Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Februar 2009 (Seite 1 von 2)

Schreib den Obama

Barack Obama … ein toller Name mit diesen beiden Betonungen direkt auf den Silben des Ba, fast schon daktylisch, ein Hauch von Walzer und Dreivierteltakt durchzieht den klangvollen, dunklen Silbenfall – viermal ein A, mittendrin das runde, tönende O: Barack Obama …

Als Texter bin ich deshalb versucht, sobald ich Sätze mit dem Namen des amerikanischen Präsidenten bilde, im Satzrhythmus daktylisch fortzufahren. Der ‚Beat‘, dieser Tanzschritt der Sprache, verlangt das fast schon gebieterisch von mir. Auf eine betonte Silbe folgen dann immer zwei unbetonte: „Barack Obama gelang es fast spielend, den Menschen den Glauben an Kräfte und Stärken zurück zu vermitteln“. Schon geht’s in meinem Satz zu wie an der schönen blauen Donau: „x – – x – – x – – x – – x – – x – -„.

Natürlich darf ich mit der Rhythmisierung der Perioden so nicht ewig fortfahren, sonst beginnen meine Sätze gebetsmühlenartig zu klappern. Aber mal einen Satz – so als prosodische Zwischenmahlzeit – den darf ich mir schon gönnen …

Heilige Langeweile!

Schriften, in denen Heilige vorkommen, waren mir immer suspekt. Allein diese verdrehten Heldenfiguren! In der männlichen Ausprägung trugen sie meist Vollbärte, sie wuschen sich vor lauter Frömmelei nicht mehr, saßen auf spitzen Pfählen mitten in der Wüste betend und meditierend herum und stanken schon bald wie tote Dachse fünf Meter gegen den Wind. Am Ende ließen sich widerstandslos von irgendwelchen obskuren Gestalten abmackeln, wenn sie sich nicht vorher schon Lepra oder etwas ähnlich Appetitliches zuzogen – und dafür fuhren sie dann auf gen Himmel. So also sorgt der Herr für die Seinen. Und das soll ihm wohlgefällig sein?

Andere ergriffen statt des gleichförmigen Einsiedlerberufs lieber die aufregendere Märtyrerlaufbahn, sie wurden von den Spießen böser Heiden durchbohrt, auch mal hungrigen Löwen vorgeworfen, gern mit glühenden Zangen gezwickt oder mit Hilfe eines Vorschlaghammers aufs Rad geflochten, eine Strafe, die sonst eigentlich nur den Straßenräubern und Hexen zukam. Solche gefühlsverklärten Wesen waren imstande, dazu auch noch lauthals ‚Hallelujah!‘ und ‚Der Name des Herrn sei gelobt‘ zu rufen – so quintessentiell zusammengefasst steht es jedenfalls in vielen bunten Legendenbüchern. Sollte ich mir daran ein Vorbild nehmen?

Soll das ein Vorbild für die Jugend sein?

Soll das ein Vorbild für die Jugend sein?

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Würdelos schreiben …

Fließen, kriechen, glimmen, gießen, weben, ziehen, heben, quellen, fechten, erwägen – was ist all diesen schönen Verben gemeinsam? Genau: ihr Konjunktiv II oder ‚Irrealis‘ wird auf Ö gebildet: flösse, kröche, glömme, gösse, wöbe, zöge, quölle, föchte, erwöge. Diese Möglichkeitsformen seien zwar immer noch grammatisch völlig richtig, heißt es bei allen Vereinfachern dann, trotzdem wirkten sie im Alltag ‚voll daneben‘, kein Mensch spräche doch mehr so: ‚Angenommen, ich gösse dir noch eine Tasse Tee ein, protestiertest du dann wohl … ‚.

Nee, nee, nee – wir reden nicht mehr so ‚gewählt‘, wir machen uns vor allem nicht mit auffälligem Wohlklang lächerlich, wir würgen heutzutage die Sprache ganz würdelos mit einem hilfsweisen ‚würde‘: ‚Angenommen, ich WÜRDE dir noch eine Tasse eingießen, WÜRDEST du dann wohl protestieren …‘. Das ist zwar länger, das ist auch plumper, aber wir sind auf jener sicheren Seite, dort, wo unsere Ignoranz, unser geballtes Nichtwissen unentdeckt bleiben kann. Denn wer wüsste schreibend schon noch, auf welchem Vokal der Irrealis jeweils gebildet wird?

