Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: April 2009 (Seite 2 von 3)

Glaubwürdigkeit

Gestern, als der Pistenschreck Rüdiger Dieter Althaus zum ersten Mal wieder vor die Öffentlichkeit trat, zählte das Wörtchen ‚Glaubwürdigkeit‘ zur kleinen Münze jedes Kommentators. Zuvor schon stellte sich die gleiche Frage bei der Reichensteuer der SPD: Wie ‚glaubwürdig‘ sei der Robin-Hood-Gestus einer Partei, die doch höchstselbst diese Steuern für Vermögende einst senkte?

Dabei weiß im Grunde jeder von uns, wie es zu solchen Glaubwürdigkeitslücken kommt: Die SPD unter Schröder vollzog unter dem Druck diverser wirtschaftlicher Lobby-Verbände einst einen gewaltigen Schlenker tief in neoliberales Gelände hinein – und jetzt versucht sie unter dem Druck schwächelnder Umfrageergebnisse verzweifelt, an alte Traditionen wieder anzuknüpfen. Jedem, der nur einen halben Meter weit geradeaus denken kann, dem ist dies unmittelbar klar.

All das hochmoralische Geröhre entpuppt sich also als eine Frage der politischen Taktik – die Frage der ‚Glaubwürdigkeit‘ ist dabei nicht mehr als eine rhetorische Frage, die im Grunde nur wegen des moralinsauren Boulevards beantwortet werden muss. Ein ob der Perfidie der Sozialdemokraten heute höchst pseudo-empörter Pofalla würde im Falle eines Falles ohne Zögern genauso fragwürdig und zickzackkursiv handeln …

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Ist Stil unwandelbar?

Im allgemeinen ja, aber – so müsste die Radio-Eriwan-Antwort auf diese Frage lauten: Natürlich klingen ein Büchner, ein Fontane, ein Tucholsky noch so frisch wie am ersten Tag, wenn wir mal davon absehen, dass historisch bedingte Defizite beim Wortschatz existieren. Was wusste ein Theodor Storm bspw. schon von Vierganggetrieben oder vom Internet? Auch schrieb er noch ‚Thür‘ statt ‚Tür‘ – was die Verlage stillschweigend längst korrigiert haben. Aber sonst? Zu mindestens 90 Prozent könnten seit dem Vormärz die Sätze unserer großen deutschen Schriftsteller heute geschrieben worden sein. Mutet uns dagegen ein Text aus jenen Zeiten seltsam und ‚historisch‘ an, dann ist dies fast schon ein Indiz dafür, dass es sich nicht um einen großen unter diesen Schriftstellern handelt. Ein Stefan George, ein Wilhelm Schäfer, ein Gustav Frenssen oder auch ein Maximilian Harden – die sind in ihrem Manierismus nahezu ungenießbar geworden. Sie gehörten ihrer Zeit an, sie erlebten seinerzeit große Auflagen, aber ihr Stil war ‚modisch‘ und erscheint uns gerade deshalb heute ‚geknödelt‘ und antiquiert. Ähnlich, wie morgen unsere Nachkommen die Pop-Häppchen eines Stuckradt-Barre belächeln werden. Während ein Uwe Tellkamp – vermute ich jetzt mal – überleben wird.

Wessen Stil aber regelhaft und rettungslos binnen kürzester Frist veraltet ist, das ist der Stil der Stilkundler. Vor mir liegt die große Stilbibel des Kaiserreichs, Eduard Engels „Deutsche Stilkunst“ in der 25. – 29. Auflage von 1919. Hier klingt alles wie eine Parodie auf die ‚Feuerzangenbowle‘, obwohl dieser Engel nichts anderes wollte, als seinen Zeitgenossen einen souveränen und brauchbaren Umgang mit der deutschen Sprache beizubringen – unter weitgehendem Verzicht auf unnötige Fremdwörter. Heute kann ich das Buch aufschlagen, wo ich will, ein Lachanfall ist unweigerlich die Folge: Denn der Text beginnt sofort wie ein Zirkuspudel auf den Hinterbeinen zu laufen, er bläst jede Banalität gleich zur sprachlichen Pretiose auf:

„Die deutschen Grammatiken und die neueren Sprachbesserungsbücher bemühen sich mit löblichem Eifer, zwischen Imperfektum und Perfektum unverrückbare Grenzlinien zu ziehen“ (75).

