Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Juni 2009 (Seite 2 von 2)

Von den Fakten und der Farbe

Zwischen dem Berichterstatter und dem Erzähler, zwischen dem Rechercheur und dem Beobachter, aber auch zwischen Journalisten und Journalisten besteht ein himmelweiter Unterschied. Nehmen wir irgendein banales Thema – zum Beispiel einen kleinen Vorstadtzirkus, der just in die Stadt gekommen ist. Der Lokaljournalist würde uns mit den Fakten langweilen: Wie lange dieser Zirkus in der Stadt sei, wann die Vorstellungen anfangen und wann Familientag sei, welche Nummern es gebe, wo die Truppe zuvor gewesen sei, wie viele Pferde, Tiger, Trapezkünstler durch die Arena traben werden, wie der Direktor höchstselbst das Programm kennzeichne, garniert möglichst mit wörtlicher Rede.

Ganz anders der subjektive Beobachter: Er sieht die Dinge, die niemandem aufgefallen wären, selbst wenn andere gleichzeitig mit ihm vor Ort gewesen wären. Und er legt ständigen Wert auf das Apercu, auf kleine Menschlichkeiten, auf das Bezeichnende, während jedes Faktum nur unterschwellig und klammheimlich, gewissermaßen als Schmuggelware, in seinen hemmungslos impressionistischen Text einfließen darf:

„Da es um acht Uhr anfangen soll, klatscht man schon dreiviertel acht in die Hände, vor Schaulust und vor Kälte. Der Direktor hat, wie er sagt, eine goldene Taschenuhr, er behauptet auf Grund dessen, es sei erst dreiviertel – „was wollt ihr also?“ -, und die Musik spielt einen Marsch zur Beruhigung. Bis Punkt acht Uhr irgendwo im Hintergrund eine Glocke hell hineinfällt in Geigenton und Flügelhorn und der Mann mit dem zahmen Büffel kommt.

Draußen poltert der elektrische Motor, der die Beleuchtung herstellt, und zwei große, rote Bogenlampen schaukeln wie seltsame, übersinnliche Glasfrüchte im Winde. Und Besitzlose stehen und warten auf die Pause, während der man vielleicht doch unbemerkt und kartenlos hineinkommen wird.“

Auch hier erfahren wir – dem ersten Anschein zum Trotz – viele Fakten: Dass es kalt war beispielsweise, dass der Direktor eine Art Rolex hat, dass eine Büffelnummer am Anfang steht, dass eine Wirtschaftskrise herrscht – aber dies sind jene Tatsachen, die ein Ressortchef ’nicht wichtig‘ nennen würde, bevor er uns diesen Text um die Ohren haut. Wer also durfte so gegen das Markwort’sche Gesetz und gegen die dürre dpa-Prosa der Journalistenschulen anschreiben? Nun, es ist natürlich ein Großer des Journalismus. Weshalb er auch ins Museum und in die Vitrine kommt – und gar nicht erst als Beispiel für das Krüppelholz des heutigen Lohnschreibertums herangezogen wird. Hier schreibt der – soweit wir wissen – bestbezahlte Zeitungsschreiber der Weimarer Republik: Es handelt sich um Joseph Roth – in einem Artikel für die Frankfurter Zeitung vom 15. 4. 1923 …


Mit Prominenten reden

Hört man Journalisten und auch Politikern zu, dann scheint es vielen von ihnen vor dem direkten Kontakt mit dem Demos zu grauen, sie haben eine Publikumsallergie. Von dort her sollen Kübel voll Dreck und Pöbeleien den arglosen „Personen des öffentlichen Lebens“ entgegenschwappen, durch die offenen Kommentarspalten des Web 2.0 habe sich die Zahl verbaler Mistfuder aus Ehrabschnipseleien und Lynchaufforderungen nochmals potenziert. Selbst unsere Familienministerin müsse sich ‚Zensursula‘ nennen lassen oder ‚von der Laien‘. Als gebildeter Mensch könne man sich von solch einem, nämlich seinem Publikum nur noch fernhalten, um sich nicht an ihm die Finger schmutzig zu machen. Keinesfalls aber dürfe man auf das Niveau einer demokratischen Augenhöhe herabsinken, jedenfalls nicht ohne Leibwächter an seiner Seite.

Begreiflich also, dass viele Schreiber und Politiker für eine Internet-Zensur plädieren, um all dem postmodernen Dreck zu entkommen. – – – Begreiflich? Schauen wir mal, was schon am 8. Mai 1950 ein veritabler Literaturnobelpreisträger, ein hochgebildeter Mensch also, seinem innig geliebten Senator schrieb – lange bevor es irgendwo ein Internet gab:

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Drei-Krisen-Taft

Stuttgart, 12:00 Uhr – die Anzeigenerlöse brechen ein, das neue Design aber sitzt. Heilbronn, 14:30 Uhr – immer mehr junge Leser bleiben dem Kiosk fern, die neue Gestaltung zeigt sich unbeeindruckt. Holzhausen, 20:00 Uhr – die ganze Republik tummelt sich im Internet, die neue Titelseite setzt farbenfrohe Akzente:

Chefredakteur Joachim Dorfs, sein Redaktionsteam und die Berliner Agentur Kircher Burkhardt haben die „Stuttgarter Zeitung“ (STZ) einem umfassenden Relaunch unterzogen. … Dieser Schritt soll die „STZ“ fit für die Zukunft machen. … Das auffälligste Ergebnis der Verjüngungskur ist ein farbiges Foto auf Seite 1.

