Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Juli 2009 (Seite 1 von 3)

Unter einer Ära tun sie’s nicht

Dort, wo ich stehe, da weht selbstredend der Wind der Geschichte“ – das mag sich so manch kleiner Lokaljournalist denken. Schon greift er zur pretiösesten Vokabel, die ihm bei allen Jubiläen durch die leeren Weiten seines Denkraums kollert. Er singt uns dann von einer Ära, die entweder vor seinen Augen gerade begonnen habe oder aber justamäng gerade endete:

In Eichen ging die Ära Hans Keller als Ortsvorsteher nach 25 Jahren zu Ende.“

Solchen Schreibern fehlt es eigentlich an ‚Geschmack‘, sie merken gar nicht, dass sie mit ihren Dickschiff-Wörtern, die für den Leser immer nach einer ausgepressten Verbalflatulenz mehr klingen als nach der Realität, dass sie damit die erhoffte Wirkung im Ansatz zerstören, statt den Leser mitjubeln zu lassen: „25 Jahre lang schien den Bewohnern Eichens ein Gemeindeleben ohne Hans Keller nicht denkbar“ – das wäre schlicht und würdevoll, es drückt sogar ein wenig mehr auf die Tränendrüsen, und es vergreift sich vor allem nicht an Wörtern, die hier gar nicht hingehören.

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Fünfmal um den Blog

Ein neuer Vorstoß in unbekanntere Blog-Gefilde. Heute soll’s hier Artverwandtes geben – wir besuchen also einige jener Blog-Wigwams, die über und über mit Buchstaben und Satzzeichen bedeckt sind.

1. Die Protextbewegung ist derzeit vor allem eine Bande wilder Weiber von den Weiden des Westens, die sich für vernünftige Preise und lesbare Qualität bei der Textproduktion einsetzen. Da das Textbewusstsein in Deutschlands Unternehmen – mit wenigen Ausnahmen – derzeit auf breiter Front den eingeseiften Content-Hang hinabrauscht, ist ein solcher Einsatz sicherlich aller Ehren wert. So weit ich das verstanden habe, steht diese Netzlobby übrigens auch Testikelträgern offen.

2. Kristins Sprachblog kümmert sich um die Feinheiten grammatischer Sprachverbiegungen und -verbeugungen, um Lautverschiebungen und noch so allerlei, von dem ich bisher noch gar nicht wusste, wie fadenscheinig mein Wissensteppich an diesen Stellen ist. Geradezu akribisch wird mir meine Ignoranz vor Augen geführt. Die Sprache, das lerne ich daraus, ist doch ‚ein weites Feld‘ (Fontane) …

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Das Konken

Ich möchte ein neues Verb in die deutsche Sprache einführen. Durch das erhöhte Aufkommen ahnungsloser Internet-Trolle benötigen wir dringend das Wörtchen ‚konken‘. Wer auf diese Art lauthals vor sich hin konkt, der füttert mal wieder rhetorisch sein virtuelles Feindbild, allerdings auf eine Art, die umgangssprachlich bisher annäherungsweise nur das ‚Honken‘ beschrieb, er ‚hupt‘ also krawallmäßig herum, statt sich um Argumente zu bemühen. Der Bedarf für diesen Neologismus zeigt sich übrigens auch hier

via: Jörg Wittkewitz

Literatur und Journalismus

Das folgende Gebritzel macht keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Es sind nur einige Definitionen, die ich mir für den Privatgebrauch gebastelt habe, um selbst klarer zu sehen. Wer’s ebenso sieht, der darf das allerdings gern tun:

Ein Schriftsteller erzählt. Der Journalist nennt sein Erzählen hingegen ‚Berichterstattung‘. Was zeigt, dass er sich willentlich in eine Bürokratie geflüchtet hat – vor allem wohl um des Pensionsanspruches willen.

Alle journalistischen Stilformen sind bloße Gebrauchs-literatur – unter dem Diktat ihrer unmittelbaren Verkäuflichkeit: Ob nun Artikel, Reportage, Feature, Feuilleton usw.

