Stilstand

If your memory serves you well ...

Postfaktisch – oder: à la mode schwätzen

Münchhausen / August von Wille, 1872

Münchhausen / August von Wille, 1872

Die ‚Gesellschaft für deutsche Sprache‘ kürt alljährlich ihr ‚Wort des Jahres‘. Im Jahr 2016 traf dieses allerdings höchst verdiente Schicksal das Wörtchen ‚postfaktisch‘.

Obwohl selbst der Praktikant beim Krähwinkler Himmelsboten ohne diese Krücke längst nicht mehr auskommt, beschreibt dies modische Unwort faktisch doch nur eine Unmöglichkeit, eine Realität, die gar nicht existiert – und die auch niemals existieren könnte. Niemand erhebt sich über die Fakten, und wer es dennoch versucht, der hat schlicht nur gelogen. Parallelwelten gibt es bis auf weiteres nicht.

Die Lüge ist also der Kern des Postfaktischen, entkleiden wir dieses Modewort mal seines verschleiernden Brimboriums und seines pseudo-wissenschaftlichen Dekors. Ganz einfach und natürlich stellen sich uns die Fakten dar, rücken wir dem überbordenden verbalen Talmi und all dem journalistischen Imponier-Klingeling ein wenig dichter auf den Pelz.

Wer bspw. lügt, dass der Klimawandel doch gar nicht existiere, den werden die Realität und die Fakten schon bald eines Besseren belehren. Da mag er noch so oft ‚postfaktisch‘ vor sich hin murmeln. Sein Mantra hilft ihm und seinem kleinen Gemüsegarten dann auch nicht mehr …

Die Weihnachtsgeschichte (germanisiert nach Höcke)

  1. Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Häuptling Gernot ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

  2. Und diese Schätzung war die allererste, und geschah zu der Zeit, da Rockefeller Besatzer in Germanien war.

  3. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher hin zu seinem Ort.

  4. Da machte sich auf auch Wilfried aus Sachsen-Anhalt, aus dem Weiler Magdeburg, in das besetzte Land zur Stadt Nixons, die da heißt Hammaburg, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Odins war.

  5. Auf dass er sich schätzen ließe mit Gerlinde, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger.

  6. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit. dass sie gebären sollte.

  7. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Binsen und legte ihn auf ein Bärenfell, denn sie hatten sonst keinen Raum, weil überall Asylanten und ‚Necha‘ hausten.

  8. Es waren auch erlebnisorientierte Männer in derselben Gegend an einer Trinkhalle, die hüteten des Nachts ihren Alkoholpegel.

  9. Und siehe da, Odins Walküre trat zu ihnen, und die Klarheit des Köms leuchtete um sie, und sie bekleckerten sich sehr.

  10. Und die Walküre sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allen Toitschen widerfahren wird.

  11. Denn euch ist heute ‚dä Föhra‘ geboren, welcher heißt Bernd, unser Herr, hier mitten in der Stadt der Yankees.

  12. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Binsen gewickelt und auf einem Felle liegend.

  13. Und alsbald war da bei der Walküre die Menge der Pegida-Heerscharen, die lobten Odin und brüllten:

  14. Blut und Ehre sei dem Herrn in der Höhe und Friede in Germanien und allen Toitschen ein Wohlgefallen. ( … das mit dem Beschnittenwerden lassen wir jetzt mal aus … )

  15. Und da ‚dä Föhra‘ geboren war zu Hammaburg im germanischen Lande, da kamen auch drei Weise aus dem Abendland.

  16. Sie hießen Björn, Jörg und André und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Gerlinde. Sie fielen nieder, und beteten es an, und taten ihre Schätze auf, und schenkten ihm Bier, Speck und Mettwurst. (…)

Geschmacklos? Klar – aber wie die AfD über Flüchtlinge herziehen, zugleich Weihnachtsbräuche als abendländisch verteidigen, und dabei ganz übersehen, dass auch der Jude Jesus aus jenem Land stammt, wo heute die Flüchtlinge herkommen – das war eben mehr, als ich ertragen konnte.

Joachim Gauck zum Abschied

Deshalb, weil unser scheidender Bundespräsident immer in Maximaldistanz zu allen Verteilungsfragen so bürgerlich wertverhaftet zu predigen wusste:

„Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigentum. …

Heut helfen Euch nicht die Wortgespinste
Der abgelebten Redekünste.
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten.

