Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Mai 2009 (Seite 2 von 2)

Denkfutter

Man kann auch hinauffallen. Und solche Fälle sind die tiefsten.

Peter Hille

Literaturquiz: Wer war das?

Normalerweise bringt man den gesuchten Mann eher mit Haidnischem, mit Lokaljournalismus und Schnapsaventüren in Verbindung. Als dieser Unglückswurm im hohen Alter von 48 Jahren, gejagt von Pfändungsbeschlüssen, als Ungedienter und abgefüllt mit nationaler Begeisterung in den Krieg zog, da traf ihn sozusagen gleich die erste Kugel. Die Nazis bestatteten später an seiner Stelle einen ‚Pappkameraden‘, den sie irgendwo aus einem Schützengraben bei Reims buddelten. Bald darauf betteten sie, aus Gründen der Skandalvermeidung, diesen Kadaver gleich dreimal um. Trotzdem meinen die lodengekleideten Verehrer ihrem Idol an jenem Findling ganz nah zu sein, obwohl sie doch nur am letzten Grab eines unbekannten Soldaten stehen.

Unser Frühverstorbener jedenfalls verfasste prophetische Texte wie diesen:

„Eine Macht muß die Naturschutzbewegung werden, eine solche Macht, daß die Industrie, der Handel und der Verkehr, der Ackerbau und die Forstwirtschaft mit ihr rechnen müssen. Vielfach hat man ihnen zuliebe sich in ganz unnützer Weise an der Natur versündigt, und wenn wir sie hindern, solche Sünden weiter zu begehen, so werden wir heute vielleicht Hohn und Spott ernten, die Nachwelt aber wird es uns danken“.

Charakterliche Defizite

Mein Opa, der bekanntlich ein weiser und gesetzter Mann war, der nannte das Ergebnis einer solchen Diagnose schlicht ‚Nachweis eines charakterlichen Defizits‘. Gerd Monsees, der vorlaute Nachbarsjunge von nebenan, der drückte sich noch schlichter aus und sagte, dass die „inzwischen doch alle einen an der Waffel“ hätten. Und Don Alphonso, der Verfasser hier, spricht gar von „Pudelgewinsel“. Auch das ist natürlich nicht nett …

Worum es geht? Ach so – mal wieder um unseren lohnschreibenden Berufsstand, der in satter Selbstzufriedenheit versumpft ist. Es war ja auch unausweichlich: Denn lange konnte diesen Leuten niemand an den Karren fahren, weil der deutsche Journalismus höchstselbst das Monopol auf jene Produktionsmittel besaß, mit deren Hilfe sich jede Kritik hätte artikulieren müssen. Das Gatekeeper-Monopol ist nämlich ein echtes Zwei-Wege-System – es wählt einerseits aus, welche Außeninformationen für ein gelenktes Publikum relevant sind, und es lässt andererseits unerwünschte Binneninformationen auch nicht heraus. Was dazu führte, dass selbst die berechtigte Kritik ‚unerhört‘ blieb und sich nur in einer nichtöffentlichen Gummizelle oder im engsten Familienkreis austoben durfte. Anders ausgedrückt: Wer wollte schon Kritisches über sich selbst drucken, wenn das gar nicht nötig tut? Und das, was nicht gedruckt wurde, das war schließlich auch gar nicht passiert. Allenfalls lästerte mal ein ‚Nestbeschmutzer‘ wie Fritz J. Raddatz öffentlich los, hier über die damalige ZEIT-Feuilletonredaktion:

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Am Morgen

Jean Paul, der sich spätnachmittags oder erst abends zu Papier und Bier in seinen fränkischen Gartenpavillon flüchten konnte, zählt zu den großen Ausnahmen. Ebenso ein Gottfried Benn, der die Stunden der Nachtwache in der Charité mit Hilfe chemischer Stimulantia ins Grellwache transformierte. In den meisten anderen Fällen aber sind die Schreibgewohnheiten der Schriftsteller ein einziges Loblied auf den Morgen. Der Vormittag – das ist jene Tageszeit, wo der Pegasus ungeduldig am Zügel reißt, wo die Musen hellwach über den Bildschirm steppen.

