Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Dezember 2008 (Seite 2 von 4)

Viel gereist, nix gesehen

Der Reisejournalismus gilt unwidersprochen als korruptestes Genre im allgemeinen Journalismus, weshalb ich hier auch gar nicht erst den Versuch mache, irgendwelche Stanzen und Kunstperlen touristischer Prosa zu verlinken, um mir nicht irgendwelche Abmahnungen wegen böswilliger Nachrede einzuhandeln. Interessant finde ich aber, wie materielle und ästhetische Korruption oft Hand in Hand gehen, denn in kaum einem anderen Genre wird auch so viel ‚gekitscht‘ wie in den Reiseberichten – also mit einer verlogenen und ausgelutschten Metaphorik gearbeitet.

Da ‚ducken‘ sich dann die Klöster unter den ’steilen‘ Felsmassiven, jedes Dorf ’schmiegt‘ sich ins ’stille‘ Tal, jede Quelle sprudelt ‚munter‘, jede Burg ist ’sagenumwoben‘, jeder dieser dürftigen Sätze ist voll abgedroschener Klischees.

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So sieht er aus, der Content!

Rechtschreibung? Zeichensetzung? Logik? – – – Ja, Pustekuchen, wer sollte das denn wohl bezahlen? Folglich sieht’s dann so aus – das Textbewusstsein im Marketing 2.0. Auch dieses Beispiel von zwanghaftem Doppelsabbel und Keyword-Gebolze, vermute ich mal, schrieb wohl ein Mensch, am Ende gar ein SEO-Lohnsklave für satte 3 Cent die Zeile, der einst im jugendlichen Überschwang beschloss, ‚irgendwas mit Medien‘ zu machen:

Das Textgefühl liegt jenseits der Nachweisgrenze.

...

Textgefühl jenseits der Nachweisgrenze.

Das Pfeifen im Wald

Wie klingt es eigentlich sprachlich, das sprichwörtliche Pfeifen im Wald? Was ja konkret nichts anderes meint, als dass bei einem Sprecher sich oben verbal und unten natural der Dünnpfiff seinen Weg bahnt. Ein solcher Fall von Sich-Selber-Mut-Ansabbeln lässt sich derzeit beim Spreeblick beobachten, wo der Malte Welding eine wahre Philippika gegen private Verleger und ihre fehlenden ‚cojones‚ vom Stapel gelassen hat. Ein Text, mit dem ich – um das gleich klar zu stellen – durchaus sympathisiere. Denn die Privaten, der Schluss drängt sich mir je länger je mehr auf, die können so gut wie gar nichts besser. Eigentlich fehlt nur noch der kleine Junge, der den Kaiser endlich mal nackt nennt …

Nach einem solchen Artikel taucht in den Kommentaren dann auch immer die Das-Glas-ist-halbvoll-Fraktion mit ihren bemühten und zusammengeklempnerten Widersprüchen auf, die im Kern allerdings nur durch nichts begründete Hoffnungen sind. Diese Kommentatoren – ob sie ‚interessiert‘ sind, möge jeder selbst entscheiden – die werfen sich mehr oder minder voluntaristisch für die bedrohte offizielle Lesart der jeweiligen Presseerklärungspartei in die Bresche. Sie betreiben das ‚Pfeifen im Wald‘. Das klingt dann bspw. so:

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„Frollein, …

… Ihnen sind Ihre Metaphern verrutscht!“ – – – Manchmal scheint es mir, Kommunikationsprofi in Deutschland sei doch ein Easy-Job, und Unbedenklichkeit die Schlüsselqualifikation. Vielleicht hat sich auch Dietrich Schulze van Loon so etwas gedacht, immerhin Präsident der GPRA, des größten deutschen PR-Agenturverbandes. So unbeschwert und von aller Bildlichkeit befreit tiriliert es uns jedenfalls aus seinem Gastbeitrag fürs pr-journal mancherorts entgegen: “

„[D]er aggressive Internethandel geht durch verpuffte Standortvorteile in Richtung Enteignung und jeder öffentlich wahrnehmbare Schritt der Unternehmenskommunikation scheint mit existenziellen Risiken gepflastert“.

Jaja, es ist schlimm – auch unser Stadtteil hier ‚verpufft‘ derweil immer mehr, allerdings doch eher handfest in Richtung Sankt Pauli, weniger in Richtung salbungsvoller Platzblasebälger, während die hochgepömpten Schritte der einschlägigen Rinnsteinkommunikation lacklederne Stiefel tragen, wodurch alle Wege mit Bordsteinschwalben gepflastert scheinen.

