Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Oktober 2008 (Seite 1 von 4)

Der ‚Godlike Modus‘

Die beim Publikum beliebteste Schreibhaltung des Autors ist zugleich die unwahrscheinlichste: Der Schriftsteller fingiert, wie ein kleiner Dämon direkt im Denkapparat seiner Figuren zu stecken, um uns als literarischer Reporter – sozusagen ‚live aus dem Seelenleben‘ – von den geheimsten Gedanken und Sehnsüchten seiner Helden zu künden.  Die auflagenstärkste Literatur überhaupt, die sogenannten Heftchenromane, die verfahren meist genau so:

„Graf Kunibert wusste sofort, als er dort in den Reihen des buntgekleideten Volkes diese bezaubernde Gestalt sah; ein Feenwesen, das sittsam den schlichten Feldblumenstrauß vor die jugendfrische Büste drückte; er wusste da, dass diese Klothilde die seine werden müsse. Soll doch die Mutter wüten, dachte er, ich bin der künftige Herr auf Schloss Ehrenstein und handle so, wie es mir das Herz gebeut. Sie soll die neue Herrin werden!“

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Denkfutter

Schriftsteller, die ihrem Weltbild sprachlich nicht gewachsen sind, nennt man in Deutschland Seher“.

Gottfried Benn

Resterampe für Archaismen

Eine kleine ‚Altkleidersammlung‘ für neuerdings verbrauchtes Vokabular habe ich drüben in der ‚medienlese‘ ins Leben gerufen.

Wer schreibt, ist zu zweit

Wer Texte für ein öffentliches Netztagebuch schreibt, der erfindet nicht nur sich als Person, wie es guter Brauch unter Textern ist, sondern er erdichtet immer auch einen Leser hinzu – mindestens einen. Also wird er notwendigerweise Dinge verschweigen: alles, was dann doch ‚zu persönlich‘ ist. So offen ist kein Blog, dass der Schreiber diese Hemmung fallen lassen könnte, dem letzten Handtuch in der Sauna gleich. Ob ein Schreiberling seinen Leser später wiederfinden wird, ist eine ganz andere Frage. In allem aber, was er schrieb, war ihm dieser Leser ständig präsent. Nie ist daher in einem Text der Schreiber daher ‚ganz‘ oder ‚ausgesprochen‘ vorhanden – auch und gerade nicht in solchen ‚elektronischen Tagebüchern‘ wie hier.

Ach so – ‚Hallo, liebe Voyeure da draußen!‘

Deutsch ist doch ganz leicht!

Seine Muttersprache erlernt bekanntlich jeder ‚wie von selbst‘, auch der Lümmel von der letzten Bank. Irgendwann können wir sprechen, wir wissen nicht wie – und wir müssen deshalb schon die Wissenschaft befragen, die dann Mutmaßungen über einen ‚Sprachinstinkt‘ anstellt. Sehen wir andererseits, wie ein armes Würstchen aus dem Ausland sich mit dem Deutschen abquält, so wie wir es auch mit dem Chinesischen täten, vorausgesetzt, wir würden dies endlich mal lernen, dann fühlen wir uns wie Einstein, obwohl wir doch gar nichts dafür können, dass wir uns halbwegs unfallfrei durchs deutsche Sprachterrain parlieren: ‚Deutsche Spraak, schwere Spraak‚, wirft der Spießer in uns dann dem gefrusteten Neubürger an den Kopf – und unser eigenleistungsfreier frühkindlicher Spracherwerb erstrahlt in noch hellerem Glanz, weil wir hiermit dem Deutschen eine besondere Kompliziertheit zuschreiben. Das Deutsche aber ist im Vergleich zu anderen Sprachen eine recht einfache Angelegenheit.

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Avantgarde

Wenn die jungen Wilden glücklich dort angekommen sind, wo die Reaktionäre der Vorvorgängergeneration standen, sprechen wir von einer arrivierten Avantgarde – oder auch von Kunst. Die nächste Avantgarde regt sich dann immer dort, wo mindestens zwei Feuilletons darüber schreiben. Wer hingegen bloß avantgardistisch fühlt, aber nicht mit Redakteuren säuft zu Zeitungsruhm gelangt, ist auch keine. Nach seinem Tod röhrt vielleicht irgendein Witwentröster etwas über den großen Unbekannten der deutschen Musik/Malerei/Literatur/Philosophie [Unzutreffendes bitte streichen] daher. Allerdings nur im unwahrscheinlichen Fall, dass auf dem Markt für Allotria und Sachverwandtes gerade mal keine frischere Avantgarde zur Hand sein sollte …

Der Küchenchef empfiehlt:

Ich werde an dieser Stelle einfach hin und wieder in meine Regale greifen und ein paar Buchempfehlungen abgeben, wobei ich mich keineswegs an Aktualität und Marktgängigkeit orientiere, sondern eher im Gegenteil daran, ob es sich – in meinen Augen – lohnt, diese Bücher zu lesen. Hierbei gilt für alle Interessierten: Wozu gibt es Antiquariate?

Oberschichts-Sozialismus

Oberschichts-Sozialismus

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Denkfutter

Und ich plage mich hier mit allerlei Arbeit, die geht so langsam … Und wenn sie nachher da ist, dann sagen die Leute: „Ach der – man versteht ja jedes Wort! Das schüttelt er so aus dem Ärmel.“ Ein Kompliment – aber in Deutschland eines vierten Ranges. Neulich las ich: „… von einer bis zur Dunkelheit gesteigerten Fülle“ … Das hab ich gern. Sehen Sie – Gewöll, Geschlinge, Nebel und Wolken, kurz: im Dunkeln ist gut Munkeln. Unsereiner aber hat es mit Mozart, und sie wollen Wagnern. Die Trompeten blasen so schön …“
Kurt Tucholsky

Buch bleibt Krisenfestung

Warum das Buch, anders als die Zeitungen und Print-Magazine, durch das Internet weniger bedroht ist, darüber habe ich in der ‚medienlese‘ ein paar Zeilen geschrieben.

Erfinder am Werk

Von Georg Christoph Lichtenberg kommt die gute alte Schreibregel, die da lautet: „Erfindet, wenn ihr wollt gelesen sein„. Diese Regel nahm sich wohl auch Jawaharlal Nehru zu Herzen, der erste indische Ministerpräsident nach der Unabhängigkeit des Subkontinents im Jahr 1947. Auch wenn Nehru, der Erfinder des Begriffs ‚Dritte Welt‘, seine Weisheit vermutlich nicht aus Europa, sondern von einem indischen Aufklärer bezogen haben dürfte.

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