Physiologisch ist dies kein Wunder: Am Morgen ist der Kopf noch frisch und nicht vom Alltag abgelenkt, die Leistungskraft ist auf dem Höhepunkt, der mittäglich gefüllte Magen lähmt noch nicht die Schaffenskraft, typische Vormittagsdrogen wie Tee oder Kaffee tun ein Übriges. Deshalb lief im Hause Thomas Mann am Vormittag alles auf den Zehenspitzen, damit der ‚Großschriftsteller‘ in seinem ‚tiefen Brunnen der Geschichte‘ nicht gestört würde, zu ‚taufrischen Zeiten‘ schrieben Brecht, Fontane, Raabe oder auch ein Ludwig Thoma. Die Reihe der Beispiele ist schier endlos. Schandmäuler wie Thornton Wilder behaupteten sogar, dass der schwunglose journalistische Einheitsbrei vom Redaktionszwang der Abendschreiberei herrühre.

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Des Deutschen Internetphobie

In Analogie zu dieser wahrhaft luziden und tiefschürfenden Analyse der Süddeutschen Zeitung stelle ich hier auch mal meine zehn Gründe ins Netz, weshalb die Deutschen so wenig bloggen. Vielleicht werde ich ja auch so berühmt wie dieser Hüftschütze Felix Salmon:

1. Das Internet verbraucht viel Strom. Der Deutsche aber spart gern Strom.

2. Verglichen mit den Amerikanern hat der durchschnittliche Deutsche nicht viel zu sagen. Deshalb irritieren ihn kommunikative Anforderungen im Netz.

3. Erst, wenn Bloggen ein Studiengang geworden ist, wenn Blogger zu Johannes B. Kerner dürfen, dann werden mutige Avantgarde-Germanen geneigt sein, Blogs für relevant zu erachten.

4. Der Deutsche in seinem Hygienewahn vermisst in den Blogs bisher das Toilettenpapier als Desiderat aller Kultur. Wohingegen Zeitungen sogar darauf gedruckt sind – meist dreilagig und mehr.

5. Der Deutsche fährt lieber nach Mallorca als nach Bloghausen.

6. Politiker hören niemandem zu, schon gar nicht Leuten aus der Blogosphäre: Volkes Wille, sagen sie, sei die Stille. Der untertänige Deutsche wiederum hat historisch seinen Regierenden noch nie widersprochen.

7. In der Blogosphäre gibt es kein frisch gezapftes Bier.

8. Der beeindruckbare Deutsche hängt an umständlichen und gravitätischen Titeln wie „Bertelsmann Universal-Lexikon“ oder „Zentralstelle zur Erfassung einbeiniger Choleriker ohne Schulabschluss“. Bunten Dingen, die nach Kinderkram klingen, die z.B. einfach nur ‚Google‘ heißen, denen misstraut er dagegen zutiefst. „Larry Page’s allumfassendes Zwischennetzfundstellen-Archiv-System“, das wäre ein erster vertrauensbildender Schritt, seiner Internet-Phobie entgegenzuwirken …

9. In der Blogosphäre reden dem durchschnittlichen Deutschen einfach zu viele Frauen mit.

10. Der Deutsche muss unbedingt recht haben. Bloß auch dabei gewesen zu sein, das genügt ihm nicht. Wenn er aber so ist, wie er ist, muss er sich prompt als ‚Troll‘ beschimpfen lassen …

Lyrik und Alltag

Ob dieser Wetterfee beim Nachrichtensender NDR Info, der ich eben im Autoradio lauschen durfte, wohl bewusst war, dass sie in klassischen vierhebigen Trochäen sprach? Ich habe da meine Zweifel. Inzwischen glaube ich, sie war nur frisch verliebt. Auch das verzaubert bekanntlich den Sprachklang:

Immer in den Wolkenlücken
bricht dann rasch die Sonne durch. Die
Regenschauer sind ergiebig,
auch Gewitter zeigen sich …

Horch, was kommt von unten her?