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser als ein Mirabeau
Und alle Redner seit Cicero.“

(Heinrich Heine: Die Wanderratten)

Höcke spricht

Martin Disteli, 1828

Martin Disteli, 1828

Die Rechteren in der Rechten machen jetzt endgültig mobil. In Baden-Württemberg bläst Mandic zum Angriff auf Meuthen, und auch anderswo werden die Startplätze ausgewürfelt. Schließlich geht es um ein großes nationales Ziel: um Rundum-Sorglos-Sitze im Bundestag ab 2017.

Die Folge ist ein oft wabernder Wagalaweia-Sprech, den AfD-Mann Björn Höcke wie kein anderer beherrscht. Überall dräuen dann unbestimmte Gefahren, unbenannte Kräfte haben sich zur ‚Entvolkung‘ verschworen, es geht um das ‚Wohl und Wehe‘ und um das angebliche ‚Bewahren‘ dessen, was die gleichen Redner doch wiederum täglich zerstören wollen. So sorgen sie für jene nationale Kuschelatmosphäre, die Militanz und Nostalgie vereint, und für jenen verbalen Sumpf aus Uneindeutigkeiten, in dem sich das Stimmvieh so gern wälzt:

Höcke appellierte gestern an die Delegierten: „In einer Zeit, in der es um das Wohl und Wehe unseres bedrohten Vaterlandes geht und sich unsere AfD als einzig relevante Kraft des Bewahrenden gegen die vereinten Kräfte der Auflösung stemmt, darf keine weitere Arbeitskraft in die innerparteiliche Auseinandersetzung mit dem Landesverband Saarland investiert werden.“

Die AfD wäre also die ‚einzig relevante Kraft des Bewahrenden‘, jene Partei, die gerade alles in Frage stellt, was diese Republik zusammenhält? Und die ‚Kräfte der Auflösung‘ wären unter Bruch jeder sinnvollen Metaphorik zwar aufgelöst, aber ‚vereint‘? Faktisch sind diese Aussagen bildlich so fern jeder Vorstellungskraft, dass man sich fragt, weshalb selbst in der notorisch begriffsstutzigen AfD die Hühner nicht lauter lachen. Vermutlich wirkt hier der allgemeine AfD-Hang zur Verschwörungstheorie.

Mich irritiert bei all dem manchmal, dass dieser nationale Wanderprediger selbst an jenes Wischiwaschi zu glauben scheint, welches er so mühelos herausschwallt. Da ist diese kaum gespielte Verzückung, das unentwegte Augenrollen himmelwärts gen Walhalla, das gestenreiche Beschwören von Bedrohungen, die keiner je sah – und dabei wird im Kern doch nur den schmuddeligen Buddies um Dörr in der Saar-AfD ganz stiekum der rote Teppich ausgerollt.

Ihr müsst leider draußen bleiben

George Humphrey, 1831

George Humphrey, 1831

Die Mimimis von der AfD wurden also nicht zum Bundespresseball eingeladen? Welch Affront! Da pöbelt man jahrelang den künftigen Gastgeber wahlweise als ‚Lügenpresse‘, als ‚Systemmedium‘ oder ‚Mainstream-Büttel‘ an, und dann wird man nicht zu Sekt und Kaviar gebeten, sondern als unerwünscht vor die Tür gestellt. So etwas hat doch die Welt noch nicht gesehen …

Die Jungs und Deerns von der AfD sind im Kern und in meinen Augen Gaukler und Marktschreier, die ihre nationalen Wundertinkturen den Doofen im Geiste lautstark anpreisen, als unfehlbares Mittel gegen Hühneraugen, Impotenz, Fußpilz und Flüchtlinge. Und wenn das noch nicht für genügend Umsatz sorgt, wird der Teufel an die Wand gemalt.

