Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: April 2009 (Seite 1 von 3)

Moraltrompeten

Hungerlohn! SPD sucht billige Wahlkämpfer!“ – mit dieser feisten Überschrift eröffnet die BILD-Zeitung heute ihren Beitrag zum schwarzgelben Wahlkampf. Die moralische Gleichung ist klar – wer Mindestlöhne will, der muss selbst Mindestlöhne zahlen:

„Von wegen 7,50 Euro Mindestlohn: Wenn es um billige Helfer für den Wahlkampf geht, nimmt es die SPD mit dem eigenen Wahlprogramm nicht so genau“.

Also alles klar? – – – Keinesfalls! Denn ich zahle einen Lohn doch nur demjenigen, der für mich auch arbeitet. Während des Wahlkampfs aber ist für Parteimitglieder der Dienst an der Idee eine ‚Ehrenpflicht‘: Der Ortsverein verabredet sich und zieht mit dem Kleintransporter und dem Kleistertopf um die Blocks, um ‚für die eigene Sache‘ etwas zu tun. So ist es in der SPD, so ist es in der CDU, so ist es bei den Grünen – nur bei der FDP bin ich mir nicht so sicher: die vergeben vermutlich einen Auftrag. Wenn die BILD also etwas zu monieren gehabt hätte, dann, dass ‚die Parteien‘ ihren Klebekolonnen keinen Mindestlohn zahlen, was aber dieser aus dem Hals duftenden Moral jeden Biss nähme.

Was sich am BILD-Zeitungs-Beitrag zeigt, ist ein typisches Moment des moralischen Diskurses: Die Moral ist immer die Moral der anderen. Für mich gibt es kaum etwas Verlogeneres auf der Welt als eine ausschließlich moralische Argumentation, die nicht durch echte Gründe unterfüttert ist. Das gilt auch und vor allem dann natürlich für die Artikel der schreibenden Zunft.

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Blogger schreiben besser

Natürlich ist diese Headline eine glasklare Provokation. Sie soll es ja auch sein. Sie dient als ein Vademecum für jene Alphajournalisten, die da meinen, aus der Blogosphäre käme bestenfalls nur uninteressantes Zeug, zumeist aber anonymes Geschmadder samt dem ganzen emporgespülten Dreck aus einer subkulturell daherduftenden Kanalisation. Während die wahren Jedi-Ritter des Qualitätsjournalismus Tag und Nacht darüber wachen, dass die arglose Bevölkerung vor dieser dunklen Seite der Macht geschützt bleibt. Wäre ich ein Polemiker, würde ich sagen, dass solche Journalisten übers Netz ähnlich qualifiziert daherreden wie Frau von der Leyen …

Als geborener Naivling aber gehe ich zunächst mal davon aus, dass mir jeder zustimmen wird,  wenn ich den Erfolg jedes Textes primär am Gelesenwerden messe. Ohne Leser ist ein Text nichts, ein Text muss ‚rezipiert‘ werden, um überhaupt Wirkung zu zeigen. Antwortet der Leser gar dem Autor, dann würde sogar eine noch stärkere Form der Rezeption Realität: Der Leser beteiligt sich selbst an der Kommunikation – die Stufe des Dialogs wäre erreicht. Dies vorausgeschickt, lässt sich das Können von Journalisten und Bloggern heutzutage ganz direkt und objektiv vergleichen – zum Beispiel dort drüben im Blog-Park der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Die FAZ befüllt ihre Internet-Abteilung seit einiger Zeit nicht länger nur hausintern mit Texten von Journalisten aus dem eigenen Stall. Obwohl es sich bei denen bekanntlich um einige der besten Schreiber dieser Republik handelt. Die FAZ bezahlt zusätzlich auch freischaffende Blogger, die ein eigenes Blog in der Community für einen anständigen Lohn regelmäßig zu befüllen haben. Zugleich stellt die FAZ dankenswerterweise auch eine Blog-Statistik ins Netz, die einen Vergleich des ‚Impacts‘ der neuen Textformen erlaubt, getrennt nach ‚Berufsgruppen‘. Mit interessanten Ergebnissen. So lässt sich auf direktem Weg ein Mittelwert bilden aus Blog-Einträgen und Responses aus dem Publikum, was wiederum einen direkten Rückschluss auf die Rezeption erlaubt. Wir erfahren auf diesem Weg, welcher Text nennenswerte Diskussionen auslöst, welcher Text ‚etwas bewirkt‘:

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Witzfiguren (5)

Ein württembergischer Polizist schreibt an den Kollegen im Kanton Thurgau: „Wir haben hier auf einem europaweiten Kameradschaftstreffen einen Schweizer Staatsbürger aus dem Thurgau festgenommen„. Prompt schreibt der Thurgauer Kollege zurück: „Das kann nicht sein. In der Schweiz gibt es gar keine Nationalsozialisten!„.

