Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: November 2008 (Seite 2 von 3)

Witzfiguren (1)

Zur Erläuterung von Witzfiguren greife ich natürlicherweise auf Witzfiguren zurück: Ich rede vom gemeinen Bräunling, so wie er sich mit Vorliebe hinter Reichskriegsflaggen und in einem zu kurz geratenen Gedankenkostüm der erstaunten Öffentlichkeit präsentiert. Mal sehen, ob hier im Stilstand so eine kleine Serie über die Funktionsweisen von Witz und Humor entstehen kann …

Nehmen wir heute die Analogiebildung: Bei ihr kommt alles darauf an, dass die vorgestellten Ähnlichkeiten auf beiden Seiten auch wirklich vorhanden sind, dass sie bisher nur noch nicht aufgedeckt wurden und deshalb als Beobachtung frappieren und zum Lachen reizen. Zum Beispiel so:

„Ihre Landsknechttrommeln schleppen die Bräunlinge auf Demonstrationen deshalb so gern mit sich herum, weil sie sich in ihnen wiedererkennen: Beide sind am hohlen, oberen Ende – beim Bräunling ist das dort, wo keine Springerstiefel zu sehen sind – mit einer kahlgeschorenen, straffen Haut bespannt. Wird dieses Ende bekloppt, wird’s immer laut und unverständlich.“

Querverwaistes

Um eine konservative Heine-Rezeption und um andere Widersprüche, um den Matussek und sein Dampfgeleimtes geht’s in diesem langen Riemen von mir drüben in der ‚medienlese‚.

Und noch’n Gedicht:

Ein mächt’ger Mann fühlt sich verkannt:
Beschimpft ihn doch die Bloggerpest
Nur weil er etwas Geld verbrannt
Und nicht von seinen Boni lässt.

Rasch Hilfe fordert unser Scheich:
Sein Kumpel aus politischen Räumen
Schüttelt kräftig an den Phrasenbäumen,
Herunter fällt ein Pogromvergleich.

Der große Mann ist darob froh
Höchst ehrenvoll als Opfer befunden
Klagt er in allen Schwätzer-Runden
Ihm sei wie unter Hitler zu Ultimo.

Niemand redet mehr von Bonusgeldern
Von Fehlern und von Firlefanz
Der große Mann ist wieder ganz
eigner Herr auf wohl bestellten Feldern.

Rhythmus muss

Niemals dürfen wir in der Prosa ein reines Versmaß über längere Strecken – und auch nicht über die Mittelstrecke – sklavisch durchhalten. Die Prosa lebt von der Abwechslung. Um einfach das klassischste aller Beispiele zu zitieren – es ist vom ollen Cato: „Ce-te-rum cen-se-o Car-tha-gi-nem de-len-dam es-se“. Zwei eher statische Anapäste zu Beginn (Dreisilber, die betont beginnen), dann gibt der antike Kriegshetzer die Zügel frei, es erfolgt der Wechsel in den dynamischeren Jambus. Und weil’s so schön war, hat Cäsar diesen Beat am Beginn seines Berichtes über den gallischen Krieg schlicht geklaut: „Om-ni-a Gal-li-a in par-tes tres di-vi-sa est“.

Bleibt die Frage, was wir mit diesem vertrockneten Käse aus Methusalems Zeiten sollen? Nun: „Blog-ger sind Wan-de-rer zwi-schen den Wel-ten, die zwischen alt und neu ver-blüf-fend we-nig Gren-zen zie-hen. Okay, zu Beginn sind’s diesmal gleich vier Anapäste – aber sonst? Mit anderen Worten: Auch wenn grammatisch die Gräben zwischen den alten Sprachen und dem modernen Deutsch tief sind, sprachrhythmisch hat sich seither verdammt wenig verändert. Anders ausgedrückt:

Sätze, die einprägsam sind, müssen ‚Duktus‘ haben.

Denkfutter

Um einen Schriftsteller in Bezug auf Stil zu beurteilen, muß man ihm besonders auf die Freiheiten passen, die er sich mit der Sprache nimmt, und untersuchen, ob dabei auch Freiheit stattfindet.“
Friedrich Hebbel

Den Fehler gibt’s nicht …

den haben sich irgendwelche Sprachnörgler bloß spaßeshalber aus den Fingern gesogen, um mal wieder auf eine vorgeblich illiterate Jugend einzuprügeln, dachte ich. Oder der Bastian Sick hat sich mit seinen Sprachwitz-komm-raus-Erfindern nächtens im Suff zusammengehockt, um die nächste Show zu planen – wobei aus dem Bierdunst dieses Konstrukt destilliert worden sei. Nun aber las ich das hier – ‚in echt!‘ – und verschluckte mich fast am Frühstücksei:

„Bubacks Vorgehensweise hat eine hohe Plausibilität – und doch eine Achillesverse.“

Textlogik

Die Frau Professorin Miriam Meckel ist diejenige, die mit der Anne Will und so – vor allem aber ist sie Professorin für Unternehmenskommunikation in St. Gallen. Bloggen tut sie auch, allein schon ihren Studenten ihren Studierenden zuliebe. Im zeitgemäßen und jugendgerechten Duktus klingt die wandlungsfähige Kommunikationsexpertin, dort wo sie dem Nachwuchs ihr Wollen und Sollen beschreibt, dann so:

„Hier habt Ihr die Gelegenheit, Eure Gedanken loszuwerden und neue Ideen in den Webdiskurs einzuspeisen“.