Aber wer hat schon gern solche Quacksalber auf seiner Feier? Sollen sie selbst ihr großes Remmidemmi ausrichten, mit Bockwurst und Kartoffelsalat, dazu vielleicht mit Verbrennung einer Merkel-Puppe, um für weihevolle Stimmung zu sorgen …

Im Rückblick

Luther mit des Teufels Dudelsack, 1535, Eduard Schoen

Luther als des Teufels Dudelsack, 1535, Eduard Schoen

Fast schon prophetisch erscheinen mir einige Passagen, die ich über Luthers ‚erste Medienrevolution‘ im Jahr 2010 für das Gottlieb-Duttweiler-Institut schrieb:

„Der große Alphabetisierungsschub der ersten Medienreformation setzt sich in einer zweiten Welle also fort. Vor allem aber fließen die Kanäle des Informationsgeschehens nicht länger ausschließlich in eine Richtung – hinab von den massenmedialen Höhen hin zu einer aufklärungsbedürftigen Menge dort unten in den Niederungen des Alltags. Die Umkehr der Fließrichtung ist vermutlich soziologisch das bedeutsamste Ereignis der zweiten Medienreformation, sie ist in ihren Folgen noch gar nicht abzusehen. Das alte Habermas’sche Modell bebt jedenfalls in allen Fundamenten, jene Welt, wo aufgeklärte Mandarine mittels eines elitären Diskurses vermittelt über die Massenmedien eine „formierte Gesellschaft“ erzeugen. Hier ist längst eine große Meuterei ausgebrochen: Die Mannschaft drängt mit Macht auf die Brücke.

Da liegt auch die Chance – oder die Gefahr – der neuen digitalen Medienreformation: Fänden die zwei Katalysatoren je zusammen, ein neuer gesellschaftspolitischer Bedarf und eine innovative Technik in der Hand von Laien, dann stünde uns vielleicht eine erneute Reformation ins Haus.

Denn im Netz türmt sich inzwischen meterhoch der Zunder, vom Demokratiedefizit im Parteienstaat über die fehlende Sensibilität für die Datenfreiheit bis hin zum überhandnehmenden Lobbyismus auf allen Altkanälen – nur die zündende Flamme fehlt bisher, ein Ereignis, eine Idee oder eine Person, die den Funken schlägt. Wenn es jemals dazu käme, würde die Bewegung wohl absehbarerweise ‚kulturkonservativ‘ sein, so wie einst die Reformatoren – sie würde die ‚alten Rechte‘ der Demokratie einklagen, um unwillentlich auf diesem Weg etwas ganz Neues zu schaffen.“

Dass ein Reality-Show-Tycoon mit einer Goldhamster-Frisur dabei herauskäme, habe ich damals allerdings noch nicht gedacht …

Multi Stulti

Multikulti sei gescheitert, das bewiese Trump’s Wahlsieg in den USA. Diese verquere Ansicht versuchte uns gerade Niedersachsens AfD-Hampel im Deutschlandfunk zu verklickern. Fakt ist: Wenn irgendwo von einem Multikulti-Land die Rede sein kann, dann doch wohl in den USA, dieser weltweit führenden Industrienation, mit ihrer wilden Mischung aus Briten, Iren, Franzosen, Deutschen, Latinos, Chinesen und Schwarzafrikanern.

Kurzum: Eine krude Ideologie führt regelhaft dazu, dass man das Offensichtliche nicht mehr erkennt, selbst wenn man derart Verblendete mit der Nase darauf stößt. Für Armin-Paul Hampel sind die USA wohl schlicht eine ‚gescheiterte Nation‘. In der Realität handelt es sich um einen Migranten-Staat, der die ‚Bio-Amerikaner‘ nahezu ausgerottet hat.

Nebenbei: In seinem vielgerühmten Russland ist die Putin’sche Spezialmischung noch sehr viel mehr ‚multikulti‘ als in den USA.

Doch weiter im großen Gehampel: Die Annexion der Krim sei deshalb rechtmäßig, weil ja der Kiewer Rus die Keimzelle Russlands gewesen sei. Aha? – Was aber wäre – angesichts solcher Ausflüge in die graue Vorzeit –  dann mit den Türken, welche die Krim noch wesentlich länger beherrscht haben? Oder gar mit Griechenland, unter deren Herrschaft die Krim während der Antike prächtig florierte?