Ein zünftiger Abgang

Die Journalistenzunft ist nicht zu beneiden: Ihre Zukunftsaussichten sind – mindestens – ungewiss, die alten Tröster aus den seligen Zeiten Henri Nannens verstauben in obskuren Antiquariaten, die Wertschätzung durch die Verleger schwindet dahin. In der herannahenden Jahrhundertrezession gelten sie schlicht als Kostenfaktoren. Der Journalist droht zum Anachronismus zu werden, zum Heizer auf der E-Lok.

Weil nämlich die Informationen zur Verbreitung immer weniger auf schriftkundige ‚Makler‘ angewiesen sind – das Internet arbeitet schließlich weitgehend ohne Zwischeninstanz. Nichts anderes als ‚Vermittler‘ aber waren die Journalisten zuletzt, nachdem sie sich selbst alle Autoreneitelkeiten gründlich ausgetrieben haben – sie verwandelten sich letztlich selbst in einen Info-Pizza-Dienst, der sein ‚objektives und genormtes Stilideal‘ pflegte, wahlweise mit Pepperoni oder Schinken. Ausgerechnet der Herausgeber eines der stilbildenden Print-Produkte, des Guardian, Alan Rusbridger formuliert den entstandenen Sachverhalt so:

„Wir müssen uns darauf einrichten, künftig Journalismus mit weniger Leuten zu machen, und demütiger werden“. Die alte Vorstellung vom Journalisten als allwissendem, beinahe autoritärem Gate-Keeper, der der Welt mitteilt, was er für sie für wichtig hält, sei in Wirklichkeit längst Geschichte – „auch wenn das noch nicht alle mitbekommen haben. … Wir müssen das einfach in unsere Köpfe kriegen: Da draußen sind tausende Experten, ein wahrer Schatz an Informationen.“ Die, wie Rusbridger unumwunden zugibt, auch noch einen anderen Vorteil haben – längst nicht alle werden für ihre Beiträge auch bezahlt. … Die Debatte, ob das traditionelle Zeitungsgeschäft tatsächlich am Ende sei, ist für ihn längst beantwortet: „Da gibt es keinen Gesprächsbedarf mehr. Das alte System ist kaputt – und es ist einfach zu teuer.“

Gut – wenn ich mir die tiefgreifende Verunsicherung des ganzen Berufsstandes anschaue, dann wird mir der blanke Hass und das Triumphgetute, mit dem einige Publizisten das Hinscheiden der Medienlese dort drüben begleiteten, zumindest verständlich. Eines dieser vermaledeiten Online-Produkte, eins von diesen Teufelsdingern, das ihre berufliche Zukunft bedroht, das ging endlich mal selber drauf. Schon verwechselten diese Offliner das mit einem Silberstreif am Horizont. Zwar verständlich – aber leider grundfalsch: Das ist keine Balkenwaage, wo ‚Offline‘ steigt, wenn ‚Online‘ fällt.

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Stilregeln und Stilregler

Dort drüben in der ‚medienlese‘, die nach dem obrigerseits verordneten Ausstieg der Mannschaft sachte in der Dünung der Blogosphäre dümpelt, muss ich mich mit Zeitgenossen herumschlagen, die Stilfragen mit Hilfe einer IKEA-Bauanleitung lösen möchten. Besonders hat es ihnen dieser Satz angetan:

„Dass dem Handelsblatt-Boss Bernd Ziesemer hier endlich mal die Hutschnur platzte, als er an die Heerscharen ahnungsloser Marketing-Fuzzies in den Verlagshäusern dachte, die mit immer mehr schlappem Allerwelts-Content immer mehr Auflage machen möchten, statt mit immer mehr Aufklärung, das verstehe ich gut.“

Der Satz ist ihnen wohl zu lang, vielleicht auch ungewohnt aufgebaut – was weiß ich? So recht rücken diese „Wortwarte“ nämlich nicht damit heraus, was ihnen eigentlich widerstrebt: Unbestimmt ist von ‚Schnörkeln‘, von ‚falsch‘ oder ‚Schwurbelstil‘ die Rede. Offensichtlich haben sie irgendwann mal ein Seminar besucht.