Joho – ’nur einen wönz’gen Schlock‘ von diesem Sprachgebräu und wir sind mitten im Wilhelminismus gelandet: „bemöhen söch“, „löblöcher Eiför“, „ohnveröckbar“. Und dabei gegen Fremdwörter eifern, aber ‚Imperfektum‘ sagen! Der kaiserliche Verbalschnurrbart wird gewichst und hochgebürstet, das Auge des Sprachkritikers blitzt martialisch – und dabei gäbe es inhaltlich und sachlich an den Engel’schen Regeln noch nicht einmal viel zu meckern, wie im folgenden Beispiel, wo der Stilpapst die Rolle der Erfahrung herausstreicht:

„Hüte dich, o Leser, vor solchen Schreibern, die vom Kamel, oder sonst von Tieren, Menschen, Dingen gleichviel welcher Art, aus der Tiefe der Gemüter sprechen, ohne irgendetwas gesehen zu haben: ihre Schriften werden dir nichts nützen, denn wer selber nichts gesehn, kann andre nicht sehn machen“ (123).

O Leser, hüte dich vor diesen Stilkundlern, die dir alle den Schnabel verbiegen möchten, bis du so sprichst, wie niemand vor dir je gesprochen – selbst dort, wo sie Wolf Schneider heißen. Lege guten Gewissens ihre Bücher auf dein Regalbrett zu den anderen Humoristen. Denn dort gehören sie hin …

Denkfutter

Wir Schriftsteller aber müssen ganz klein schreiben lernen, sonst kriegen wir noch nicht einmal das Papier bezahlt.

Gotthold Ephraim Lessing (Briefe 618)

Im medialen Antiken-Saal

Drüben im Jakblog spießte der Herr Jakubetz kürzlich ein Zitat auf, das streng nach eingeschlafenen Journalistenfüßen müffelte. Ein ehrbarer Offliner vom beschaulichen Westfalen-Blatt versuchte darin, dem werten Publikum das innovative ‚Zwischennetz‘ von seinem Dreifuß herab näher zu verklickern:

„Das Internet ist heute als Informationsquelle und Kommunikationsmittel von großer Bedeutung. Nicht nur im Beruf, auch im privaten und schulischen Bereich ist der Zugang zur weltweiten Datenautobahn sehr wichtig“.

Antiquarium München, Bild: Gryffindor, Public Domain, Wikimedia

Antiquarium München, Bild: Gryffindor, Public Domain, Wikimedia

Allein schon der Begriff ‚Datenautobahn‘ wirkte auf mich derart gestrig, dass ich zunächst gar nicht glauben konnte, dieses Zitat könne der Jetztzeit entstammen. Die Autobahn-Metapher stammt meines Wissens aus den 90er-Jahren, als die halbe Welt sich noch mit quietschenden und fiependen Modems herumschlug, als es noch 5,25″-Disketten gab, als den meisten Zeitgenossen das biedere ISDN als rasend schnelles Teufelswerk erschien und es fast schon magisch anmutete, wenn ein Text innerhalb von einer Minute von Castrop-Rauxel nach Auckland gelangen konnte. Darüber aber wundert sich heute niemand mehr. Kurzum: Ein Schreiber, der den Begriff ‚Datenautobahn‘ fürs Internet verwendet, der ist ebensoweit hinter seiner Zeit zurück. Und eine Redaktion sollte so viel Pietät besitzen, dass sie einen solchen Schreiber nicht gerade hinter die zeitgemäßen Themen klemmt.