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Keine Pietät!

Bernhard Shaw war ein ungemein reizbarer Mensch. Als er im Jahr 1895 als Chefkritiker bei der Saturday Review anfing, war dies Käsblatt ein unbedeutendes Londoner Printmedium, kurz darauf aber nicht mehr. Bernard Shaw schreckte selbst vor unerbetenen Nachrufen nicht zurück und krakeelte am offenen Grab herum, wenn es der Wahrheitsfindung diente.

In England gab es zu jener Zeit noch immer eine Zensur. Der herrschende Viktorianismus der Oberschicht mochte dem Pöbel, der die Londoner Theater aus Mangel an Alternativen wie Kino, TV oder Disco noch stürmte, keine Unsittlichkeit zumuten. Also waltete ein ‚Examiner of Plays‚ namens E. F. Smyth Pigott seines Amtes, der in seiner gnadenlosen künstlerischen Unempfindlichkeit bspw. alle Personen in Henrik Ibsens Stücken ‚moralisch gestört‚ nannte und dem großen Norweger ein Aufführungsverbot erteilte. Sonntagsschul-Schmonzetten dagegen, wo die Deerns unentwegt betend ihre Tugend wahrten und wo die Helden ihre Vivats anstimmten auf die Königin, das Britische Weltreich und das Prinzip von Askese und unermüdlicher Arbeit, die füllten allabendlich Pigott’s ‚Saccharine Trust‚ – und alle Bühnen mit einer großen Schar minderbegabter Schauspieler, die den Bernhard Shaw in der Folge auch nicht lieber gewannen. Denn unter diese Schafsherde fuhr Bernard Shaw wie der Teufel unter die Betschwestern – und sein Nachruf auf den darob an Herzeleid verstorbenen Sir Pigott ist in England noch heute eine Legende:

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In Form?

‚Blogbeiträge‘ – ein Name, der sich für das Neue klammheimlich eingeschlichen hat. Aber was ist das eigentlich für eine Textform, die wir dort in unseren Blogs pflegen? Regelgerechte Artikel sind es nicht, das sagen zumindest die hochweisen ‚Kommunikationsexperten‘ von ihren Kathedern herab, in der Regel sind es auch keine abgeschlossenen Kurzgeschichten. Worum also handelt es sich?

Die Antwort auf diese Frage ist meines Erachtens völlig egal. Rein ‚literarisch‘ gesehen, sind alle Formfragen inzwischen Schall und Rauch geworden, niemand sucht in einer ‚Novelle‘ noch nach dem ‚Falken‘. Wenn heute ein Schriftsteller seinen Text ‚Kurzgeschichte‘ nennen möchte, dann ist es eben eine, wenn er das sagt. Ein Beispiel: Der Kundige erkennt ein modernes Gedicht fast nur noch, weil viel weißer Raum um kurze Zeilen existiert. Ansonsten ist der Reim passé, den Rhythmus und die Prosodie, den schmissen die jungen Wilden gleich mit über Bord. So sieht’s dann aus:

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Falsche Verbwahl

Die ‚Süddeutsche Zeitung‘ vermeldet uns heute ökonomisch Schlichtgestricktes in einem längeren Riemen von einem gewissen Ulrich Schäfer. Der Artikel trieft von der üblichen weltwirtschaftlichen Unausweichlichkeitsrhetorik, die im Journalismus zur schlechten Gewohnheit geworden ist. Auf halber Strecke stieß ich auf diesen Satz:

„Die Menschen erleben, mit welcher Wucht sich der Kapitalismus entfaltet“.

Sage mal, liebe Textredaktion der ‚Süddeutschen‘, hast du denn noch alle Tassen im Schrank? Wenn dieses ganz und gar selbstverschuldete Zusammenbrechen der kapitalistischen Finanzmärkte ein ‚Entfalten‘ ist, dann möchte ich schon gar nicht mehr erleben, was im Kapitalismus Entwicklung wäre. Oder gar Fortschritt. Wie wäre es denn damit?

„Die Menschen erleben, mit welcher Wucht der Kapitalismus ihnen ihre Werte raubt“.

Oder von mir aus auch damit?

„Die Menschen erleben, wie der Kapitalismus eine weltumfassende Bruchlandung aufs Börsenparkett legt“.

Nicht gut? – – – Weshalb? – – – Zu dicht dran am Geschehen?

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