Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Dezember 2008 (Seite 1 von 4)

Alles Gute!

Mein Gemüsehändler sagt „Prost Neujahr!“ und steckt seine rote Knolle mal eben kurz in die warmen Handschuhe.

„Ihnen allen ein frohes neues Jahr!“ sagt die verwitwete Zahnarztgattin, die ich am Eingang zur Passage treffe.

„Denn ma’n guten Rutsch!“ wünscht mir die Tochter des Nachbarn, die einige unbegründeterweise der Partizipation an Koma-Saufereignissen verdächtigen, bevor sie auf den Roller ihres Freundes springt.

„Komm gut rüber!“, ruft der Sozialpädagoge von gegenüber.

„Klaus, dir allesch Gute!“, sagt mein persischer Nachbar – und ich ehe ich mich versehe, liege ich an seiner Brust und bekomme rechts und links einen hingehauchten Schmatz auf die Wange.

„Hol di stief!“, wünscht mir ein Freund am Telefon.

Kurzum, Sprache ist ein unendliches Medium – und euch allen all das natürlich auch …

Totdeutsch

„Das schlechteste und albernste Deutsch kommt … von oben. Von sprachlich unterentwickelten TV-Moderatoren, die in die Sender geschwemmt werden. Von Wichtigsprechern aus der Wirtschaft. Von Mimen, die nur Vorgekochtes reden können. Von Promis, die vor keine Schulklasse treten dürften. Und von eben jenen, die genau das Deutsch, das sie nicht beherrschen, ins Grundgesetz packen möchten“.

Dieser Text sollte von mir sein – er ist es leider nicht. Reinhard Siemes zog heute in der taz so kongenial vom Leder. Dass der Verfasser beim Wolf Schneider tief im sprachlichen Kaiserreich landen musste, das ist allerdings ein wenig schade. Ansonsten aber hat er in nahezu jedem Punkt völlig recht – vor allem in einem: Das schlechteste Deutsch sprechen selbsternannte Deutschwärter, nämlich Totdeutsch …

Name oder Pseudonym?

Manchmal entladen sich die Animositäten jener Journalisten, die ihren Schreibzoo durch das Netz bedroht sehen, in haltlosen Anwürfen gegen die Blogger, die ihnen bei ein wenig Recherche nicht unterlaufen wären. „Ich denke, Blogs können jemandem wirklich Schaden zufügen, … wenn sie gemein, brutal und vor allem anonym über Andere berichten„, mit diesen Worten zitiert die ‚Süddeutsche‘ eine Frau, die von der Schmähkritik aus den Tiefen des Internet fast in den Selbstmord getrieben worden sei. Sagt jedenfalls die ‚Süddeutsche‘. Ein wackerer Journalist dagegen, der kämpfe stets mit offenem Visier und mit seinem guten Namen für eine selbstverständlich gute Sache, und zwar ohne jeden Hauch von Ironie oder Polemik in seinem Text. Ein solcher Journalist würde sich daher auch nie ‚D’Artagnan‘ oder so nennen, sondern immer nur Fritze Müller, so wie ihn der Geistliche einst ins Taufbecken tunkte. Das in etwa ist das frisch gefönte Selbstbild der Publizistik älteren Semesters in Deutschland. – – – Aber – mein Gott, was ist das bloß für ein Schmarren!

Um zunächst an diesem Selbstbild ein wenig herumzuschnetzeln: Der Publizist ‚Linke Poot‘ hieß mit Klarnamen ‚Alfred Döblin‘, ‚Hans Habe‘ hieß nicht ‚Hans Habe‘, ‚Hans Fallada‘ hieß ‚Rudolf Dietzen‘, ‚Theobald Tiger‘ war weder ‚Kaspar Hauser‘ noch ‚Peter Panter‘, schon gar nicht ‚Ignaz Wrobel‘, er hieß ‚Kurt Tucholsky‘. Und die Schreiber in Deutschlands Sexpostillen, von ‚Heiß und Feucht‘ bis hin zu ‚Haarige Lustgrotten‘, die sind dort bestimmt nicht unter ihrem bürgerlichen Namen zu finden. Die Journalisten nennen das dann nur nicht ‚anonyme Hasskappen‘ – wie im Falle der Blogger – , sie sprechen lieber von ‚Künstlernamen‘, dort, wo es um den eigenen werten Berufsstand geht. Trotzdem sind auch diese biographischen Chamäleons aus Holzhausen allesamt zugleich waschechte Journalisten, und keine anonymen Schmadderer. Tausende Beispiele lassen sich anführen, wo der Journalist eben nicht der war, der seinen guten Namen auf dem Printmarkt spazieren trug. Trotzdem entstanden gute Artikel, denn die Qualität eines Textes ist nicht vom Namen des Verfassers abhängig, sondern nur vom Kopf. der ihn verfasste.

