Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: August 2009 (Seite 2 von 3)

Anreißer

Es hätte auch jede andere Regionalzeitung treffen können, der Weser Kurier dient mir nur als Beispiel: Die „Anreißer“, von denen ich rede, das sind jene kleinen Drei- oder Vierzeiler, hinter denen nach einem Klick dann der zugehörige Artikel auf interessierte Online-Leser wartet. Eine nicht ganz unwichtige Textsorte also, sie sollte für die Online-Ausgabe der Zeitung das sein, was der Koberer auf Sankt Pauli für die Tabledance-Bar ist.

Diese vierzeiligen Lockrufe zum tiefer verschachtelten Journalismus im Hintergrund gehen sprachlich oft schief. Vermutlich lassen sie dort gern die Volontäre ran. Hier einfach mal einige Beispiele aus der heutigen Online-Ausgabe – morgen schon sind sie dann alle wieder ‚vanished in thin air‚:

Mein Hund, der hat drei Ecken:
„Die Abwrackprämie hat unterschiedliche Seiten.“

Vergleichsweise harmlos:
„Das Bremer Handwerk ist insgesamt fast dreimal so groß wie das Mercedes-Werk in Sebaldsbrück.“

Stillgestanden!
„Die Kosten für ein Stilles Örtchen im Brilltunnel stehen in der Diskussion.“

Hekuba?
„Der Kuhpol, der in Hude-Wüsting entstehen soll, wird sich vermutlich nicht aus eigenen Mitteln tragen können.“

Dascha beruhigend!
„Zwölf Dioxinweiden an der Ems sind wieder freigegeben.“

Vorläufig höchst anschaulich:
„Das Musicalprojekt „Der schwarze Vogt“ ist ein engagiertes Vorhaben, das am kommenden Wochenende mit drei Vorstellungen im Tagungshaus Bredbeck seinen vorläufigen Höhepunkt erfährt.“

Was ich immer sag‘:
„Es hatte schon etwas Sinnbildliches, als am Sonnabend auf der Tennisanlage am Sportpark Xavier Naidoo aus einem Autoradio zu hören war.“

usw. usf.

Wie gesagt – das ist eine zufällige Momentaufnahme, wahllos aufgespießte Beispiele für den Zustand des deutschen Qualitätsjournalismus in der Region …

Kalauer

Foto: Michael von Aichberger, wikimedia, GNU-Lizenz

Fotogrundlage: Michael von Aichberger, wikimedia, GNU-Lizenz

Verloren im Wortsinn

Warum nennen sich Beamte eigentlich hochtrabend ‚Exekutive‘? Angesichts zunehmend verweigerter Amtsausübung und nach der erneuten Diagnose einer privatwirtschaftlichen Duldungsstarre wäre ‚Delegative‚ doch das sehr viel treffendere Wort für eine Staatsverwaltung, die nichts mehr selbst umsetzt, sondern ärmelschonerschonend das Exekutieren – resp. die Arbeit – anderen überlässt:

Jetzt hat Bundeswirtschaftsminister Guttenberg erneut die Dienste der Wirtschaftskanzlei eingekauft – für die Umsetzung eines Gesetzes.

Ein Motivationskünstler

Wir arbeiten nicht, wir erholen uns bei der Tätigkeit, zu der wir verurteilt sind.
Fernando Pessoa

Rückwärtsgekehrte Prophetien

Erscheint mal wieder eine Studie, wonach jeder zweite Bürger Neufünflands sich die DDR zurückwünsche, dann ist im Westen die Empörung regelmäßig groß: Dieses undankbare Gesocks, nach allem was ‚wir‘ (nämlich ‚wir Westler‘) für ‚die da drüben‘ getan haben! Ob die denn nicht mehr wüssten, wie das war, als die Firma Guck und Horch durch jedes Schlüsselloch plierte, als es nichts zu kaufen gab, das aber regelmäßig, als nur blanke Lügen aus jedem Lautsprecher nölten? Solche Schmähkritik verfehlt den Punkt …

Die Sehnsucht nach der DDR ist keine echte Nostalgie. Jeder weiß wohl noch, wie es war, als überall der Putz von den Wänden bröckelte, als der ganze Staat nach Braunkohle stank wie ein undichtes Ofenrohr, als die Hälfte der Arbeitszeit und mehr in die Reparatur maroder Produktionsmittel gesteckt werden musste, als geklampfte FDJ-Musik aus allen Lautsprechern plärrte und die genormte Parteisprache ein ideologisches Wolkenkuckucksheim zauberte, das nirgends daheim war, schon gar nicht im Hier und Jetzt. Darum aber geht es gar nicht.