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Tucholskys Lektüre

Jaja – bei dem Kurt Tucholsky, da kennt sich jeder bessere Zeitungsschreiber auch ganz ohne Lexikon wie in seiner Hosentasche aus. Zumindest sonntags beim Frühschoppen: ‚Wissense, das war ein ganz Großer, mein Vorbild übrigens, nicht so’n anonymer Krakeeler, wie wir sie heute im Internet finden‘. – ‚Wie jetzt – Tucholsky hätte doch auch nur höchst selten seine Artikel als Tucholsky gezeichnet?‘ – ‚Hörensema, das war ja damals auch noch ganz was anderes! Überall Freikorps und Fememörder und so. Und total modern und fortschrittlich war der Mann ja auch.‘

Wen also wird dieser Tucholsky schon auf seinem literarischen Olymp um sich versammelt haben? Die Avantgarde seiner Zeit vermutlich, so wie unser feuilletonistischen Pflastertreter sie vom Heute aus sähe: Den Brecht also, den Karl Kraus, den Benn (weil der Tucholsky ‚das mit dem‘ ja damals noch nicht wissen konnte), Döblin, vielleicht auch Hermann Hesse oder Johannes R. Becher.

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Schriftsteller mit Dorfgeruch?

Als ich gestern Frank Schulzs Hagener Trilogie mal wieder in den Händen hielt, überlegte ich, ob gute Schreiber eigentlich überdurchschnittlich häufig vom Dorf oder aus Kleinstädten kämen? Als generelle These ist das vermutlich grandioser Blödsinn – einige gute Gründe dafür aber gäbe es allemal: Als Kind und Jugendlicher erlebt man tief in der Provinz eine überschaubare Welt, alle sozialen Verhältnisse liegen offen zu Tage, der Mensch ‚an und für sich‘ wird überschaubar, die ganze Menschenwelt gleicht dem späteren Personalbedarf eines Romans noch viel eher, als später der Ameisenhaufen einer beliebigen Großstadt.

Ohne dass ich hier jetzt beabsichtige, eine Statistik zu führen, so ist doch die Zahl der ‚Provinzschriftsteller‘ unter den großen ihrer Zunft erstaunlich hoch: Storm (Husum), Raabe (Eschershausen), Jean Paul (Hof), Fontane (Neuruppin), Döblin (Stettin), die Reihe ließe sich endlos fortsetzen – und selbst diejenigen, deren Geburtsort gegen diese These spricht, wuchsen gleich nach der Geburt oft eher kleinstädtisch auf, so Tucholsky, der zwar in Moabit zur Welt kam, der aber seine Kindheit im beschaulichen Stettin verlebte.

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Leiterfunktionen

Mit der Steigerung, oder der Klimax, lassen sich verblüffende rhetorische Wirkungen erzielen. Auch Witz und Paradox gedeihen an den steilen, meist dreistufigen Hängen dieser Stilfigur.

Ein Klassiker der Werbung lautet: „Gut. Besser. Paulaner„. Dieser Weißbier-Slogan ist das wohl bekannteste Beispiel für ‚die Leiter’, was die Übersetzung des griechischen Wortes ‚Klimax’ ist. Ein Begriff wird über seinen Komparativ gesteigert, weshalb der Leser als drittes Moment dann den Superlativ erwartet, eine Stelle, die an prominenter Position dann ein Produktname besetzt. Gewissermaßen ist dies das Schwarzbrot des Werbetexters. Und natürlich des Ironikers: „Gut. Besser. Pofalla„.

Wahrhaft durchschlagende Wirkungen erzeugt die Klimax, wenn sie auf diese Weise Erwartungen ‚enttäuscht’, wenn wir also die dritte Stufe mit einem an sich leiterfremden Begriff besetzen, der an dieser Stelle zunächst deplaziert erscheint: „Er war ein Idiot. Ein totales Schwein. Ein richtiger Alphajournalist„. So etwas sorgt in der Folge immer für Alarm beim Adressaten. Deswegen ist Vorsicht geboten, denn mit gut plazierten rhetorischen Stilfiguren kann man sich auch dauerhaft Feinde schaffen. Oder den Eingang in die Aphorismenkammer mit ihren Klassizismen erzwingen: „Es gibt Feinde, Todfeinde und Parteifreunde …„.

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Zu kurz gedacht?

Diejenigen, die an jeder Ecke des Schreibschulungsmarktes uns ebenso wortreich wie atemlos ihre kurzen Sätze anpreisen, als einzigen Königsweg zum Verständnis des Lesers, der ja bei seiner Lektüre angeblich nichts mehr liebe als den kurzen Hundetrab unterkomplexer Sätze – diese Grammatikbarden, die möchten doch bloß aus ihrer eigenen Unfähigkeit eine allgemeine Regel machen.

