Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Juni 2009 (Seite 1 von 2)

Die zweite Liga

Ach ja, Joyce, Proust, Musil, Beckett, Pynchon, Döblin, Brecht, Hemingway – die Stars unter den Schriftstellern kennt jeder. Ich aber stöbere inzwischen gern bei Sternen zweiter Ordnung herum. Bei denen, die heute zumeist vergessen sind. Unverdient vergessen …

Da wäre zum Beispiel ein F.C. Weiskopf wiederzuentdecken. Gewiss, ideologisch ist dieser ehemals erste Diplomat der Tschechoslowakei längst nicht mehr auf der Höhe der heutigen Zeit. Seit den 20iger Jahren schon war er Kommunist – und ebenso vorhersagbar wie die Entwicklung der Gesellschaft waren eben auch seine Romanfiguren. Die Guten werden letztlich immer zu Kommunisten – und die Bösen eben alles andere als das. Seine Protagonisten funktionieren ähnlich wie die Histomat-Automaten. Immerhin aber leben sie, was bei Gotsche, Seghers, Becher usw. nicht immer der Fall ist.

Dieser F.C. Weiskopf war nämlich zugleich ein großer Stilist, der formale Mittel besser als viele, ja fast als alle seiner Berufskollegen beherrschte. Und er war ein heller Beobachter, der uns eine erstaunliche Menge an ‚Zeitkolorit‘ überliefert, mehr als unter den Gleichzeitigen bspw. ein Kafka oder ein Hermann Hesse, deren Texte doch meist in einem Irgendwo oder Ungefähr angesiedelt sind.

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Christian Denso heißt er …

In der Zeit ist ein Artikel von einem gewissen Christian Denso erschienen, der hier, hier und hier für abgeleitete Aufmerksamkeit sorgte – und der sicherlich auch anderswo noch Wellen schlagen wird. Zum stilistischen Studium des verdeckt Denunziatorischen, wie auch zur Illustration einer Verabschiedung ehemaliger Qualitätsmedien in die fortschreitende Irrelevanz – für beides ist dieser Text gut geeignet, den ein fingerfertiger Jungjournalist – sagen wir mal – ‚verfasste‘. Beginnen wir mit der Eingangsthese, rhetorisch gesehen eine Parallelführung:

Stellen wir uns vor, ein CDU-Mitglied, bei dem kurz zuvor rassistische Schriften gefunden wurden, möchte zur SPD wechseln. Würden die Sozialdemokraten ihn als »aufrechten Demokraten« umgehend »herzlich willkommen« heißen? Und darauf hinweisen, dass die Partei »keinen Anlass habe, an seiner Unschuld und moralischen Integrität zu zweifeln, solange keine Verurteilung erfolgt«?

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Neue Wörter sind Alltag

Manche Zeitgenossen machen um neue Wörter viel Gewese. So hat der Kollege Detlef Guertler ein eigenes Blog dem Phänomen der Neologismen gewidmet – die Wortistik. Dabei spuckt doch die Sprache wie ein Vulkan ständig Neubildungen aus, zumindest dann, wenn man an den richtigen Stellen nachschaut, dort, wo die Kruste des Sprachgebrauchs dünn ist und die Magma des Neusprachlichen unbehindert an die Oberfläche treten kann. Die Rede ist natürlich von der Literatur. Ich habe mir einfach einmal einen Band Matthias Beltz aus dem Regal gegriffen [M.B.: Gut. Gesammelte Untertreibungen, Bd. I, 2004] und ihn an einer beliebigen Stelle aufgeklappt. Es war die Seite 78. Dort fand ich die folgenden Neubürger der Sprache:

1. Haßreklame
[„Statt zu hassen, macht er öffentlich-widerrechtliche Haßreklame“.]
2. vandalieren
[„Ob Fußballfans nach Spielschluß durch die Stadt vandalierten, überall sei Haßanwendung festzustellen.“]
3. Schmunzeldienst
[„Nicht das Kabarett, das politischen Parteien und Bewegungen Schmunzeldienste leistet …“]
4. Knallchargerei
[„Die Komödie des kommunistischen Klassenhasses, der heute nur noch banalste, schauerlichste Schmiere ist, Knallchargerei einer untoten Kultur …“]

Vier Neuwörter allein auf einer Seite – ich finde diesen Befund recht beachtlich. Noch erstaunlicher finde ich es, dass unser aller Denkapparat so eingerichtet ist, dass wir unmittelbar und ohne Erläuterung solche Neuprägungen auch verstehen. Nicht eines dieser Wörter überfordert uns – im Gegenteil: Sie wecken uns auf, amüsieren uns und fesseln unsere Aufmerksamkeit.