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Das blinde Vertrauen ging dahin …

Die Medienkrise hat viele Ursachen – der dekadente und abgelutschte Stil des Pressedeutschen, die unverhohlenen Interessen, die keineswegs diejenigen des Publikums sind, das Recycling jeder abgenagten Meldung in immer neuen Schleifen, wie bspw. zuletzt das Décolletée der Vera Lengsfeld (‚Was ist das denn?‘, ‚Darf die das denn?‘, ‚Was ist das denn für eine Gesellschaft, wo die das darf?‘) – solche offenbaren Kritikpunkte nennen längst noch nicht alle Gründe:

„Der Leser vertraut der Presse blind, weil ihn seine Zeitung ja nicht über ihr eigenes Wesen aufklärt, und weil eine andere Einwirkung auf die Öffentlichkeit gegen die Presse nur sehr, sehr schwer ist.“

Das konnte Kurt Tucholsky am 13. 10. 1921 noch unwidersprochen schreiben [GA V, 148]. Die Presse besaß ein informationelles Monopol, sie redete nicht über sich, und das kurz darauf aufkommende Radio war auch nicht mehr als ein ‚tönender Leitartikel‘, zunächst im Auftrag des Staates. Es gab keinen ‚Publikumskanal‘.

Heute dagegen hat sich die Sachlage – nicht zuletzt durch das Web 2.0 – grundlegend verändert. Es gibt jetzt nicht mehr nur die altgewohnte ‚Medienkonkurrenz‘, sondern verschiedene Medienarten machen sich untereinander Konkurrenz. Wir haben also eine ‚Medienartenkonkurrenz‘. Wobei das Neue, also das Netz, durch seine systembedingte Vielfalt sich weniger manipulativ auswirkt – und nicht etwa deshalb, weil es ‚moralisch besser‘ wäre.

Trotzdem ist der Leser dem kapitalkräftigen „Bourgeoisie-Kanal“ und seinen hölzernen Presseorganen nicht länger informationell ‚ausgeliefert‘. Durch den konkurrierenden und unkontrollierbaren Feedback-Kanal des Web wird er inzwischen ständig über das Wesen der Presse aufgeklärt, wie falsch oder richtig auch immer. Der Leser hat dadurch einen ‚bösen Blick‘ entwickelt, das Urvertrauen ist dahin. Und das, was der er nach der erfolgten Aufklärung über Holzhausener Zustände sieht, das gefällt ihm zunehmend weniger. Siehe die lange Netz-Debatte über die publizistische Deutungshoheit zwischen Journalisten und Bloggern (hier der jüngste Akt).

So liegt eben auch in der unausgesprochenen Publikumsverachtung der Macher von Holzmedien ein Grund für die andauernde altmediale Krise. Im Pressebereich war immer nur der Anzeigenkunde König, nie der Leser …

Fünfmal um den Blog

Gut – legen wir also erneut ab vom sicheren Google-Kai, um einige weiße Flecken der Blogosphäre zu erkunden. Immer den Möwen nach …

1. Im Falle von Gsallbahdr interessiert mich das meiste ausdrücklich nicht. Da ist mir zu viel Technik, zu viel Fachbegrifflichkeit, vieles wirkt zu zu nerdig, zu fieselig auf einen bekennenden Dumm-User wie mich. Zwischendrin aber finde ich immer wieder autobiographische Perlen wie diese hier, die dazu noch gut geschrieben sind, was man ja nicht von allen Freaks behaupten kann, die stilistisch oft im Blaumann daherkommen, als schrieben sie noch immer Programmierzeilen. Der hier nicht:

