Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: August 2009 (Seite 1 von 3)

Profil, du armes Schwein!

Überall sirren Schleifräder, heißes Metall quiekt wie Ratten bei der Sackrasur, in allen schwarzen Thinktanks sprühen die Funken meterweit: Nach dieser Wahl wird überall in der Union mal wieder „das Profil geschärft“

Bury my Language at Marketing

Diese Treuepunkte – die drängen sie uns bei real auf, dem nächsten Supermarkt, Luftlinie einen Kilometer von hier entfernt. Haben wir genügend moderner Rabattmarken gesammelt, dann gibt’s am Ende irgendein Produkt ein wenig preiswerter, das wir nie zu besitzen hofften. Derzeit Porzellan von Villeroy & Boch. So sieht das dazugehörige ‚Klebeheft‘ für die Treuepunkte ‚hintenrum‘ aus:

Hochgequirlte Langeweile

Hochgequirlte Langeweile

Schauen wir uns mal an, mit welcher Tonality die Marktstrategen uns, die werte Kundschaft, zu ködern trachten. Zunächst zäumen sie mit ‚steht für‚ einen der dienstältesten Zossen im Koofmich-Gewerbe:

Villeroy & Boch steht für Porzellan höchster Qualität.

Yoho – sie ‚stehen‚ und zwar ‚für etwas‚: „Steht auf, wenn ihr für Moosburg seid!“ Wer aber steht, bewegt sich bekanntlich nicht, das Bild wirkt komplett statisch, auch die Anschaulichkeit nähert sich dem Nullpunkt. Oder kann sich jemand unter der Phrase etwas Konkretes vorstellen, außer einem Grabstein vielleicht? — Na, also.

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Schwarzgelb? …

Mein Kind, es war ein Nebelstreif.

Mama, dem tut mich weh!

Mit schwerem Kopf stapfte der Redakteur durch die Zeilen, um den Lesern gleichfalls das Grauen zu lehren:

Mit schweren Schritten stapfte der Ex-Herthaner auf den Platz, um den gegnerischen Angreifern das Fürchten zu lehren.

Holz-Fäller ist ja ein ehrenwerter Beruf, aber was treibt er bei einer Zeitung?

Revolutionäre Brüllbalken !!!

Wenn ich mir die Wahlwerbung der Linkspartei in diesen Tagen anschaue, dann hat deren Sprachstil etwas Majestätisch-Imperativisches, es ist ein blanker Befehlston, der mir allerdings als Skurrilität aufstößt, angesichts einer Partei, die vielleicht 12 oder 13 Prozent zu erreichen vermag, aber niemals irgendeine gesellschaftliche Kommandohöhe: „Raus aus …!“ heißt es, „Stopp das …!“ bölkt es uns entgegen, „Weg mit …!“ trötet es daher – wobei die Konkreta in solchen Brüllsätzen absolut austauschbar sind. Mit anderen Worten: Sollte die Bundeswehr irgendwann einmal aus Afghanistan verschwunden sein, dann heißt es eben in der nächsten Polit-Saison „Raus aus der Gentechnik!„. Die revolutionäre Kraftmeierei aber, die bleibt ewig bestehen.

Geschuldet ist diese Sprache einer vergangenen Epoche: Die Linkspartei kommt – wie die NPD übrigens auch – aus der Tradition einer revolutionären Kaderpartei, die sich spätestens dann nicht mehr um demokratische Mehrheiten sorgen musste, wenn sie erst einmal an die Macht gelangt war. Staat und Partei verwuchsen in totalitärer Tradition zu einem Gebilde, so dass man die Partei nicht mehr los wurde, ohne den Staat zu zerstören. Per ordre de mufti wurde das politische Programm exekutiert, Kompromisse waren nicht nötig, der Befehl regierte, und genau deshalb wurde der Karren auch immer wieder vor die Wand gefahren, so, wie zuletzt in jenem November. Genau zu dieser Geisteshaltung passt der autoritäre Sprachstil, der uns von allen Plakatwänden entgegenbrüllt, er ist der sprachliche Ausdruck einer kaderparteilichen Mentalität (positive Ausnahme: Gysis „Reichtum für alle!„).

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Abrakadabra!

Dass die CDU in Thüringen in Panikphasen gern mal zu obskuren Methoden greift, um ihrem angeschlagenen Ministerpräsidenten doch noch über die Schwelle zur Macht zu verhelfen, das ist schon länger bekannt. Jetzt aber kommt die Affäre um eine Wahlkampfbroschüre hinzu, die sich als politisch neutrales Gute-Laune-Blättchen tarnt, um noch dem begriffsstutzigsten Thüringer hinterrücks beizubimsen, wie toll doch Thüringen – also vor allem der Herr Althaus – sei.

Seltsam ist nur, dass fast alle Personen, die dort zu Wort kommen, CDU-Mitglieder sind. Ohne dass diese absolut unwichtige Eigenschaft neben ihren Namen vermerkt worden wäre. Und das jenes, was all diese interviewten Ur-Thüringer ‚von der Straße‘ dort so toll finden, so ziemlich haargenau dem entspricht, was die CDU freundlicherweise in ihr Wahlprogramm packte. Der Blog ‚Durchblickstrudel‘ hat das mit jedem Detail haarklein aufgelistet. Und auch hier bietet sich ein Panorama-Blick über die redaktionelle Sumpflandschaft.