Auch sachlich ist das Bild einer ‚Datenautobahn‘ als Synonym fürs Internet grundfalsch. Ein Jongleur – um ein anderes Multitalent heranzuziehen – der wird ja nicht wegen Schnelligkeit bewundert, sondern wegen seiner Geschicklichkeit. Zwar kann das Netz große Datenmengen sehr viel rascher transportieren als noch zu Olims Zeiten, wo es dessen Kinderschuhe auftragen musste. Trotzdem sind die wirklichen ‚Datenschleudern‘ des informationellen Weltverkehrs sehr viel näher an den ‚Backbones‘ des Datenverkehrs zu suchen. Moderne Rechnernetzwerke verwenden für die Datenübertragung zwischen Banken, Satelliten, Mobiltelefonen oder Unternehmen alles, unter anderem Stand-by-Leitungen – aber zumeist nicht das vergleichsweise langsame und dazu höchst unsichere Internet eines providergebremsten Publikumsverkehrs. Das Internet – das ist für mich so etwas wie das Straßennetz des globalen Dorfes – man kann sich dort unterhalten, man kann spazierengehen, einkaufen, arbeiten oder kommunizieren. Und so, wie man auf einer Straße der realen Welt das Kanalsystem, die Stromleitungen, die Mobilfunkmasten oder die Telefondrähte nicht sieht, obwohl sie dazugehören, so ist es eben auch im Internet. Das Internet ‚as we know it‘, das ist nur ein kleiner Teil des Netzes – und der ist noch nicht einmal das schnellste. Es ist auch meistens keine ‚Daten-Autobahn‘, sondern der Schleichverkehr dort gleicht der Londoner City zur Rush Hour, so dass allüberall längst über einen Ausbau nachgedacht wird.

Dieser sichtbare Teil des Internet ist aber der wichtigste – soweit es unser soziales Zusammenleben betrifft. Darüber müssten wir reden, wollen wir seine Bedeutung richtig verstehen. So macht das öffentliche Internet beispielsweise die hilflosen Interventionen eines ‚Westfalen-Blatts‘ demnächst (vielleicht) überflüssig, weil es die Mittler und Makler von Information – die deshalb so genannten ‚Medien‘ und die dort arbeitenden Journalisten – weitgehend entbehrlich machen könnte. Es dereguliert ferner die Information auf eine bisher ungekannte Weise, wodurch Kontrolle und Zensur zunehmend zu kommunikativen Unmöglichkeiten werden könnten. Und es bricht ‚auf Sicht‘ wohl nahezu alle bestehenden Informationsmonopole, indem es alle Archive öffnet. Auf diese und auf viele andere Weisen wirkt das ‚Zwischennetz‘ sicherlich revolutionär, aber nicht, indem man diese Staustrecke eine ‚Datenautobahn‘ nennt …


Radikaler Wahn

Ein Schreiber muss die Menschen an einer ihnen aus Erfahrung bekannten Haltestelle abholen, sonst gewinnt er niemals ein nennenswertes Publikum. So lautet seit jeher einer der ehernen Grundsätze des Journalismus. Wer sich also – mit mir und anderen – darüber wundert, dass ausgerechnet die eingeborene Krisenpartei, Oskar Lafontaines ‚Linke‘, so gar nicht von der Finanzkrise profitiert, sondern seit Monaten auf einem sachte erodierenden Maulwurfshügel von etwa zehn Prozent verharrt, der könnte einen Grund exakt in der Missachtung dieses Grundsatzes finden. Dieser Gedanke kam mir, als ich die Wahlkampfzeitung der Linken durchblätterte, die am Osterwochenenmde meiner taz beilag. Die Welt der Linken ist eine Welt, wo der Wunsch regelhaft über den Alltag triumphiert, wo die Sprache zur Realität sagt: „Folge mir!“.

Die Welt, wie sie sein sollte ... aber nicht ist.

Die Welt, wie sie sein sollte ... aber nicht ist.

