Stilstand

If your memory serves you well ...

Wie man sich einen Wolf dichtet

Der Wolfsstein

„Wolf! Wolf! – wenn das ein Wolf war, fress‘ ich ‘nen Besen.“ Opa Diercksen regte sich zusehends auf und goss sich erst einmal einen Stonsdorfer ein, damit das Bier besser flutschte. „Wir hingen hier doch alle mit drin, und wenn ich sage, alle, dann meine ich auch alle“, knurrte er abfällig, und wischte sich Schaum von den Lippen.

„Also gut, denn pass mal op, du Jungspund, ich erzähle dir einfach mal die ganze Geschichte, so wie sie wirklich war, damit du nicht doof sterben musst.“

Sofern dieser alte Mann irgendetwas noch konnte, dann war‘s das Erzählen. Dafür war er berühmt, dafür bestellte man ihm gern Bier und Schluck, nur um ihm zuzuhören …

„Tscha, wo fange ich an. Viele von euch Jungen glauben ja, am 10. Mai 1945 wäre der große Krieg plötzlich vorbeigewesen, so quasi im Handumdrehen. Plötzlich hätte überall Ruhe geherrscht. Die Leute kloppten Mörtel von den Ziegelsteinen, um ihre Hütten wieder aufzubauen, und abends kloppten sie dann einen Skat. Kurzum – Friede, Freude, Eierkuchen. So aber war das damals gar nicht. Dieser Krieg ging noch jahrelang weiter: Es gab Krieg ums Fressen, Krieg um Zigaretten, Krieg mit den Fremdarbeitern, Krieg um Schlafplätze für Vertriebene.

Gehst du beispielsweise heute mit deiner Liebsten in ein Restaurant, dann muss dein Steak doch mindestens zweihundert Gramm wiegen, ansonsten könntest du den Wirt glatt verklagen. Nach dem Krieg aber standen jedem Niedersachsen nur einhundert Gramm an Fleisch zu – und zwar im Monat! Das macht eins-komma-zwei Kilo Fleisch im Jahr! Damit bekommst du heute noch nicht einmal einen zünftigen Grillabend hin. In Hannover tobten damals Hungerrevolten, und die britischen Besatzer hatten alle Hände voll zu tun, all die krakeelenden Leute wieder auseinanderzutreiben. Auf den hervorstechenden Rippen der meisten Bewohner konntest du Gurken schaben.

Die meisten Leute denken ja, dass sich die Bauernschaft an diesen Städtern, also an den Hamsterern, eine goldene Nase verdiente: Ein Persianermantel gegen eine Mettwurst, eine Standuhr für zwölf Eier – tausendfach gibt’s ähnliche Tartarengeschichten aus dieser Zeit. Ganz so war‘s aber nicht. Gut, auf dem flachen Land ging’s den Leuten noch etwas besser als euch Hungerleidern aus der Stadt. Solche Geschäfte waren aber auch hier nicht so einfach. Denn es gab ja die Bewirtschaftung – Essen nur gegen Marken auf einem rundum kontrollierten Markt.

Jedes Huhn, jedes Schwein, jede Kuh wurde damals gezählt und erfasst. Und wehe, bei der nächsten Kontrolle gab es Schwund! Natürlich wurde getrickst, was die Bauernschläue hergab. Beim nächsten Besuch hatte sich dann die dicke Sau in ein klitzekleines Ferkel verwandelt, sie hatte also die Lebensbahn einfach mal in umgekehrter Richtung beschritten. Die Zahl stimmte dann wieder, nur eben die Speckschicht nicht. Lauter so’n raffinierten Beschiss war damals gang und gäbe. Und natürlich wurde auch manches Auge zugedrückt. Mit einer Mettwurst in der Hand ließ sich das Herz vieler Wachtmeister vorzüglich erweichen. Auch ihnen raste ja der Hungerdämon im Magen herum. Schlimmer waren da schon die britischen Besatzer. Die waren nämlich satt.“