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Noch ’ne Lokalrunde

Das Hohelied auf den Lokaljournalismus, wie es prototypisch der Kollege Jakubetz dort singt, samt der Anklage gegen die bösen Verleger, die dieses Idyll jetzt geschleift hätten, beides scheint mir doch arg geschichtsvergessen. Journalisten arbeiten seit Wilhelms des Bärtigen Zeiten in kapitalistischen Verwertungsbetrieben, sie produzieren dort Text als Ware, sie sind von Beruf ‚Gebrauchsschriftsteller‘, deren Ergüsse nach einer Woche vergessen sind. Sollten sie diese schlichten Wahrheiten verdrängt haben, dann dürfen sie nicht ihren Verlegern die Schuld für diese Amnesie geben. Zitieren wir zum Einstieg einen Mann, dessen medienkritische Texte gerade deswegen ein wenig ins Seitenaus gerieten, weil er von den Medien besonders gern zitiert wird. Dann aber natürlich nicht ausgerechnet mit solchen Themen. Ich rede von Kurt Tucholsky:

„Die Zeitung ist ein Geschäft. Sieht man von Partei-Organen ab, die es auch nicht gerade von sich weisen, wenn aus ihren Zeitungen Überschüsse herausspringen, so haben wir es bei der Zeitung, wie sie heute ist, mit einer rein kapitalistischen Unternehmung zu tun, die in sehr geschickter Weise den Nachrichtendienst und die für den Warenmarkt nötigen Anpreisungen zu verquicken gewußt hat. Daß diese beiden Elemente aufeinander ohne Einfluß bleiben, ist ohne Beispiel. Die politische Tendenz des Verlegers, also des Blattes, ist für ganz bestimmte Schichten von Lesern, also auch von Inserenten bestimmt; die geistigen und wirtschaftlichen Eigenschaften der Leserschaft und der Inserenten beeinflussen selbstverständlich die Redaktion.“ [K.T.: GA 5, 81 f]

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Kampagnen-Journalismus

Je älter man wird, desto mehr überzeugt man sich, dass Ihre Heilige Majestät, der Zufall, dreiviertel aller Geschäfte in diesem elenden Universum erledigt„, schrieb Friedrich der Große am 26. Dezember 1773 an Voltaire. In diesem Satz lagen noch der ganze Fatalismus und die Schicksalsergebenheit der Menschen des Barock, die sich ihren Gott bestenfalls als ‚blinden Uhrmacher‘ vorzustellen vermochten. Mir jedenfalls – knapp 250 Jahre später – fällt es immer schwerer, noch an Zufälle zu glauben. Zum Beispiel angesichts eines Gewitterhagels von Zitaten gegen das Internet innerhalb nur zweier Tage:

1. Das ’scheußliche‘ Internet: Kann das Internet völlig frei sein? Müssen wir nicht die Menschen vor Denunziation, Entwürdigung oder unseriösen Geschäften schützen wie im Zivilrecht? Ähnlich wie auf den Finanzmärkten brauchen wir mittelfristig Verkehrsregeln im Internet. Sonst werden wir dort Scheußlichkeiten erleben, die jede Vorstellungskraft sprengen. [Meine ‚Vorstellungskraft‘ wird eher heute schon überstrapaziert, wenn ich mir die realen ‚Scheußlichkeiten‘ anschaue, die sich im Kongo oder im Iran ereignen]

2. Das wohlstandszerstörende Internet: Das Internet hat die Welt auf das Format eines Laptop-Bildschirms reduziert. Das Globalisierungsmedium par excellence hat aber auch neue Räume eröffnet – rechtsfreie Räume. … Die schöne neue Laptop-Welt befreite die Finanz­wirtschaft von Recht und Gesetz. Doch auch die Internet-Industrie selbst kennt kaum rechtliche Skrupel. Was online machbar ist, wird in den allermeisten Fällen auch gemacht. … Der Gesetzlosigkeit im World Wide Web fällt gegenwärtig gerade die Kulturindustrie zum Opfer. Schriftsteller und Musiker verlieren im Netz das Recht auf ihre Werke: Alles kann, alles darf heruntergeladen werden. Gratis. Die Enteignung der Kulturschaffenden durch Google und Konsorten ist schon fast vollendete Tatsache. [Ach – und ich Dussel dachte immer die Finanzkrise hätte etwas mit realen Personen zu tun, wie bspw. einem Herrn Madoff, oder mit dem unseligen Wirken einer ‚realen‘ Allianz aus Journalismus und Lobby-Organisationen wie der INSM, die doch bisher niemand als ‚Internetgestützt‘ bezeichnen würde …]

