Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Januar 2009 (Seite 2 von 3)

Auf die Zwölf, ihr Sprachnörgler!

Herzlich willkommen in unserer Gesellschaft, einer Anlaufstelle für schwache Verben und hässliche Substantive aller Sprachen, denen der Weg aus dem Regelmaß erlirchten werden soll“, so schallt es einem gleich auf der Homepage der ‚Gesellschaft zur Stärkung der Verben“ entgegen.

Den Besucher erwartet eine herrlich dadaistische Angelegenheit, die endlich jene Faktoren in die Sprache zurücktrugen wullt, die ihr bei den Regelpaukern und Steißtrommlern à la Sick und Schneider abhanden kamen: als da wären Spaß, Freude und Spiel. Was schon zeigt, dass es auch im Reich des etymologisch begründeten Dadaismus nicht ohne Regeln geht, nur sind es eben Spielregeln, ohne die kein Jeu unter uns sprachbegabten Menschen möglich wäre. Es gibt jedoch keinerlei Zeugnisnoten und Beckmessereien wie bei den Sprachnörglern, die sich meist ja nur deshalb im falschverstandenen Interesse der Sprache ereifern, damit sie anderen vom Parnass des Bildungsbürgertums aus auf den Kopf spucken dürfen.

Wie anders, wie rätselhaft, wie durch und durch verspielt klingen dagegen solche Sätze von geradezu Arno Schmidt’scher Freiheit:

„Man ratt aber nicht nur dem Dativ und des Genitivs, sondern auch wieder einige von der Abschwächung gefuhrdene Verben: bestäuben, heften, schöpfen, taugen, wachen, weiden und das neu entdockene Präteritum spunn zu spannen fog Karsten der Roten Liste hinzu, die schon gar nicht mehr verbrittenen starken Verben berinen, bewellen, boßen, dehsen, delben, dimpfen, drinden, eren, erblinsen, erlaffen, glinden/glinzen, grinnen, griten, kalen, krien, lingen, nesen, phrangen, schwiechen, seben, staffen, stingen, teichen, trinnen und turren sowie neu entdockene Formen von bagen, belgen, blanden, breiden, breisen, bresten, bretten und brimmen der Schwarzen Liste. Karsten war es auch, der das unserer Kausativ-Abteilung neustzugegangene Bildungsmuster entdak: Analog dem Paar lernen/lehren bald er die Kausative entfehren, hahren und tuhren, Agricola die Ipsive abwernen und vermernen, Kilian den Ipsiv fürnen.“

Am Anfang war das A

Kehrt der Mensch beim Sprechen (auch beim ‚inneren Sprechen‘) mehrmals zur gleichen Lippenstellung zurück, dann gefällt das seinem Nervenkostüm. Ein angenehmes Gefühl erzeugt einen Eindruck von Mühelosigkeit. Vermutlich aus diesem Grund gibt es in der Sprache zahllose ‚Sinnverdoppler‘, die außer dem gleichen Anlaut (= „Alliteration“), der eine Verstärkung und Betonung bewirkt, inhaltlich rein gar nichts zur Aussage beitragen. Einige Beispiele: ‚gang und gäbe‘, ‚über Stock und Stein‘, ‚bei Wind und Wetter‘, ’samt und sonders‘, ‚mit Mann und Maus‘ oder ‚mit Kind und Kegel‘. Gleiche Konsonanten und Vokale zu Beginn der Worte sprechen sich gut – und wir betonen an dieser Stelle auch immer einen ganz bestimmten Aspekt unserer Rede.

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Was meinst du bloß mit ‚Stil‘?

Soll jemand stilbewusst schreiben, dann ist das Ergebnis bei Wenigschreibern vorhersehbar: Die Texte wandeln sich – die Wörter werden gewählter, der Duktus gestelzter, der Tonfall gravitätischer, die Wortstellung verschrobener – und der Sinn drapiert sich in ein verbales Theaterkostüm. Der Text wird pathetisch und wirkt plötzlich ebenso ulkig, wie er zuvor langweilig war. Manierismus heißt dieses Stilmerkmal, das unter bestimmten Bedingungen einem Rilke erlaubt sein mag, nicht aber uns:

„Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt?“

Was aber noch nicht einmal einen großen Dichter unsterblich macht, das macht uns mit Sicherheit unsterblich lächerlich.

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„Dead-Tree Journalism“

Mit ‚Holzweg-Journalismus‚ könnte ich jenen Begriff aus der Headline übersetzen, der in den USA inzwischen kurrente Münze im Mediendiskurs ist. ‚Totholz-Journalismus‚ wäre auch eine adäquate Möglichkeit. Da die USA uns in Sachen Printkrise nur wenige Monate voraus sind, übersetze ich hier mal eben den ‚Zeitungsfluchtplan‘ zum Nutzen der Internet-Gemeinde – auch wenn manche dies als einen aussichtslosen Sklavenaufstand abtun werden. Drüben, auf der anderen Seite des Atlantik, haben sich viele Journalisten dem Aufruf des Martin Gee bereits angeschlossen. Hier sein medienaktivistisches Manifest:

„Fliehe die Zeitungen, solange du’s noch kannst. Geht es so wie bisher weiter, ist bald jeder von uns entlassen. Oder bist du etwa aus freiem Entschluss gegangen? Hat nicht vielmehr jemand anderes eine Entscheidung für dich getroffen? Wurdest du vielleicht ‚unfreiwillig geschieden‘? Lasst uns einander unterstützen, um aus dem Schlamassel herauszufinden.