Wie heißt es im Sprichwort: Der Schuster trägt immer die schlechtesten Schuhe. Die Anwendung aufs Kommunikations- und PR-Gewerbe möge jeder selbst vollziehen. Denn eins sieht Herr Schulze van Loon ganz richtig:

„Wer nicht Opfer werden will, muss die Spielregeln der Kommunikation beherrschen, doch diese befinden sich im Umbruch oder haben sich schon verändert.“

Doch, doch …

Denkfutter

Bei der Schriftstellerei gehört der Größenwahn zum Beruf wie beim Kellner die Plattfüße.“

Robert Neumann

Anno Detroit

Die Sprache kommt immer zuletzt, sie ist kein Schrittmacher, sie gehört zu den Fußkranken jeder Kulturentwicklung. Da gibt es beispielsweise die Autoindustrie, die sich mit ihren Spritfressern und PS-Boliden selbst den Untergang bereitet hat, weil sie den Markt zugunsten einiger weniger Vertretertypen ignorierte, die weiterhin skandierten: „Ich geb Gas, ich will Spaß!„. Schauen wir uns das wichtigste Absatzinstrument auf dem PS-Markt, die vereinigte Motorpresse, an, dann ist die heute sogar noch hinter der Autoindustrie zurück, wo immerhin notgedrungen ein gewisses Umdenken eingesetzt hat. Bei den Journalisten aber ist noch so rein gar nichts vom ‚New Car‘ angekommen, die Möchtegern-Ferrariristas hämmern auf ihre Tastatur ein wie einst im Mai. Sportlichkeit, Straßenlage, breite Schlappen – das ist noch immer das, was bei den ewigen Jungspunten in Deutschlands Brrmmmbrrmmm-Redaktionen zählt:

Auch die Straßenlage wurde der sportlichen Optik angepasst: Dynamische Fahreindrücke verspricht das um 20 bis 25 Millimeter tiefergelegte Fahrwerk in Kombination mit 20 Zöllern. Dabei sind die Leichtmetallfelgen in der Dimension 9.0 J x 20 wahlweise in schwarz oder weiß lackiert.“

Doch auch wirtschaftlich treibt der journalistische Sachverstand skurrile Blüten. Mit typischen ‚Haldenfahrzeugen‘, mit den SUVs also, könne man noch immer Geld verdienen, heißt es bspw. wider allen Augenschein dort – angesichts überbordender Abstellflächen vor allen Fabriken:

Doch während BMW schon seit Jahren mit dem X3 erfolgreich Geld verdient und Mercedes mit dem GLK erst kürzlich nachgelegt hat, ist es nun an Audi, den Beweis anzutreten, ob man mit den Allradlern im Kompaktformat mithalten kann. Wir testen die Dreiliter-Sechszylinder-Turbodiesel von Audi, BMW und Mercedes in den Automatikversionen.“

Und die Auto-BILD kriegt sich vor verbalem PS-Geprotze gar nicht mehr ein. Jungens wollen eben spielen – oder wie?

„Im Gegenteil. Im Serientrimm kommt der RS gar auf 305 PS. Sie stammen aus dem 2,5 Liter großen Turbo-Fünfzylinder, der auch im zivileren Focus ST installiert ist – dort aber nur 225 PS aus den Brennräumen spuckt. Mit dem Sprung über die 300-PS-Hürde hat Ford ab März 2009 den bislang stärksten Kompakt-Renner im Angebot. Audi schickt den S3 mit vergleichsweise bescheidenen 265 PS auf die Piste, Opel den Astra OPC gar „nur“ mit 240 PS. Und die Golf-GTI-Fangemeinde kann beim Duell der PS-Giganten vielleicht noch eine Statisten-Rolle abstauben. Ihr Spielmobil wird in der nächsten Ausbaustufe nominal mit lediglich 210 PS antreten.“

Kurzum – diese Journalisten stehen bestimmt nicht nur wegen der bösen Verleger demnächst auf der Straße, sondern auch wegen des eigenen Geschreibsels. Sie haben schlicht die Glocke nicht gehört. Hier noch ein Zitat zur Illustration – es stammt allerdings nicht aus der Autopresse:

Besonders schlimm erwischte es BMW mit einem Minus von 30,9 Prozent auf 50 801 Stück, wie der europäische Branchenverband ACEA in Brüssel mitteilte. Der Marktanteil der Münchener sank von 5,9 auf 5,4 Prozent. Daimler verzeichnete ein Zulassungsminus von 24,5 Prozent auf 53 826 Stück….“

Präpositionen oder Vor-Stellungen

Es ist eine kleine, verhältnismäßig unbeachtete Wortart. Präpositionen – „auf“, „unter“, „während“, „hin und her“, „in“, „bei“, „nach“ usw. – stellen klar, in welchem zeitlichen, räumlichen oder kausalen Verhältnis die Bestandteile des Satzgefüges zueinander stehen. Sie tragen also – trotz ihrer Unscheinbarkeit – wesentlich zur Klarheit und Verständlichkeit unserer Sätze bei.