Dass also Neologismen allgegenwärtig sind, das kann – so sehe ich das – nur Journalisten wirklich erstaunen. Denn dort herrscht das große Dogma, wonach der Schreiber den Leser nicht überfordern dürfe, da sitzt der Redakteur mit der Schere im Kopf, der alles beschneidet, was ihm noch nie unterkam, dort wird ausschließlich auf das Bewährte zurückgegriffen, dort tanzen die Stanzen ihren Ringelreihen. Was aber gewonnen ist, wenn der Leser nicht überfordert wird, sondern permanent unterfordert, was also erstrebenswert daran sein soll, wenn er uns bei der Zeitungslektüre einschläft, das habe ich bis heute nicht begriffen …

„Gott strafe Engeland!“ …

ob ich diesen Slogan Merkspruch dem Verein für deutsche Sprache zur Zweitverwertung empfehlen sollte?

Argumentatives

Die Wahrheit ist eine Erfindung des Lügners“ – der bekannte Satz des Kybernetikers Heinz von Foerster ist überall im Kommunikationsbereich eine ‚olle Kamelle‘: Wahrheit in relativen Zeiten ist nur noch das, was von anderen als wahr anerkannt wird. Absolute Wahrheitsansprüche führen nur in die Ideologie – und in der Folge auf den Scheiterhaufen.

Trotzdem versuchen wir natürlich weiterhin, ‚wahrheitsfähige Sätze‘ zu bilden, die in der Diskussion von anderen akzeptiert werden. Dieses ‚Überzeugen‘ geschieht mit Hilfe der Argumentation, indem wir nämlich die Prinzipien unseres Denkens, die uns zu bestimmten Schlussfolgerungen geführt haben, sprachlich offen legen.

Die formale Satzlogik listet einige solcher Denkprinzipien auf, die sich wechselseitig aber widersprechen können, weshalb der erste Fehler schon darin bestünde, wenn ich zwei dieser Prinzipien in einem Textabsatz vermische. Hinzu kommt, dass die Sprache ein denkbar unlogisches Instrument ist.

Eines dieser Prinzipien wäre zum Beispiel die so genannte ‚Gleichheitsregel‘. Formallogisch ausgedrückt: „A = A“, jedes A ist mit sich selbst identisch, oder: alle A’s sind als A zu betrachten. Im Alltag begegnet uns diese Regel in Sätzen wie „Alle Menschen sind gleich“ oder dem juristischen Hauptsatz „Wesentlich Gleiches muss auch gleich beurteilt werden“. Auch „Persil bleibt Persil“ fällt unter diese Gleichheitsregel oder der konservative Hauptsatz „Das haben wir schon immer so gemacht!“. Genauso wie das Kinderquengeln: „Robin hat aber auch ein Nutella-Brot gekriegt!“. Es sind nicht nur einzelne Sätze, die eine solche Argumentation transportieren, ganze Reden oder Artikel können unter dieser Flagge segeln. Zu finden ist diese Argumentation vor allem im familiären und sozialen Bereich, in der Politik oder auch in der christlichen Kirche: „Vor Gott sind alle gleich“.

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Fermentierte Grasnahrung

Eigentlich hatte ich den folgenden Text als einen Kommentar geschrieben, drüben in Ugugus Blog. Da der Beitrag mir aber recht gut gelungen ist, weil er viele Punkte meiner Klagelieder zusammenfasst über die Termitenplage, welche die Bewohner von Holzhausen befallen hat, sei er hier nochmals eingestellt. Es ist ja schließlich mein Text. Wer ihn schon kennt, soll diesen Beitrag schlicht überschlagen. Hier also meine Rede und die Gegenrede von André Marty:

Ich antwortete auf André Marty: „@ André: … Medien sind nicht geil – sondern die größte Sackgasse, in die ein junger Mensch derzeit hineinstolpern kann. Weil es zwar weiterhin ein Pendant zum werten Berichterstatter geben wird (vermute ich jetzt mal), wozu dann aber Medien gar nicht mehr zwingend erforderlich sind. Es geht auch ohne ‘Mittler’, denn nur die Information ist im Kern eine Ware, nicht das Portal oder der Titel auf dem bedruckten Papier, sei es ‘Spiegel’ oder ‘NZZ’ – allen Branding-Knallköpfen zum Trotz. Bleibt die Frage, wer bezahlt uns dann den Tanz der Tippfinger auf der Tastatur? Der gute Gott des Idealismus, der auch die Lilien auf dem Felde … ? Also, wer schützt zunächst einmal den Nachwuchs, indem er seine altmodischen Träume platzen lässt – von einer Medienwelt, die es längst nicht mehr gibt?

