Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Mai 2009 (Seite 1 von 2)

Kairo?

Ach ja, unser Herr Guttenberg, dieser Freiherr von Irgendwas, Irgendwoher und Irgendwozu im Banne ihm entfleuchter Schicksalsstunden. Schöner als die Heike Göbel, die in ihrem FAZ-Blog diesen graecomanen Politwelpen am Halsband ins Licht der Öffentlichkeit hob, weshalb Merkels wundersame Wunderwaffe sich dann in seinem altphilologischen Fressnapf anschließend selbst ersäufte – oder so – schöner kann ich’s auch nicht sagen.

Hier steht dies Zitat schlicht zur Dokumentation hervorragender Texte im Internet, die heutzutage dank verlegerischer Harnverhaltung gar nicht mehr gedruckt werden würden, und daher wie die Stadtmusikanten nach Digitalien auswandern müssen – ferner zur gefälligen Laxation all jener Journalisten, die keine Ohren mehr am Kopf tragen, die vor jedem Fremdwort stramm stehen, sofern es ihnen noch nie unterkam, und die sich vor devoter Bewunderung ihres neuzeitlichen bayrischen Hohlmaßes gar nicht mehr zu fassen wissen:

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Künstliches Heroin

Erst das Adjektiv macht aus der Droge die ‚Milde Sorte‘. Im Kern handelt es sich beim ‚künstlichen Heroin‚ um einen ’schwarzen Rappen‘ oder einen ‚duftenden Misthaufen‘ – es ist also ein Pleonasmus. In diesem Fall wurde er von Politikern erfunden und über die BILD-Zeitung lanciert, rein aus rhetorischen Gründen vermutlich, um die Stammtische und die leichtgläubigen Berichterstatter zu beeindrucken, damit die einen Unterschied zu machen lernen zwischen dem bösen Straßenheroin und dem guten Drogentherapie-Heroin vom zertifizierten Apotheker. Einen solchen Unterschied gibt es chemisch aber gar nicht, bis auf die üblichen gesundheitsgefährdenden Streckungen und Panschungen beim Straßenheroin mit Backpulver oder Rattengift. Heroin war nie etwas anderes als ‚künstlich‘; unter der Patentnummer 31650 F 2456 besitzt die Firma Bayer bis heute die Rechte an der pharmazeutischen Rezeptur des Diacetylmorphins. Als Schmerzmittel sollte es dienen, als Hustensaft oder Blutdrucksenker. Ganz nebenbei entdeckte man dann die Suchtwirkung. Weiter aber gab es – außer Verstopfung – tatsächlich keinerlei unerwünschte Nebenwirkungen, solange die Dosis physiologisch angemessen blieb.

Der Ausdruck ‚künstliches Heroin‘ für eine Substanz, die in nichtkünstlicher Form gar nicht existiert, ist also sachlich so überflüssig wie ein Kropf: Diacetylmorphin ist Diacetylmorphin ist Diacetylmorphin. Der Ausdruck wurde einzig und allein geschaffen, um den Sittlichkeitswächtern vor allem in der Union die Zustimmung zu dem Substitutionsversuch zu erleichtern, damit endlich auf Rezept auch Heroin an Schwerstabhängige ausgegeben werden kann.

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Ewig dudelt das Modul

Was dieses allgegenwärtige Wort ‚Modul’ eigentlich sei, wenn man sich darunter wirklich mal etwas vorstellen wolle, das verlangte ein Freund gestern zu wissen. Wir wälzten also diverse Nachschlagewerke und googelten uns dumm und dämlich, um zum Resultat zu kommen, dass es sich wohl um ‚ein kleines Irgendwas’ oder ein ‚Schrumpf-Dingsda’ handeln müsse. Auch ‚Baustein‘ wäre eine halbwegs akzeptable Übersetzung.

Beim Wort ‚Modul‘ handelt es sich um eine Ableitung vom lateinischen ‚Modus‘, dem ‚Maß‘, dem ‚Maßstab‘, der ‚Art‘ oder der ‚Weise‘. ‚Modulus‘ wäre dazu die lateinische Verkleinerungsform, ein ‚Ärtchen‘, ein ‚Mäßlein‘ oder eine ‚Klein-Weise‘ gewissermaßen. Ein ‚Homo moduli bipedalis‘ war bei den Sandalenträgern der Antike bspw. ein ‚Männchen von zwei Fuß Größe‘.

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Gratis-Lektorat für Frau Meckel

Frau Miriam Meckel ist Professorin für Kommunikationsmagement an der Universität St. Gallen. Dieses ‚Harvard der Alpen‘ ist eine der industriellen Kaderschmieden Mitteleuropas. Sie lehrt dort ‚Corporate Communications‘, bringt also den Unternehmen das Sprechen und Schreiben bei. Angesichts dieser hehren Zielsetzung wird sie mir, denke ich, dankbar dafür sein, dass ich unentgeltlich einen ihrer Texte stilistisch etwas aufpoliere.