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Das BKA übt Linguistik

Ginge es nicht um derart hohe Haftstrafen, ich würde dies Verfahren für einen Fall real existierender Hochkomik halten, anstelle von Justiz. Und das Vorgehen für eine Farce, aufgeführt in schwarzen Talaren. Die Leute aber, die dort im Zeugenstand ihre sprachwissenschaftliche Kompetenz verradebrechen, entweder für angehende Kabarettisten, oder für beamtete Tu-Nixen oder für Menschen, die ihren wahren Beruf verfehlt haben, ohne dass ich jetzt genau zu sagen wüsste, welchen:

„Als nächstes ging es darum, anhand welcher Worte die Datenbank ausgewertet wurde. Dazu konnte die Zeugin nichts sagen. Höchstens insoweit, als die Begriffe keine Allerweltsbegriffe seien und nicht üblicherweise in Texten Verwendung fänden.

Verteidigerin: „Das Wort ‚Reproduktion‘ ist kein Allerweltsbegriff?“

Der Richter lehnte die Frage von sich aus ab, das könne die Zeugin nicht wissen. Wer wissen wolle, ob „Reproduktion“ ein Allerweltsbegriff sei, müsse einen Sachverständigen befragen. …“

Die Verweildauer …

eines ‚Online-Users‘ soll künftig statt der hingehuschten Klicki-di-klick-Page-Impressions gemessen werden. Vermutlich vermeiden die verantwortlichen Marktstrategen des Mediengeschehens das schöne Wort ‚Lesezeit‘ nur deshalb, weil ihnen aus persönlicher Erfahrung jede Lektüre als potenziell anstrengend erscheint – und damit konsumentenabschreckend. Aber weshalb würde ein Leser sonst schon ‚verweilen‘ – bspw. hier? Etwa um die Buchstaben zu begucken?

Der schlechte Stoff der Wörter

Je umfassender, übergreifender und ‚abstrakter‘ ein Wort ist, desto mehr verflüchtigt sich sein Realitätsgehalt. Schon bei einem vergleichsweise einfachem Wort wie ‚Kuh‘ ist der Zusammenhang zwischen dem Tier und seinem Symbol reichlich dünn, kein Pathologe fand jemals diese drei Buchstaben in dem Tier vor. Die Sprache bildet also keine Realität ab, wie das einige Aristoteliker immer noch meinen. Zwischen dem Wort und dem Ding existiert nur eine Übereinkunft, Wörter sind keine Abziehbilder der Wirklichkeit.

Die Sprache ist ein System, das sich selbst genügt, das über symbolische Bedeutungen einen fragwürdigen Bezug auf die Außenwelt nimmt, um Kommunikation zu ermöglichen. Bei den Dickschiffwörtern vollends, bei diesen sprachlichen Großindustrieanlagen für Sinnproduktion – ob nun ‚Kultur‘, ‚Gesellschaft‘, ‚Kunst‘, ‚Technologie‘ oder ‚Freiheit‘ – hat noch nie jemand in der Realität etwas geortet, was diesen ‚Begriffen‘ entspräche. Vom ‚Staat‘ lässt sich kein Foto machen: Trotzdem gibt das Phantasiegebilde einem Haufen von Beamten den Lebensunterhalt, weil wir gewissermaßen alle diesem sprachlichen Märchen glauben. Die gemeinsame Sprache erzwingt den Konsens, wir tun so, ‚als ob‘. Deshalb funktioniert das Sprachspiel, es bleibt aber eine Konvention.

Das ist auch der Grund, weshalb alle Sprache uns zutiefst fragwürdig erscheint, sobald wir näher darüber nachdenken. Anders als der Maler, der über Farben gebietet, oder der Bildhauer, der den Stein formt, bleibt dem Autor nur der „schlechteste Stoff“ für die Kunstproduktion, eine klappernde Symbolmaschine namens Sprache, fernab jeder Realität. Die Formulierung stammt übrigens von Goethe, aus seinem 29. venezianischen Epigramm:

„Vieles hab‘ ich versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen,
Öl gemalt, in Ton hab‘ ich auch manches gedruckt,
Unbeständig jedoch, und nichts gelernt noch geleistet;
Nur ein einzig‘ Talent bracht‘ ich der Meisterschaft nah:
Deutsch zu schreiben. Und so verderb‘ ich unglücklicher Dichter
In dem schlechtesten Stoff nun Leben und Kunst“.

Auch die Nuttigkeit und Dienstfertigkeit der Sprache, die sich jedem Zweck anzuhuren weiß, ist von Goethe unübertroffen glossiert worden, in der Schülerszene des ‚Faust‘Haltet euch an Worte, dann geht ihr durch die sichere Pforte ins Himmelreich der Gewissheit ein …“

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