selbst ist alles ringsum irgendwie ’schnurz‘ geworden, ich fühle mich dumpf und debil oder – um mit einem gewesenen Bayern-Trainer zu sprechen – „leer wie Flasche voll“. Mit einem Wort: Ich bin mal wieder komplett „ausgeschrieben“.

Das Texten ist damit eine Tätigkeit, wo Acht-Stunden-Tage Irrsinn wären. Zumindest gilt das für mich. Natürlich kann ich anschließend immer noch einen Text wie diesen hier herunterschnattern, große Qualität aber darf niemand mehr erwarten. Viele Schreiber puschen sich unter einem solchen Schreibzwang mit Drogen, dann, wenn der uneinsichtige Verleger bspw. auf der Abgabe des 800-Seiten-Jahrhundertromans in drei Wochen besteht.

Das aber mache ich nicht. Ich setze mich jetzt auf die Veranda und trinke gemütlich einen Kaffee. Und dann genieße ich es in vollen Zügen, wie doof ich doch durchs viele Schreiben wurde …

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