Helmut Diercksen gönnte sich einen weiteren Stonsdorfer und verlötete ihn umgehend: „Tscha, so war dat! Ringsum gab es einen gigantischen Markt für Fleisch und Wurst, aber beliefern durfte man ihn nicht. Hier beginnt jetzt die Geschichte mit dem famosen Würger vom Lichtenmoor. Denn besonders plietsche Bauern waren auf eine Lücke im Gesetzestext gestoßen: Das Fleisch von gerissenen Tieren war keinesfalls für den menschlichen Verzehr bestimmt – und wurde daher auch nicht von der Bewirtschaftung erfasst. Ein solcher Fall wurde nur notiert. Sofern vorhanden, bezahlte die Viehversicherung ein paar Reichsmark, danach war Ende Gelände. Den werten Kunden aber interessierte es einen Dreck, ob seine Mettwurst nun gerissen oder geschlachtet worden war.

Vor dem großen Auftritt des Würgers hatte dieses Spiel längst begonnen, so ab Anfang Mai 1948. Auf immer mehr abgelegenen Weiden zwischen Nienburg, Rodewald, Fallingbostel und Rethem wurde gerissenes Vieh entdeckt, in einer gottverlassenen Einöde voll dichtem Wald, struppiger Heide und grundlosem Moor. Das Lichtenmoor mittendrin. Ein Wachtmeister nahm anschließend die Leichenschau vor, beguckte sich den Fall von rechts und von links, und meldete den Abgang seiner Registratur. Das schöne Fleisch war danach vogelfrei, es gehörte gewissermaßen dem Dschungel. Fleisch- und der Wursthandel konnten florieren. So und nicht anders war das!

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Rübenschnaps und Fisimatenten

Eine Rethemer Mordsgeschichte

Dieser Text erschien justamäng in der ‚Walsroder Zeitung‘, um das Sommerloch zu überbrücken. Die Personen sind frei erfunden, die Sachverhalte nicht.

Schlechte Wege durch die Heide

Wer sollte heute noch Interesse daran haben, einen Mord aufzuklären, der mehr als zweihundert Jahre zurückliegt? Und war es überhaupt eine solche Untat? Lange zögerte ich, ob ich mir überhaupt die Mühe machen sollte, jenes Geschehen zu Papier zu bringen, das sich im Jahr 1811 in unserer ebenso unbedeutenden wie weltabgeschiedenen Stadt Rethem zugetragen hat.

Zweihundert Jahre sind vergangen, zweihundert Jahre lang floss die Aller still an Rethem vorbei. Im Winter trat sie meilenweit über die Ufer, in so manchem Sommer konnte jedes Kleinkind sie durchwaten. Viel Schlamm hat sich dadurch an ihren Ufern abgesetzt. Und wer dort gräbt, wo er steht, der findet darin auch unerwartete Schätze, die des Erzählens wert sind.

Das Opfer – also jenes Opfer damals – hieß Jacques Turlot. Sein Mörder genoss in Rethem lange stillen Nachruhm, viele Jahre lang. Denn die Franzosen waren zu jener Zeit bei der männlichen Einwohnerschaft ungefähr so beliebt wie Zecken auf einer Sommerwiese. Trotz ihres Voltaire, trotz all der Aufklärung und der importierten Zivilisation.

Zu jener Zeit trennte die Brücke über die Aller eine Republik von einer Monarchie: Nördlich begann die République Francaise, genauer gesagt, das ‚Département des Bouches du Weser‘, das weiter im Osten wiederum mit der Böhme abschloss, von wo aus die Grenze dem Nordufer der Aller folgte, bis sie bei Rethem abzweigte und an der Weser entlang noch ein Stück südlich bis nach Nienburg verlief. Der zuständige Präfekt saß in Bremen, sofern er sich nicht gerade einen Urlaub in Paris, der Welthauptstadt der Künste, der Mode und der Liebe gönnte. Ganz Rethem war also Teil einer Republik, und wurde vom Canton Nienburg aus mitverwaltet.