So viel Lärm wegen eines Satzes, bei dem mir so rein gar nichts von einem Verstoß gegen die Grammatik schwanen will, der ist mir selten vorgekommen. Es muss wohl das berüchtigte Deutschlehrer-Gen sein, was sich bei mir in den Kommentarspalten austobt. Vielleicht spielen solche Leute auch einfach gern Plastiktrompete:

Daraus schließen wir, dass Herr Jarchow sich um eine etwas klarere Sprache bemühen konnte. Schon der erste Satz ist selten verquast. Ich hab’s nicht geschafft, es alles zu lesen, obwohl mich das Thema an sich interessiert. “Auf den Punkt” hat er da sicher nichts gebracht.

Jaja, ‚konnte‘ – der Konjunktiv und das Leben, beide führen manchen Zeitgenossen unversehens aufs glatte Eis. Dafür, dass er’s wiederum nicht gelesen hat, kennt der Kommentator sich im Dachsbau meines Satzes immerhin recht gut aus.

Was aber ist dort faktisch der Fall? Im Kern finden wir ein Voranstellen aller aufgezählten Relationen im Satz, wohingegen der Schreiber mit seinem werten Subjekt-Ich samt zugehörigen Hauptsatz nach hinten tritt, hinzu kommt eine dreifache Wiederholung (‚immer mehr‘), welche die Satzstruktur leserunterstützend erläutert. Das entspricht zwar nicht den Regeln diverser Marketing-Ratgeber über ‚SPO‘ und ‚Hauptsatz vor Nebensatz‘, es ist aber auch stilistisch keine weltbewegende Sensation. Als Texteinleitung ist diese Wortumstellung sogar gang und gäbe, man legt damit die Latte gleich etwas höher, was die Konzentration des Lesers fördert und die zielgruppenferneren Schichten meist gleich zu Anfang abschüttelt, wie der Hund die Wassertropfen – nur eben leider nicht jene Herrn: ‚Denn bei dem Kampfe ist er anderer Meinung‚ (Kleist). Sie alle hatte, wie sie selbst verkünden, der erste Satz schon rettungslos überfordert. Was ihnen wiederum keine Ruhe lässt …

Drollig ist es jetzt, dass einer von ihnen, „Wortwart“ genannt, sich selbst auch noch für ein Stilorakel hält. Er führt nämlich eine etwas wirre Homepage, für die er – das vermute ich jetzt mal – auf der ‚Medienlese‘ ein wenig Rummel machen wollte. Diese bemühte, wiewohl in meinen Augen doch etwas zauselige und pflegebedürftige Linkwiese findet sich hier.

Wer es aushält, der soll sich im Wortwart’schen „Institut für Wortkombinatorik und angewandte Phraseologie“, dessen „Sammlung von gebrauchsfertig gemachten Wörtern“ „sich vor allem (aber nicht nur) aus eigenen Forschungen speist“, „die überwiegend schon länger zurückliegen“, vermutlich mitsamt des „erotischen Kulturmagazins“ – der also soll sich da gern einmal umschauen (Oh, oh, oh – was war dieser Satz bloß schon wieder für ein Gallimattias! Wenn wir nun mal nicht dieser Herr gleich wieder aufs Dach steigt …).

Ein fürsorglicher Ratschlag zum Schluss: Wenn du zum Blockwart Wortwart gehst, vergiss das Taschentuch nicht …


Wirklichkeit ist eine Konvention

Wikimedia / Creative Commons

Wikimedia / Creative Commons

Das Wort ‚Pferd‘ hat mit dem Abgebildeten dort wenig zu tun – zwischen ihm und dem Wort besteht eine konventionelle Beziehung: Wir sind geneigt, sobald wir das Wort ‚Pferd‘ hören, uns eine Tiergestalt in dieser Art vorzustellen. Je enger wir solche Konventionen befolgen, je näher wir uns am üblichen Wortgebrauch entlanghangeln, desto ‚wirklicher‘ und ‚verständlicher‘ erscheint dem werten Leser auch unser Text. Hier liegt zugleich die überragende Bedeutung des ‚gewöhnlichen Sprachgebrauchs‘. Burghard Damerau schrieb:

„Der Eindruck, daß ein Text der Wirklichkeit nahe ist, beruht genau besehen darauf, daß er einer Konvention gewordenen Art ihrer Darstellung nahe ist“.