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Denkfutter

Daß ganz gleichgültig sei, was man schreibt, sondern wesentlich nur, daß man schreibe, ist jedem Schriftsteller geläufig, da sein Stift sich immer erst in Bewegung setzt, wenn die Einheit von Inhalt und Form erreicht ist, worauf’s allein ankömmt. Jedoch ist auch vollends gleichgültig, was man liest. Ich kann durch den dümmsten Text auf die gescheutesten Gedanken gebracht werden …“

Heimito von Doderer

Wiederholen Sie das!

Ach, unsere Deutschlehrer! Da malten sie uns ein dickes W in roter Tinte an den Heftrand, sobald wir ein Wort im Abstand von einem Meter Zeilenlänge zweimal brauchten. Deine Sprache sei abwechslungsreich, predigte uns der wandelnde Regelautomat, das Ziel müsse es sein, allein schon mit der Größe des Wortschatzes Interesse zu erregen. Jaja – der Bildungsbürger, dieser Kulturträger, dieser geborene Sprachwahrer hatte sich als Verbalprotz aufzuführen, dem die Synonyme nur so aus der Feder fließen …

Die Aversion gegen die Wiederholung mag im Allgemeinen ja auch richtig sein. Manchmal aber finden wir erst durch Wiederholung die nötige Aufmerksamkeit. „Sunt pueri pueri pueri puerilia tractant“, hielt dieser selbe Lehrer im Lateinunterricht mir vor, dann, wenn die Albernheit in der Klasse zu groß wurde : „Weil Knaben Knaben sind, treiben Knaben knäbische Spiele.“ Das sind doch Wiederholungen, die durch Wiederholung erst wirken! Wie heißt es in einem deutschen Bonmot so schön: „In der Politik nennen Lügner Lügner Lügner“. Auch hier dreimal das Gleiche, da gehören doch eigentlich drei fette W an den Heftesrand …

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Sprachwandel

Wenn die großen Metaphern sterben, ändern sich die Gesellschaften: Seit dreißig Jahren, im Prinzip seit dem Beginn der Reagan-Ära, wurden wir alle mit den Bildwelten und dem Vokabular einer völligen Selbstregulation überschwemmt, die sich omnipotent gab und im Prinzip an die (Leer-)Stelle Gottes getreten war. Lohnfragen, Strompreise, Umweltbelange, Wohnungsnot … alles sollte sich quasi naturwüchsig und autonom wie von selbst in einen Gleichgewichtszustand bringen, vermittelt über den ‚großen Regulator‘ des Marktes, der dann zugleich auch wiederum ‚von selbst‘ gerecht sein würde. ‚Lasst doch der Jugend ihren Lauf‘ hieß es einst, daraus wurde unter den Iden des Merz und zwischen den Kreuzen der daran Verstorbenen auf dem Kirchhof: ‚Lasst doch den Märkten ihren Lauf‘.

Theoretisch begleitet und untermauert wurde dies alles von einer wildwuchernden kybernetischen Gesellschaftstheorie, die ihre zunehmend undurchschaubaren Begriffe so entwickelte, wie eine Hasenkolonie die Jungen wirft, die dabei nur eines vergaß, den ‚Steuermann‘, der doch mit der Kybernetik untrennbar verbunden ist, ja, der ihr erst ihren Namen gab. Aus einer systemischen Steuerungstheorie wurde eine systemische Nichtsteuerungstheorie – was im völligen Widerspruch steht bspw. zu einem Ahnvater und Moralapostel wie v. Foerster. Aber auch – mit Verlaub – zu einem Niklas Luhmann. Denn der wusste auch noch, wie sehr die Metaphern das Geschehen in jedem gesellschaftlichen Subsystem prägen, ja, auf sprachlichem Weg seine Realitäten erst schaffen. Luhmann nannte diese gesellschaftsbildenden Metaphern allerdings ’symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien‘, weil er in seinem sprachlichen Drahtverhau das Aparte bis hin zur Unverständlichkeit schätzte.