Weil jeder Satz idealerweise genau einen Gedanken fasst, deswegen kommen den kurzen Sätzen auch die kurzen Gedanken zu, und den langen Sätzen die langen Gedanken, so dass unsere Regel der Satzlänge sich im Handumdrehen in ein schlichtes handwerkliches Problem verwandelt, in das nämlich, auch anspruchsvollere Gedanken in Aufbau und Struktur so zu organisieren, dass sie ein ‚Nach-Denken‘ des Lesers erlauben, dass die Organisation der Satzfolge einen logischen Ablauf einhält und den Leser nicht über halsbrecherische Knoten und schwankende Konstruktionen führt, sondern dass der Satz ihn vielmehr sicher am Patschehändchen fasst, so dass alle gemeinsam und Arm in Arm mit dem Gedanken zu einem guten wiewohl komplexen Ende kommen.

Noch Fragen …?

Schreib oder stirb!

Vor zehn oder zwanzig Jahren, als Holzhausen noch boomte, da war für den Medienkonsumenten alles viel einfacher: Die eigene Meinung wurde ihm von seinem Leib- und Magenblatt frühmorgens frei Haus geliefert. Er traf im Laufe des Tages auf Mitbürger, die ähnlich konditioniert worden waren. Denn ein ‚Massenmedium‘ ist – nach Habermas – natürlich immer auch eine Veranstaltung, die Konformität und Gleichförmigkeit von Ansichten bewirkt. Das Phänomen heißt unter Soziologen – positiv gewendet – „gesellschaftlicher Konsens“. Geteilte Grundüberzeugungen wiederum schweißen die Parteien zusammen, sie formen unsere Ideologien und deren Vokabular, sie sind der kommunikative Kitt, an dem sich die soziologischen Gruppen erkennen.

Ohne Nutzung von Massenmedien aber fragmentiert sich die Welt: Abertausende von unterschiedlichen Ansichten sind im Netz zu finden, jeder Paranoiker findet sein Echo, Themen werden nicht länger von anderen vorgekaut, der eine schreibt eben gern dies, der andere über das – und wenn einer aus dieser Myriade von Selbstverlegern tausend Leser und Leserinnen am Tag findet, dann ist das für Web-2.0-Verhältnisse schon viel. Die alte Welt der Publizistik zerfällt in Milliarden Teile, wie ein Spiegel, der auf die Fliesen einer neuen medialen Wirklichkeit gekracht ist.

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Das Unaussprechliche

Jeder Text, auch der geschriebene, wiegt sich im Rhythmus der Sprache, zwischen Hebungen und Senkungen, Dehnungen und Kürzungen, den betonten und den unbetonten Silben. Fällt die erwartbare Betonung auf bedeutungsarme Silben, sind komische Wirkungen geradezu unausweichlich. Das gilt – abgeschwächt – auch für das Gewebe der Prosa, obwohl es sich im folgenden Beispiel, der größeren Deutlichkeit halber, um ein Gedicht handelt:

„Zwischen Akten, dunklen Wänden
bannt mich Freiheitsbegehrenden
nun des Lebens strenge Pflicht,
und aus Schränken, Aktenschichten
lachen mir die beleidigten
Musen in das Amtsgesicht.

Als an Lenz und Morgenröte
Noch das Herz sich erlabete,
o du stilles, heitres Glück!
Wie ich nun auch heiß mich sehne,
ach, aus dieser Sandebene
führt kein Weg dahin zurück.

Als der letzte Balkentreter
Steh ich armer Enterbeter
In des Staates Symphonie.
Ach, in diesem Schwall von Tönen,
wo fänd ich da des eigenen
Herzens süße Melodie?

Ein Gedicht soll ich euch senden?
Nun, so geht mit dem Leidenden
Nicht zu strenge ins Gericht!
Nehmt den Willen für Gewährung,
kühnen Reim für Begeisterung,
diesen Unsinn als Gedicht!“

Joseph Frhr. v. Eichendorff

Mehr Idiomatik wagen!

Wie soll man noch reden, wenn die Stilkunde dem Schreiber die schönsten Kunstwörter prunkender Wissenschaft-lichkeit schlichtweg verweigert? Nun – eine Phrase solch gehobener Sprachlichkeit wie „gegenüber dieser Information zeigte er sich aufnahmeresistent“ wäre doch ohne jeden Sinnverlust zu ersetzen durch „auf dem Ohr war er taub“. Schon hat der Mensch ein Bild vor Augen, komplett mit defektem Hörgerät. Es ist die ‚Idiomatik’, die so etwas bewirkt, jener Sprachgebrauch, der seine Bilder und argumentative Kraft aus dem Alltag der Menschen schöpft.

Die bessere Werbung und Sloganrhetorik – wie auch das Headlining der Journalisten – leben vom idiomatischen Sprachgebrauch: „Herta – wenn’s um die Wurst geht!“, „Erzählen auf Leben und Tod“ (Spiegel), „Mit der Kunst auf Augenhöhe“(taz). In all diesen Fällen nutzen die Schreiber vorgeprägte Stanzen der Sprache auf überraschende Weise oder aber, sie setzen sie leicht verfremdet ein.

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