André said, on Juni 22, 2009 at 6:27:
@Chat Atkins: Falls dem so wäre, wie Sie bloggen, dann können sie uns sicher auch erklären, weshalb das Vernetzen des Netzes einfach nicht funktionieren will. Und Sie können mich ach’ so altmodischen bloggenden Journalisten sicherlich auch aus der Sackgasse führen in Sachen Medien als Teil des demokratischen Meinungsbildungsprozesses – und sagen Sie mir jetzt bitte nicht, die Bloggerei werde auch in Westeuropa schon bald, bald public opinion beeinflussen, gell. Denn Sie wissen zu gut, dass dem nicht so ist, zu recht oder unrecht.

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Dramatischer und epischer Stil

Wodurch sich diese beiden typischen prosaischen Stilformen unterscheiden – diese Frage lässt alle Sprachseminare für einen Moment stumm werden. Der Gebrauch des Dialogs und derjenige der wörtlichen Rede, das seien doch eher typisch dramatische Stilmittel, heißt es dann tastend, während der Epiker über die Stoffmassen gebiete, notfalls ganze Gespräche ergebnishaft in einem Satz zusammenraffe, damit er sich dann wieder detaillistisch in einer endlosen Landschaftsschilderung verlieren dürfe. Daran ist vieles richtig – nur gibt es die wörtliche Rede auch in den epischen Gefilden:

„Die unendliche Steppe. Der dünne schräge Fadenregen zog hinter ihnen her, überrieselte sie, legte einen grauen Schleier vor sie. Paars Pferd drängte sich an seins, Paar drängte sich verlangend, Hände hinlangend an ihn, rief etwas dem Mann zu, der den Kopf auf die Brust vor dem Wasser senkte. Die Sätze verschluckt, die Stimme schrie, beschwor den andern, suchte ihn vom Pferd zu bewegen. Um des Heilands willen nicht zurück, er möchte vertrauen, oh vertrauen. Von drüben die Worte: „Wo ist die Jagd? Führt mich zurück. Ihr seid verloren sonst.“ Immer weiter in die rieselnde Dämmerung. Die lautlosen Pferde. Hinter dem Kaiser zu seiner Seite, jagte Paar. In dem Kaiser stieg die Angst, saß an seinem Rücken, auf seinen Schultern: „Der Satan ist da“. Gehölz zur Rechten, schwellendes federndes Moos“ (Alfred Döblin: Wallenstein, 23)

In dieser Szene, wo der deutsche Kaiser Ferdinand am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges den Tross der Jagdgesellschaft verliert und an der Seite eines dubiosen Edelmanns durch den Regen reiten muss, da geht es dem Autor des Textes um die Angst als ewige Begleiterin aller Mächtigen jener Zeit. Der Tischnachbar war stets ein potenzieller Attentäter, jeder Mensch war des Menschen Wolf. Aus der Konstellation allgegenwärtigen Misstrauens wächst in der Folge die besondere Brutalität dieses Krieges. Das ist der ‚Sinn‘ solcher Passagen in diesem Roman, der – das nur nebenbei – höchst lesenswert ist.

Döblin als allwissender Autor schaut seinem Kaiser also direkt in den Kopf, er sieht die kirchlich geprägten Vorstellungen vom Satan, die den Kaiser schauern lassen. Dieser Satz – „Der Satan ist da“ – der ist trotz aller Anführungsstriche nur scheinbar wörtliche Rede, es ist viel mehr ein Gedankenfetzen des Potentaten, womit Döblin die Gedankenwelt und den Aberglauben dieser Zeit auf den Punkt bringt. Die gesellschaftlichen Führungsschichten stecken mental noch in einer tiefen katholischen Nacht, die keine Aufklärung je erhellte. Der „graue Schleier“ des Regens wird zum unterstützenden Symbol, das die überall herrschende Blindheit und Kurzsichtigkeit unterstreicht; auch die Landschaft und ihr Wetter haben eine Funktion. Kurzum: Wir sehen hier geradezu das Schulbeispiel einer „epischen Passage“.

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Kind, vergiss doch die Literatur!

Vor zwei Tagen swatchte ich, nichts Böses ahnend, an der letzten Folge von ‚Hart aber fair‘ vorbei – und blieb unerwarterweise bis zum Schluss beim Thema. Denn das, was dort abging, das erschien mir zutiefst surreal, fast schon wie ein gesellschaftskritischer Spielfilm.