Die Zeitungsindustrie ist wie ein naher Verwandter, der dich misshandelt. Er schlägt dich zusammen, wir aber kehren immer wieder zurück, weil wir ihn doch lieben. Wir sollten stattdessen endlich gehen.

Suche dir mitsamt deinen journalistischen Fähigkeiten ein völlig neues Gewerbe, das dich schätzt und braucht. Stelle Job-Listen, Tipps, Hilfsmittel und persönliche Erfahrungen ins Netz. Überarbeite deinen Lebenslauf und deinen Motivationsbericht. Verschwinde aus einer Industrie, die dich weder verdient noch benötigt.

Journalismus und Zeitungsindustrie sind zwei verschiedene Dinge geworden. Wir aber werden uns weiterhin mit Leidenschaft für den Journalismus und seine Rolle in einer demokratischen Gesellschaft einsetzen. Lasst uns dies auf neue und innovative Art und Weise tun. Während die Zeitungen fortfahren, sich selbst zu zerstören.“

Byebye, Editorial

Im Editorial der großen Magazine steht gar kein Dreibein mehr herum, geschweige denn ein Katheder, um etwa den minderen Pöbel aufzuklären. Noch nicht einmal ein Melkschemel ist all den Chefredakteuren und Verlegern geblieben, von dem herab sie orakeln dürften. Es gibt ja nichts mehr zu melken. Aus ehemaligen Gatekeepern sind Portiers und Grüßonkels geworden. Gegen die wiederum ist Horst Köhler richtungsweisend …

„Ra-, Ra-, Rasputin, lover of the Paper Queen …“

Der tote Rasputin (wikipedia, Public Domain)

Der tote Rasputin (wikipedia, Public Domain)

Plötzlich hat es Bunz gemacht …

Natürlich könnte ich auch von einem Glasperlenspiel sprechen. Jedenfalls beginnt unser intellektuelles ‚Spitz pass auf!‘ damit, dass der Spielleiter eine redundante Vorgabe in die Runde wirft – zum Beispiel so:

Wenn Leistungsgesellschaft gestern war, ist der neue Modus des Kapitalismus: Effektivität.

Jeder Selbstmarketing-Eleve muss dann, um zu zeigen, dass er der Mitgliedschaft im Orden der Gelehrsamkeit auch wirklich würdig ist, blitzschnell mindestens drei weitere Glasperlen entsprechend dieser Vorgabe auf den Tisch des Hauses bunzen:

Wenn Beschleunigung gestern war, ist der neue Modus der Arbeitswelt: Gas geben.

Wenn Gier gestern war, ist der neue Modus der Börse: Profitstreben.

Wenn der Trend gestern war, ist der neue Modus der Nerds: die Mode.

Wenn Blau gestern war, ist der neue Modus aller Alkoholiker: das Besoffensein.

Wenn Plappern gestern war, heißt der neue Modus der Intellektualität: Bla-Bla.

Versucht’s ruhig mal. Mit ein wenig Routine geht das wirklich zackzack – ganz ähnlich wie Kartoffeldruck. Und schon habt ihr den Ruf weg, einen wahrhaft philosophischen Kopf durch all die Bonsai-Wälder ringsum zu tragen. Und inhaltlich ist es voll die Lätta: Denn alles darf so bleiben, wie es ist. Was ja auch gut ist für einen kleinen Gemüseladen …

Tüddel oder Anführungszeichen

Satzzeichen haben die Funktion, dem Leser einen Text verständlicher zu machen. Indem sie die Sätze denkgerecht vorstrukturieren. Doppelte Anführungszeichen – so die Konvention – dienen hierbei dazu, die wörtliche Rede kenntlich zu machen – oder aber direkte Zitate aus herangezogenen Quellen. So weit, so gut.

Schwieriger ist der Umgang mit den einfachen Anführungsstrichen, die ‚eigentlich‘ nur Binnenzitate kennzeichnen sollten, also Zitate in einem Zitat. Mit ihnen pflegt fast jeder Schreiber einen individuellen Umgang, der nicht in den Wörterbüchern steht, und er lässt dabei den Konrad Duden einen guten Mann sein. Wenn ich z. B. ‚aus dem Ungefähr‘ zitiere, oder noch nicht ganz das richtige Wort gefunden habe, oder aber meine persönliche Distanz zu dem verwendeten Begriff signalisieren will, dann greife ich zu diesem Mittel: Wenn man unsere NPD-Bonzen auf den Marktplätzen so reden hört, dann sind sie natürlich alles ‚gute Demokraten‘ … So in etwa – hier gebraucht als ironisch gebrochenes Zitat, um den Leser komplizenhaft in meine Gegnerschaft zu den mentaldefizitären Rattenfängern einzubinden.