Journalismus ist damit – ganz altmodisch und marxistisch formuliert – ‚Literatur als Ware‘.

Zwischenruf: „Journalisten nennen die Einförmigkeit und Plattheit ihrer Eindrücke Erfahrung und sie sind stolz darauf, dass sie nicht mehr vor der Welt stehen, wie vor einem Rätsel, sondern wie vor einem Schundroman in Fortsetzungen“ (Horkheimer).

Kommunikation ist immer eine Schwundstufe des Erzählens. Der Kommunikation unserer Kommunikationsexperten wurde – erzählerisch gesehen – alle Sinnlichkeit und Bildlichkeit systematisch ausgetrieben, unter anderem durch Abstraktion (wie zum Beispiel in diesem Satz).

Journalismus besteht aus automatisierten Schreibvorgängen. Der Lego-Stein jeder medialen Realitätskonstruktion ist hierbei die Phrase, also das, was man sich gar nicht mehr vorstellen mag: „Deutschland kämpft mit der Rezession.

Die Phrase ist die abgedankte Vorstellungskraft zugunsten des Wohl- und Klingklangs. Gewissermaßen ein ‚Sprachkrebs‘, der bspw. Politikern hilft, eine Realität zu beschreiben, die sie gar nicht in der Lage sind, zu erfassen.

Im Journalismus darf keine Formulierung ganz und gar ‚unerhört‘ sein. Die resultierende Monotonie der Stanzenproduktion wird gern ‚Nähe zum Publikum‘ genannt.

Im Interview trifft die Fachblindheit des Experten auf das naive Vorwissen eines Fragers. Ist der Anverwandlungsprozess gelungen, wurde aus dem ‚Wissen‘ ‚Information‘. Letztere wiederum ist die publizistische Ware überhaupt, die dank eines weltweiten Überangebots inzwischen so wohlfeil ist wie Sand in der Sahara.

Für Journalisten sind literarische Mittel so etwas wie das Zeitungspapier, mit dem die gewieften Informationsbroker ihren Fisch umwickeln. Der Fisch bleibt Fisch. Und das Ornament bleibt immer nur ein totes Ornament.

Zwischenruf:Keinen Gedanken haben, aber ihn ausdrücken können, das macht den Journalisten“ (Karl Kraus).

Die Wahrheit gibt es weiterhin nur in der Literatur.

PR 2.0

Auch wenn mancher manchmal einen anderen Eindruck gewinnen könnte – ich bin gar kein grundsätzlicher Gegner der Public Relations. Zwar gibt es zahllose Beispiele erschütternder Sprach- und Ahnungslosigkeit, wie kürzlich erst im Falle Vodafone wieder zu besichtigen. Es gibt aber auch (wenige) Beispiele für eine gelungene Öffentlichkeitsarbeit, wo jemand sogar Begriffe wie ‚Mikromedien‘ und ‚Long Tail‘ wirklich verstanden zu haben scheint. Ein solches Schulbeispiel lag vor zwei Tagen in meinem Briefkasten.

Der Umschlag trug die Aufschrift „PONS“ und „Presse“, der übliche Brüllbalken des Direktemang-Marketing-Eleven – „Achtung, wichtige Unterlagen!!!!! Darf nur vom Inhaber PERSÖNLICH geöffnet werden!“ -, der fehlte diesmal komplett. Als ich den Umschlag öffnete, fiel mir ein Schulheft in grünem Schutzumschlag entgegen.

Das Schulbeispiel

Das Schulbeispiel

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Wenn der Jörges erzählt (2)

Um den Typus des Alphajournalisten, diesen Gottlieb Wendehals der deutschen Publizistik, besser zu verstehen, versuche ich’s diesmal mit einem kleinen Quiz. Hier die Frage: Welches der folgenden Jörges-Zitate stammt aus dem Wonnemond des Neoliberalismus im Jahr 2006, und welches stammt aus dem Sommer 2009? Und wie erklären Sie sich den Weltanschauungs-Gap, der in ein- und demselben Kopf dort zwischen Neoliberalismus gestern und Staatsinterventionismus heute klafft? Zwischen dem Mann, der heute die reichen Banker geißelt, so wie er einst die Armen Mores lehren wollte?

