Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: März 2009 (Seite 2 von 2)

Galoppierender Sensationismus

Die letzten Sekunden des Amok-Killers

Amok-Tim wollte noch mehr töten

Nur eine Frage: Warum?

Finaler Gruß an die Amok-Freunde

Schießen war sein Hobby

Die letzten Sekunden des Amokläufers

Die letzten Minuten des Killers von Winnenden“

usw.

Welch ein Gelechze und Gesabber – wie die Koberer auf Sankt Pauli: Für vieles findet die Presse einfach keine Worte mehr, sie verliert jedes Maß und versagt sprachlich vor dem Geschehen der Welt. Das große Defizit nimmt fast täglich zu – und zwischen BILD und Stern macht die Überschrift schon längst keinen Unterschied mehr …

Du Schönschreiber!

Ein Schimpfwort war dies unter den Redakteuren in den 90er Jahren. Ein echter Kerl, der ging auf Recherche, er telefonierte herum, nahm an konspirativen Hintergrundgesprächen teil und haute dann seine Story aufs Papier, ohne groß auf die gequälte Orthographie zu achten. Weshalb lange ausformulieren? Und wozu gab es eine Schlussredaktion?

Auch mir pappte dieses Etikett an, sobald ich ungewöhnliche Sprachbilder suchte oder nach einer unerhörten Formulierung fahndete, statt lieber dem neuesten Klinikskandal auf die Schliche zu kommen. Ein Redakteur von echtem Schrot und Korn hatte – nach dem Selbstverständnis solcher Leute – eigentlich gar keine Zeit zum Schreiben. Markworts ‚Fakten, Fakten, Fakten!‘ war zum Credo einer ganzen Journalistengeneration geworden – und der ‚Focus‘, dieses Zentralorgan aller Instant-Worte, der große ‚Markterfolg‘, der aus dem Nichts heraus sogar dem ‚Spiegel‘ Angst machte, der war der angebetete Götze aller Schreiber, die mit dem Konjunktiv auf Kriegsfuß standen.

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Denkfutter

Unter einem konsequent feministischen Regime, sagt Alfred Döblin, müsste DIE Freiheit sich notgedrungen einer Geschlechtsumwandlung unterziehen: „Im Weiberstaat würde es nicht la liberté sein, sondern le liberté“ (Schriften z. Pol. u. Ges. 184). Ein lustiger Einfall, der mir zugleich den ewig utopischen Gehalt des Freiheitsbegriffs vor Augen führt, das, woran es immer mangelt …

Literarische Drückerkolonnen

Bei meiner Tante lag das Zeug herum – oder bei den ältlichen Nachbarinnen mit Wellensittich und toupierten Hausfraufrisuren: ‚Das Beste‚ stand feist auf dem Umschlag, ein Titel, den ich schon immer etwas reißerisch fand, vor allem, weil die nachfolgende Zeile ‚aus Reader’s Digest‚ wesentlich kleiner gedruckt wurde, obwohl sie dem Haupttitel umstandslos den Kopf in den Nacken drehte. Dazu nämlich gehörte nicht viel. ‚Das Beste aus Reader’s Digest‚, das war für uns Jugendliche so etwas wie ein ‚Spitzenprodukt der Langeweile‘, da lasen wir freiwillig lieber in unserem Geschichts-Lehrbuch, Reader’s Digest war Literatur für jene älteren Semester, die sich nicht mit artverwandten Heftchenromanen erwischen lassen mochten.

Dieses Schlachtschiff des literarischen Remittendenhandels aber, das soll jetzt über die Wupper gehen?  Während Standard & Poors das Produkt endlich als jenen ‚Junk‘ einstufen, der niemandem zuvor je aufgefallen war? Wahrlich – wir leben in bewegten Zeiten!

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Diese Frauen!

Bei uns in Bremen gibt es noch echte Frauenbücher – so wie einst in jener ‚lila Periode‘ Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrtausends. So wäre da das ‚Frauen-Branchenbuch’ zu nennen. Dort, wo wir doch morgen den internationalen Frauentag feiern, kann sich jede X-Chromosantin eine Gleichgepolte heraussuchen, die ihr bspw. den Rohrbruch repariert oder den maskulin daherbockenden Computer – „Besen, Besen, sei’s gewesen!“ – mit einigen intelligenten Mausklicks erneut dem Willen seiner Herrin, dieses unbändig weiblichen Wildfangs, unterwirft.

Es gibt einige sprachliche Besonderheiten in der Wundertüte, die für den Sprachgourmet unverkennbar auf die verbalideologische Quelle deuten – so wie der Kompass auf den magnetischen Nordpol. Das Frauen-Branchenbuch mit seinen 100 Seiten hat zum Beispiel eine höchst eigenwillige Wortgebung – pardon: ein sehr uniques Wording. So können urlaubende Frauen auf einem absolut penisbefreiten Frauenhof nicht etwa nur melken, die quiekenden Säue füttern, das wuchernde Unkraut jäten oder mit der Bäuerin klönen, nein, der ‚Frauenhof‘ bietet die ‚Begegnung mit den Frauen, Tieren und Feldern des Hofes’. Und abends kramt die Urlauberin dann begeistert ihr Heft hervor: „Liebes Tagebuch, heute bin ich einem Feld begegnet …„. Während gleich nebenan die Anlageberaterin – trotz Krise unverdrossen – für ihre Dienste wirbt. Dort aber gibt es keineswegs gewinnreiche Anlagestrategien in lukrativen Frauenprojekten, sondern beinharte ‚Visionsarbeit zum Thema Geld’. Tscha – ohne Schweiß kein Preis … oder: Diese bürgerlichen Tugenden hat sie vermutlich bei ihrem Pappa gelernt.

