Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Juli 2009 (Seite 2 von 3)

Fünfmal um den Blog

Zum allgemeinen Nutzen, dachte ich, könnte ich meine alte Rubrik aus der verblichenen ‚medienlese‘ wieder aufnehmen. Um den Leser abseits der großen Busbahnhöfe in die entlegeneren Ecken Bloghausens zu führen, zu einer subjektiven Sightseeing-Tour, dorthin, wo das Netz erst seinen verborgenen Reiz entfaltet und wir uns schnell in seinen Maschen verfangen. Los geht’s …

1. Das Texttheater ist eine höchst ‚artige‘ Angelegenheit, ein Blog, das dem Leser mal mit ‚einkötern‘, ‚Mundwurm‘ oder ‚pittofresk‘ unversehens den Wortschatz weitet, dann wieder dem lässigen Durchschnittsjournalisten stilkritisch auf die Hühneraugen tritt, um kurz darauf Seltsames aus den Tiefen des Alltags zu vermelden: „Unter meinem Fenster ist gerade etwas sehr rhythmisch vorbeigeklappert und –geschnarrt. Dem Klang nach zu urteilen war es ein Pferd auf Rollschuhen“.

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BBC on Future of Journalism

Zum gefälligen Gebrauch für die Bürger Bloghausens folgt hier ein Link zu einer Studie der BBC über die Zukunft des Journalismus. Vieles von dem, was von deutschen Verlegern gern als ‚Brainfuck‘ einer wildgewordenen Bloggerbande abgetan wird, findet sich jetzt dort in Form einiger steiler Thesen, direkt vom Parnass des Journalismus herab. Das Fin de Siècle ist damit gewissermaßen zur altmedialen Hausprophezeiung geworden, die weiße Frau schleicht den eigenen Enkeln hinterher, weil die das verlegerische Erbe verprasst haben. Wirklich umwerfend ist der Artikel zum Ende des ‚Festungsjournalismus‘, der bei uns zumeist ‚Gatekeeper-Journalismus‘ oder schlicht auch ‚Welt der Massenmedien‘ genannt wird.

Wer dieses vielseitige pdf liest, wird jedenfalls nicht dümmer …

Via: Jakblog

Sprach’s und quiekt’s

Der Lokaljournalismus ist der Hort des Guten, Wahren und Schönen in einer auch ansonsten höchst paradiesischen Medienlandschaft. Dies glauben wir der deutschen Verlegerschaft unbesehen. Und tatsächlich haben uns die Kollegen dort metaphorisch einiges zu bieten:

„Mitten in den Ferien kommt der Neue Bahnhof Wesel auf die Zielgerade. Aufzüge sind noch abgeklemmt“.

Genau – und die Bahnhofstoiletten halten bei der Einweihung dann am Gleis 4 im Abschnitt E. Auch in der Folge erwartet uns eine absturzgefährdete Spitzenprosa, die sich in ihrer Originalität wirklich sehen lassen kann:

„Unterdessen kann sich die feingliedrige Sprossen-Fassade schon ganz gut sehen lassen. Wie Graefen erläutert, haben sich die arbeiten deswegen in die Länge gezogen, weil die Schäden schlimmer waren als ursprünglich erwartet. Die Elemente der Verkleidung hatten sich als absturzgefährdet erwiesen. Ein sachverständiger musste kommen. Die bahninterne Diskussion um die Auftragserweiterung hat Zeit gebraucht. Die Natursteinplatten mussten runter. „Möglichst nah am Original“, so Martin Graefen, wurde Ersatz aus hellem Kalkstein montiert.“

Wenn der Jörges schreibt (1)

Den Hans-Ulrich Jörges lese ich richtig gern – denn von ihm kann ich viel lernen. Am meisten dann, wenn ich ihn gegen den Strich lese. Dann wird er zum literarisch-kulinarischen Hochgenuss, so wie wir es mit Fug und Recht von einem Alphajournalisten erwarten dürfen.

Ach, was wird dieser Berufsstand oft fälschlicherweise bespöttelt! Dabei sind seine Mitglieder überaus bekömmlich, von den Ansichten her meist gut abgehangen, wilde Aromen sind nicht mehr zu befürchten, vielmehr erfreut stets ein leichter Haut Gout unseren Gaumen. Um mir selbst ein wenig Freude zu bereiten, deshalb will ich an dieser Stelle Hans-Ulrich Jörges ‚Zwischenruf aus Berlin‚ regelmäßig ein wenig aufbereiten. Nicht allwöchentlich, dazu müsste ich einen stärkeren Magen haben, aber vielleicht alle 14 Tage.