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Schnutinger geht offline

Ich muss voranschicken, dass ich die Ankündigung Schnutingers richtig traurig finde. Ich mochte sie und ich mochte ihren Blog, obwohl ich den Erstklässleraufsatz im Fach Public Relations, den sie jetzt für die Firma Vodafone schrieb, selten dämlich fand – vor allem den letzten Absatz. Als dann noch ix’ens und Jakubetz‘ Kommentare eintrafen, da hat sie, glaube ich, die bereits blank liegenden Nerven vollends verloren.

Sie muss sich vorgekommen sein, als hätte sie den Finger in ein Piranha-Becken gesteckt, weil in Blogville derzeit alles so sehr gegen Vodafone gebürstet ist, dass die versammelten Telebabbler von der Firma Communication Breakdown Creatives in absehbarer Zeit und im Raum der ‚Social Media‘ wohl keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen werden. Frau Schnutinger muss das jetzt leider ausbaden. Hoffentlich legt sich die Migräne wieder … und wenn die bekloppte Vodafone-Aktion zu irgendetwas führen könnte, dann wohl dazu, dass in Zukunft jeder Blogger es sich tausendmal überlegen wird, ob er nochmals einen Vertrag mit der Industrie macht, jedenfalls dann, wenn dort erneut solch ahnungslose Werber und Öchsperten die Zügel führen dürfen.

Viel interessanter als diesen Abgang finde ich allerdings die Treffsicherheit, mit der jene Leute, die im Vodafone-Blog den Beitrag in Grund und Boden kommentierten, herauszuhören vermochten, welche Beiträge dort ‚Dienstleistungen‘ oder ‚Fakes‘ waren. Das war ‚Cluetrain‘ live. Echte Supporter der Frau Schnutinger gab es dagegen kaum – ein Faktum, das zu Schnutingers Verzweiflung mit beigetragen haben dürfte. Mit untrüglicher Sicherheit jedenfalls erkannten die Leser des Vodafone-Blogs den typischen ‚Public-Relations-Sound‘, eine Übung, die manchen Etat-Verantwortlichen in den Agenturen verzweifeln lassen dürfte, weil er das eben nicht hört, und weil er auch nicht versteht, wieso das jemand hört. Vor allem, wenn er über der Möglichkeit grübelt, im Sozialraum des Web 2.0 künftig profitable Kampagnen zu fahren, während seine rundgelutschten ‚Messages‘ immer nur blanke Aggressionen auslösen.

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Mediale Sprechblasen

Nehmen wir mal an, Sie arbeiten bei einer Zeitung, zum Beispiel einer Stuttgarter Sonntagszeitung. Dort droht der Verleger Ihnen und Ihrem Publikum plötzlich mit einer „inhaltlichen“ und „organisatorischen“ „Neuausrichtung“ jenes Blattes, das bisher vor allem als feuilletonistische Beilage auf dem sonntäglichen Frühstückstisch das regionale Wir-Gefühl beschwor. Wenn wir uns das aus dem Verlegerischen ins Deutsche übersetzen, dann meint – ein wenig Medienerfahrung vorausgesetzt – dies Wörtchen „inhaltlich“ vor allem, dass die Abteilung ‚Public Relations‘ jetzt das Kommando auf der Brücke übernimmt, die „Neuausrichtung“ will uns sagen, dass ab jetzt die Interessen des Anzeigenkunden die Interessen des Lesers dominieren, und „organisatorisch“ verbrämt, dass die alte Besatzung rausfliegt, die dann sehen kann, wo sie bleibt.

Und genau so kommt es ja jetzt auch, vor allem deshalb, weil der Eigentümer sich beim allzu gierigen Spekulieren wohl die Bandscheibe verhob. Doch – Entschuldigung! – ‚rausfliegen‘ heißt das bei dieser SWMH natürlich nicht, es heißt „Modifizierung von Arbeitsverhältnissen„, wie sie auch schon anderswo im Verlag zu besichtigen sind – aber auch hier.