Einige Meilen weit vom südöstlichen Stadtrand Rethems entfernt begann dann das Königreich Westfalen, das von Napoleons Bruder, dem König Jérome, regiert wurde, ‚Bruder Lustick‘ genannt wegen all der endlosen Bälle und Orgien, welche seine Kasseler Residenz zunehmend in ein Bordell verwandelten.

Ob nun République Francaise oder Royaume de Westphalie – für die hochnäsigen Regierenden beider Seiten war Rethem nichts als ein Stück Steinzeit, ein Ort, den jeder zivilisierte Bonvivant tunlichst mied. Trotzdem war es nicht möglich, die Stadt gar nicht erst zu ignorieren. Dummerweise nämlich gab es einen florierenden Schmuggel entlang der Aller. Am Nordufer herrschte die Kontinentalsperre, jenseits von Rethem begann der halbwegs freie Warenverkehr.

Unerzogene Barbaren und Bauerntölpel waren die Rethemer in den Augen der meisten Besatzer, andererseits waren jene auch nicht blöd. Und sie alle – ob nun Franzosen oder Heidjer – wussten blankglänzende Goldstücke zu schätzen. Die Stadt profitierte erheblich von englischen Kolonialwaren, die sich auf Schleichwegen ihren Weg gen Süden zu bahnen wussten – welterfahrene Säcke, prall gefüllt mit Pfeffer und Nelken, strohgepolsterte Kisten mit jamaikanischem Rum, Fässchen voll weißem Wal-Tran für die blakenden Lampen.

Auf all diesen Kolonialwaren lastete haushoch eine Akzise, die Napoleon unerbittlich eintrieb, um seine Kriege zu finanzieren. Das Umgehen dieser Steuer wurde zum Kern eines Geschäftes, das viele Rethemer betrieben. Unter ihnen auch Johann Steenken, der älteste Sohn einer Hutmacherfamilie, und damit eigentlich ein geborener Nachfolger für die älteste Zunft der Stadt. Denn der Sohn wurde damals in der Regel das, was auch der Vater war. Jeder Lebenslauf war prinzipiell vorsehbar, bis die Franzosen mit ihrem Code Civil daherkamen, der das Zunftwesen einfach abschaffte und durch das Prinzip der freien Berufswahl ersetzte.

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Wie Teresa den Petrus auf Trab brachte

Weil ich gerade in einem Ordner darauf stieß – und weil es so gar nicht in die Jahreszeit passt: Hier eine Weihnachtsgeschichte die ich vor drei Jahren für die Kinder im Dorf zum Adventssingen schrieb, um sie ihnen dort vorzulesen.

Van Gogh

Die kleine Teresa war sauer. Da hatten die Großen vergessen, in Hedern die Wunschzettel der Kinder in den Briefkasten zu werfen, und jetzt sollte sie deren Schlamperei gerade bügeln. In Eilte ging‘s mit dem Fahrrad über die Allerbrücke, kurz vor Bierde dann rechts, in den Wald hinein, an der dritten Fichte links, und hundert Meter hinter dem Hochsitz dann dreimal fest auf den Fuchsbau treten …

Oops – fast wäre sie von der Himmelsleiter erschlagen worden, welche plötzlich durch die Baumwipfel rauschte. 3.679 Stufen zählte sie, bis sie endlich auf Wolke Sieben schnaufend vor dem Himmelstor stand. Ringsum ertönte Gehämmer und emsiges Geklapper, Rentierschlitten rauschten vorbei, ein leicht schmuddeliger Engel kippte einen Eimer mit Spülwasser achtlos über den Rand der Wolke. Teresa drückte auf den großen roten Knopf rechts neben der Himmelstür.

„Ja, bitte!“ – eine herrische Frauenstimme fauchte aus dem Lautsprecher. „Bestimmt die Sekretärin“, dachte Teresa – und sie fiepste zurück ins Mikrofon: „Ich möchte zum Herrn Petrus und danach noch zum Knecht Ruprecht.“ Der Summer ertönte – und wie von Engelshand öffneten sich vor Teresa die mächtigen Portale der Himmelstür. Auf dem langen Korridor brannten karge Neonlampen, rechts und links gab es lange Reihen von geschlossenen Türen. „Ähnlich wie bei Onkel Herbert in der Firma“, schoss es unserer Hederner Abgesandten durch den Kopf.