Denkfutter

Denn Literatur bewirkt in der Tat nichts; sie gedeiht
Im Tal ihres Sagens, wo der Geschäftsmann
Nichts zu schaffen hat, sie fließt gen Süden …

W. H. Auden: In Memory of William Butler Yeats

Auf dem Bindestrich

Wie jedes Zeichen ist auch ein Satzzeichen etwas, das in jedem Fall Sinn machen muss. Sonst ist es nicht mehr als nur ein Fliegenschiss an der Wand, nämlich schlicht nur Dreck im Text. Wenn also ein anderer Verfasser in diesem Text „Fliegen-Schiss“ geschrieben hätte, dann wäre er für mich unter die Kategorie derjenigen Menschen gefallen, die Kommata und Bindestriche mit dem Pfefferstreuer quer über die Buchstabensuppe zu verteilen pflegen. Sie betreiben einen unnötigen Aufwand, der den Text zudem verschlechtert.

Besonders lax darf ein Schreiber im Deutschen mit dem Bindestrich verfahren, die Erläuterungen zu den Ausnahmen und Grenzfällen, bis hin zum ironischen Sprachgebrauch, umfassen stets locker zwei DIN-A4-Seiten (dies war übrigens ein Wort mit zwei legitimen Bindestrichen). Trotzdem ist längst noch nicht alles erlaubt. Nehmen wir zum Beispiel diesen Text eines hauptberuflichen Texters:

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Denkfutter

Die Zivilisation besteht darin, Dinge falsch zu benennen und anschließend über das Ergebnis nachzusinnen. Und tatsächlich schaffen der falsche Name und der wahre Traum eine neue Wirklichkeit. Der Gegenstand wird ein anderer, weil wir ihn zu einem anderen gemacht haben. Wir stellen Wirklichkeiten her. Das Material bleibt dasselbe, doch die Form, die ihm die Kunstfertigkeit verlieh, sorgt dafür, dass er nicht derselbe bleibt.

Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe, 77

Texten um jeden Preis?

Ich bin gern Texter – dies vorab. Auch gern mal umsonst, wie in diesem Blog, wo ich für einen Gotteslohn schreibe – oder allenfalls mal 50 Euro über Google Adsense abstaube. Aber ich bin kein Texter um jeden Preis.

Zur Vorgeschichte: Gestern rief mich der neue Geschäftsführer eines Kunden an, für den ich ab und zu Schreibseminare abhalte. Der hatte nach der Übergabe des Amtes meine Daten verbaselt und suchte mich im Internet, zunächst vergeblich über das Portal texter.de, eine Website, die mir bisher unbekannt war. Natürlich schaute ich mir dieses Portal auch mal an, nachdem er mir davon erzählt hatte – und ich stieß sogar auf eine Latte von Textaufträgen, die dort gegen Gebot versteigert werden. Für die es anfänglich teilweise sagenhafte 0,01 Euro je Wort geben soll – die allerdings noch unterboten werden können.

Sagenhafte Honorarvorstellungen

Ja, dieser Lohn für eine kreative Leistung motiviert natürlich ungeheuer – bei den maximal 15 Wörtern, die in eine Zeile passen, wenn man sich nur die kürzeren Exemplare greift, und bei den etwa 30 Zeilen je Seite. Unversehens käme man da doch glatt auf satte 4,50 Euro je Seite, wenn man sich nicht zu unverschämt aufführt und diesen reellen Marktpreis akzeptiert. Ich Hallodri mit meinem übertriebenen Eigenwertgefühl setzte probehalber 50 Cent/Wort ein – habe aber bisher noch nichts vom Auftraggeber gehört.

Donnerwetter, dachte ich mir – warum schreiben die sich ihre Texte bei ihren opulenten Verdienstmöglichkeiten eigentlich nicht selbst? Bzw.: Warum schmieren die sich solche Aufträge nicht in die gegelten Haare? Denn mit seinem Tippseln verdient da ein Lore-Roman-Lohnschreiber sicherlich mehr. Und er pflegt dann mit dem Hochadel Umgang, statt mit solchen ‚Entrepreneuren‘ …

Zweisprachlichkeit?

Seit längerem pätschwürge ich, immer wenn ich dazu mal Zeit finde, an einem Typoskript mit dem Titel ‚Schreiben im Web 2.0‘ herum. Es beruht auf meinen Beobachtungen über erfolgreiche Textformen im Netz, teilweise auch auf Texten, die ich für diese Klorolle hier verfasse – und es soll idealerweise auf solcher Basis als Antidot zu Journalistenschulen, aber auch zu den Rigorismen eines Wolf Schneider oder Bastian Sick dienen. Ganz und gar zum Gebrauch für Blogschreiber.

Beim Blogger daheim ...