In ihm antwortet sie auf Angriffe ihrer hochbedeutenden Thesen durch Stefan Niggemeier, und wenn solch ein diskursiver Text durch mich etwas eingängiger wird, dann verstehen ihn ja vielleicht auch die begriffsstutzigen Blogger etwas besser. Weshalb wiederum jeder erkennen kann, wo diese leckere Buchstabensuppe mit dem einen oder anderen Argument kulinarisch abgeschmeckt wurde. Aus Gründen der Anschaulichkeit habe ich Original und Verbesserung immer höchst säuberlich nebeneinander gestellt. Der Text von Frau Meckel erschien übrigens unter dem Titel „Die Buschtrommel-Dokrin“ dort in ihrem Blog, wo ich auch die von großer Liebe und Verehrung zeugenden Kommentare lobhudelnder Studiosi und Studiosae der Beachtung empfehle. Los geht’s!

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Blogschreiber: Don Alphonso

Als Beispiel für den neuen Stil, der durch das Web 2.0 in die schreibende Zunft Einzug hält, wähle ich einfach mal einen stark kommentierten Beitrag aus den FAZ-Blogs. Don Alphonso stellte ihn am 18. März 2009 dort ein – unter dem Titel „Klassenkampf oder was davon übrig ist“.

In seinen Beiträgen dort – wie auch anderswo – gefällt sich der Don in der Rolle eines vermögenden Sohnes aus der Haute Bourgeoisie, selbst allen materiellen Sorgen enthoben, der trotzdem unentwegt bereit ist, auch gegen den Stachel der Upper Class zu löcken. Folgerichtig beginnt der Artikel mit einem revolutionären Mission Statement, das der arglose Leser nicht ausgerechnet in seiner kreuzkonservativen FAZ zu lesen erwarten durfte:

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„Journalists deserve low pay!“

Oh, oh, das ist bärenstarke Medizin, nur für robuste Naturen geeignet – und ich begehre, nicht schuld an den finanziellen Folgen für die schreibende Zunft zu sein! Ein waschechter Herr Professor ist das, der dort im medialen Raum seine bitteren Wahrheiten ausschenkt:

„Journalists like to think of their work in moral or even sacred terms. With each new layoff or paper closing, they tell themselves that no business model could adequately compensate the holy work of enriching democratic society, speaking truth to power, and comforting the afflicted. Actually, journalists deserve low pay. Wages are compensation for value creation. And journalists simply aren’t creating much value these days.“

Und selbst schuld am Niedergang sollen die Holzmedien auch noch sein – da hört sich dann doch wohl alles auf! Qualitätsjournalismus besteht doch schließlich geradezu darin, dass alle das Gleiche schreiben. Wie anders sollte der Journalismus auftreten, als in Gestalt einer Tütensuppe:

„Across the news industry, processes and procedures for news gathering are guided by standardized news values, producing standardized stories in standardized formats that are presented in standardized styles. The result is extraordinary sameness and minimal differentiation.

Und so geht das munter weiter – ein Löffelchen für Papa, ein Löffelchen für Mama, ein Löffelchen für den Verleger, und ein Löffelchen für den Schreiber. Die Standardisierung hat sich selbst versenkt, das ist in etwa die gut begründete These. – – – When will they ever learn?

via: Medienspiegel

Denkfutter

„Gottes einzige Entschuldigung ist es, dass er nicht existiert.“

Henri Beyle ( = Stendhal)

(Ein Beitrag zum Remmidemmi des Bremer Kirchentags)

Unfassbar fies sein

Zu manchen Gelegenheiten möchte jeder Schreiber richtig gemein sein – und auch mal kräftig ausschenken. Da wir aber im Mimosen-Zeitalter leben und hinter jeder Straßenecke abmahnbereite Anwälte lauern, gilt es, die richtige Taktik zu wählen, um diese Straßenräuber ins Leere laufen zu lassen. Zum Beispiel durch übertriebenes Lob, zum Beispiel durch vergiftete Komplimente – oder aber durch das ‚Aus-dem-Sarg-heraus-Reden’, aus dem Sarg der anderen natürlich, von wo aus man mit gebrauchten Zitaten zuschlägt. Am Beispiel unserer Paragraphenritter illustriert zum Exempel so: „Die Kunst der meisten Juristen erschöpft sich doch darin, bei der Rechtsbeugung Formfehler zu vermeiden“ (Carlos Widmann). Kurzum: ein Zitat ist immer nur ein Zitat – es ist durch die Autorität eines großen Verstorbenen gedeckt und auch kaum justiziabel.