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Zum Urheberrecht

Auf Kooptech gibt es einen lichten und lesenswerten Artikel, der die populistischen Panikattacken gewisser Wissenschaftler angesichts von Open Access analysiert, die ihre reale Ursache in der Realität einfach nicht finden wollen. Faktisch werden diese Figuren mit ihrem gequirltem Cocktail à l’ignorance, einem Gebräu aus allerlei sachlich Unzusammenhängendem, nämlich nur erreichen, dass die alten Enteigner in den Wissenschaftsverlagen NICHT endlich mal enteignet werden. Autoren bleiben ihnen weiterhin auf Gedeih und Verderb – vor allem aber rechtelos und daher ohne Einkünfte – ausgeliefert. Derartige Themen, die weit ins Terrain des Paragraphenbewehrten hineinreichen, sind zwar an Rasanz leicht zu übertreffen, trotzdem sollten sich alle Schreiber mit den Veränderungen der publizistischen Landschaft gelegentlich befassen, sonst verhalten sie sich wie jenes verdurstete Zebra, das all das, was auf der Steppe und am Wasserloch vorging, für uninteressant hielt: „Verleger und Autoren wehren sich auf Initiative des Heidelberger Professors Roland Reuß gegen eine „Enteignung“ durch Google und Open Access. Ihre Argumentation ist haarsträubend, voller Fehler und gefährlich„.

Spaßige Bücher

Heute beim Brötchenholen überlegte ich, welche rasend komischen oder auch nur lustigen Bücher ich eigentlich kenne. Hier meine höchst subjektive Auswahl, die natürlich weder vollständig noch repräsentativ sein kann. Aber manchmal sucht ja jemand weder das Bildungserlebnis noch die Tragödie – sondern schlicht dummes oder krauses Zeug. Dann kann dies als kleine Dienstleistung funktionieren:

1. Mark Twain: Durch Dick und Dünn
2. Knut Hamsun: Die Weiber am Brunnen
3. Frank Schulz: Morbus Fonticuli
4. Ludwig Thoma: Altaich
5. Alfred Döblin: Babylonische Wanderung
6. Joachim Ringelnatz: Als Mariner im Krieg
7. Jean Paul: Siebenkäs
8. E.T.A. Hoffmann: Kater Murr
9. Tobias Smollett: Peregrine Pickle
10. Francois Rabelais: Gargantua & Pantagruel
11. Johann Gottwerth Müller: Siegfried von Lindenberg
12. Robert Gernhardt: Ich. Ich. Ich.
13. Raymond Queneau: Zazie in der U-Bahn
14. Jeremias Gotthelf: Die Käserei in der Vehfreude
15. Ilja Ehrenburg: Julio Jurenito

… und wie das so kommt, wenn die Sache in Schwung gerät. Zunächst glaubte ich, das wäre bestenfalls eine Handvoll – jetzt nimmt die Liste überhaupt kein Ende mehr.

*wer’s will, soll’s fortsetzen*

Der Dialog

Ob Bericht von der re:publica oder Literatur – ohne die Wiedergabe dessen, was gesagt wurde, kommen wir beim Schreiben nicht aus. Grundsätzlich haben wir zur Reproduktion des Gesagten zwei Möglichkeiten.

Zunächst die schwierigere Form, die „indirekte Rede“: Um klarzustellen, dass nicht ich, der Schreiber, etwas gesagt habe, sondern derjenige, von dem ich berichte, benutzen wir im Deutschen den Konjunktiv I. Eine Verbform, die allerdings so viele Tücken hat, dass selbst der gemeine Nachrichtensprecher sich auf die Hilfspolizisten „sei“, „habe“ und „solle“ zu beschränken pflegt: „Die Kanzlerin stellte fest, dass die Gespräche in einer sehr freundschaftlichen Atmosphäre verlaufen seien. Man habe festgelegt, dass der Dialog im Frühjahr fortgesetzt werden solle“.

