Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Februar 2009 (Seite 2 von 2)

Auf der Pressekonferenz …

Puuh – gerade noch rechtzeitig. Was’n das für’ne Schnepfe da? — Büschen dicke Beine. Aber sonst – naja, naja, richtig nett. Guck mal hier rüber, Mäuschen – hier steht der freien Presse ihr schönster Vertreter! Kein Kaffee da? — Oh, Gott, allmählich muss ich wach werden. Man wird ja nicht jünger – schon gar nicht bei dem Lebensstil. Ah, da stehen die trüben Tassen! — Hilfe, der Schmitt von der ‚Neuen Post’, der gönnt sich grad auch einen. Jetzt winkt er mir zu – ob das wegen dem Geld neulich ist, ich habe ihm ja die 20 Euro … — Gott sei’s getrommelt und gepfiffen – es geht los! Tut mir ja echt leid, Schmittchen! —

Mist, hier geht noch gar nichts los: Laberrharbarber, Grüßchen, Küsschen – ej, macht ma hinne hier! Wir Medienvertreter haben unsere Zeit nicht gestohlen! Aha — soso, die Opposition in unserem Stadtstaat will die neue Regierung ‚mit Ideen’ und ‚frischem Wind’ vor sich her treiben. Joho, man tau – ohne redaktionelle Unterstützung wird das wohl nichts. Euer frischer Wind, das bin im Zweifel immer noch ich. Apropos – dabei fällt mir ein, wegen Dingens – sagen wir mal, wegen dieser ‚Tantiemen’ – da sollte ich mich auf der Geschäftsstelle mal wieder blicken lassen. Rein informativ natürlich, auch wegen der Stelle – höhö. Ich meine, warum nicht? Schlimmer kann das auch nicht werden. Allerdings- zur Klärung solcher Fragen müsste ich mal Ausgang kriegen. Man kommt ja gar nicht mehr weg von diesem Scheiß-Schreibtisch, äh – Newsdesk, mein‘ ich — schuld ist sowieso nur dieser Online-Scheiß! ‚Onlain förscht‘, ‚rasender Reporter’ – dass nicht lache! —

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Motzblogger

In der Blogosphäre ist verbale Kraftmeierei häufig zu finden. Die Schreiber regen sich dann maßlos auf, sie steigern sich in ihren Hass und ihre Ablehnung hinein und in jedem Nebensatz fliegt uns das um die Ohren, was die Amerikaner ‚four letter words‘ nennen. Ich amüsiere mich über diese Schimpfwortkanoniere eher, aber nicht, weil ich mich nun für besonders empfindlich, kultiviert oder ‚ätäpätätä‘ halten würde, sondern weil es sich in meinen Augen um bloße Schrotschüsse handelt, um eine Form von harmloser Sprachschluderei – egal, was Rechtsanwälte dazu sagen.

Persönlich dagegen geht mir das moderne Landsknechtsvokabular ‚am Arsch vorbei‘, sollen mich andere doch als ‚Hurensohn‘ oder als Schlimmeres bezeichnen, ich weiß ja selbst, ob sie lügen – und ins Mark träfen ganz andere rhetorische Mittel, die wirklichen Schüsse ins Herz. Nenne ich dagegen jemanden schlicht ein ‚Schwein‘ oder ebenso schwammig einen ‚Scheißtypen‘, dann ist das gewollte Herabsetzen semantisch bloß scheinpräzise: Es ist eben nicht der offene Sprachgebrauch einer ehrlichen Haut, die in der Auseinandersetzung das derbe Wort nicht scheut, dort, wo es angeblich zutreffen soll. Im Gegenteil: In Wirklichkeit griff der Schreiber zur Wasserpistole, er war im Kern sprachverlegen, ihm fiel nichts ein, er griff zu sprachlicher Dutzendware und scheute die Mühe, das treffende Wort anstatt zu finden. Dasjenige, welches ein charakterliches Defizit wirklich zutreffend und wesenstötend beschrieben hätte. Im Grunde gleichen Motzblogger diesen Me-Too-Figuren, die vor der Kneipe randalieren, weil der Wirt sie vor die Tür setzte …

Der Fischmarkt duftet

Professionelle Marktbeobachter wissen genau, wo ihre dahinschwindenen Kunden zu finden wären. Es nützt ihnen nur wenig. Die erwünschten jungen und kaufkräftigen Zielgruppen, die lesen kaum mehr Zeitungen, sie schauen immer weniger fern. Und das werbedurchblökte Formatradio – ob privat oder öffentlich-rechtlich – gilt in manchen Kreisen längst als ‚Nervmedium‘ schlechthin. In ihrem Alltag, der sich im Internet abspielt, wird die Werbung, wo immer dies möglich ist, mit Ad-Blockern, mit Spam-Filtern und anderen hilfreichen Instrumenten als bloß noch lästig ausgeblendet und eliminiert. Der autonome Verbraucher der Generation 2.0 will von dem Gedudel und Geplärre hochgestemmter Superlative immer weniger wissen – und zugleich besitzt die Werbung in der neuen Medienwelt nicht mehr die alte ‚Macht der Unvermeidlichkeit‘, sie vermag der Aufmerksamkeit des Konsumenten nicht mehr den Fuß in die Tür zu stellen.