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Mach mir die Parodie!

Alles Lernen beginnt mit der Nachahmung. Da aber dieses Imitieren eine sehr trockene Tätigkeit sein kann, zieht ein Schreiber – des Amüsemängs wegen – am besten sein Vorbild am Schopf von dessen Manierismen durch den Kakao. Fertig ist die Parodie …

* ‚Dies weiteste Feld auf kleinem Raum, fürwahr ein Lebensspeicher, bewahrend alles Biographische für diesen Moment wie auch für die Ewigkeit, sich um Qualität nie scherend, sondern türmend alles in Ordnern ohne Zahl, so wie es dem Demiurgen an der Tastatur gefällt, meine Festplatte also, sie surrte frühmorgens schon leise vor sich hin, als ich meine hohe Kunst des Ordnens begann’
[Sätze voller Genitive und Partizipien, höchstpersönlich hantelgestemmt von eines Meisters Hirn, gelegentlich schwimmt eine preziöse Antike vorbei, eine Welt, wo jedes Ding so Stücker zwanzig Worte macht – ganz klar, das ist Thomas Mann].

* ‚Vom stillen Weimar kommend schritt ich durch die breiten Gassen der wohlgefügten Handelsstadt. Alles war hier Leben und Treiben, auch in diesem kühlen, wiewohl glasumsäumten Kaufhaus mit dem markanten Zeichen über der Tür, das ich betrat, um endlich einen USB-Stick zu erstehen, so wie ihn Lotte sich wünschte.’
[Ein leichter Hauch von ministerialem Bürokratiestaub umschwebt diese stille Welt, die keinerlei Effekthascherei oder Manierismen kennt, sieht man einmal davon ab, dass ein göttergleicher Weimaraner nie ‚ginge’, sondern immer nur ‚schreitet’ – das kann nur Goethe sein] .

* ‚Diese Abmahnungen enthielten zum Teil Andeutungen über den Zweck meiner Bloggerei. Wovon der Herr Julius Cäsar nichts wissen konnte. Ich schrieb ihm, dass er sich aufs Sachliche beschränken möchte. Was ihn nur zu neuen Angriffen reizte.
[Eine Tonality wie ein Geschäftsbrief, ‚neue Sachlichkeit’ halt, geschrieben wie gesprochen, allerdings ohne Slang, es sei denn dort, wo er die Gangstersprache selbst zu parodieren trachtet, was er nicht kann – richtig geraten, das soll Brecht sein].

* ‚Eine ideale Lesart für mein Blog gibt es nicht. Ich glaube, man kann da einfach so drin rumblättern und über die Welt staunen. Man kann es natürlich aber auch von vorne bis hinten durchlesen, wenn man möchte. Die Texte sind vom Prinzip her eher einlullend, da kriegt man dann die vielen lustigen Einzelschicksale gar nicht mehr mit.
[Viel unfokussiertes Schwabbeldidu-Schwibbeldischwapp – und dann ein großes ‚Patati und Patata’ … alles ‚vom Prinzip her’ ‚eher einlullend’. Ach so – das ist übrigens gar keine Parodie, sondern ein Original, wo ich einmal ‚Blog’ statt ‚Buch’ zu setzen wagte – es ist der Benjamin von Stuckrad-Barré].

* Der Prinzessin farbloser Kopf bekam einen rosa Hauch: Denn der Don Alphonso wie auch Dogfood erinnerten einander in ihren Blogs mit männlich zurückgedrängter Wehmut an gewisse Dotcom-Tod-Lokale, die sie beide noch kannten, und an die ihnen beiden vertrauten Alkoven gewisser Damen.
[Klar, das ist Heinrich Mann in seiner Renaissance- und Nietzsche-Periode, also etwa ‚Die Göttinnen‘, ‚Pippo Spano‘ etc.].

* Es schlummern orphische Zellen / In den Birnen des Marketing, / Bits und Bytes und Stellen / An denen einst Hirnmasse hing …`
[Seele und Syphilis, Liebe und Lues, Be-Bop und Banales – so etwas parodiert den frühen Benn]

‚Es gibt Eintopf‘ heißt das:

„DuMont Schauberg will das Syndication-Modell seiner Zeitungen ausweiten“.

‚Syndication‘ — tssss! Das ist das marketingübliche Gesabbel von ‚Vorteilspackungen‘, nur weil der Produktmanager den Inhalt mal wieder geschrumpft hat. In solchen Fällen allerdings bin auch ich gegen’s Denglische – besser gesagt: gegen die Tünche einer faktenenthobenen Unternehmenssprecherei …

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