In der Ferne tauchte jetzt ein Herr im dunklen Anzug auf. Er bellte etwas Unverständliches in sein Handy und schritt rasch auf Teresa zu. „Dr. Peter Petrus mein Name“, sagte er: „Ich bin hier der stellvertretende Geschäftsführer. Was kann ich für Sie tun?“ – – – „Und ich bin die Teresa aus Hedern“, sagte Teresa: „Sie müssen mich aber nicht siezen. Das macht mich verlegen.“ – – – „Okay, okay, also worum geht‘s?“ – – – „Unsere Eltern, diese Dösbaddel, haben vergessen, die Wunschzettel rechtzeitig einzuwerfen. Und jetzt könnte es passieren, dass die Kinder im Dorf zu Weihnachten gar nichts kriegen.“ – – – „Das könnte allerdings passieren“, sagte der Herr Petrus: „Es ist ja auch schon reichlich spät. Am besten, ich zeige dir mal unsere Werkstätten, damit du siehst, was hier in der Saison so los ist.“ Er winkte Teresa mit dem Zeigefinger, ihm zu folgen …

Rechts und links auf dem Flur standen jetzt endlose Reihen von Paletten voller Weihnachtsgeschenkpapier an der Wand, statt der Türen gab es Tore mit Rollblech an den Seiten. Die große Halle, in die Petrus jetzt abbog, wimmelte von Leben. Kreuz und quer schlängelten sich die Transportsysteme durch die hohen Räume, dicht an dicht ruckelten die Pakete durch die Luft, ab und zu wurde eins in eine silberne Rutsche geschubst, es sauste hinab, wo erschöpfte Engel standen, die es in Rentierschlitten wuchteten, auf denen ‚Dresden‘, ‚Lübeck‘, ‚Idar-Oberstein‘ oder ‚Quakenbrück‘ stand. „Wo ist denn der Rethemer Schlitten?“, fragte Teresa einen der Paketschmeißer.  „Co ty mnie o to pytasz?“, antwortete der Angesprochene. Teresa guckte ratlos. „Das ist einer unserer Leihengel aus Polen“, erläuterte Petrus den Sachverhalt: „‘Warum fragst du mich das‘, hat er gesagt.“ Teresa guckte den obersten Schlüsselverwalter ratlos an.

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No Names (40)

Wenn der Begriff ‚Trance Blues‘ je einen Sinn machte, dann bei dieser Band, die heute kaum eine Sau mehr kennt. Sie leben aber noch … und wie.

Davon spricht man nicht …

Heinrich Zille: In der Kneipe

 

Im ‚Korken‘ traf sich alles, was dem Zeitgeist auf die Rücklichter blickte. Am Tresen lebte hier noch der Parka fort – samstags eine ausgebleichte grüne Wand, von ein wenig abgeschabtem Leder durchbrochen. Das immer dann, wenn Ernst oder Otto ihre gewohnten Runde durchs Quartier machten. Bei einigen wuchsen die Haare noch frei, wie zu Jerry Garcias Zeiten. Nur eben in sanften Grautönen. In der Music-Box gab‘s Free, Cream und sogar Rare Earth zur Auswahl. Am Tresen, wo Uschi wirkte, flossen Jever und auch Flens zischend aus den Hähnen.