Zugleich heißt diese Ankündigung, dass ich dem großen Mann des deutschen Journalismus jene Bemerkung damals längst verziehen habe, wonach die Print-Redaktionen den Helmriemen fester ziehen und ihre Siele geschlossen halten müssten, damit der „ganze Dreck aus dem Internet nicht von unten durch ihre Scheißhäuser“ hochsteigt – wo bekanntlich der wackere Hans-Ulli Jörges auf seinem Hochsitz dankenswerterweise über uns wacht.

Doch in medias res: Zu Beginn einer alphajournalistischen Kolumne benötigt ein Schreiber zunächst eine möglichst wilde These, auf die noch niemand je gekommen ist. Heuer hat sich der Hans-Ulrich Jörges (HUJ) die ‚wachsende Inflationsangst‘ in Deutschland zur Brust genommen, die von verantwortungslosen ökonomischen Quacksalbern auch noch geschürt wird – im ‚Stern‘ erschienen unter dem Titel ‚Wenn das Brot Millionen kostet‘:

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Den PR’lern dämmert da was:

Die Vernetzung der Menschen untereinander durch das Social Web löst die Einflusssphäre der Massenmedien zusehends auf und öffentliches Vertrauen entsteht nicht mehr nur durch die Komplexität reduzierende konstruierte Wirklichkeit der Medien, sondern immer mehr im direkten Zusammenspiel der Menschen untereinander – vermittelt nur durch technische Plattformen. Das hat für Public Relations herkömmlichen Zuschnitts die Konsequenz, dass sie der Gesellschaft ein kommunikatives “Instrumentarium” anbietet, das so nicht mehr gebraucht wird. (…) Warum sollen Unternehmen noch PR-Agenturen dafür bezahlen, “mediengerechte” Inhalte wie Pressemitteilungen, Fachartikel, Statements, ja selbst derzeit so angesagte Dinge wie Videos und Social Media Newsrooms zu produzieren, wenn die Empfänger dieser Instrumente – die journalistisch-redaktionell arbeitenden Massenmedien nämlich – auf den Prozess der öffentlichen Vertrauensbildung immer weniger Einfluss haben?“

Gute Frage! Nächste Frage?

Tschäneräjschen Applohd

Thomas Knüwer verdanke ich den Hinweis auf dieses schöne Stück Mozzarella-Prosa aus dem Hause Vodafone, verfasst für ein Corporate-Blog von einem veritablen Blogger namens ggründgens, der als Marken-Chef auch tatsächlich so klingt wie aus des seligen Gustav Gründgens‘ Zeiten überkommen. Dieses Blog ‚bloggish‘ zu nennen, wäre sicherlich eine maßlose Übertreibung, trotzdem, auch solches Kleinvieh macht Mist – schmücken wir uns also diesen Text ein wenig mit der Zierpetersilie des fortlaufenden inneren Leserkommentars aus:

Endlich ist es soweit [Ich konnte es auch kaum noch erwarten!]. Die neue Vodafone-Markenkampagne [wie war denn die alte?] startet diese Woche [doch schon?], mit der wir national [international würde man sich auch eher schlapplachen] die „Generation Upload“ ansprechen [It’s a new generation, with a new explanation, it’s – huh! – people in motion]. Doch wer ist das eigentlich, die „Generation Upload“? Die Antwort ist denkbar einfach: Du bist die „Generation Upload“ [Opa, Enkel, Müllers Kuh, mittendrin natürlich du – ]. Warum? Weil alles, was Du startest, heute die Welt bewegen kann! [Kausalität ist nämlich Glückssache, oder das Eintippen einer Rufnummer in Wanne-Eickel kann einen Vulkanausbruch in Honolulu auslösen]

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Schrille Metaphern

Wo es um sprachliche Bildwelten geht, bei denen unmittelbarer Hirnschwindel und Imaginationskrebs einsetzt, sollte ein argloser Leser unerwarteterweise mal das visuelle Vorstellungsvermögen bemühen, in solchen Situationen ist wie gewöhnlich auf die Kollegen vom Spiegel der größte Verlass:

Experten und Politiker … klammern sich stattdessen an den „Silberstreifen am Horizont“.

Mein Sohn, es ist ein Silberstreif. –
… In dürren Blättern säuselt der Wind.

Dem Schreiber grauset’s, er textet geschwind,
Er hält in den Armen sein metaphorisches Kind,
Erreicht den Redaktionsschluss mit Mühe und Not;
In seinen Armen aber das Bild war tot.

