Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: September 2008 (Seite 1 von 5)

Meinen Sie etwa, Schriftsteller bewirkten nichts?

Was für ein Quatsch! Als Oscar Wilde wegen Sodomie – heute sagt man wegen ‚homosexueller Handlungen‘ – ins Gefängnis einfuhr, da fuhren noch in der gleichen Nacht 600 britische Gentlemen der besseren Kreise Hals über Kopf per Schiff nach Frankreich – statt der 60, die sonst üblich waren.

(n. U. Schultz: Große Prozesse. München 2001)

Helden – nicht wie wir …

Wenn ich jemandem sage, sein Verbrauchstext enthielte keine Dramaturgie, ich sähe zum Beispiel keinen Helden darin, dann weiß der Betreffende meist nicht, wohin er seine Augen wenden soll. Nicht etwa deshalb, weil die meisten Menschen Kritik nur in homöopathischen Dosen vertragen. Nein, der Betreffende hält mich jetzt für komplett plemplem. Er denkt an Old Shatterhand, an Captain Hornblower, an Spiderman und an ähnliche ‚Helden‘ – und tippt sich aus Höflichkeit nur innerlich an die Stirn. Dabei hatte ich von solchen Figuren doch gar nicht geredet. Wer sagt überhaupt, dass der Held einer Geschichte ein Mensch sein muss …?

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Der Jubelperser in Textgestalt

Das hallesche Pharmaforschungsunternehmen Probiodrug AG hat einen weltweit einmaligen Ansatz zur erfolgreichen Behandlung der Alzheimerschen Krankheit entwickelt. Erstmals könnte damit die Erkrankung, die häufigste Form von Demenz im Alter ist, an der Wurzel ihres Entstehens therapiert werden. … „Wir sind überzeugt, dass sich mit unseren Erkenntnissen eine einzigartige Möglichkeit bietet …“, sagt Probiodrug-Mitgründer Hans-Ulrich Demuth.“

Sie fragen sich jetzt, wo solche Gründerzeit-Texte zu finden seien? Tscha – so etwas Hochgestimmtes, das fließt natürlich nicht jedem aus der Feder, so etwas finden Sie also nicht in Werbebroschüren, auch nicht in Anzeigen oder Börsenberichten, so etwas finden Sie nur im deutschen Qualitätsjournalismus

Mit Puschkin voran!

Ach, was wünschte ich mir, unsere Stilakrobaten und Sprachnörgler würden sich gegen die zahllosen Manierismen und Gespreiztheiten im industriellen Sprachgebrauch, gegen die unvermeidlichen Fatzkes aus Werbung, Marketing und PR mal so wehren, wie gegen die zugewanderten Anglizismen! Doch hierzulande kämpft der Spießer eben auch auf sprachlichem Gebiet einzig und allein ‚gegen die vielen Ausländer‘.

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Heinrich Mann – von hinten

Verbotene Texte sind in der Literaturwissenschaft selten, aber es gibt sie. So kann ein interessierter Leser in diversen Heinrich-Mann-Werkausgaben rauf und runter blättern, er wird in ihnen nicht jene Aufsätze finden, die Heinrich Mann als Chefredakteur für ‚Das Zwanzigste Jahrhundert‚ in den Jahren 1895 und 1896 schrieb. Allzu deutlich – dies vermutlich die Ansicht der Herausgeber – wäre wohl geworden, dass Heinrich Mann jener Diederich Heßling aus dem ‚Untertan‘ selbst gewesen ist, den er später so kongenial beschrieb.

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Denkfutter

Gebildete, die an Obstipation leiden, nennt man Gelehrte.“
Alfred Polgar

PR: Todsicher der falsche Ton

Es gibt Texte, die flieht der Leser wie die Sau das Sengen, ohne dass es auf den ersten Blick hierfür einen einsichtigen Grund gäbe. Im grammatischen Mauerwerk steht Stein auf Stein, die Sätze folgen wie die Torfloren aufeinander – und trotzdem … trotzdem. Ich bitte, auch wenn’s schwer fällt, einfach mal den folgenden Text zu durchleiden:

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Wenn der Dichter dichtet …

dann möchte ich hier an dieser Stelle in den Kommentaren keine dummen Bemerkungen über mental entgleiste Großschriftsteller lesen. Ist das klar?

„Die bestauntesten Tiere sind die, die von besonders weit her in dieses Gefängnis gebracht wurden. Ihr natürlicher Lebensraum ist ganz woanders.“

„Volkstrauertagsstimmung liegt in der kühlen, heute unfreundlichen Luft, dazu permanenter Nieselregen – auch die äußeren Bedingungen passen also.“

„Orte, Gegenstände und Gerüche sind Steigbügel der Erinnerung.“

„Die Reaktionen der Berliner auf Dörfleins Tod sind zugleich die Vorwegnahme dereinstiger Trauer um den Tod Knuts. Ein Teil Knut ist mit Dörflein gestorben“.

Und wer wäscht und bügelt mir jetzt meine vollgeheulten Taschentüchlein?

Unkaputtbar!

Die Euphorie über den Rettungsplan der US-Regierung ist schon wieder abgestürzt.

Jedesmal aber rappelt die tapfere Deern sich wieder auf, windet sich aus dem demolierten Aero-Rettungsplan und schüttelt unbeeindruckt den Staub von ihren Kleidern: Echte Euphorie ist eben unkaputtbar …

Mutmasslich

Über diese Lieblingsvokabel aller Reporter, die sich gezwungen sehen, einen winzigen Anhaltspunkt zur runden 10.000-Zeichen-Story aufzublasen, habe ich mich anhand einer Stern-Stunde dieses Genres in der ‚medienlese‘ ausgelassen.

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