Der Trick ist eigentlich ganz einfach: Jede normale Tätigkeit erhält eine möglichst pompös-busenfreundliche Vorreiterin. So verwandelt sie sich in diese hauchzart bürokratische Kommünikaziong mit unverzichtbaren Dialoganteilen, die bekanntlich mit ihrer fordernden Strenge und Dominahaftigkeit den Feminismus so unverwechselbar machen – und den sprachverarmten Männern auf ewig unzugänglich bleiben werden: ‚Begegnung’, Visionsarbeit’, ‚frauenspezifische Einkaufstätigkeiten’.

Deshalb frage ich mich ja auch, ob das nun wirklich ein ‚Frauen-Branchenbuch’ ist – oder bloß ein ‚Solche-Frauen-Branchenbuch’?

[Nu bin ich ja mal gespannt, wat mir Google hier untergoogelt … (Nachtrag:) olala, Dessous in XXL!]


Welch eine Szene!

Nur selten ist der Erzählstrang ein langer ruhiger Fluss, am ehesten wohl noch bei wandelnden Bildungstempeln, wie zum Beispiel einem Peter Handke. Eine interessante Erzählung dagegen macht Zeitsprünge wie einst die bekannte Maschine bei H.G. Wells: Szene folgt auf Szene. Dazwischen aber geht’s ratzfatz …

Der Grund dafür ist einfach: Wenn schon die strapazierten Augen des Publikums beim Lesen mechanisch durch die Zeilen wandern müssen, dann wäre ein ebenso abwechslungsarm verlaufender Spaghetti-Code beim Handlungsverlauf das beste Medikament für einen erholsamen Tiefschlaf: «Dann verschloss er seine Wohnung, ging die Treppe hinunter, öffnete die Haustür und trat auf die Straße. Einen Moment überlegte er, bevor er sich nach links wandte … usw.». Kurzum – das wäre ein Barbiturat als Erzählstil.

Alle guten Erzähler verfahren nie, nie, nie so mechanisch, sie verfolgen ihren Helden nicht Schritt für Schritt. Sie reißen vielmehr Löcher in den Erzählteppich, sie springen von Szene zu Szene, sie malen detailverliebt an den dramaturgisch entscheidenden Stellen jede Einzelheit aus, während dazwischen einzig und allein der Schnitt regiert: „Zwei Jahre später war Heinz-Gerd verheiratet. Seine hochfliegenden Pläne vom Abenteurerdasein begrub er am Knick seiner Karriere …“. Zack – und schon wären wieder zwei Jahre in unserem großen Entwicklungsroman vergangen.

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Stil gibt’s nur im Singular

Die Agentur reinsclassen, Mutterschiff der Hamburger ‚Texterschmiede’, propagiert seit einiger Zeit das Konzept einer ‚Corporate Language’. Ein eigenständiger Stil im sprachlichen Bereich, gegründet auf einen begrenzten Set von Wörtern und Textbausteinen, soll Unternehmen im sprachlichen Bereich jene erwünschte Unterscheidbarkeit geben, wie sie schon bei der Gestaltung, beim Corporate Design, solch unschätzbare Dienste leistet. Wir könnten dann Coca Cola und Pepsi Cola auch durch ihre Sprache auseinander halten. Schöner Ansatz, der zunächst ganz plausibel scheint – nur klappt er nicht.

Der Klippe ist immer der (falsche) Grundgedanke, dass sich ein guter Stil sprachlich von anderen, ebenfalls guten Stilen unterscheiden könne, um dann auf dem Hochseil der Differenzbildung maximale Wirkung zu entfalten. Armin Reins spricht von einer ‚Sprachtypik’, die ein Unternehmen entwickeln müsse, um sprachlich ein überzeugendes ‚Alleinstellungsmerkmal’ zu schaffen.

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Flüchtig und irrelevant?

Ha – diese Blogtexte, die seien doch schnell hingehuscht und bloß für den Moment geschrieben! So lautet ein gängiges Vorurteil, vor allem derjenigen, die sich diesem fuuuchbaa’n Netz nur von Journalisten am Patschehändchen geführt nähern mögen. Die Zeitung dagegen, öhem! die sei dagegen – – – hmmm! die sei dagegen? – – – nun eigentlich sei die ja auch bloß für den Papierkorb geschrieben. Jedenfalls dann, wenn einer dieser hochverehrten Vorurteilsträger mal kurz seine holzfarbene Brille abnehmen möchte, um auf die Realien zu blicken: Die Zeitung wandert am nächsten Tag schon ins Altpapier und ab ins Nirwana, Blog- und Online-Texte erscheinen dagegen nach Jahren noch auf dem Bildschirm, weil die große Gurgelmaschine einfach nichts vergisst. Google hat nämlich den Papierkorb zu seinem Archiv ernannt – und leert ihn niemals aus …

Das Dahinsterben der Holzmedien führt daher keineswegs zu mehr Huschhusch- oder Wie-gerülpst-so-geschrieben-Texten. Genau andersherum wird ein Schuh daraus. Nur hat sich das noch nicht recht herumgesprochen: Während ein Holzjournalist sich um sein Elaborat keinen großen Kopp machen muss, weil für ihn am nächsten Tag immer Aschermittwoch ist, da sind online alle Texte ein Produkt wie Rotwein – sie reifen im Netz. Ein Roman Libbertz kriegt dann nach Jahren plötzlich erneut eine höchst fragwürdige Publicity, weil ein anderes Blog neu auf einen älteren Beitrag anderswo verlinkte. Kurzum: Blog-Content never dies …

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