Für so viel anti-intellektuellen Mist, wie ihn Armin-Paul Hampel ständig produziert, habe ich vor meiner Tür gar keinen Platz …

Dumpf ist Drumpf

Francisco Goya: Saturn frisst seine Kinder / Public Domain

Francisco Goya: Saturn frisst seine Kinder / Public Domain

Dieser großschnäuzige Enkel der deutschen Einwandererfamilie Drumpf ist also jetzt der mächtigste Mann der Welt – und prompt will er die Einwanderer rausschmeißen. Was von seinem begrenzten intellektuellen Horizont zeugt. Vielleicht hat er aber auch nur den Affen seiner Wählerschaft Zucker gegeben.

Ob von anderen wilden Forderungen viel übrig bleiben wird, müssen wir abwarten. Trump hat schließlich lange schon notorisch gelogen. Morgens wollte er dann regelmäßig nicht mehr wissen, was er abends gesagt hat. Gefährlich aber ist das „Ich, Ich, Ich!“ dieses entgrenzten Egomanen, die Neigung zu überschießenden Spontan-Handlungen und seine gnadenlose Selbstüberschätzung, die ihn ständig auf bewimpelten Podien im God-Like-Modus operieren lässt. Sozialer Fortschritt ist von einem Mann jedenfalls nicht zu erwarten, der als erstes die allgemeine Krankenversicherung wieder abschaffen will. Eher schon dürfte das ‚Gesetz des Dschungels‘ überall in den USA um sich greifen.

Die ‚letzte Hoffnung des weißen Mannes‘ ist jedenfalls keine. Daran allerdings trägt Joe Sixpack selbst die Schuld. Wer falschen Propheten hinterherläuft, wird am Opferstock zur Kasse gebeten.

Dark Side of the Light

Arkhip Kuindzhi (1842 - 1910), Public Domain

Arkhip Kuindzhi (1842 – 1910), Public Domain

Ich habe unter Verwendung alter Materialsammlungen ein Buch über ‚Die dunkle Seite der Aufklärung‘ geschrieben. Es illustriert aus zahllosen, heute weitgehend verschollenen Quellen den Kampf der Aufklärer gegen den ‚Aberglauben‘ der Landbevölkerung, womit doch nur zumeist die Volkskultur wie auch das Sozialsystem der Dorfbevölkerung gemeint war. Ferner zeigt der Text am Beispiel von Pestazzozis geradezu prä-faschistischem Volksroman ‚Lienhard und Gertrud‘ die pekuniären Interessen der Aufklärung an einer ‚Zivilisierung‘ der Dorfkultur auf. Und das Buch rekonstruiert am Beispiel der Frühindustrialisierung im Kanton Zürich wie reale Umsetzungen solcher Projekte der Volksaufklärer verliefen. Hier die Einleitung:

„Vorwort

Denken wir an die Aufklärung, dann fallen uns Namen ein wie Kant, Lichtenberg, Voltaire, Lessing, Nicolai usw. Ihre Schriften haben uns Nachfahren ein Monument intellektueller Redlichkeit und luziden Denkens errichtet. Dessen Strahlkraft weckt heute noch die Erinnerung an unsere Befreiung aus der Nacht der religiösen Mythen und des despotischen Absolutismus.

Wie bei einem Eisberg sehen wir aber auch nur den leuchtenden Gipfel der Hochaufklärung, der zaubergleich über den Wassern schwebt. Neun Zehntel aller aufklärerischen Bestrebungen bleiben dabei unter der Wasserlinie verborgen. Die europäische Aufklärung richtete sich regelhaft nicht nur gegen ein Oben, sondern – und zwar in der Mehrheit – immer auch gegen ein Unten.

Hier war der Feind eine ländliche Volkskultur, deren Widerständigkeit es zu schleifen galt. Die feudale Sklaverei sollte durch eine rationale Sklaverei ersetzt werden. Von diesem vergessenen Schauplatz der Geschichte erzählt dieses Buch.“

Wer Interesse an dem Text hat, wende sich an mich.

Oh Gott, Kant!

In seiner ‚Kritik der reinen Vernunft‘ wies Immanuel Kant nach, dass die Existenz Gottes auf keine Weise denkbar sei. In seiner ‚Kritik der praktischen Vernunft‘ kam er zu der Einsicht, dass es nützlich sei, dieser unwiderlegbaren Einsicht zum Trotz dennoch einen Gott anzunehmen.

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