Konventionen sind damit nichts Negatives, es kommt beim Schreiben überhaupt nicht darauf an, möglichst unkonventionell und ‚außergewöhnlich‘ zu schreiben. Es sei denn, wir wollten einen eigenen Esoterik-Zirkel auf sprachlichem Beritt gründen, wie einst ein Stefan George oder auch die Swamis in ihren Bhagwan-Centern, die zum Schluss auch nur noch sich selbst verständlich waren. Mit anderen Worten: Das Einhalten von Konventionen verschafft uns Leser und Zuhörer – und die Kunst des Schreibens ist immer ein Va-Banque-Spiel mit den Erfordernissen des Gewöhnlichen und dem Wagnis des Außerordentlichen.

Das heißt noch nicht, dass ich sklavisch am Wortlaut der Konvention kleben muss, am statistischen Peak beim Wortgebrauch. Solange ich den allgemeinen Wortschatz nicht verlasse, könnte ich den Vierbeiner dort oben auch ‚Zossen‘ nennen, ‚Gaul‘ oder ‚Mähre‘. Der Leser würde sich vielleicht fragen, was mir das arme Pferd getan hat, dass ich es so abwertend bezeichne, hierfür müsste ich jetzt eine Begründung nachliefern, die Ebene einer gemeinsamen Wirklichkeit, einer ’shared reality‘ hätte ich noch nicht verlassen. Würde ich diesen niedergeborenen Kaltblüter allerdings hochtrabend einen ‚Zelter‘ nennen, dann würde sich der Leser schon fragen, ob ich eigentlich noch alle Tassen im Schrank habe.

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Das ist sozusagen halbfalsch …

… entweder ‚kündet von‘ oder ‚kündigt an‘ – euer ‚kündigt von‘ jedenfalls ist eine mopsgedackelte Promenadenmischung, meine Damen und Herren von der Frankfurter Sprachwarte. Da wird jetzt nur ein Adliger namens von Optimismus von diesem fiesen Ifo-Index umstandslos auf die Straße gestellt.

via: Mail von Mona Schröder

Yippie!

Der große Stichwortlieferant aller B- und C-Promis, Johannes B. Kerner, macht rüber zu SAT 1. Das guckt auch keiner. Ein großer Batzen moderatorischer Sprachkunst der Jetztzeit wird damit in einem medial toten Winkel verklappt, ganz ohne schädliche Folgen für die Umwelt. Möge er dort viel Staub aufwirbeln:

O-Ton Johannes B. Kerner: Wie oft hast du es schon bereut, es öffentlich gemacht zu haben….

O-Ton Johannes B. Kerner: Bist du gerade auf Diät?

O-Ton Johannes B. Kerner: Moment, Moment. Ich hake einmal ein. Weil jetzt hast du es vier- oder fünfmal gesagt. Jetzt kommen die ersten sicherlich auf den Gedanken – Moment, die hat doch einen Werbevertrag, die ist doch von denen bezahlt. Nur, dass wir das mal geklärt haben. Du bist da normal Mitglied, du zahlst alles selbst, keine Vergünstigungen.

O-Ton Johannes B. Kerner: Wie ist es denn mit der Brigitte-Idealdiät?

O-Ton Johannes B. Kerner: Dann gibt es die 3-D-Diät, nein die 3-Diät von Karl Lagerfeld.

Köppels Blasenwelt

Der konservative Schweizer Starjournalist Roger Köppel, Herausgeber der querulatorischen ‚Weltwoche‘, versucht sich in seinem aktuellen Editorial an einem metaphorischen Spagat. Der Markwort aller Tellbuben schreibt über einen deutschstämmigen St. Galler Dozenten, der es wagte, sich öffentlich gegen das sakrosankte Schweizer Bankgeheimnis auszusprechen, weshalb die arme Socke ihrer Entlassung anschließend nur knapp entkam:

Der Dozent hat gemäss St. Galler Tagblatt die deutsche Regierung bei einem Hearing in Berlin unter der Hand dazu ermuntert, Sanktionen gegen die Schweiz zu ergreifen, wegen mangelhaften Unrechtsbewusstseins in Fragen der Steuerhinterziehung.“

Ah ja, es gab da – lt. Köppel – also ein öffentliches Hearing, und bei der Gelegenheit hat dieser verräterische Geßler-Dozent ganz stiekum und „unter der Hand“ etwas lauthals vom Podium herab ins Mikrofon posaunt. Dolles Ding, das – so etwas möchte ich auch mal können …

Witzfiguren (4)

Was wäre eine zutiefst unglaubwürdige Übertreibung? – Ein Nazi mit einem IQ von 100 …

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