Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Oktober 2008 (Seite 2 von 4)

Wann fängt es an?

Jeder junge Mensch hat zunächst seinen eigenen Stil. Perspektivisch meist auch einen guten, sofern er damit ungestört Erfahrungen sammeln darf. Dann aber kommt die Schule, im Extremfall sogar eine ‚Journalistenschule‘. Schon ist auch bei ihm die Welt voller Phrasen, auch er möchte jetzt so klingen wie die Großen, der Note zuliebe. Was dann, wenn er später in einer Redaktion amtiert, zum Überdruss und zum Niedergang des Journalismus weiter beiträgt.

Denn bei der überall ausgerufenen Krise der Massenmedien handelt es sich mitnichten NUR um ein Problem ausbleibender Anzeigen. Die Leser rennen doch nicht in die Wildnis des Internets, weil es ihnen an Werbung fehlt, sondern weil sie überall im Großreich der dpa mit derselben journalistischen Instant-Abfertigung rechnen müssen, wie an jedem anderen Ort in der medialen Steppe ringsum. Der Journalismus stirbt eben auch an der Monotonie seiner ‚Schulsprache‘ …

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Börsenkitsch

Unser tägliches Magazin für Hardcore-Spielsüchtige, die ‚Financial Times Deutschland‘, greift in diesen Zeiten zu Verbalgemüse von Hedwig Courths-Mahler’scher Sprachgewalt:

So gefühlt sich derzeit der Parkettlyriker als ‚Chronist mit Herz‘ angesichts des ewigen Auf und Ab: „FTD.de protokolliert die bewegenden Ereignisse der Finanzkrise.

Und als Heldentenor des Geldadels knödelt er sich manch ein existenzielles Libretto zusammen: „Der Dax kämpft um die Nullmarke und zuckt zeitweise im Plus.

Kurzum: In dieser Panik wird’s sogar dem Ökonomie-Heini romantisch dort, wo bei anderen der Tanga kneift – und die bewegenden Adjektive und windschiefen Metaphern schießen nur so aus ihm heraus …

PR-Hochdeutsch/Hochdeutsch-PR

Eine wunderbare Übersetzungshilfe für das hohltönende Tarndeutsche, das längst kniehoch durch alle Unternehmensetagen schwappt, die hat der Evangelische Pressedienst (epd) dort vorgelegt. Sie stürzt mich in höllische Gefahren, weil ich dabei einer der sieben Todsünden verfalle: Ich empfinde blanken Neid (invidia), weil ich diesen Text nicht schreiben durfte:

PR-Sprech: Unser Vorstand hat den Aufsichtsrat heute gebeten, ihn von seinen Aufgaben zu entbinden. Dieser Bitte hat der Aufsichtsrat entsprochen. Wir wünschen unserem Vorstand für seine weitere Zukunft alles Gute.

Klartext: Wir mussten den Typen quasi mit Gewalt aus dem Büro tragen, so hat der sich gewehrt.

via: medienlese

Der Pickelhering

Der ist doch man bloß so’n Pickelhering‘, sagte ein Freund gestern zu mir, als wir über eine ziemlich unbedeutende Figur in unserem Bekanntenkreis sprachen. Da dieser Mensch im kaufmännischen Bereich arbeitet, hatte mein Freund dabei wohl einen ‚Heringsbändiger‘ oder ‚Ladenschwengel‘ vor Augen – mir aber ließ das Wort ‚Pickelhering‘ die ganze Nacht keine Ruhe. Auch ich assoziierte zunächst irgendeine eher strunzgewöhnliche Figur, die wohl in Schwärmen auftreten müsse so wie der ‚Hering‘, welche aber aufgrund fehlender Reife die Pubertät nie überwand (daher die ‚Pickel“). Völlig falsch!

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Es ist ein Kreuz!

Ein Satz, der im Folgesatz seine Aussage umkehrt und so den Sinn vertieft, der erscheint uns ‚witzig‘, sein Sprecher gilt fast schon als Intellektueller. Wie bei einem Kreuz oder in einem X – also wie in dem namensgebenden griechischen Buchstaben Chi – umspielen beim ‚Chiasmus‚ die Satzglieder die grammatische Position im Satzgefüge.

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Sprachliches Grauen im Web 2.0

Düsseldorf ist wahrlich nicht zu beneiden: In der Online-Ausgabe der Rheinischen Post erhält das sprachliche Unvermögen täglich freien Auslauf – vor allem im Lokaljournalismus und auch auf der eher chichimäßigen Seite, beim Gesellschaftsklatsch. Denen, die dort schreiben, für die bleibt statt des Ehrentitels ‚Journalist‘ faktisch nur Blech und Talmi: „Sie kommen also von der RP? — Ach, deshalb!„.