Ins Stottern kämen oft selbst Profis, wenn sie eine Äußerung meinerseits – „Ich esse gerade“ – in die indirekte Rede übersetzen sollten. Korrekt wäre: „Klaus Jarchow sagte, er esse gerade“. Falsch dagegen: „Klaus Jarchow sagte, er isst gerade“. Wohingegen der Satz „Klaus Jarchow sagte, er äße gerade“ nur eine pseudo-gewählte Dämlack-Stanze wäre, die mit dem Irrealis, also dem Konjunktiv II, dem Text einen ganz neuen Sinn unterschiebt: Ich hätte demnach gelogen und bloß behauptet, dass ich äße, obwohl ich in Wirklichkeit doch gar keinen Bissen zu mir nahm. Kurzum – an den Klippen des Konjunktivs geraten die meisten Schreiber in schwere See, obwohl diese grammatischen Formen unverzichtbar sind, wollen wir das Potenzial der Sprache ausschöpfen.

Besser ist es trotzdem oft, die direkte und wörtliche Rede zu verwenden. Aber auch da … auch da klappern im Dialogischen dann gern die Stricknadeln des Ewiggleichen.

Auf die Umfrage „Welche stilistische Phrase hassen Sie am meisten?“ antwortete Alfred Döblin: „Er sagte“. Und natürlich zählt diese endlose Reihung von „sagte er“, „antwortete sie“, „sagte wiederum er“, „bemerkte sie“ in jedem schlechteren Roman zum unvermeidlichen Schlummerlied des unbegabten Autors für seinen Leser.

Jedoch auch diese Phrasen lassen sich stutzen wie die Brennesseln am Wegesrand. In den meisten Fällen geben wir einen Dialog ja nicht Wort für Wort wieder, das hielte der ausgebuffteste Leser nicht aus. Wir beschränken uns auf die „Essenz“ des Dialogs, auf die wichtigen und bezeichnenden Äußerungen. Wenn wir die Zuordnung des Textes nun so vornehmen, dass aus dem Inhalt der wörtlichen Rede schon deutlich wird, wer etwas gesagt haben muss, dann müssen wir nicht mehr mit einem ewiggleichen „er/sie sagte“ auf den jeweiligen Sprecher explizit verweisen. Ein solcher Text ähnelt also einem Drehbuch, bei dem man die Namen der Schauspieler ja auch nie zu sehen bekommt – er erzeugt einen Film vor dem inneren Auge.

Ein Meister dieses Verfahrens war Ernest Hemingway. Er kam mit einem Minimum an „sagte er“ und „sagte sie“ durchs literarische Leben. Deshalb zum Abschluss hier ein kurzer Auszug:

Brett sah mich an.
„Es war idiotisch von mir, dass ich weggereist bin“, sagte sie. „Man ist verrückt, wenn man aus Paris weggeht.“
„Hast du dich gut amüsiert?“
„O ja. War interessant, nicht wahnsinnig amüsant.“
„Irgendwen gesehen?“
„Nein, fast niemand. Bin nie ausgegangen.“
„Hast du nicht gebadet?“
„Nein, hab gar nichts gemacht.“
„Klingt wie Wien“, sagte Bill.

Erst in dieser letzten Zeile ist das „sagte“ wieder notwendig, weil der gute „Bill“ sich jetzt als dritte Person in den Dialog des unglücklich veranlagten Paares aus Hemingways ‚lost generation‘ einschaltet.

Anderen etwas forsagen

Seit Monaten ist die Umfragelandschaft halbwegs stabil: Die Auguren zeigen uns große Volksparteien, die in tiefen Löchern hocken, die Union irgendwo zwischen 34 und 36 Prozent, die SPD noch einen Stock tiefer zwischen 24 und 26 Prozent. Mal gewinnt die FDP auf Kosten der Union, dann werden lauthals die 17 Prozent des Herrn Westerwelle bekakelt, kurz darauf holt sich die SPD ein Prozent bei den Grünen, dann wird über die Funktionslosigkeit dieser Akademikerpartei leitartikuliert. Und über die Linke lässt sich ja immer ein wenig daherlästern, dass sie nämlich von der Finanzkrise überhaupt nicht profitiere. Kurzum: Das, was uns die Demoskopie liefert, ist eigentlich nie ein journalistisches Thema, es ist bloß ‚bizziniss äs juschäl‘. Spannend ist aber, was sie trotzdem daraus machen – hier im Zusammenspiel von Forsa und ‚Spiegel‘