In dieser Nacht hatte meinen Freund Ernst und mich ein mäandernder Gesprächsfaden zum Thema Porno-Seiten geführt:

„Ja, wer denn nicht?“, sagte Ernst und tippte mir mit dem Finger aufs T-Shirt: „Auf Purporn bin ich regelmäßig zu finden. Da bin ich wenigstens nicht allein. Die meisten Deutschen klicken regelmäßig auf Fickfilmchen, das ist der Treibstoff im Internet. Nichts wird so oft aufgerufen, wie Pornoseiten.“

„Ach wat?“ Ich tat verwundert, obwohl auch ich davon schon gelesen hatte. Uschi brachte derweil zwei neue Biere an unseren wackeligen Tisch, mit steifer Krone, wie es sich gehörte: „Für euch, ihr beiden Sex-Solisten!“

Ernst wischte sich den Schaum aus dem Bart: „Jetzt willst du wissen, was ich denn dort treibe? Das ist bei allen die Killerfrage, dabei ist es doch sonnenklar: Dort gibt es das, was alle anderen gleichfalls anzieht. Da geht‘s um Stimulation und Masturbation. Das Rubbeln ist der Sinn und Zweck solcher Veranstaltungen. Purporn bietet also Wichsvorlagen – für Männlein wie für Weiblein“.

„Eigentlich trostlos, oder?“

„Ach wat! Ich unterscheide mich von der Masse bloß, weil ich drüber rede. Die meisten bekommen einen roten Kopf und behaupten, sie wüssten gar nicht, dass es – igittegitt! – solchen ‚Schweinkram‘ überhaupt gibt. Wer’s glaubt … die Klickzahlen sprechen jedenfalls eine andere Sprache. Halb Deutschland rubbelt regelmäßig.“

Ernst klopfte sich eine Roth-Händle aus der Schachtel: „Ich weiß, ich weiß ja, ihr altlinken Studierten habt immer was am Freizeitverhalten der Masse zu kritteln! Schon bohrt sich euer erigierter Kritikerfinger ins Bordellrote: Das sei übelste Entfremdung, ihrer Sexualität müssten sich die Menschen im wahren Leben stellen, dort – in der Realität – müssten sie um einen Partner buhlen und ihn ins Bettchen locken. Was meinst du eigentlich, was Uschi mir bei einem solchen Versuch erzählen würde?“

Ich schaute zum Tresen hinüber: „Vermutlich bekämst du Hausverbot“.

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Zweimalig!

Carl Spitzweg: Der Bücherwurm

Die Lebenszeit ist begrenzt. Wenn es hoch kommt, schafft man es vielleicht, drei- bis viertausend Bücher zu lesen. Trotzdem habe ich einige meiner Lieblinge zweimal durchackert:

Knut Hamsun: Die Weiber am Brunnen
(Hochkomik: Im God-Like-Modus schaut der Autor von weit oben auf seinen wimmelnden Menschenzoo hinab)

Heimito von Doderer: Die Dämonen
(So wirr, wie die österreichische Politik um Schattendorf, den brennenden Justizpalast und das Schusschnigg-Regime ist auch der Plot dieses Riesenwerks. Ganze Generationen von Doderer-Entzifferern haben sich daran schon die Zähne ausgebissen)

Wilhelm Raabe: Stopfkuchen
(das tiefste Werk des großen Melancholikers, seither lebe ich gewissermaßen auch auf einer ‚Roten Schanze‘)

Joseph Roth: Das falsche Gewicht
(Der Ehrliche ist der Feind der Menschheit, nebenbei auch eine schöne Studie galizischer Verhältnisse)

Karl Immermann: Die Epigonen
(Über die zwangsläufige Mittelmäßigkeit, die aus dem falschen Zeitpunkt der Geburt resultiert)

Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
(stilistisch kein Meisterwerk, aber als Sozialstudie über das Verhalten der Menschen in reaktionären Zeiten unübertroffen)

Albert Vigoleis Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
(Das prä-faschistische Mallorca, wie es heute niemand mehr kennt. Darüber hinaus eine digressionistisches Meisterwerk)

Hans Fallada: Wolf unter Wölfen
(Das einzig bedeutende Werk, das im Nationalsozialismus erschien. Niemand schaute dem ‚kleinen Mann‘ jemals so ins Herz wie Fallada. Wo bleibt eine vernünftige Werkausgabe?)