Mit der Krise ist diese alte Bildwelt der naiven Selbstregulation völlig zerdeppert. Kein Mensch glaubt mehr, dass eine unsichtbare Hand irgendein Subsystem – ob Markt, ob Wissenschaft – am Patschehändchen nähme und ins Himmelreich führe, dass sich irgendeines von ihnen ‚wie von selbst‘ regulieren könne, schon gar nicht auf wirtschaftlichem Gebiet. Selbstregulation gilt dem neuen gesellschaftlichen Bewusstsein fast schon als todsichere Methode, ökonomische Luftblasen zu erzeugen. An der Differenz beim Wortgebrauch unterscheiden wir inzwischen die marktradikal beharrenden Konservativen und die neuen Progressiven, vor allem daran, ob sie noch unverbesserlich die ‚freien Märkte‘ preisen – oder eben nicht.

In diesem beginnenden Sprachwandel liegt in meinen Augen der wahre Gewinn der Krise: Wir werden endlich von den Blackberry-Jüngelchen und von ihrem dahergeschwätzten Unverantwortungsvokabular befreit, von den monosynaptischen Gelfrisuren, die alle erreichbaren Medien mit ihrem Deregulierungs-Kisuaheli vollzuschlabbern pflegten. Es entsteht gerade eine neue Sprache und eine neue Bildlichkeit der Weltbeschreibung. Darauf, dies beobachten zu dürfen, freue ich mich wie Bolle.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein frohes Fest!

Querverweis

Zu Egon Erwin Kisch und zum Thema des notwendigen Erfindungsreichtums beim Verfassen von Reportagen, habe ich drüben in der ‚medienlese‘ einen längeren Text geschrieben …

Bis zu

Diese kleine Präpositionalkonstruktion ‚bis zu‘, die lässt mich als Konsumenten unwillkürlich zusammenzucken: „In Heilbronn sollen noch im Laufe des Jahres 2009 bis zu 50.000 Haushalte Zugang zu hochmodernem Breitband-Internetanschluss bekommen. Geschwindigkeiten bis zu 50 Mbit/s sind dabei möglich„. Vielleicht bin ich aber – aufgrund der vielen Brandblasen an meinen Fingern – auch einfach nur zu und zu misstrauisch gegenüber dem allgegenwärtigen Vertretervokabular …

Denkfutter

Wer schreibt, geht unter die Schriftsteller, das müßte sich auch ein Gelehrter klarmachen. Ein Gedanke verlangt nicht nur Inhalt, sondern auch Form, und die Gabe der Form fehlt so vielen deutschen Köpfen.“

Otto Flake: Freiheitsbaum und Guillotine

Aus der Texterhölle

John Martin: Die gefallenen Engel in der Hölle, Public Domain

Blick aufs Alpbachtal

Dort also sitzen die gequälten Lohnsklaven auf glühenden Kohlen, sie schwitzen sich ihre ‚Dienstleistungstexte‘ aus den Rippen, sie garnieren das blanke inhaltliche Nichts mit PR-vergiftetem Verbalgemüse, während irgendwelche ausrangierten Figuren mit dicken Duddeln zwischen den vorhersagbaren Verkaufszeilen ewiglich das Tanzbein schwingen, um so durch hochgekochte Bekanntheitsgrade die Lava des Konsums am Brodeln zu halten:

„Naddel schwingt das Tanzbein im Alpbachtal – Ihr Warm-up für Dancingstars hat Nadja Abd El Farrag alias „Naddel“ mit Kirchenwirt Hansi Rieser in Reith im Alpbachtal hinter sich. … Die bekannte Ex von Dieter Bohlen nimmt bei Weltrekordtänzer Hansi Rieser Tanzunterricht. …  Um sich schon jetzt für ihren großen Auftritt einzutanzen, schwingt die baldige Dancingstar Queen das Tanzbein in Reith im Alpbachtal … „Ich tanze eigentlich lieber Solotänze“, erzählt Naddel, während sie noch eher tapsig ihre ersten Schritte auf dem Tanzparkett probt. „Und links-zwo-drei“, stimmt Hansi mit ein. … Auch sonst dreht sich beim findigen Hotellier Hansi alles ums Tanzen. … Die Alpbachtaler Skilehrer wurden auch schon bei ihm zu Taxitänzern ausgebildet – damit die Damenwelt mehr vom Skifahren hat – versteht sich. … Die Veranstaltungsreihe „Dancing Alps“ bringt ab 28.12.08 mit heißen Partys und coolen Sounds den Schnee zum Schmelzen. …

Bild: John Martin: Die gefallenen Engel in der Hölle (1841), Public Domain

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