Erreicht eine Partei wieder ihren alten Wert, den sie vor zwei Monaten schon hatte, dann schreibe ich als auflagenbewusster Journalist: „klettert auf Umfragehoch“ …

Ist eine redaktionell nicht genehme Partei mit ihren Umfragewerten stabil, schreibe ich: „profitiert auch weiterhin nicht“ und „verharrt“ …

Findet die Umfrage gleich zu Anfang eines Jahres statt, dann garniere ich den Sieger mit dem saisongerechten Wörtchen „Jahreshoch“ …

Beim ‚Stern‘ unter dem merkeltreuen Regime des Herrn Jörges sieht’s übrigens ähnlich aus:

Zunächst einmal vertraue ich auf das kurze Gedächtnis des Publikums. Nachdem ich in all den Wochen zuvor über das Umfragetief der betroffenen Partei gegreint und gebarmt habe, schreibe ich jetzt dreist in die Headline: „Union legt weiter zu„. Wobei dieses ‚weiter‘ mindestens eine faustdicke Lüge, wenn nicht sogar ein verbaler Rastelli-Trick ist …

Diese nette Partei, schreibe ich, wäre „auf ihr bestes Ergebnis in diesem Jahr“ geklettert – wobei ich verschweige, wie jung doch das Jahr noch ist, und dass sie dies ‚beste Ergebnis‘ in diesem Jahr den ganzen Januar über auch schon hatte.

Nee, nee, nee – ich mag das alles nicht mehr hören! Wer will, der darf sich diese Hanussen-Orakelei des interessierten Polit-Journalismus aber gern weiterhin antun …

Der McWriter macht ein Häufchen

Da hängt also die arme Socke vor dem neuen Cell Phone herum – und ihr fällt partout nichts ein, was sie aufs Papier bringen könnte. Beruf verfehlt könnte man denken – doch weit gefehlt:

„Ich muss fertig werden. Julian, der Marketingleiter stellt sich neben mich: Wo bleibt der Nokia Text. …Ich deaktiviere Skype. Montiere aus dem Nokia Pressetext und ein paar Redaktionsphrasen 700 Wörter. Apfel C, Apfel V. Neue Mail; an: Copyeditor, Layouter in cc. Senden, Rauschen, los. Runter auf die enge Straße, die letzte Marlboro, Feuer, Einatmen. Autos, Abgase, Schilder, Zeichen, Matsch, Hupen, Ausweichen! Rechts ab zu APC, am Rosenthaler vorbei, über zwei Häuserfronten hängt das Nokia N76, links daneben fährt das verblasste rot des hingeschmierten Wortes Revolution an mir vorbei. Wo war jetzt noch mal das Problem?“

So also geht’s: Klau hier, schau da. Schreib’s ab, frisier’s, spuck mit ein paar  ‚Redaktionsphrasen’ um dich. Fertig ist der Marken-Joghurt. Merkt doch keiner – klingt eh alles gleich. Genau, eben – und weshalb klingt’s wohl gleich? Noch doller sind die Leserkommentare zu diesem Schreib-Nix-Verfahren:

„So etwas habe ich noch nie gelesen derjenige der so schreiben kann müsste den LiteraturNobelpreis bekommen! eigentlich ist es nichts weiter als ein normaler alltag im leben von I.C.H aber ist es nicht genau das was uns bewegt ist es nicht das worauf es ankommt? ich für meinen Teil finde diesen Text atemberauben wer so ein literarisches Talent besitzt ist ein meinen Augen ein Vorbild und ich glaube ich habe ein neues Vorbild Gefunden“.

Mal abgesehen von der nichtexistenten Orthographie – manchmal denke ich, unsere Popp-Literaten glauben alle, dass ihnen durchs Schreiben zwischen Brummschädel und Hangover das ‚Easy Money’ lachen könnte. Hej, am besten ihr macht alle ‚irgendwas mit Kommunikation’. In unseren PR-Agenturen stehen euch dann die Türen weit offen – und für die Orthographie sucht ihr euch ’nen Texter …

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