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Suhrkamps Umzug

Der Umzug der größten deutschen Intellektuellenschmiede von Frankfurt nach Berlin, für den sind wahrhaft strategische Überlegungen verantwortlich, wenn wir der Frau Unseld-Berkéwicz und ihrem immensen historischen Wissen in diesem Punkt glauben dürfen:

„Berlin knüpfe als Hauptstadt wieder da an, wo es nach 1945 zum Aufhören gezwungen wurde, erklärte die Verlegerin zu ihrer Entscheidung dem Magazin „Kulturzeit“ des TV-Senders 3sat.“

Damals war vor allem noch eine zutiefst toitsche Geistesgröße wie der Joseph Goebbels für Kulturfragen zuständig …

Übers Schreiben im Web 2.0

Der Kollege Jakubetz hat ja zunächst einmal völlig recht, wenn er sich über Journalisten lustig macht, die einfach ihre gebrauchten Publizistikprodukte im Web 2.0 verklappen möchten – und die dann noch meinen, sie wären wunder wie cool und zeitgemäß:

„Aber warum in einem Blog, das sich Blog nennt und unglaublich viele neue kleine Kreativkunstformen böte, Peter Hahne Kolumnen schreibt, die sich wie Peter-Hahne-Kolumnen lesen, und warum Elmar Theveßen Kommentare schreibt, die sich wie Kommentare lesen, bleibt ein Rätsel.“

Stilistisch gesehen ist jedes Blog ein neues Medium, das als primäre Ausdrucksform einer demokratischen Medienrevolution entstanden ist. Blogs benötigen daher vor allem neue Stilformen statt Bericht, Artikel, Feature oder Interview; sie benötigen eben nicht die Holzhausener Grabbelware aus dem wackeligen Redaktionsregal. Einige grundlegende Regeln:

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Gebrauchte Adjektive

Reiseberichte sind der Jakobsweg des Floskeljägers. Aus den angestaubten Erlebniswelten solcher Schreiber kullern an jeder Leidensstation die längst gelutschten Drops adjektivisch verkuppelter Substantive hervor, die in grauer Vergangenheit ihre güldene Hochzeit feierten. Gepresst vermutlich aus weicher Hirnsubstanz von der unerbittlichen Faust der journalistischen Gewohnheit. Prompt watet der Leser bis zu den Knien durchs Gebrauchtvokabular, ihm ergeht’s schlimmer noch als im tristen Sprachsumpf des Politjournalismus. Hier ein alltägliches Beispiel mit ‚idealen‘ Bedingungen für ‚wilde‘ Flüsse und ‚tiefe‘ Schluchten:

„Asturien, das kleine Paradies im Nordwesten Spaniens ist derzeit in Mode. Zu Recht. Fischereihäfen, elegante Küstenstädtchen und atemberaubende Strände stehen im Kontrast zu den nahen, spektakulären Picos de Europa. In dem als Naturpark ausgewiesenen Gebiet mit seinen schneebedeckten Gipfeln, tiefen Schluchten, Wäldern, grünen Almen finden nicht nur Bären, Wölfe und Adler einen Lebensraum, es überlebten auch alte keltische Mythen und asturische Legenden. Saftige Weiden bieten ideale Bedingungen für Viehwirtschaft und Käseproduktion. Durch tiefe Täler schlängeln sich wilde Flüsse, und verborgene Seen lassen jedes Anglerherz höher schlagen.“


Hello, Dolly!

Manchmal wähne ich mich von Klonschafen umzingelt: Da präsentiert also Google uns am Montag unter der irre kreativen Headline „Google taucht ab“ das neue Google Earth 5.0, ein Gadget, das den Betrachter sogar auf den Grund der Weltmeere entführen kann. Rasend interessant – allenfalls jedenfalls!

Und mit welchem Einfallsreichtum präsentieren uns die Mitglieder der schreibenden Zunft diese Sensation und Attraktion im großen Zirkusrund des Web 2.0?

Google Earth 5.0 taucht ab
Google taucht ab
Google Earth 5.0 taucht ab
Google taucht in die Weltmeere ab
Google geht tauchen
Google taucht ab
Google taucht ab
Google Earth 5.0 taucht ab
Google „taucht ab“

Usw. usf. etc. pp. ppp.

Hej, ist das nicht neu? Ist das nicht ungeheuer kreativ? Ist das kein gutes Beispiel für den deutschen Qualitätsjournalismus? Sind das etwa keine bärenstarken Headlines aufstrebender Publizisten, die sich mit all ihrer Wortgewalt zum Sturm auf den Henri-Nannen-Preis rüsten?

(Aber rumquaken, wenn die Leser stiften gehen …)

Bullshit macht selten fit

Wenn jemand aus Gründen der Angeberei so redet oder schreibt, wie es kein normaler Mensch jemals tun würde, dann haben wir es bekanntlich mit dem berüchtigten „Bullshit“ zu tun, dem Sich-um-Kopf-und-Kragen-Reden. Da dieser Bullshit wiederum den Gesetzen der Mode unterliegt, deshalb können ganze Unternehmensbesatzungen, die zur Teilnahme an obskuren Jubel-Meetings verurteilt wurden, mit dem genormten Trend-Wortschatz ihrer Vorgesetzten „Bullshit-Bingo“ spielen. Die Teilnehmer streichen einfach aus den „Buzz Words“ des „Keynote Speakers“ alle diejenigen Begriffe heraus, die von einem solchen Effekthascher auch zu erwarten waren, weil sie schlicht unverständlich, hohl oder für zwei Monate trendy sind. Wer zuerst auf seinem Zettel eine festgesetzte Anzahl dieser Begriffe ankreuzen durfte, darf laut „Bingo!“ rufen, auch wenn der sabbelnde Trend-Junkie diesen Zwischenruf noch als Lob für sich betrachten wird.

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