Beim Blogger daheim ...

Gerade das aber gerät einem Literaturagenten – der Name tut hier rein gar nichts zur Sache – in einer E-Mail an mich zum Totschlagsargument. Weil ich so für Blogger schreiben dürfe, dürfe ich doch noch lange nicht so für ein Buch daherschreiben, das für den Buchmarkt bestimmt sei. Denn das richte sich immerhin an ein wirkliches Qualitätslesepublikum, das wahre Seriosität gewohnt sei, das also solche Persönlichkeiten des literarischen Lebens goutiere und mit hohen Auflagen belohne wie Rosamunde Pilcher, Egon Krenz oder gar Großschriftsteller wie Dieter Bohlen.

Aha, dachte ich mir da, der Teufel ist doch ein Logiker – und Blogger lesen und kaufen demnach gar keine Bücher. Ja – auf diese Weise wird eine Aufspaltung des Publikums in Blog-Leser und Bücherleser doch wirklich zu einem Argument, dass die eigenen Vorurteile in eine Redundanz verwandelt, die durch keine Realität mehr gedeckt ist:

„… Das ist … aus meiner Sicht ein zusätzliches Negativkriterium. Der von Ihnen gewählte Insiderjargon (Holzmedium, Alphajournalisten, Communities, werbedurchblökt …) passt nicht für ein Buch. Sowas liest man gerne mal in einem Blog, aber nicht 200 Seiten lang. … „

Ja, denn eben nicht …

Bin ich etwa ein Sexist?

Bei den ‚Ruhrbaronen‘ geht es derzeit hoch her, wegen der An- und Abwesenheit der Frau Silvana Koch-Mehrin im EU-Parlament und wegen der Frage, ab wie vielen Wochenstunden in der Westerwelle-Logik sich ‚Leistung wieder lohnen‘ darf und ob am Ende auch die Stunden auf dem Golfplatz und ähnliches Allotria dazuzuzählen seien. Ich führte einen allgemein menschlichen Glücksaspekt ein, für den niemand etwas kann, der aber sicherlich dazu beitrug, dass Frau Koch-Mehrin zum Medien-Darling wurde, weshalb sie dann bei Burda und anderswo den grünen Blättern ihren Baby-Bauch zeigen durfte – ich schrieb, nichts Böses ahnend:

Seht’s doch einfach mal ästhetisch-pragmatisch, unter Zuhilfenahme von ein wenig gesundem Menschenverstand und einschlägiger Lebenserfahrung: WER GUT AUSSIEHT, MUSS WENIGER ARBEITEN.

Dessenthalben kam dann prompt die Katharina Borchert wutentbrannt dahergeschritten, die WAZ-Online-Chefin, zuständig unter anderem für den westfälischen Blogberitt namens ‚Der Westen‘. Meiner Person schenkte sie deftig-kräftig aus dem Güllefass aus, obwohl ich Gülle gar nicht mag. Jedenfalls ließ mich ihre Einlassung ein wenig ratlos zurück:

@Klaus Jarchow: Wie schade, dass solche Diskussionen nie besonders lange sachlich geführt werden können, ohne dass jemand um die Ecke kommt und die arg verstaubte Sexismuskiste wieder aufreisst. Ebenso ekelhaft wie langweilig.

Wir lernen daraus, dass wer ‚wer‘ sagt, auch schon eindeutig Frauen gemeint haben muss. Denn der Sexismus, der lauert bekanntlich überall, fast wie einst der Kommunismus, und wenn er schon nicht im Wortsinn steckt, dann hat ihn die gewitzte Frau doch in der Nase. Ich antwortete der Katharina übrigens Folgendes – die Antwort steht bislang noch aus:

Was hat denn das mit Sexismus zu tun, Katharina, wenn ich meine Aussage absolut geschlechtsneutral und allgemeingültig formuliere? Gibt’s etwa keine schönen Männer mehr auf dieser Welt? Glaube mir, die Gelfrisur, die sich neuerdings Bundeswirtschaftsminister nennen soll, die habe ich längst auch auf dem Kieker. Ich habe nämlich generell etwas gegen Leute, die den Weg zur Arbeit zum Laufsteg machen und elastisch tun. Punkt.

In einem höheren Sinn ist mein Satz sogar nicht nur Satire auf eine ausgewiesene FDP-Poseurin, sondern er ist dazu noch völlig richtig: Schöne Menschen – cum grano salis – haben es leichter, sie müssen sich folglich weniger anstrengen, um das im Leben zu bekommen, was sie wollen, und sie bleiben deshalb bis zu ihrem unausweichlichen Ende zumeist auch dümmer als der Durchschnitt, denn sie haben es ja nicht nötig, durch innere Werte zu glänzen. Zumindest ist mir noch kein schöner Nobelpreisträger über den Weg gelaufen …

Dass ich das mit dem Guttenberg nicht nur so aus Daffke sagte, zeigt übrigens diese Schreibprobe, wo ich – kein bisschen sexistisch – den Text einer Frau über den grünen Klee lobte. Da hört sich dann Sexismus doch wohl auf – oder war das jetzt schon wieder ’sexistisch‘?

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