Nehmen wir das folgende hochaktuelle Beispiel, wo zur Zeit ein polizeilicher Misserfolg ungelenk in eine rassistische Tirade umfrisiert wird. Hier zunächst der Einstieg, der sich stilistisch auf einen dreifachen präpositionalen Leierkasten stützt, wie er für Spracharme typisch ist:

In der Nacht zu Freitag erfuhr die Polizei von einem Roulettespiel in einer Wohnung in der Innenstadt„. Aus Gründen der Einfallslosigkeit, vermutlich ja aus Kopfleere resultierend, führt aus sprachwahrerischen Grunden ein solcher Satz den Schreiber schnell aus dem Beruf heraus. Nur dass der letzte Satz mit seinen bewusst vorgetragenen Verstößen gegen das Abwechslungsgebot fast schon wieder Qualitäten hätte …

Was also tat die Polizei? „Die Beamten stellten das Spielgerät sicher„. So weit, so gut, so uninteressant – spannend wird es für den Schreiber, weil es sich ’natürlich‘ um einem fremdrassischen Wiederholungstäter handelt: „Untermieter der Wohnung ist Mehmet K., der erst am 8. Oktober wegen illegalen Glücksspiels verurteilt worden ist – auf Bewährung„. Und auch noch auf Bewährung – Donnerlittchen!

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Neues aus Spamhausen …

über die unverbesserlichen Derivateure und ihren Sprachgebrauch, habe ich in einem längeren Riemen bei der medienlese zusammengefasst.

Was ist eigentlich ein Gedanke?

Oft werde ich früh am Morgen wach, in der Stunde ‚entre chien et loup‚. Diese Phasen des Halbwachliegens zwischen halb vier und halb fünf empfinde ich nicht als unangenehm, denn ich weiß, dass ich in einer Stunde wieder ruhig schlafen werde. Jetzt aber zieht das Gestern in einer höchst assoziativen und ‚geistreichen‘ Phase noch einmal an mir vorbei.

Natürlich denke ich – wie jedermann – zur Zeit auch an die Finanzkrise. Ich male mir dann einen Dialog zwischen zwei solchen Ackermännern aus, wie sie zärtlich ihre trockenen Schäflein betrachten, wobei sie beim Absacker in ihrer Stammbar in Krankfurt den großen Crash zynisch kommentieren. Schließlich tangiert sie das alles nicht mehr – anders als den minderen Pöbel dort draußen. Ich denke an jene 5 oder 6 Billionen Dollar weltweit, welche die Steuerzahler jetzt zusammenkratzen müssen, um den Krater halbwegs zu stopfen, den diese Versager in die Weltökonomie rissen. Mir fallen sagenhafte 650 Billionen Dollar an Derivaten ein, die dort – so will es die Legende – mehr oder minder wertlos wie ein gigantischer anschwellender Heißluftballon über uns schweben sollen, wobei sie uns in ihrem Gestank beim Platzen vollends ersticken könnten. Und plötzlich fällt mir die folgende Paraphrase ein:

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Die Informationspest

Das Leben in einer ‚Informationsgesellschaft‘ ist kein Zuckerschlecken – aus jeder Ritze quillt aufdringliches Gebimmel und Gesabbel, jeder will ständig etwas von uns – und die Leute sind dabei auch noch blöd genug, eine Erfindung wie das Mobiltelefon als ‚Befreiung‘ zu erleben, obwohl es sie doch nur in den bisher noch ungestörten Winkeln ihrer Lebenswelt ‚erreichbar‘ macht: „Du, wo bist’n du jetzt?“ …

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Denkfutter

Was sagt eigentlich Max Weber zu den Ursachen der Finanzkrise? Nun, diese Stimme aus der Vergangenheit hält sich an die Realien, daran, wie diese Figuren überhaupt entstehen und zum Massenphänomen werden konnten. Romanfiguren muss man ganz ähnlich ‚aus den Bedingungen‘ heraus entwickeln:

„Wenn wir uns ganz deutlich ausdrücken wollen, so ist der Dampf, der diese Handelshochschulen macht, doch eigentlich immer der Umstand, daß die Kommis gern satisfaktions- und damit reserveoffiziersmäßig sein möchten: ein paar Schmisse ins Gesicht, ein bißchen Studentenleben, ein bißchen Abgewöhnung der Arbeit – alles Dinge, bei denen ich mich frage, ob wir denn damit, wenn sie unserem kaufmännischen Nachwuchs anerzogen werden, den großen Arbeitsvölkern der Welt werden Konkurrenz machen können.“

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