[… vielleicht setze ich die Reihe irgendwann fort …]

Volk und Volksbegriff

Wenn Rechte vom ‚Volk‘ träumen / Bild: Bundesarchiv, Public Domain

Die scheinbar einfachen Fragen sind oft die schwersten – vor allem, wo in Zeiten von Pegida und AfD der Begriff ‚Volk‘ und seine Zusammensetzungen eine Renaissance erleben. Wer also ist das Volk?

Na ich“, sagt da der Kalle Krawunkel, „ich bin das Volk, oder zumindest ein Teil davon“. Zum Volk zählt er spontan jede und jeden, der in Deutschland geboren wurde. Schon aber beginnt das Dilemma: Müssen die Eltern dann auch ‚deutsch‘ gewesen sein? An diesem Punkt wird die Argumentationsebene schlüpfrig, zum Teil da schon fast ‚völkisch‘.

Im Sprachvergleich zeigt sich, dass es sich beim Wort ‚Volk‘ um eine deutsche Besonderheit handelt. Im Englischen wird ein ähnliches Wort allenfalls gleichbedeutend mit ‚Leute‘ verwendet: „A lot of folks came to the festival, listening to the folk-music.“ Das Staatsrecht dort bezieht sich auf ein „We the people“, aber nicht auf ein ‚folk‘. Im Französischen regiert ‚le peuple‘. In beiden Fällen wären dies schlicht ‚die Leute‘, also jene Menschen, die man so auf der Straße trifft. Im Deutschen gibt es die Bedeutung im Sinne von ‚die Menschenmenge‘ oder ‚die einfachen Leute‘ kaum noch, allenfalls in fast schon altertümelnden Redewendungen: „Viel Volk strömte frohgestimmt zum Zirkuszelt.“

Das deutsche Wort ‚Volk‘ aber, politisch immer in der Einzahl gebraucht, suggeriert hingegen, dass es keine solche Buntheit und Vielheit, sondern dass es ein homogenes Gebilde mit einem einheitlichen Willen gäbe, verbunden durch Blut und Sitte, was zugleich auch der heimliche oder offene Souverän sei. Um zu erkennen, wie pathosbeladen und blutfixiert das deutsche Wort ‚Volk‘ ist, genügt es sich vorzustellen, dass über dem Reichstag schlicht „Den deutschen Leuten“ stünde.

Dazu ist, von der Wortbedeutung her, der Begriff ‚Volk‘ im Kern paradoxerweise wenig ‚souverän‘. Das Wort leitet sich von ‚Gefolge‘ ab, es geht um jene Schar, die einem anderen ‚folgt‘, ‚volkt‘ oder ‚hinterherwackelt‘. Eine ‚Heerschar‘ ist es folglich eher als eine ‚Herrschaft‘.

Historisch gesehen entstand der romantische Mythos vom ‚Volk‘ im Umfeld der gescheiterten deutschen Nationsbildung. Wenn man schon keine toitsche Nation schaffen konnte, so wusste man doch allemal ein imaginiertes ‚Volk‘ hinter sich. Daraus kochte man sich dann seinen ideologischen Ersatzkaffee. Um die Stirn dieses imaginierten Volkes waberte prompt im Laufe der Jahre immer dichterer Mythenqualm, je mehr der Begriff von den Liberalen über die Nationalliberalen bis hin zu den Erzkonservativen eine kurrente Münze wurde.

Alles kulminierte dann im Nationalsozialismus. Die Zahl der Wörter mit der Wortwurzel ‚Volk-‘ wuchs ins Unermessliche – vom Volkstum‘ über den ‚Volksempfänger‘ und ‚Volkskörper‘ bis hin zum ‚gesunden Volksempfinden‘. Denn ‚gesund‘ war das Volk allemal, im Gegensatz zu allem Fremden und Kranken. Letztlich aber blieb das ‚Volk‘ immer nur der Alibi-Begriff für eine Diktatur, wo ein ‚Führer‘ dann den ‚wahren Volkswillen‘ exekutieren durfte, weil er allein die Quintessenz des völkischen Gedankens war. Dieser ‚Volkswille‘, den er ebenso egomanisch wie messianisch verkündete, war allemal nur der seine, für den er dann bloße Akklamation verlangte.