Es ging um die vorschulische Erziehung und um die Situation in den Kindergärten – und neben so gestandenen Figuren wie Petra Roth und Bärbel Schäfer inszenierte sich dort auch eine ‚Eislaufmutti‘ namens Jelena Wahler, eine Unternehmensberaterin mit leuchtendem Blick, die für ihre Kinder immer ’nur das Beste‘ will. Weshalb sie eine eigene Kindertagesstätte gegründet hat, wo ihre Kinderchen und diejenigen Gleichgesinnter von Anfang an auf Leistungselite gepolt werden sollen. Wovon wiederum sie derart ungebremst schwärmte, dass selbst ein zunehmend genervter Frank Plasberg ihr nicht mehr dazwischen funken konnte. Das Bild zur Sendung gibt es hier …

Zum Thema: Ich wette darauf, dass auf diese Weise aus den dort verwahrten Kindern NIEMALS Genies oder auch nur überdurchschnittlich erfolgreiche und glückliche Menschen erwachsen werden, NIEMAND von ihnen wird je einen Roman verfassen oder einen guten Song schreiben. Systematisch werden sie von allen unproduktiven Dingen – wie Schmökern, Dösen oder dem Lügenerfinden – fern gehalten. Das, was diese Mutti dort betreibt, das ist die Abschaffung der Kindheit. Alles muss einen Nutzen haben, wobei Maman über diesen Nutzen entscheidet, die einfach alles besser weiß. Sogar die Pausen für freies Spielen sind rein utilitaristisch, sie haben den Nutzen, die verbrauchte Leistungsfähigkeit wiederherzustellen. Denn immer steht die spätere berufliche Karriere im Fokus. Anders ausgedrückt: Wo bleibt eigentlich das Jugendamt?

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Der Blogkoch empfiehlt:

Der Journalismus wird sich also wandeln – nicht, weil er mit einem bestimmten Medium verbandelt wäre; nicht, weil er Arbeitsplätze bietet oder Rendite einfährt, sondern weil seine gesellschaftliche Funktion wichtig ist. Wir stehen also nicht vor der Frage, ob der Journalismus untergeht, sondern welche Gestalt er als nächstes annehmen wird. Unsere Aufgabe besteht darin, dass wir Instrumente finden müssen, mit denen wir journalistische Aktivitäten finanzieren und effektive Verbreitungswege für sie fördern können.“

Mein Reden: Wir haben nicht das Ende des Journalismus erreicht, sondern das Ende holzmedialer Bequemlichkeiten und dasjenige des massenmedialen Gatekeeper-Modells. Es geht jetzt gewissermaßen ‚back to the roots‘: Die meiste Zeit ihrer Geschichte waren Journalisten arme, schreibende Würstchen, die sich nur mit ihrer Feder rächen konnten. Und wer herausragte, wurde Schriftsteller, nicht etwa Alphajournalist …

… Ein Mann im Garten Früchte brach;
Ich fragte, seit wann die Stadt hier sei?
Er sprach und pflückte die Früchte fort:
»Die Stadt steht ewig an diesem Ort
Und wird so stehen ewig fort.«

Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.
Da fand ich keine Spur der Stadt;
Ein einsamer Schäfer blies die Schalmei,
Die Herde weidete Laub und Blatt;
Ich fragte: »Wie lang‘ ist die Stadt vorbei?«
Er sprach und blies auf dem Rohre fort:
»Das eine wächst, wenn das andre dorrt;
Das ist mein ewiger Weideort.«

Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren …

Friedrich Rückert: Chidher

Bei den Deutschländer-Würstchen

Jenes harte Hirnholz, das unter dem Namen ‚Aktion Lebendiges Deutsch‚ unhaltbare Sachverhalte in die Welt hinaus zu posaunen pflegt, hat sich im Kampf gegen die Windmühlen des Denglischen ein neues Husarenstück geleistet: Erstmals wollen sie toitscher als deutsch sein – und deshalb deutschen sie ein kerndeutsches Wort noch toitschtümelnder ein, wohl deshalb, weil sie es irrtümlich für einen Anglizismus ohne jeden Ariernachweis gehalten haben. Das Wörtchen ‚Dumpinglohn‘ sollen wir nach ihrem Willen künftig durch ‚Hohnlohn‘ ersetzen – das jedenfalls ist ihr sprachmusikalisch ebenso wie sprachwissenschaftlich unhaltbares Begehren.

Mit ein wenig schlichtem Gegurgel hat ihnen der Anatol Stefanowitsch jetzt vorgerechnet, dass es sich um ein Wort handelt, das nahezu ausschließlich im Deutschen seine Nische gefunden hat (okay, ein paar Dänen kennen es auch). Der Ausdruck ‚dumm gelaufen‘ aber, der entwickelt sich allmählich zu meinem Standard bei der Beurteilung sprachnörglerischer Aktivitäten, dort in jener semantischen Todeszone, wo das ‚lebendige Deutsch‘ allmonatlich von einigen älteren Herren exekutiert wird …

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