Der Journalismus jedenfalls ist in gewissen Augen schon längst keine Erzähl- und Schreibkunst mehr, sondern ein nervtötender Kostenfaktor im Verleger-Portfolio, den in einer Zeitung nun wirklich nur noch Unbedarfte suchen sollten. Seinen erwünschten Text kann doch der Anzeigenkunde sich selbst viel billiger erstellen. Und Beschwerden von dessen Seite gibt’s dann auch nicht mehr …

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Das Frage-Nichtantwort-Spiel

Politiker dürfen fast alles – vor allem nicht auf Fragen antworten, die ihnen gestellt werden. Damit ihr notorisches Nichtantworten auffällt, muss man ein feines Ohr mitbringen. Journalisten lassen, meist aus Resignation, die Wortflüchtigen auf ihren Kabinettsesseln gewähren und nehmen ihnen auch die Unantworten ab. Hier ein Beispiel:

Bekanntlich geht in der Landeshauptstadt Kiel derzeit alles drunter und drüber, dem Land droht wegen der steuergeldverschlingenden HSH-Nordbank sogar der Staatsbankrott, und das macht sich schlecht, wenn zu dem Zeitpunkt, wo das endgültig auffliegen würde, auch noch Wahlen vor der Tür stehen. Auch deshalb, vermuten viele Beobachter, wollte der Ministerpräsident, ein Käpt’n Blaubär von der Waterkant namens Peter Harry Carstensen, unbedingt einen früheren Wahltermin im meerumschlungenen Kabarett an der Förde vom Zaun brechen. Damit er im Windschatten der Bundeskanzlerin zum Sieg segeln kann und erst einmal gar nicht mehr zur Wahl steht, wenn die politische Stinkbombe platzt und die Grausamkeiten beginnen.

Als in dieser Situation der Chef der mitregierenden Opposition im Lande, ein cholerischer SPD-Fliegenträger namens Ralf Stegner, sagte, dass er von den millionenschweren Sonderzahlungen an einen landeseigenen Banker namens Jens Dirk Nonnenmacher – übrigens ein höchst seriöser Mann mit einer absolut vertrauenserweckenden Entenschwanzfrisur – als also Stegner sagte, dass er von den landesväterlichen Geldrausschmeißereien absolut nichts gewusst habe, da schien dem graumelierten Ministerpräsidenten mit dem treuherzigen Augenaufschlag der Zeitpunkt für einen Neuwahl-Coup gekommen.

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Der Berliner Börsen-Courier

An Tagen, an denen ich kulturpessimistisch gestimmt bin, halte ich unsere Bourgeoisie für intellektuell arg auf den Hund gekommen. Um zu dieser Diagnose zu gelangen, genügt es, den Medienkonsum einer heute doch eher bildungsfernen Bevölkerungsgruppe mit demjenigen ihrer Vorgänger von einst zu vergleichen. Also bspw. die ‚Financial Times Deutschland‚ (FTD), die ‚Wirtschafts-Woche‚ oder das ‚Manager Magazin‚ neben die führende Wirtschaftszeitung des Kaiserreichs und der Weimarer Republik zu halten. Ich rede natürlich vom ‚Berliner Börsen-Courier‘ (BBC), der 1868 erstmals erschien, zunächst herausgegeben von dem Bankier George Davidson.

Natürlich enthielt auch dieser Berliner Börsen-Courier zunächst alles das, was den arbeitsenthobenen Spekulanten primär interessiert: Börsenkurse und Hypothekenpreise, hochaktuell dargereicht in einer Morgen- und Abendausgabe. Nebenher aber führte das Blatt an führender Stelle und als Avantgarde im Kaiserreich den Kulturkampf für die Musik Richard Wagners. Später in den 20er Jahren – unter dem genialen Chefredakteur Emil Faktor und herausgegeben von den Brüdern Herrmann – machte sich der BBC um das Brecht’sche Theater verdient.

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