3. Das verbrecherische Internet: Das Internet ist ein “Wurzelwerk darunter ein Pilzgeflecht aus Intrigen, Täuschung und Terror … Die Refugien der Diebe, Rufmörder, Kinderschänder entziehen sich weitgehend der Kontrolle des Rechtsstaats. Nur einer transnationalen Instanz kann es gelingen, Ordnung zu schaffen.” [Na, das klingt für mich doch eher wie die Beschreibung des Alltags in einem redaktionellen Großraumbüro bei einem holzmedialen Premiumangebot.]

4. Das entliberalisierte Internet: Westerwelle kündigt schärfere Sicherheitsgesetze an. … Die Aussage dürfte einen in der letzten Woche an die Öffentlichkeit gelangten Wahlkampfleitfaden der FDP einiges an Nutzwert nehmen. Darin werden Jungliberale dazu angewiesen, dass sie auf den Vorwurf, dass der Grundrechtsschutz besser bei der Piratenpartei aufgehoben wäre, unter anderem entgegnen sollten, alte Koalitionszugeständnisse seien Vergangenheit und die Liberalen hätten aus Fehlern wie der Zustimmung zum Großen Lauschangriff gelernt. [Joho – wir Liberalen verteidigen unsere Positionen immer solange unerbittlich, wie der Koalitionspartner nichts anderes von uns verlangt.]

… und, und, und.

Lauter Produzenten!

Die grundlegende Schwierigkeit, das Netz zu vermarkten, besteht in meinen Augen darin, dass die Waage sich seit der Etablierung dieses Mediums ganz massiv auf die Seite der Produzenten neigte. Das altehrwürdige Schema aller kommerziellen Kioskbesitzer, ob sie nun Verleger heißen, Marketing-Experten, Werber, Entrepreneure, Coaches, Experten oder ‚windschnittige Leutebetrüger‘ – wie auch immer – dieses Schema trägt nicht mehr, denn es verkennt die Realität: Es gibt nicht mehr die ‚Anbieter‘ oder ‚Hersteller‘ auf der einen Seite und die davon klar zu trennenden ‚Konsumenten‘ auf der anderen Seite, zwischen denen dann ein mehr oder minder chimärischer ‚Markt‘ oder ein anderes ‚Medium‘ ökonomisch gerecht vermittelt. Den gewohnten ‚Dualismus‘ des Marktgeschehens ersetzt im Netz ein funktionaler ‚Monismus‘. Überspitzt formuliert: Im Netz sind alle ‚Konsumenten‘ zugleich ‚Produzenten‘ – wie auch alle ‚Produzenten‘ zugleich ‚Konsumenten‘ sind. Jeder schreibt. Ebenso wie er dargebotene Lektüre konsumiert. Gleiche reden mit Gleichen.

Buchstäblich jeder spielt im Netz heute diese funktionale Doppelrolle, die Folge ist eine komplett dialogorientierte Kommunikationsstruktur, zu der jeder beiträgt. Selbst derjenige, der nur auf dem Rückkanal einen Kommentar bzw. einen Link zum großen Weltweisheitsfonds beisteuert.

Das Netz ist im Kern damit eine Autorengemeinschaft. Wer nichts zu sagen hat, der ist für das Netz nicht vorhanden – er soll sich mit dem Routenplaner oder der Sudoku-Ecke seines Online-Portals begnügen. Es gibt trotzdem noch immer eine historisch einmalige Anzahl von Autoren, die blogtypische Kurzformen für Texte entwickelt haben – und sie oft besser beherrschen als die professionellen Schreiber.

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