Das Internet ist eine mediale Szenerie, die auf dem Prinzip der Selbsterfahrung basiert – wie ein Abenteurer zieht der Netzbewohner hinaus ins Ungewisse, um sich vom unendlichen Web überraschen zu lassen. Jeder, so er dies will, ist dabei nicht nur als Publikum unterwegs, er ist selbst Partizipant: Er artikuliert sich unbeschränkt öffentlich – ganz ohne exorbitante Vertriebs- und Druckkosten, die zuvor den Zugang zur Medienwelt begrenzten – und dort, wo es ihm gefällt, hinterlässt er in Form von ‚Links‘ seine Visitenkarte.

Das trifft die bisherige ‚Expertenwelt‘ tief unterhalb der Wasserlinie, denn die Habermas’sche Sphäre gepflegter Kommunikation, wo intellektuelle Mandarine vom Lehrstuhl herab stellvertretend den Willen einer allgemeinen Vernunft verkündeten, die doch meist die ihre war, die versinkt in einem unabsehbaren Ozean des Diskurses, wohl auch des Geplappers, wo es keinerlei Zugangsbeschränkungen mehr gibt. Auch die Unvernunft hat damit jetzt eine Stimme erhalten.

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Der Beruf des Bösen

Wenn wir einen Roman schreiben wollten, der stark auf soziale und psychologische Kontraste setzt, auf eine schwarzweiße Welt ganz ohne Grautöne, dann brauchen wir natürlich auch einen oder mehrere pechschwarze Schurken. Da sich wiederum die Rangfolge der Berufe, in denen sich das Böse verkörpert, mit der Zeit wandelt, habe ich mal versucht, für literarische Zwecke eine Rangliste übler Berufe aufzustellen, die charakterlich als besonders defizitär gelten, die in etwa einen heutigen Negativstandard abbilden würden, und nicht mehr jenen zur Zeit Conan Doyle’s. Gegenrede und Ergänzungen willkommen (nur aus Gründen der besseren Lesbarkeit habe ich die weibliche Form bei den Berufsbezeichnungen fortgelassen, eine Diskriminierung von Frauen war keinesfalls beabsichtigt):

1. Porno-Produzent
2. Immobilienmakler
3. Bankster
4. Einbrecher
5. Journalist
6. Hütchenspieler
7. Werber
8. Finanzberater
9. Zahnarzt
10. Waffenhändler
11. Neonazi-Funktionär
12. PR-Berater
13. Lobbyist
14. Pharmavertreter
15. Politiker
16. Gebrauchtwagenhändler
17. Heiratsschwindler
18. Model
19. Schlagersänger
20. Rechtsanwalt

*to be continued*

Zuhören?

Bewundert habe ich immer jene Autoren, die in ihren Autobiographien noch -zig Jahre später Gespräche Wort für Wort daherrezitieren konnten. Entweder ich glaube dabei an blanke Eidetik – oder aber an die ungenierte Erfindungsgabe solcher Schreiber. Denn niemand behält üblicherweise den Wortlaut eines Gespräches länger als ein paar Anstandsminuten im Kopf, allenfalls in den wenigen echten Krisensituationen des Lebens. Zum Kummer von Richtern und Polizisten, die sich aus abstrusen und widersprüchlichen Zeugenaussagen zusammenklamüsern müssen, was möglicherweise ‚wirklich‘ gesagt worden sei.

Wenn ich zuhöre, dann schweife ich oft meilenweit ab. Ich gucke mein Gegenüber zwar weiterhin aufmerksam an, assoziiere aber längst frei daher, entlang von Wortketten und auf Gedankenflügen, zu denen der Gesprächspartner mir nur den Anstoß gab. Wenn dann plötzlich Nachfragen ertönen und ich wieder ‚ins Gespräch einsteigen‘ muss, dann schützt mich eine glückliche Eigenschaft vor dem Kommunikations-GAU – ich kann die letzten paar Sekunden des Textes zurückspulen wie auf einem alten Cassetten-Recorder. So erscheine ich immer als höflicher und aufmerksamer Zuhörer.

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Das Wort …

… steht schwarz und schweiget,
und aus dem Blog hier steiget
die Stille wunderbar …

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