Genau darin liegt auch die Gefahr der Renaissance dieses Volksbegriffs bei Pegida und AfD. Denn das ‚Volk‘ existiert gar nicht. Es gibt nur Millionen von Menschen mit deutschem Pass, die ganz unterschiedliche Ansichten von dieser Welt haben. Und das ist auch gut so, liebe ‚Leute‘ …

No Names (39)

Der Clip passt nicht so recht in diese Rubrik, schließlich sind Can keine ‚No Names‘ – aber der beste Schlagzeuger der Welt, Jaki Liebezeit, ist nun mal gestorben. Möge ihm die Erde leicht sein …

Viel ausführlicher zu diesem großen Verlust äußert sich Hardy’s Hinterwald-Blog …

Migranten und Kriminalität

Draft Riots in New York

Dass jede Migrationswelle zu Unruhen unter den etablierteren Gruppen führt, ist bekannt. Ein schönes Beispiel bilden die USA. Als die Iren nach der großen Hungersnot auf der grünen Insel zu Hunderttausenden nach Ellis Island strömten, sorgte dies für Krawalle unter den bereits Eingewanderten. Nicht nur die WASP’s wandten sich gegen die Hungerleider, sondern auch die immigrierten Deutschen, die zuvor noch am Ende der Nahrungskette saßen. Der Katholizismus der Iren wurde dort einst so verteufelt wie heutzutage der Islam. Noch die Wahl Kennedys war für viele Alteingessene ein Skandal.

Als dann der amerikanische Bürgerkrieg ausbrach, führten zunächst vor allem die Iren einen erbitterten Kampf gegen die ‚Nigger‘, die nach einer Sklavenbefreiung ihnen die Arbeitsplätze streitig machen könnten. Der Vorletzte beißt immer den Letzten. Es kam zu tagelangen Straßenschlachten in den Straßen amerikanischer Großstädte, den sogenannten ‚Draft Riots‘.

Jede ‚Migrantenwelle‘ findet sich also zunächst ganz am gesellschaftlichen Ende in der neuen Heimat wieder – und das heißt auch ‚im kriminellen Milieu‘: Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Prostitution, Glücksspiel – das alles sind die gegebenen ‚Geschäftsfelder‘ der jeweils letzten Migrationswelle. Die Iren bauten zunächst die amerikanische Unterwelt auf, dann wurden sie von den eingewanderten Ostjuden verdrängt, bevor die Italiener das Bizziniss übernahmen, die dann ihr Geschäft weitgehend an die Schwarzen verloren, bevor heute die ‚Latinos‘ übernahmen. Es ist alles ebenso banal, wie vorhersagbar.

Auch bei uns lassen sich solche Wellen verfolgen, auch wenn sich alles natürlich ein wenig vermischt: Auf die Italiener der Bella-Italia-Jahre folgten die Türken, dann die Albaner, die Kurden und Palästinenser, heute kämpfen Libanesen und Nordafrikaner um den Markt. Im Hintergrund solcher Geschäftsübernahmen stehen aber immer die ‚Fluchtgründe‘, also Hunger, Kriege und Gewalt – von der Korruption in Italien über die Militärherrschaft in der Türkei bis hin zu den Jugoslawien-Kriegen und Assads Bombenterror in Aleppo. Die Kriminalität wiederum gibt es, weil es einen Markt dafür gibt. Vor allem unter den ‚Alteingesessenen‘ …

Aufklärung und Aberglaube

Adolf Stademann

Zu Nutz und Frommen interessierter Menschen – und weil sich doch kein Verlag dafür fände – stelle ich meinen Text zur Volksaufklärung hier ins Netz. Er behandelt die Schlacht der Städter gegen den Aberglauben der Landbevölkerung, ihre Pläne, die Dörfer in durchrationalisierte Arbeitslager zu verwandeln (wie bei Johann Heinrich Pestalozzi), und zum Schluss die gescheiterte Praxis der Volksaufklärung in der Schweiz.

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