Lokale Blogportale

Der folgende Text ist aus dem Jahr 2006 – er müffelt also doch schon etwas nach alten Socken in dieser schnelllebigen Zeit. Da aber gerade eine Diskussion entbrannt ist um die Möglichkeit, den Lokaljournalismus von jener Holzbahre zu holen, auf der er dem Grab entgegendämmert, ist diese schon etwas ältliche Idee eines lokalen Blogportals, das ‚eine ganze Stadt abbilden‘ sollte, vielleicht doch dem einen oder anderen nützlich. Lilienthal ist übrigens eine Kleinstadt im Speckgürtel vor den Toren Bremens. Los geht’s – aber Vorsicht, es ist ein langer Riemen, der hier jetzt folgt:

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Schemata und Leberreime

Feste Vorgaben sind eine erstklassige Methode, um den Sprachwitz zu üben. Denn in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister (Goethe: Das Sonett). Man muss gar nicht an Limericks denken oder an die Wirtinnenverse, auch die Leberreime in ihrer Anspruchslosigkeit entstanden einst als geselliges Vergnügen bei Ess- und Trinkgelagen. Eine feste Vorgabe muss mit einem Reim ergänzt werden. In diesem Fall lautet die Vorgabe: „Die Leber stammt von einem Hecht, und nicht von …„. Ausgeführt klingt’s dann so ((C) Klaus J.):

„Die Leber stammt von einem Hecht,
und nicht von einem Igel,
eh dass ich mich an Stacheln pieks‘,
bezieh‘ ich lieber Prügel“

„Die Leber stammt von einem Hecht,
und nicht von einer Wachtel,
ich küss‘ auch gern ’ne junge Deern,
doch nicht ’ne alte Schachtel“.

Nähere Infos zum Leberreim gibt es hier und hier und hier. Wer will, soll sich selbst mal daran versuchen: Das Tierreich ist groß, die Übung kinderleicht und sie schult zudem das Rhythmusgefühl …


Mythos Leistungsträger

Es ist Montag, 10.30 Uhr. Ich komme von meiner Bank zurück und am Golfplatz Oberneuland vorbei. Dort haben sich jetzt die Leistungsträger unserer Gesellschaft versammelt: Die SUVs stehen in Reih und Glied, eingestreut finden sich einige Daimlers und Bentleys, dazwischen auch mal ein weißes Audi-Cabrio für die Dame des Hauses. Kurzum. Ganz Deutschland arbeitet, nur eben unsere Leistungsträger mal wieder nicht. Die tragen noch nicht einmal ihre Golfschläger selbst, auch für diese Leistung gibt es Miet-Caddies, die für 20 Euro je Runde mit dem Wägelchen übers Grün rumpeln. Und nach dem Ende der Runde geht es dann in eines der netten Restaurants an der Wümme, in Horn-Lehe, Borgfeld oder Oberneuland …

Angesichts solcher Bilder zählt für mich das FDP-Wort ‚Leistungsträger‚ zu den verlogensten der deutschen Sprache überhaupt. Westerwelles Hütchenspieler-Partei substituiert mit seiner Hilfe andere Buh-Wörter wie ‚Reiche‘ oder ‚Vermögende‘, die immerhin den Sachverhalt im Kern halbwegs angemessen beschreiben würden. Wer sich aber an einem Montagvormittag fern von jeder Arbeit auf dem Golfplatz herumdrücken kann, der hat Leistung nicht mehr nötig – und er erquickt sich stattdessen an Zinsen und an leichter körperlicher Tätigkeit mit Putter oder Eisen 7. Ganz abgesehen davon, dass ohne die nötige Pinkepinke sie ihn ja auch gar nicht erst aufgenommen hätten. Von einer ‚Leistung‘ zu reden verfehlt also den Sachverhalt, auf einem Golfplatz ist nur von ‚Handicaps‘ die Rede.

Die FDP versucht trotzdem unverdrossen, einem arglosen Publikum zu suggerieren, dass diese Menschen nur deshalb so viel Geld hätten, weil sie so viel arbeiten und leisten würden. Jeder intellektuell Minderbemittelte, der dies hört, zählt sich überdies gleich zur Klasse der ‚Leistungsträger‚ hinzu, weil er ja schließlich auch viel schuften und leisten muss – auch wenn das mit dem Geld bisher noch nicht so recht klappen will. So erschlägt man – wahltaktisch gesehen – mit einem Wort gleich zwei Lebenslügen … anders ausgedrückt: Wer in einer Institution oder in einem Unternehmen überdurchschnittlich viel leisten muss, der hat es noch lange nicht bis zum ‚Leistungsträger‚ gebracht.

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