Es gibt aber auch durchaus nützliche und eingeführte Begriffe, die ich nur ‚in Tüddelchen‘ gebrauche: So setze ich sie, sobald ich den Begriff einer literarischen ‚Wahrheit‘ gebrauche, um deutlich zu machen, dass diese Wahrheit mit der üblichen gerichtsfesten Wahrheit nur wenig gemein hat. Trotzdem gibt es natürlich eine literarische ‚Wahrheit‘, die in meinem Denkregal keinesfalls unterhalb der alltäglichen Wahrheiten aus Mathematik oder ‚Wer wird Millionär?‘ zu stehen kommt.

Tscha – und diese komplexen Regeln oder Gewohnheiten, die ich beim Schreiben angenommen habe, die lassen sich eben nur schlecht in die ‚Gesetze‘ des Dudens fassen. Trotzdem sind auch solche einfachen Anführungsstriche nützlich – ähnlich wie die Klingel am Fahrrad …

Indikatoren des Unwissens

Es gibt in Texten unauffällige ‚Indikatorwörtchen‘, die darauf hindeuten, dass hier auf dem kargen Boden dürftiger Fakten die üppigen Blüten des Qualitätsjournalismus aufblühen konnten. Ein schönes Beispiel findet sich derzeit bei Spiegel-Online, wo die Schreiberin wohl ein wenig zu oft Dr. House guckte, ihr dazu dann noch ein US-Artikel über eine amerikanische Umfrage in die Hände fiel, woraus sie uns dann prompt eine fünfteilige Klickstrecke zusammenstrickt. Hier ein Ausschnitt aus dem dazugehörigen Nix-Genaues-weiß-man-nicht-Text mit seiner typischen Kombination aus exakten Zahlen (‚110 US-Ärzte, 17 Prozent‘), verbal verpackt in dicke Lagen relativierender Vagheit:

„Eine Mini-Umfrage unter 110 US-Ärzten etwa hat ergeben, dass sich angeblich bereits 17 Prozent über ihre Patienten lustig gemacht haben – vornehmlich, wenn jene in Narkose ahnungslos dahindämmerten. Im Angesicht von Krankheit und Tod, nach 24-Stunden-Schichten und mit Bergen von Arbeit auf dem Schreibtisch neigen offenbar nicht wenige Ärzte dazu, ihren Frust mit Spott loszuwerden. Deutsche Chirurgen sind da vermutlich nicht unschuldiger, wie hoch die tatsächliche Lästerquote hierzulande allerdings liegt, weiß niemand genau.“

Seriöser Stil

Wenn mein Vater einen Text als ‚unseriös‘ einstufte, dann waren die ’seriösen Quellen‘, die er stattdessen einforderte, allemal diejenigen, die seiner Meinung entsprachen. Der Spiegel war also per se unseriös – und die FAZ seriös. Denn die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die konnte er ‚ernst‘ nehmen – die ‚linke Kampfpresse‘ rund um den Spiegel dagegen nicht. Vom lateinischen Wörtchen ’seriosus‘ für ‚ernst‘ leitet sich dieser Begriff ‚Seriosität‘ auch ab.

‚Unseriös‘ waren meinem Vater aber auch Haustürvertreter, Politiker, Gewerkschaftler und Rechtsanwälte ohne Notarstitel, dazu alle Verträge, die mehr als eine Seite Kleingedrucktes benötigten, amerikanische ‚Negermusik‘, italienische Autos, die Katholiken und vieles mehr. Seriosität meinte für ihn immer auch das Bewährte und das Bekannte, die Grenze verlief entlang seiner Vorurteilsstruktur – und gerade diese Bedeutungsebene führt uns näher heran an das Phänomen eines seriösen Stils.

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Kurze Sätze? – Kurze Wörter!

Die Experten für Kommunikation und Artverwandtes verkünden uns gern, dass kurze Sätze der Königsweg zum Leser seien. Ich aber halte es hier lieber mit der Einsicht: „Kurze Sätze, kurze Gedanken“ – oder auch „Ein Satz sei immer ein Gedanke„.

Ich kann auch in kurzen Sätzen formulieren. Klar kann ich das. So wie hier. Ich bin ja nicht doof. Das klingt dann aber abgehackt. Obwohl die Sätze total verständlich sind. Trotzdem geht der Leser stiften. Weil er die Unterforderung nicht aushält. Ich höre ja auch schon wieder auf …

Kurze Sätze sind also nicht das Problem – das Problem ist vielmehr der folgerichtige, logische Aufbau eines Satzes, den eben viele nicht beherrschen, weil es bei ihnen im Kopf auch nicht folgerichtig und ‚durchdacht‘ zugeht, weshalb ein langer Satz bei ihnen wie ein NATO-Drahtverhau aussieht, und eben nicht wie eine tragende Wand aus aufeinander folgenden Bausteinen, die erst als ‚Bauwerk‘ einen Gedanken anschaulich vors Auge führen. Nebenbei bemerkt: Das eben war nur ein Satz …

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