Gleich nebenan turnt der Hans-Ulrich Jörges vom ‚Stern‘ durch die – dank Anzeigen von AOK und Thüringer Lottogesellschaft – gut dotierten Zeilen. Der sich aber jetzt vor Empörung nicht zu fassen weiß, kein Geld genommen haben will, und das alles bereut – womit er seine publizistische Unabhängigkeit wie ein tropfnasses Kind noch aus dem rufmörderischen Brunnen zu ziehen hofft, der sich dort unversehens auftat: „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich keinen Finger gerührt“. Kurzum: Es gibt richtig viel Allotria dort zwischen Gera und Eisenach zu besichtigen – oder mit anderen Worten: Dort waren entweder Politanalphabeten, Satiriker oder Schmierenkomödianten am Werk. So weit, so gut …

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Oh, wie dumm ist’s Publikum!

Oft sind es die kleinen Nebenbemerkungen, die mir sauer aufstoßen. In einem Bericht über das ‚TV-Elefantentreffen‘ der Wahlkämpfer in Thüringen schreibt der FAZ-Reporter Claus Peter Müller:

Wenn die anderen konkret wurden und an die Vorstellungskraft auch nicht ausgeprägt imaginationsfähiger Zuschauer appellierten, blieb Althaus im Abstrakten.

Im Klartext: Dort, wo ein Text ’sinnlich‘ würde, ‚erfahrbar‘ oder ‚anschaulich‘, dort würde es sich nach Ansicht dieses Schreibers allemal um eine ‚herabgesunkene Literaturform‘ handeln, um eine Anpassung an den niederen Publikumsgeschmack. Und ‚Imagination‘ sei für ihn nahezu synonym mit ‚Abstraktion‘. Förmlich das Gegenteil solch elitär gespeister Massenverachtung ist richtig: Einen Text sinnlich, anschaulich, bildhaft und erfahrbar zu machen, das ist die höchste Kunst, die ein Schreiber überhaupt erreichen kann.

Im Grunde handelt es sich bei der Mentalverfassung des mosernden Reporters mit dem Akademiker-Tick um übliche Pony-Tricks im Journalismus: Was ich als Schreiber textlich nicht beherrsche, das rosstäusche ich um zu einer Fähigkeit, auf deren unkünstlerischen Abstraktionsgrad ich mir dann etwas einbilde. Und das, was andere an bildhaft-rhetorischen Fähigkeiten mir voraushaben, das nenne ich Defizit und fehlendes Talent.

Buchhandel 2009:

Thalia Buchhandlung *Irgendwo*. Guten Tag!

Ja, guten Tag! Ich wollte mich erkundigen, ob Sie David Foster Wallace’s ‚Unendlicher Spaß‘ bei sich im Lager haben. Heute soll der Ersterscheinungstag sein – ich wollte mich nicht vergeblich aufs Fahrrad schwingen.

Also, das weiß ich jetzt auch nicht. Wir haben die Kartons von heute noch gar nicht ausgepackt.

Aber einen Lieferschein haben Sie doch sicherlich?

Ja, okay denn, ich gucke ma nach. Wie heißt der Mann?

David Foster Wallace.

Das ist aber nicht der Kriminalschriftsteller, nüch?

Nein, der hier ist ein wenig größer gewachsen.

Moment, ich hab’s schon. – – – Boah, das Ding hat ja 1.600 Seiten. Das ist viel zu dick für uns.

Ja, das kommt mir auch so vor. Auf Wiedersehen.

Zustand des Lokaljournalismus

Frau Ursula von der Leyen, im Wahlkampf derzeit Merkels große Unbekannte, dank Internet-Sperrgesetz auch mit hohem ‚Miss-Erfolgs-Potenzial‘, besucht also einen Kindergarten im Ostfriesischen, wie es hier zu bewundern ist. Für mich ist das Video-Dokument vor allem bezeichnend für den Zustand des Lokaljournalismus in diesem Land; es gibt hier längst eine journalistische Zweiklassengesellschaft: Ein überregionales Magazin, in diesem Falle also Spiegel TV, wird von der Ministerin persönlich und auch ziemlich undamenhaft laut des Saales verwiesen. Die journalistischen Kollegen von der Lokalpresse aber dürfen zu Füßen der Prominenz im Körbchen bleiben. Von Schoßhündchen im Provinzformat ist nichts Wahlgefährdendes oder auch nur Kritisches zu befürchten. Verlangte jemand von diesen Redaktions-Chihuahuas, mal gegen den Stachel der Etablierten zu löcken, würden die sich als erstes fragen, wie das denn wohl zu schreiben sei …

Handlung maßlos überschätzt!

Du weißt gar nicht, wat ich allet erlebt habe“, sagte die Frau meines Cousins oft zu mir, „wenn ich dat allet mal aufschreiben würde, woll, dann wär’ dat’n dicket, spannendes Buch“. Ähnlich wie sie überschätzen viele, die nie geschrieben haben, die Macht der realen Ereignisse und der ablaufenden Handlung. Das äußere Erlebnis oder das Geschehen ist noch längst keine Literatur, eine Erzählung ist keine Nacherzählung.

Im Kern lässt sich erzählende Literatur in zwei Kategorien teilen. 1. In solche, die vor allem oder allein Wert auf die Handlung legt: Von Jerry Cotton über Karl May und Tolkien bis hin zu Rosamunde Pilcher. 2. Und in solche, die vor allem die innere Entwicklung (oder die Nichtentwicklung) einer oder mehrerer Personen ins Zentrum stellt. Darauf aufbauend könnte man auch flapsig eine soziologische Theorie der Literatur formulieren – mit dem Kernsatz: „Handlung ist für Doofe„. Obwohl es natürlich Zwischenformen gibt wie bspw. Henning Mankell, der bei aller Handlung dem Innenleben seines Kommissars Wallander großen Raum gibt, was dann zusammen mit den blutigen Schnetzelarien den besonderen Reiz und Erfolg dieser Krimis ausmacht.

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